Physiotherapie

Behandlung von Spitzensportlern

Prinzipiell sollte eine Rehabilitation bei allen Patienten möglichst hohen Gütekriterien unterliegen. Aber gerade bei Spitzensportlern ist eine systematische, objektive sowie strukturierte Herangehensweise unerlässlich für den Behandlungserfolg.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Wenn man als Praxis die „optimale“ Rehabilitation als Widerherstellung der körperlichen Funktionen ansieht, darf ein kognitives oder neuroathletisches Testing und Training nicht fehlen.
  • Mit dem SKILLCOURT®, der sowohl die Diagnostik als auch das Training in der Praxis digitalisiert, wird dieser Prozess für Mitarbeiter und Patienten vereinfacht.
  • Das Training sollte wie ein Levelsystem aufgebaut sein, um das Verletzungsrisiko zu verringern und die Rehabilitation nachhaltig zu gestalten.

Während Behandlungserfolge und Meilensteine in der klassischen Krankengymnastik oder Manuellen Therapie etwas schwieriger zu objektivieren sind, ist dies im Bereich der medizinischen Trainingstherapie / Krankengymnastik am Gerät sehr gut möglich und auch nötig.

In diesem Artikel betrachten wir ausschließlich die medizinische Trainingstherapie der Proliferations- sowie das Athletiktraining in der Remodulierungsphase. Auf die Rolle der manuellen, physikalischen und osteopathischen Therapie, den Ernährungseinfluss und die sportpsychologische Betreuung wird in weiteren Artikeln eingegangen.

Qualitative und quantitative Betrachtung

Der aktuelle Rehabilitationsstatus wird in der Regel anhand der Funktion, die der Patient wieder schmerzfrei durchführen können sollte, beurteilt. Dabei ist die entsprechende Funktion zuerst qualitativ und später auch quantitativ zu beurteilen. Erst wenn eine Funktion qualitativ wieder korrekt durchgeführt werden kann, darf die Leistung quantitativ gemessen werden. Dabei ist es zu empfehlen auf standardisierte und objektive Messmethoden zurückzugreifen, um sicherzustellen, dass das gesamte Team dieselben Testbatterien mit denselben Messparametern nach den gleichen Beurteilungskriterien nutzt.


Bei der Zusammenstellung einer Testbatterie ist eine ganzheitliche Betrachtungsweise im Rahmen der Rehabilitation unerlässlich, da im Sport eine Vielzahl von Fähigkeiten und Fertigkeiten verlangt wird (Bildquelle: © SKILLCOURT®)

Unter anderem haben die Verwaltungs-BG, das OS Institut sowie Fachärzte wie Dr. Markus Klingenberg in der Vergangenheit Testbatterien zusammengestellt, die die aktuelle Leistungsfähigkeit und Funktionsfähigkeit beurteilen. Als gemeinsames Merkmal dient der strukturierte Aufbau.

Linear, lateral und rotatorisch

Auf dem Weg zurück zu voller Leistungsfähigkeit durchläuft der Patient mehrere Stufen. Die Freigabe des Gehens ohne Gewichtsentlastung, die Freigabe des Laufens (Flugphasen), die Freigabe von Sportarten mit seitlichen und rotatorischen Bewegungen ohne Körperkontakt und die Freigabe von Wettkämpfen (Fußball, Handball usw.). Die Testreihen sollten dabei wie ein Levelsystem aufgebaut sein. Erst nach Bestehen eines Levels wird das nächste Level entsperrt, welches progressiv die Belastungsspitzen steigert. Moderne Diagnostik und Trainingssysteme enthalten heutzutage sowohl die Messtechnik, die Systematik und die Software zur Beurteilung der Ergebnisse.

Die Erfahrung aus Vereinen, Kliniken und Praxen zeigt, dass die Durchführung der Tests und Re-Tests unmittelbar mit der Einfachheit, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit der Tests zusammenhängt. Das betrifft jedoch nicht nur die Durchführung, sondern auch die Datenerfassung, Dokumentation, Auswertung und Bereitstellung der Daten.

Moderne Systeme wie z. B. der SKILLCOURT® stellen diese Kriterien sicher und verfügen zudem über Schnittstellen zu weiteren Testsystemen und Datenanalyse-Plattformen, um Controlling und Statistik so effizient wie möglich zu gestalten.

