Wissenschaft

Mit Spiegeltherapie zu mehr Selbstständigkeit

Viele Menschen, denen ein Körperglied amputiert wurde, leiden unter starken Phantomschmerzen. Durch die eigene Vorstellungskraft kann man mithilfe einer Spiegeltherapie das Schmerzgedächtnis entkräften. In den letzten Jahren hat dieser Therapieansatz immer mehr Anklang gefunden, denn die Spiegeltherapie bietet auch bei chronischen Schmerzen ein vielversprechendes Therapiepotenzial.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Nach einer Amputation realisiert das Gehirn oft nicht, dass die fehlende Gliedmaße nicht mehr zum Körper gehört. Deshalb gibt es das Phänomen des Phantomscherzes.
  • Die Spiegeltherapie wird eingesetzt, um diesen Phantomschmerz bei den Patienten  zu lindern.
  • Hierbei wird ein Spiegel verwendet, der dem Gehirn vorgaukelt, dass eine Bewegung ohne Schmerzen stattgefunden hat.
  • Diese Ergotherapie hilft dem Patienten dabei, die Phantomgliedmaßen zu kontrollieren.

Stellen Sie sich vor, Sie durchfährt ein Schmerz, so heftig wie ein Stromschlag. Und das an einer Stelle, an der dies gar nicht mehr möglich sein sollte, da dieses Körperteil nicht mehr da ist. Studien zufolge kennen 50 bis 85 % der Menschen, die bereits eine Amputation hatten, das Gefühl des Phantomschmerzes und glauben, das verlorene Körperteil so noch immer spüren zu können. Bei manchen gehen die Schmerzen von selbst zurück, jedoch nicht bei jedem Patienten.

Grund für dieses Phänomen ist das sogenannte „cortical re-mapping“. In der Hirnrinde hat jedes Körperteil seinen Platz und wird von dort aus gesteuert. Dies kann man sich wie auf einer Landkarte vorstellen. Nach einer Amputation ist das fehlende Körperteil immer noch im Plan untergebracht. Oft kommt es dazu, dass Menschen, denen z. B. ein Bein amputiert wurde, nachts aufstehen und loslaufen wollen und erst dann bemerken, dass eines ihrer Beine nicht mehr da ist.

Phantomempfindungen beschäftigten Forscher schon seit Jahrhunderten. Dachte man noch im 20. Jahrhundert, das Leiden sei eine Halluzination oder, dass die Schmerzen durch Entzündungen der durchtrennten Nervenbahnen am Stumpf verursacht wurden – was oft in weiteren Verkürzungen der Nerven durch eine weitere Amputation endete, – gelang es dem Neurologen Vilayanur S. Ramachandran Mitte der 90er-Jahre, einen entscheidenden Durchbruch in der Phantomschmerzforschung zu erzielen.

Phantomschmerzen treten vor allem dann auf, wenn man zur Ruhe kommt. Je mehr ein Patient tagsüber abgelenkt ist, desto seltener werden die Beschwerden wahrgenommen (Bildquelle: ©Seventyfour - stock.adobe.com)

Mit dem Spiegel gegen das Phantom

Die Spiegeltherapie ist eine spezielle Verhaltenstherapie, die der Neurologe 1996 entwickelt hat, um den Phantomschmerz der Patienten bei fehlenden Gliedmaßen zu lindern. Hierbei wird ein Spiegel verwendet, um eine reflektierende Illusion der betroffenen Gliedmaße zu erzeugen und damit dem Gehirn vorzugaukeln, dass eine Bewegung ohne Schmerzen stattgefunden hat. Dabei wird das betroffene Körperteil hinter einem Spiegel platziert, der so angebracht ist, dass die Reflexion der gegenüberliegenden Gliedmaße anstelle des verborgenen Körperteils erscheint.

Eine gute Methode, mit der Kliniker diese Illusion leicht erzeugen können, ist die sogenannte Spiegelbox: ein Kasten mit einem Spiegel in der Mitte, auf dessen beiden Seiten die Hände so platziert werden, dass die betroffene Gliedmaße immer bedeckt ist und die nicht betroffene Gliedmaße auf der anderen Seite, deren Spiegelbild auf dem Spiegel zu sehen ist, gehalten wird.

Mit dieser Ergotherapie lernt der Patient, seine Phantomgliedmaßen zu kontrollieren, wodurch auch das Schmerzempfinden deutlich reduziert wird. Die positive Wirkung der Spiegeltherapie kann mit etwas Training über längere Zeit aufrechterhalten werden. Wenn die Phantomschmerzen erneut auftreten, kann der Patient mithilfe der Imaginationsübungen den Schmerzen entgegentreten.

Ramachandran und Rogers-Ramachandran entwickelten die Technik zunächst mit dem Ziel, Menschen mit Phantomschmerzen dabei zu helfen, die von ihnen so genannte „erlernte Lähmung“ der schmerzhaften Phantomglieder wieder zu lösen. Das visuelle Feedback, das sich aus dem Anblick der Spiegelung des intakten Körperglieds anstelle der Phantomgliedmaße ergab, ermöglichte es dem Patienten, die Bewegung der Phantomgliedmaße wahrnehmen zu können.

