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Physio-Qualität vom Land

Kann eine Physiotherapiepraxis auf dem Land gut funktionieren? Andreas und Judith Bucher zeigen mit ihrer LANDphysio-Praxis, dass sich professionelle, digitale Strukturen mit dem Fokus auf einen Selbstzahlerbereich, im höchsten Qualitätssegment, auch in ländlichen Regionen umsetzen lassen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die LANDphysio-Praxis liegt in einem Dorf mit 390 Einwohnern im Ostallgäu.
  • Trotz der Positionierung im Qualitätssegment und dem Standort auf dem Land mangelt es nicht an Mitgliedern.
  • Das Konzept der Physiopraxis stützt sich auf Training, Digitalisierung und hochqualifizierte Mitarbeiter.
  • Außerdem wird ein besonderer Fokus auf die Patientenkommunikation gelegt.
  • Bis Ende 2021 soll die Praxis aufgrund der hohen Auslastung vergrößert werden, was vorallem der Trainingsfläche zugute kommt.

Mehr Zeit für die Familie war es, die Andreas Bucher dazu bewog, der Klinik, in der er 16 Jahre eine Physiopraxis aufgebaut hatte, den Rücken zu kehren und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Begleitet wurde er dabei von seiner Frau Judith, die nach über 20 Jahren als Erzieherin nach mehr Freiheiten strebte. Es entstand eine gemeinsame Vision, die in der Physiopraxis LANDphysio gipfelte. Wie professionell diese Vision umgesetzt wurde, davon berichten wir hier.

Konzentration auf Training

Ursprünglich war die LANDphysio-Praxis als Kombination aus Einrichtung für Werkstattpädagogik und Physiopraxis geplant. Judith Bucher hätte den oberen Teil des Gebäudes für pädagogische Kurse genutzt, während die Praxis von Andreas die unteren Räume ausgefüllt hätte. Das änderte sich nach dem Zusammentreffen mit dem eGym-Vertriebsteam rund um Mario Görlach. Schnell wurde Andreas und Judith Bucher klar, dass Training der elementare Bestandteil ihres Praxiskonzeptes werden soll.

Neben den eGym-Geräten findet man in der Praxis das e-flexx-Beweglichkeitskonzept sowie einen Hydrojet und Precor-Ausdauergeräte. Aktuell trainieren etwas mehr als 300 Mitglieder auf der 77 m² großen Trainingsfläche – 144 Mitglieder konnten bereits vor der Eröffnung im Dezember 2018 gewonnen werden. Dieser Erfolg wird umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wo die LANDphysio-Praxis gebaut wurde. Wie es der Name schon sagt, liegt die Praxis auf einem Dorf, genauer gesagt, Lauchdorf – ein kleiner Ort mit 390 Einwohnern im Ostallgäu.

Das erfordert Mut, insbesondere wenn man bedenkt, dass sich die LANDphysio-Praxis im absoluten Qualitätssegment positioniert – vom Anspruch an die Therapie, aber auch in der Preisgestaltung. So zahlen Mitglieder für eine 24-monatige Laufzeit 75 € pro Monat. Und die Qualitäten der Praxis haben sich im Umkreis herumgesprochen. Über 50 der momentanen Mitglieder fahren 25 km oder mehr, um dort zu trainieren, einige sogar 50 km.   

Mittelpunkt der 77 m² großen Trainingsfläche ist der EGYM-Zirkel (Bildquelle: LANDphysio)

Digitaler als viele andere

Neben der Konzentration auf das Trainingskonzept war es Andreas und Judith Bucher nicht minder wichtig, die Praxis maximal zu digitalisieren. Von den Trainingsgeräten über die Patientenbetreuung bis hin zu der Licht- und Heizungsteuerung im Gebäude wurde alles digital gestaltet. Ziel war es, die Hürden für die Patienten möglichst gering zu halten und ihnen gleichzeitig eine große Flexibilität zu ermöglichen. Daher können Mitglieder zwischen 5 und 23 Uhr jederzeit trainieren, auch wenn kein Mitarbeiter aktiv zur Betreuung in der Praxis ist.

