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„Wer ein Schwimmbad ins Fitnessstudio integrieren möchte, soll es richtig machen oder lassen“

Sollten Fitnessanlagen über die Integration eines Schwimmbereichs für den Wellnessbereich nachdenken oder nicht? Im Interview mit Wolfgang Bahne zeigen wir, unter welchen Umständen die Integration eines Schwimmbads in Fitnessanlagen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten tatsächlich Sinn macht.

BODYMEDIA: In vielen Wellnessoasen gehört ein warmes Becken, in dem man auch etwas schwimmen kann, zur Standardausstattung. Sollten Fitness-Clubs hier nachziehen, um ein rundes Wellnesskonzept anbieten zu können, oder wird das Schwimmbad nach wie vor eher eine Ausnahme bleiben?
Wolfgang Bahne: Schwimmmöglichkeiten sind in Fitnessanlagen nach wie vor eher die Ausnahme. Das hat unterschiedliche Gründe: Der Betrieb eines Schwimmbades ist nicht nur aufwendig, sondern auch sehr teuer. Zudem braucht man Spezialwissen, ohne das es einfach nicht geht. Wie schwierig es tatsächlich ist, zeigt die Tatsache, dass die meisten Schwimmbäder in Deutschland defizitär sind. Das liegt vor allem daran, dass Schwimmen zur Grundversorgung einer Kommune gehört. Die Eintrittspreise sollen also nicht unbedingt die entstehenden Kosten decken, sondern jedem Bürger den Zugang zu einem Schwimmangebot ermöglichen bzw. jedem Kind erlauben, das Schwimmen zu erlernen. Korrekterweise spricht man hier dann von politischen Preisen. Das zeigt, das man mit einem kommunalen Bad nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen konkurrieren kann. Ein weiterer Grund ist die Positionierung der Fitnessclubs. Schwimmbereiche jeder Art sollten sich nur absolute Premiumanlagen und Betreiber mit einer sehr starken Positionierung im Gesundheitsbereich leisten. Denkbar wäre auch eine Lösung, bei der die Fitnessclubs ein bestehendes Angebot eines Schwimmbades nutzen und für ihre Mitglieder bereitstellen. Das ist der Weg, den z. B. wir bei Actic Fitness gehen.  

BODYMEDIA: Was sind für dich die Gründe, ein Schwimmbad in einen Fitnessclub zu integrieren?   
Wolfgang Bahne: Da es so wenige Fitnessclubs mit Schwimmbädern gibt, ist es erst mal ein Alleinstellungs- und Positionierungsmerkmal. In der Region wird sicherlich kein anderer Wettbewerber auf die Idee kommen, ebenfalls ein Schwimmbad in seine Anlage zu integrieren. Es dient also zur Abgrenzung. Dafür gibt es aber sicherlich günstigere Möglichkeiten. Trotzdem bin ich ein Fan von Schwimmbädern in Fitnessanlagen. Es kommt eben sehr stark auf die Positionierung an. Für den Betreiber muss erst mal klar sein, wofür das Unternehmen steht und welche Zielgruppe es hat. Erst dann wird klar, was es braucht, um diese Zielgruppe anzusprechen, und daraus ergibt sich dann die Kostenstruktur. Es ist möglich, Schwimmbäder in Fitnessclubs rentabel zu machen, wenn man sie richtig einsetzt. Dann muss klar sein, über welche Art von Schwimmen wir sprechen. Geht es dem Betreiber darum, Aqua-Kurse anzubieten, oder möchte er lieber sportliches Schwimmen anbieten? Das stellt schon mal komplett unterschiedliche Anforderungen an das Becken und lässt sich im Nachhinein nicht mehr so einfach anpassen. Die Entscheidung will also gut überlegt sein. 

 

Wenn das Schwimmbecken z. B. mit Kursen dauerhaft besetzt ist, wird es für den Betreiber lukrativ

 

