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Was ist Neuroathletik?

Neuroathletik erscheint vielen auf den ersten Blick vermutlich ein wenig skurril. Immer mehr Spitzensportler hingegen schwören auf das Training des zentralen Nervensystems, um ihre Leistungsfähigkeit, wie z. B. die Kraft und Motorik zu steigern. Niko Romm, Deutschlands erster Neuroathletik-Trainer im Profifußball, erklärt, was Neuroathletik ist, was es bewirkt und wie es eingesetzt werden kann.

 

Der Begriff Neuroathletik hat sich bisher hauptsächlich im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Im englischen Sprachgebrauch spricht man hingegen von einem „neurozentrierten Training“. Die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften vermitteln spannende Einblicke in die Bewegungssteuerung und wir lernen immer mehr darüber, wie diese gezielt dazu genutzt werden können, um z. B. die Bewegungsqualität, Beweglichkeit oder Kraft zu verbessern. Die neuronale Perspektive auf ein (sportliches) Training ist eine Erweiterung der klassischen Betrachtungsweise, welche eher durch Anatomie, Physiologie und Biomechanik geprägt war.

Dieser klassische Ansatz ist allerdings häufig limitiert. Die Integration von funktioneller Neurologie liefert hier ein besseres und umfangreicheres Verständnis, wie Bewegung eigentlich funktioniert. Um das Konzept eines neurozentrierten Trainings stark zu vereinfachen, werden häufig drei Basisfunktionen unseres Nervensystems erläutert, welche notwendig sind, um Bewegung und Haltungskontrolle zu ermöglichen: 

  1. Das zentrale und periphere Nervensystem empfängt sensorische Signale aus unseren Sinnesorganen. 
  2. Dieser Input muss interpretiert werden und eine Entscheidung getroffen werden, was diese Information bedeutet. 
  3. Basierend auf dem Ergebnis dieser Interpretation wird die Information entweder ignoriert oder es wird ein motorischer Output kreiert. 

Anders formuliert ist jede Bewegung das Ergebnis der Menge und Qualität der eingehenden Informationen, der Fähigkeit des Gehirns, diese genau zu verstehen und auszuwerten, und der Qualität unserer motorischen Kontrolle und Bewegungskapazität.

Immer mehr Spitzensportler setzen auf Neuroathletik, da sie durch die Trainingsmethode ihre Kraft und Motorik steigern können

Besserer Input sorgt für verbesserten Output

Wenn man also den Input verbessert, wird sofort auch der Output optimiert. Verbessert man über das Sinnesorgan Augen den Input, wird der motorische Output, z. B. in Form einer Kniebeuge, ebenfalls deutlich kontrollierter bzw. in einer größeren range of motion durchführbar. Das passiert in der Geschwindigkeit des Nervensystems, also innerhalb von Millisekunden. 

Häufig werden – und das ist ein Missverständnis – „klassisches Training“ mit Kraft- und Ausdauerinhalten und neuroathletisches Training getrennt voneinander betrachtet. Auch die Annahme, dass ein neuroathletisches Training nur koordinative Elemente abbildet, ist falsch. Es geht vielmehr darum, die Erkenntnisse aus allen Fachrichtungen zu bündeln und daraus ein hochwertiges Gesamtpaket zu schnüren, passend zum Anforderungsprofil oder zur Zielsetzung des Kunden oder des Sportlers. 

Woher kommt Neuroathletik und warum ist die Methode so populär?

Zum einen haben zahlreiche Fort- und Weiterbildungen in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass ein neurozentriertes Training schnell an Bekanntheit gewonnen hat. Allen voran haben dabei englischsprachige Unternehmen wie Z-Health oder auch das Carrick-Institute als Vorreiter eine große Rolle gespielt. Ohne entsprechende Substanz entwickelt sich allerdings kein Thema so schnell weiter, wie das bei Neuroathletik der Fall ist, und genau darin liegt auch ein Schlüsselelement, warum Neuroathletik zunehmend an Popularität gewinnt.

Ein neurozentrierter Ansatz liefert viele Antworten auf Fragen, die bisher nur schwer beantwortet werden konnten. Wie entstehen Überlastungssyndrome oder wie kommt es zu Golfer- oder Tennisellenbogen? Wie kann ein Beckenschiefstand nachhaltig korrigiert werden? Warum bekommen manche Menschen schnell Migräne und warum andere nicht? Wie kann ein Schulter-Impingement-Syndrom frühzeitig vermieden werden? Warum kann bei einer Kniebeuge die Gesäßmuskulatur nicht richtig angesteuert werden? Wie lässt sich mehr Kraft erzeugen?

Wenn man ehrlich ist, ist es für die Gesundheits- und Fitnessindustrie und deren öffentliche Wahrnehmung entscheidend, auf genau diese Fragen besser als bisher antworten zu können. Mit einer zunehmenden Professionalisierung sowie einer deutlichen Steigerung der angebotenen Qualität im gesamten Markt gibt es hoffentlich irgendwann keinen Unterschied mehr, ob unser Sektor mehr oder weniger systemrelevant ist als die Tätigkeit von Physiotherapeuten oder Medizinern. 

Warum lohnt es sich, Neuroathletik ins Training einzubauen?