Klassische Physiotherapie gibt es natürlich auch – aber nur für orthopädische Patienten, Lymphdrainage oder auch Neurophysiotherapie wird aufgrund des starken Fokus auf Bewegungstherapie bewusst nicht angeboten. Behandlungen finden in den 4 Therapieräumen statt. Die Behandlungszeit wird bei den meisten Patienten, im Rahmen von Selbstzahlerleistungen, von 20 auf 40 Minuten erhöht.

Dadurch kommen die Therapeuten von der Fließbandarbeit an der Bank weg – so profitieren Patienten und Therapeuten. Das ist eine der Errungenschaften, auf die Andreas und Judith Bucher besonders stolz sind.

Die EGYM-App ist zentraler Bestandteil der Mitgliederbetreuung, da hier alle wichtigen Daten gespeichert werden (Bildquelle: LANDphysio)

Patientenkommunikation als Schlüssel

Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Kommunikation zwischen Therapeut und Patient. Schon früh erkannte man in der LANDphysio-Praxis, dass der Schlüssel zum Erfolg die richtige Kommunikation ist. Nach vielen Schulungen unterschiedlicher Kommunikationsformen und -möglichkeiten entwickelte Andreas Bucher mit seinem Team eine eigene Form der Ansprache zu den Patienten, die nach wie vor weiterentwickelt und regelmäßig geschult wird. Was bedeutet das aber konkret?

Die Patienten werden an der Stelle abgeholt, an der sie stehen, und in den Erfolg der Behandlung miteinbezogen. Es wird klar kommuniziert, dass dafür eine gewisse Eigenverantwortung von Patientenseite notwendig ist. Aber, und das ist noch viel wichtiger, die Therapeuten zeigen deutlich auf, dass sie den Weg mitgehen. Das entspricht der derzeitigen State-of-the-art-Kommunikation, wie sie im Buche steht.

Schon bei Anfragen am Telefon kristallisiert sich durch die richtigen Fragen der Verwaltungsmitarbeiter heraus, ob ein Patient zur Ausrichtung der Praxis passt. Dazu muss er klar signalisieren, dass er bereit ist, in der Therapie Eigenverantwortung zu übernehmen. Spezielle Leitfäden helfen den Verwaltungsmitarbeitern, diese Informationen zu eruieren. Andreas Bucher erklärt:

„Durch spezielle Kommunikationsleitfäden filtern wir Akut-Patienten heraus, damit unsere Therapeuten weniger ‚Dauerpatienten‘ haben.“

Den Patienten wird schnell vermittelt, dass eine langfristige Therapie ohne Training nicht möglich ist. Hierbei wurde die Praxis von der Unternehmensberatung KWS unterstützt.

Die Kommunikation mit den Patienten wird regelmäßig geschult und ist patientenorientiert (Bildquelle: LANDphysio)

Mit alten Dogmen brechen

Im Rahmen der Betreuung hat sich vielerorts das Dogma eingeprägt, dass immer eine oder mehrere Personen auf der Trainingsfläche sein müssen, um die anwesenden Trainierenden zu betreuen. Das mag seine Berechtigung haben und kann durchaus sinnvoll sein. Die LANDphysio-Praxis zeigt, dass es auch anders geht. Bei den Versuchen mit der ständigen Präsenz stellte sich heraus, dass die Patienten das nicht unbedingt wollen bzw. brauchen.

Daher wurde eine Patientensprechstunde eingeführt. Zu dieser können die Patienten hingehen, um ihre Fragen zu besprechen. Die Zeiten wechseln regelmäßig, damit alle die Möglichkeit bekommen, die Sprechstunde zu besuchen. Nach der Einführung kristallisierte sich schnell heraus, dass den Patienten diese Form der gezielten Nachfragemöglichkeiten viel lieber ist. Trotzdem ist immer eine Betreuungsperson auf der Trainingsfläche – aber nur in vordefinierten Terminen. Denn das Betreuungsnetz ist sehr eng gespannt.