BODYMEDIA: Welche Entscheidung ist die zukunftssichere?
Wolfgang Bahne: Meine ersten Erfahrungen mit Schwimmbädern habe ich als General Manager bei Holmes Place gesammelt. Da gehört das Schwimmbecken für sportliches Schwimmen auf Bahnen einfach zur Identität der Marke. Bei englischen Anbietern ist ein Pool tiefer verwurzelt als bei uns in Deutschland. Deshalb haben alle Holmes-Place-Anlagen ein Schwimmbecken. Sie legen allerdings einen Fokus auf das sportliche Schwimmen und Kurse, die man in solch einem Becken umsetzen kann. Zudem muss man sagen, dass die Aqua-Kurse eine kostenpflichtige Zusatzleistung und nicht im normalen Mitgliedsbeitrag inbegriffen sind. Nun ist es aber so, dass die Rolle des sportlichen Schwimmens im Fitnessbereich immer geringer wird. Was hingegen steigt, sind die Ausrichtung auf Gesundheit, der Ausbau des Rehasports, §-20-Kurse usw. Und hierbei bieten Schwimmbäder tolle Perspektiven. Dann sprechen wir eher von einem Bewegungsbecken. Das hat vielleicht eine etwas wärmere Temperatur, ist etwas kleiner und flexibler und dadurch leichter zu finanzieren. Zudem erhält man Zugang zu einer neuen Zielgruppe, die irgendwann möglicherweise mal das Wasser verlässt und an die Geräte geht. Und da sieht man wieder, wie wichtig eine klare Positionierung ist. Wer sich für das sportliche Schwimmen als Angebot entscheidet, kann in diesem Becken eigentlich keine Gesundheitskurse mehr machen. Dafür bräuchte man eine andere Wassertemperatur, eine andere Größe, die Einstiegsmöglichkeiten in das Becken müssen andere sein usw. Und nur wenn ich das Schwimmbecken möglichst oft besetzen kann, ist es auch lukrativ, eines zu haben. Finden also von morgens bis abends Kurse im Wasser statt, wird es interessant. Möglichkeiten gibt es dazu genug: Von Kinderschwimmen über Rehakurse, Aerobic-Kurse, Yoga auf dem Wasser bis hin zu einem Functional Training Rack, das von der Decke herabfährt. Das alles gibt es schon. Man könnte sogar so weit gehen, ein komplettes Fitnessstudio ausschließlich im Wasser einzurichten, eine völlig neue Idee, die es meines Wissens in dieser Konsequenz weltweit noch nicht gibt. Ein Betreiber, der ein kleines Schwimmbecken perfekt in sein gesundheitsorientiertes Studio integriert hat, ist Botond Mezey mit seinem Studio 53 in Brühl. Er nutzt die Möglichkeiten seines Bewegungsbeckens sehr gut aus und hat sich damit ein lukratives Alleinstellungsmerkmal in seinem Einzugsbereich geschaffen.

BODYMEDIA: Gehen wir mal zurück zum Wellnessbereich – wie sinnvoll ist die Integration eines Pools oder kleinen Warmwasserbeckens?
Wolfgang Bahne: Viele Fitnessanlagen haben ja bereits einen kleinen Pool in Form eines Tauchbeckens, indem sich die Mitglieder nach dem Saunagang abkühlen können. Aber das geht sicherlich nicht in die Richtung, die du meinst. Reden wir davon, dass in Wellnessbereichen kleine Schwimmbereiche eingerichtet werden, würde ich eher davon abraten, das zu machen. Zumindest dann, wenn in dem Fitnessclub das Fitnesstraining im Vordergrund steht und der Wellnessbereich etwas kleiner ist. Hier reichen dann ein paar Saunen, Liegen, ein Tauchbecken usw. Je wichtiger der Wellnessbereich wird, desto relevanter kann es sein, solch ein Becken zu integrieren. Denn je größer die Wellnessanlage ist, desto eher erwartet der Kunde das Medium warmes Wasser. Das gehört dann einfach so dazu wie unterschiedliche Saunaangebote. Ab einem bestimmten Level muss man das dann einfach bieten. Dies muss aber unbedingt gesondert bezahlt oder aber als Teil einer Premiumstrategie in den Grundpreis einkalkuliert werden.

 

Das Fitnessstudio komplett ins Wasser zu verlegen, ist ebenfalls eine Option – die Geräte dazu gibt es mittlerweile

 

BODYMEDIA: Wenn die Entscheidung pro Schwimmbecken gefallen ist, worauf müssen Betreiber nun achten?
Wolfgang Bahne: Für einen wirtschaftlichen Betrieb muss man auf jeden Fall die Kostenstruktur im Auge behalten. Wie hoch ist die Anfangsinvestition, aber auch welche laufenden Kosten sind zu beachten? Dann geht es um inhaltliche Fragen: Wie ist die Beschaffenheit des Beckens? Wie groß muss es sein? Sollen es Fliesen oder lieber Edelstahl sein? Welches Reinigungsmittel nutze ich? Chlor oder lieber Wasserstoffperoxid? Braucht man einen höhenverstellbaren Hubboden? Und so weiter. Da sind Fragen, denen man sich gegenübersieht und für die man Spezialwissen braucht. 