Ihre Hypothese war, dass der Patient jedes Mal, wenn er versuchte, die gelähmte Gliedmaße zu bewegen, eine sensorische Rückmeldung (durch das Sehen und die Propriozeption) erhielt, dass sich das Körperteil nicht bewegte. Dieses Feedback prägte sich durch einen Prozess des Hebb’schen Lernens in die Schaltkreise des Gehirns ein, sodass das Gehirn auch dann, wenn das Körperteil nicht mehr vorhanden war, gelernt hatte, dass dieses Glied (und damit das Phantom) gelähmt war

Einsatzbereich der Therapie

  • Die Spiegeltherapie bietet Patienten neue Möglichkeiten bei deren Behandlung und kann bei folgenden Krankheitsbildern eingesetzt werden:
  • Nach einem Schlaganfall
  • Nach einer Handoperation
  • Bei Phantomschmerzen, nach einer Amputation
  • Bei chronischen Schmerzen
  • Bei CRPS – komplexes regionales Schmerzsyndrom (Morbus Sudeck)
  • Bei Morbus Parkinson
  • Bei Multipler Sklerose

Hinweise zur Durchführung

Die meisten Spiegeltherapien werden in kurzen Einheiten als Einzeltherapie umgesetzt. Hierbei sollten einige Kriterien beachtet werden:

  • Der (physische und psychische) Zustand des Patienten. Hierbei sollten kognitiv oder emotional Überforderungen vermieden werden.
  • Der Patient sollte in der Lage sein, sich zu konzentrieren und den Übungen aufmerksam zu folgen.
  • Auch die gesunden Extremitäten können pathologische Veränderungen aufweisen. Das hat Auswirkungen auf die Erfolge der Spiegeltherapie.
  • Der Therapieraum sollte nicht ablenken. Die Spiegel sollten die betroffenen Körperteile gut verdecken. Höhenverstellbare Tische und Rückenlehnen erleichtern oft das Training.

Studie zum Therapieansatz

Im Jahr 2015 erschien ein Artikel zur Studie „Mirror Therapy: A Review of Evidences“ im „International Journal of Physiotherapy and Research“. Ziel der Studie waren die Analyse und Zusammenfassung der vorhandenen Erkenntnisse über die Spiegeltherapie zur Behandlung verschiedener muskuloskelettaler Erkrankungen. Hierfür wurde zunächst eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Dabei wurden 51 thematisch passende Artikel überprüft und auf ihre Aussagekraft hin bewertet.

Es wurden Studien bei fünf verschiedenen Patientenkategorien untersucht, die sich mit dem Einsatz einer Spiegeltherapie bei unterschiedlichen Krankheitsbildern beschäftigten: 24 nach einem Schlaganfall, 13 nach einer Amputation, drei bei Patienten mit komplexem regionalen Schmerzsyndrom, zwei bei Zerebralparese und eine Studie nach einer Fraktur.

Die durchgesehenen Artikel zeigten die Tendenz, dass die Spiegeltherapie bei Schlaganfall, Phantomschmerzen, komplexem regionalen Schmerzsyndrom, Zerebralparese und Frakturrehabilitation wirksam ist. Diese Studie würde es Klinikern und Forschern erleichtern, den Einsatz der Spiegeltherapie, ihre Durchführbarkeit und Anwendbarkeit bei der Behandlung von Patienten mit neuro-muskuloskelettalen Erkrankungen, die einseitige Gliedmaßen betreffen, zu verstehen.

Die Datenlage, die den Einsatz der Spiegelbox-Therapie und ihres Nachfolgers, der Immersive Virtual Reality, unterstützt, wurde zusammengefasst. Es wurde allerdings aufgezeigt, dass in den letzten Jahren der Phantom-Gliedmaßen-Schmerz (PLP) und bis zu einem gewissen Grad das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) eine Ausnahme darstellen.

Wichtigste therapeutische Strategien, welche die Autoren der Studie herausfanden, waren die Aktivierung des ipsilesionalen motorischen Cortex, die Hemmung des kontraläsionalen motorischen Cortex und die Förderung der Selbstheilungskräfte. Dieser pathophysiologische Mechanismus könnte die positive Wirkung der Constraint-induzierten Bewegungstherapie (CI-Therapie) im Umfeld von chronischen Schlaganfallpatienten erklären. Es wurde aufgezeigt, dass das Training einer teilweise gelähmten Hand und des dazugehörenden Handgelenks in allen Stadien eines Schlaganfall-Rehabilitationsprogramms essenziell ist.

Ausblick

Zweifellos werden weitere ausreichend groß angelegte Studien benötigt, um die Wirksamkeit der Spiegeltherapie zu untermauern. Dennoch ist die Spiegeltherapie anhand unseres aktuellen Verständnisses des Schmerzes biologisch und klinisch überaus nachvollziehbar. Mittlerweile nutzen Forscher auch Computersimulationen, um noch realistischere Illusionen bei den Patienten zu erzeugen. Durch das möglichst frühe Tragen einer Prothese oder präoperatives Schmerzmanagement wird zudem versucht, den Phantomschmerz von Beginn an zu umgehen.
 

Textquelle: Aishath Najiha, Jagatheesan Alagesan, Vandana J. Rathod, PoongundranParanthaman. MIRROR THERAPY: A REVIEW OF EVIDENCES.  Int J PhysiotherRes 2015;3(3):1086–1090.
Textquelle: O’Connell NE, Wand BM, McAuley J et al. Interventions for treating pain and disability in adults with complex regional pain syndrome. The Cochrane Database of Systematic Reviews 2013; 4: CD009416 PubMed PMID: 23633371.
Bildquelle: ©Stephanie Eichler - stock.adobe.com

Die Autorin

  • Kira Bender

    Schon während ihres Anglistik- und Kunstpädagogikstudiums in Frankfurt arbeitete Kira Bender als Redakteurin für den Hessischen Rundfunk. 2018 zog es sie zurück in die badische Heimat. Seitdem ist sie ein festes Bestandteil des BODYMEDIA-Redaktions-Teams und schreibt unter anderem über Themen wie Design, Trends & Specials, wissenschaftlichen Themen und Management.

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