Es finden regelmäßige Termine zwischen Patient und Therapeut statt, in denen z. B. neue Geräte eingeführt, Übungen oder auch Gewichte angepasst werden. Alleine in den ersten 12 Wochen der Mitgliedschaft hat der Trainierende 4 Personal-Trainer-Termine.  

Auch hier ist die LANDphysio-Praxis digital unterwegs. Durch Einträge in der eGym-App kann jeder Therapeut den aktuellen Stand zu jedem Patienten sehen und die Probleme aktiv im Betreuungsgespräch angehen. So hat jeder jeden Kenntnisstand und die Patienten fühlen sich gut aufgehoben.

Derzeit stehen den Physiotherapeuten vier
Behandlungsräume zur Verfügung (Bildquelle: LANDphysio)

Aus Patienten werden Mitglieder

Kommunikation ist auch der Schlüssel, um aus Patienten Mitglieder zu machen. Neben der aktiven Empfehlung spüren die Patienten im Rahmen der zusätzlichen Behandlungszeit, welche positiven Auswirkungen das Training auf ihre Beschwerden hat. Das dient als Auftakt für die Mitgliedschaft.  Wurde der Patient zum Mitglied, durchläuft er ein vordefiniertes Programm, in dem er langsam an alle Geräte der Praxis herangeführt wird.

Zu Beginn trainieren die Mitglieder ausschließlich an den eGym-Geräten, nach und nach werden Bausteine wie z. B. der e-flexx-Zirkel hinzugefügt. Nach 40 Wochen ist dieser Zyklus abgeschlossen. Damit sich die Mitglieder an alle Bestandteile gewöhnen und diese verinnerlichen können, wurde das Tempo beim Hinzufügen neuer Geräte bewusst etwas reduziert.

Aktuell trainieren etwas mehr als 300 Mitglieder in der LANDphysio-Praxis. Damit stößt sie bereits an die Grenzen der Kapazität. Daher entschieden sich Andreas und Judith Bucher, das Gebäude zu erweitern. Aktuell hat die LANDphysio-Praxis noch eine Größe von 267 m². Das soll sich bis zum Ende des Jahres 2021 geändert haben. Aufgrund der Kapazitätsengpässe entsteht ein Anbau, der die Gesamtfläche auf fast 1.000 m² erhöht, was insbesondere der Trainingsfläche zugutekommt. Diese wird von aktuell knapp 77 m² auf 400 m² erweitert.

Zusätzlich kommen weitere Mitarbeiter hinzu, um der wachsenden Nachfrage von Mitgliederseite gerecht zu werden. Das Mitarbeiter-Team besteht derzeit aus zehn Personen, darunter vier Physiotherapeuten, ein Sporttherapeut und drei Verwaltungsmitarbeiter. Regelmäßige interne und externe Schulungen ermöglichen ihnen, die nötige Qualität im LANDphysio aufrechtzuerhalten. Gemeinsame Schulungen und wöchentlicher Betriebssport schweißen das Team stärker zusammen.

Das Team der LANDphysio-Praxis rund um Andreas und Judith Bucher (Bildquelle: LANDphysio)

Fazit

Worauf Andreas und Judith Bucher besonders stolz sind? Auf ihre Digitalisierung, die in der Physiolandschaft ihresgleichen sucht, auf ihre patientenzentrierte Kommunikation, die den hohen Stellenwert von Bewegung in der Therapie vermittelt, und ganz besonders auf ihre Mitarbeiter. Mit diesen drei Erfolgsfaktoren haben sie es geschafft, eine erfolgreiche Praxis in einem kleinen Dorf zu etablieren. Und die Erfolgsgeschichte steht erst am Anfang. Sobald die Erweiterung abgeschlossen sein wird, geht es erst richtig los. Davon ist das Ehepaar Bucher überzeugt.

Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

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