Aussagekräftig und holistisch

Eine ganzheitliche Betrachtungsweise ist im Rahmen der Rehabilitation unerlässlich, da im Sport eine Vielzahl von Fähigkeiten und Fertigkeiten verlangt wird. Bei der Zusammenstellung einer Testbatterie ist es sehr zu empfehlen, folgende VIKOMOTORIK™-Parameter für die Beurteilung des Leistungsstandes eines Patienten mit einzubeziehen.

Gerade im Sport sind Multiple-Object-Tracking, Fokussierung von Objekten, schnelles Scharfstellen und Blicksprünge wichtige visuelle Fähigkeiten im Rahmen der Informationsaufnahme sowie Verarbeitung. Defizite in diesen Bereichen erhöhen nicht nur Verletzungsrisiken im Sport, sondern gefährden Menschen in ihrem Alltag (Autofahren, Radfahren …).

Das zu späte Erkennen einer Gefahrensituation, die Fehleinschätzung von Geschwindigkeit, Entfernung und Höhe sorgen nicht nur bei Sportlern für eine erhöhte Verletzungsgefahr. Nicht selten ist ein Defizit im visuellen System ein beitragender Faktor für Unfälle, Verletzungen und daraus resultierenden Beeinflussungen der Sport- oder Alltagsfähigkeit. Wenn man als Praxis oder Klinik eine „optimale“ Rehabilitation als Widerherstellung der Funktionen und Vorbereitung auf den Alltag definiert, gehört ein visuelles Training in jeden Therapieplan. Im Spitzensport ist das in den meisten Top-Clubs bereits Standard.

Kognitive Fähigkeiten

Nachdem jede willentliche Bewegung vom Gehirn initiiert wird, darf ein kognitives oder auch neuroathletisches Testing und Training nicht fehlen. Die motorische Endplatte wird im Muskel über Nervenbahnen mit Impulsen aus dem Gehirn innerviert. Daher ist innerhalb einer Rehabilitation zu überprüfen, ob die Funktion der Muskulatur dem Seitenvergleich und dem Normenvergleich standhält. Dies kann über isometrische Muskeltests als auch über neurozentrierte Testungen erfolgen. Zentrale Fragen sind zu klären:

  • Werden beide Seiten gleich schnell und intensiv angesteuert?
  • Besteht bei schneller Reaktion noch ein Kompensationsmuster?
  • Wie funktioniert das System bei Ermüdung?

Motorische Fähigkeiten:

Der wohl größte und gängigste Bereich ist die Beurteilung der motorischen Fähigkeiten. Nachdem wieder ein möglichst physiologischer Gelenkausschlag sowohl passiv als auch aktiv gegeben ist, spielen auch immer mehr Kraft- und Funktionstests (Sprungdiagnostik) eine wichtige Rolle. Bei allen Tests ist darauf zu achten, zuerst die Bewegung qualitativ korrekt, schmerzfrei und ohne Komplikationen (Schwellung o. Ä.) durchzuführen.


Bei allen Tests ist darauf zu achten, zuerst die Bewegung qualitativ korrekt, schmerzfrei und ohne Komplikationen durchzuführen (Bildquelle: © SKILLCOURT®)

Erst, wenn das Kriterium erfüllt ist, folgt eine progressive Belastungssteigerung. Man testet von der Statik bis zur Dynamik, von linearen zu lateralen Bewegungen bis hin zu rotatorischen Bewegungsmustern. Erst ohne Spielgerät, dann mit. Von isolierten über integrierte Übungsformen bis hin zu spielnahen Situationen. Von einfach zu komplex. Ohne Interaktion bis hin zu unerwarteten Störfaktoren.

Die folgenden Parameter sollten bei der Beurteilung von Patienten eine Rolle spielen:

  • Beweglichkeit im Gelenk und in der funktionellen Kette
  • Kraft isoliert und in der Strecker-Beuger-Schlinge
  • Kontaktzeit, Geschwindigkeit
  • Verhalten beim 1. Schritt, Beschleunigung, Abbremsen, Richtungswechsel
  • Bodenkontaktzeit

Folgende Tests sollten dabei unter anderem in Betracht gezogen werden:

  • Einbeinstand, Kniebeugen: beidbeinig und einbeinig, um die Bewegungsqualität, insb. die Achsstabilität in einem kontrolliertem Set-up überprüfen zu können.
  • Single leg Stability test, um im Seitenvergleich im Rahmen einer komplexen Bewegungsabfolge Beweglichkeit und Kraft zu testen. Dieser Test ist mitunter Voraussetzung für die Freigabe „return to walk“.
  • Sprünge wie z. B. Weitsprünge 1 auf 2 und 1 auf 1, Dropjump, Counter Movement Jump, Squat Jump. Mithilfe von Druckmessplatten in Verbindung mit dem SKILLCOURT® werden bei diesem Test im Seitenvergleich Kraft in der funktionellen Kette, Achsstabilität bei der Landung und Plyometrik überprüft. Diese Tests sind unter anderem Basis für die Frage „return to run“.
  • Side Hops und seitliche Shuttle Runs. Achsstabilität, Plyometrik, Kontaktzeit und Geschwindigkeit sind im Seitenvergleich die Basis für die Freigabe von Nicht-Kontakt-Sportarten, wie z. B. Tennis.
  • 90-Grad-Hops, Richtungswechselläufe, Reaktionszeit, Inhibitionstests und Dual Task Tests bilden einen Teil der Testbatterie für die Freigabe „return to competition“.

Diagnostik und Training im Praxisalltag

Im Leistungssport wird versucht, in der kürzestmöglichen Zeit ein optimales Therapieergebnis zu erzielen. Dabei entsteht das Risiko, die Freigabe für gewisse Funktionen zu früh zu erteilen oder zu „passiv“ vorzugehen, was den Sportler entweder einem erhöhten Verletzungsrisiko aussetzt oder ihn unnötig lange „aus dem Spiel“ nimmt.

Aus diesem Grund wird der gesamte Rehabilitationsprozess in einzelne Phasen/Stufen heruntergebrochen. In das „nächste Level“ kommt man nur, wenn das vorherige Level erfolgreich bestanden wurde. Das bedeutet, in regelmäßigen und kurzen Abständen die entsprechenden Tests durchzuführen, zu dokumentieren und zu interpretieren. Bei Nichtbestehen wird die Therapie / das Training angepasst.

Dieser Prozess ist sogar im Spitzensport eine herausfordernde Aufgabe, obwohl meist nur wenige Sportler gleichzeitig im Rehabilitationsprozess stecken. Deshalb setzen bereits etliche Clubs auf hochmoderne Diagnostik und Trainingssysteme, die das Team unterstützen, indem Prozesse digitalisiert und objektiviert werden. So haben die Spezialisten mehr Zeit und mehr Informationen für die Behandlung und das Training.

In Praxen mit Hunderten, zum Teil Tausenden Patienten pro Jahr sind Systeme wie der SKILLCOURT®, der sowohl die Diagnostik als auch das Training in der Praxis digitalisiert, objektiviert, die Daten automatisiert erfasst, dokumentiert und in einem Dashboard darstellt, umso wichtiger. Je weniger Zeit pro Patient zur Verfügung steht, desto wichtiger werden einheitliche Prozesse und Systeme, die den Therapeuten in der täglichen Arbeit unterstützen, ohne dabei die individuellen Voraussetzungen der Patienten zu vernachlässigen. So werden z. B. die Therapeuten automatisch informiert, sobald ein Patient die durchschnittliche Rehabilitationszeit zwischen 2 Phasen/Stufen um mehr als 20 % übersteigt.

Neben der fachlichen Beurteilung der Belastbarkeit von Strukturen und der Überprüfung von Funktionen spielt auch der Umgang mit den Patienten eine nicht zu unterschätzende Rolle. In einer Verletzungsphase, unter der der Patient ohnehin auch emotional leidet, ist es besonders wichtig, ein positives Umfeld zu schaffen. Dabei spielen Themen wie Spaß bei den Übungen, Motivation und Belohnungssysteme eine wichtige Rolle.

Im Spitzensport ist die Motivation, schnell „zurückzukommen“, meist sehr hoch. Im Praxisalltag außerhalb des Leistungssports wird es allerdings immer wichtiger, den Mitarbeitern und Patienten Systeme anzubieten, die hocheffektiv sind und im Idealfall auch Spaß machen, um die Motivation auf beiden Seiten hoch zu halten.
 

Bildquelle Header: © SKILLCOURT®

Der Autor

  • Christian Hasler

    Als Geschäftsführer der movement concepts GmbH und Diplom-Sportwissenschaftler ist Christian Hasler ein Experte in den Bereichen Reha und Prävention.

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