Die Vorbeugung von Verletzungen und die präventive Arbeit, bereits existierende Bewegungsdysfunktionen durch ein loading z. B. mit Gewichten oder Umfängen wie beim Lauftraining nicht zu verstärken, ist ein wesentliches Element, das eine hochwertige Gesundheitsdienstleistung oder die Arbeit im Leistungssport von anderen Fitnessangeboten unterscheidet. Prävention und höhere Leistungsfähigkeit bewegen sich dabei auf einem Kontinuum.

Wenn die Glutealmuskulatur besser angesteuert wird, wird nicht nur die Rückenmuskulatur entlastet, sondern es können auch Kniebeugen mit deutlich mehr Gewicht durchgeführt werden. Werden Bewegungsmuster mit besserer Qualität und mit höherer Intensität ausgeführt, vergrößert sich automatisch der Trainingserfolg. Deswegen lohnt es sich, neuroathletische Ansätze in das Training zu integrieren.

Die Augen spielen bei der Neuroathletik eine wichtige Rolle. Verbessert man über die Augen den Input, kann der motorische Output ebenfalls deutlich verbessert werden

Ist Neuroathletik auch für Fitnessstudios lukrativ?

Wenn ein Mitglied Trainingserfolge hat, sinkt durch regelmäßige Studiobesuche automatisch auch die Fluktuationsquote. Eine daraus resultierende, höhere Kundenbindung senkt dabei gleichzeitig den Verkaufsdruck für neue Mitgliedschaften. Ob das Thema Neuroathletik insgesamt auch für Fitnessstudios finanziell lukrativ wird, ist bis dato allerdings schwer zu beantworten.

Durch die Kombination aus einem hohen erforderlichen Bildungslevel des Trainers und der hohen Individualität der Leistung ergeben sich höhere Eintrittshürden.

Grundsätzlich gelten auch in der heutigen, von Dynamik und Globalisierung geprägten Wirtschaft die alten, einfachen Spielregeln: Um auf dem Markt an der Spitze mithalten zu können, reicht es nicht, auf Geistesblitze zu hoffen. Innovationen, wie beispielsweise Neuroathletik, müssen systematisch erschlossen werden. Kunden suchen Lösungen für ihre Probleme. Und in Zeiten der Digitalisierung muss man sich nicht nur gegen die Konkurrenz im direkten Umfeld behaupten, sondern mittlerweile auch gegen einen weltweiten Markt. 


Im Bereich der Prävention gibt es nach wie vor zu wenig Angebote, um die Schwächen des Gesundheitssystems auszugleichen. Und dieses ist nun mal auf die Behandlung von Krankheit ausgelegt und nicht auf die Prävention von Krankheit. Um dennoch einen Ansatz für eine mögliche Kommerzialisierung zu liefern: Fitnessstudios stehen in der Praxis ja immer wieder vor der Frage, wie man neue Mitglieder gewinnt. Ein Trainer mit einem neurozentrierten Trainingsansatz kann häufig bisher weitergehend unerschlossene Kundensegmente bedienen.

Die von der Schulmedizin „austherapierten“ Kunden haben keine klinische Diagnose, aber dennoch Schmerzen oder deutlich wahrnehmbare Einschränkungen. Damit muss man sich weder abfinden noch lernen, damit zu leben, denn die neurozentrierte Schmerzforschung kommt mittlerweile klar zu der Erkenntnis: Schmerz wird im Gehirn wahrgenommen und hat nicht viel mit der beschädigten Struktur zu tun.

Ein neurozentriertes Training kann
neben dem Spitzensport vor allem auch zur Vorbeugung von Verletzungen und bei bereits existierenden Bewegungsdysfunktionen eingesetzt werden

Ein weiteres Kundensegment liegt genau in der Schnittstelle zwischen Therapie und Training. Natürlich lassen sich Rückenschmerzen sehr gut mit manueller Therapie behandeln. Aber was genau führt dazu, dass das Gehirn den Tonus der Muskulatur immer wieder zu weit nach oben reguliert? Fitness- und Gesundheitsstudios, die mehr im Bereich der Ursachenbekämpfung arbeiten und nicht nur Symptome behandeln möchten, für die finden sich im Bereich eines neurozentrierten Schmerzcoachings häufig viele Ansatzpunkte. 

Wie lässt sich Neuroathletik im Fitnessstudio umsetzen?

Es gibt derzeit ja schon Trainer am Markt, die zum Beispiel ein neurozentriertes Gruppentraining anbieten. Es gibt Trainingskonzepte in Clubs, die Personal Training ohnehin schon integriert haben und wo zusätzlich noch ein Experte für neurozentriertes Training beschäftigt wird. Natürlich gibt es auch ein breites Angebot von Inhouse-Schulungen, welche Trainierteams Schritt für Schritt Denkanstöße aus einem neurozentrierten Ansatz liefern. Im Fokus sollten hier natürlich immer Lösungen stehen, die direkt in der Praxis umsetzbar sind.

Der Autor

  • Niko Romm

    Niko Romm ist Geschäftsführer und Gründer von Valeo Personal Training. Er ist der erste durch einen Club angestellte Neuroathletik-Trainer im Profifußball und derzeit für den 1. FC Köln tätig.

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