BODYMEDIA: Du bist bei Actic Fitness als Head of Expansion tätig. Hier geht ihr ja einen anderen Weg. Ihr nutzt bestehende Schwimmbäder und geht eine Kooperation ein. Ist das deiner Ansicht nach der Königsweg?
Wolfgang Bahne: Genau, wir nutzen bestehende Schwimmbäder, haben also mit dem Aufwand, ein Schwimmbad zu betreiben, nichts zu tun. Das überlassen wir den Experten und trotzdem profitieren wir von den Vorteilen eines Schwimmbads, und das Bad profitiert von der besseren Raumausnutzung, einem zusätzlichen Angebot für die Gäste und neuen, jüngeren Zielgruppen für das Bad. Das kann man allerdings nicht so von heute auf morgen mal einfach umsetzen. Die Zusammenarbeit läuft über die Kommune und diese langfristige Partnerschaft setzt einen langen Atem voraus und auch Aufbau und Abläufe sind anders als in einem klassischen Fitnessclub. Aber wenn es läuft, dann profitieren beide Seiten davon. Viele Flächen in den kommunalen Schwimmbädern sind ungenutzt. Z. B. gibt es oft enorme Umkleideräume, die eine große Fläche belegen, aber nicht dauerhaft belegt werden. In die Jahre gekommene Saunabereiche erfordern neue Nutzungskonzepte oder die Kommune entscheidet sich gegen eine Gastronomie, in der ohnehin nur Pommes und Cola ausgegeben werden, und für eine stärkere Gesundheitsorientierung. Man könnte also viel mehr Menschen unterbringen und diese auch noch besser bedienen, was das Schwimmbad rentabler macht. Wir sind natürlich dankbar dafür, unseren Mitgliedern einen Mehrwert anbieten zu können, ohne dafür Investitionen und Betriebskosten übernehmen müssen.

 

Man muss sich darüber klar werden für welche Zwecke das Schwimmbecken eingesetzt werden soll. Ein kleines Entspannungsschwimmbecken macht in vielen Fitnessstudios eher weniger Sinn

 

BODYMEDIA: Wäre eine Zusammenarbeit zwischen Schwimmbädern und Fitness-Studios nicht generell wünschenswert? Letztlich ergänzen sich die beiden Bereiche ja gut. 
Wolfgang Bahne: Genau das ist die richtige Frage. Bislang läuft die Schwimmbadplanung so, dass der zuständige Architekt ganz automatisch eine Sauna in einem neuen Schwimmbad einplant. Das ist wie eine Reflexhandlung und vermutlich auf eine „gute Zusammenarbeit“ zwischen Unternehmensberatern und Architekten in der Badbranche zurück zu führen. Und natürlich sieht das auf dem Papier gut aus, was vor allem den älteren, konservativen Entscheidungsträgern in manchen Kommunen entgegenkommt. Was leider häufig vergessen wird, ist, dass die Anschaffung, der Betrieb und vor allem die ständig erforderlichen Ersatz-, Erweiterungs- oder Erneuerungsinvestitionen einer Sauna viel Geld kostet. Häufig kann die Kommune die Anfangsinvestitionen durch zahlreiche Zuschüsse und der einmaligen Entscheidung noch einigermaßen leisten. Die Betriebskosten wie Personal, Energie und Hygiene hingegen werden häufig vergessen. Als absoluter Killer für so ein Projekt hat sich aber der Anspruch der Kunden gezeigt. Selbstverständlich wollen die alle paar Jahre mal was Neues haben. Das Ergebnis davon ist, dass wir bei Actic Fitness diese Saunen dann entfernen und dafür lieber Fitnessbereich integrieren. Das ist nachhaltiger. Immer mehr stellt sich aber die Frage, was zu den Aufgaben einer Kommune gehört. Ist der Betrieb einer Sauna wichtig für die „Grundversorgung“ in einer Gemeinde? Das wage ich zu bezweifeln. In der Kommunikation mit den Kommunen argumentiere ich, dass zur Grundversorgung einer Kommune gehört, die Menschen durch geeignete Infrastruktur gesund zu halten und zu machen. Dazu gehört sicher auch ein Schwimmbad, denn Kinder sollten schwimmen lernen, und als Medium dient es sicher auch der körperlichen Fitness und der Gesundheitsförderung. Aber nicht die Sauna. Ich behaupte nicht, dass eine Saune keine gesundheitlichen Effekte hätte, im Vergleich zu einem regelmäßigen Muskeltraining im Fitnessstudio ist der Wert aber eher als gering anzusehen. Bezogen auf die erforderlichen Investitionen sowie der Erreichbarkeit vieler Menschen ist der Einrichtung eines  Fitnessstudios in einem Schwimmbad eindeutig der Vorzug zu geben. Auf einmal gehört dann das Fitness-Studio in die Grundversorgung der Stadt, die dann sagt, dass allen Menschen ein günstiger Zugang zu Fitnesstraining zusteht. Dann sind wir in der gleichen Argumentation wie beim Schwimmen. Für mich gehört also in jedes Schwimmbad ein Fitness-Studio. Letztlich aber ist es egal, wie man es umsetzt: Wer ein Schwimmbad-Angebot haben möchte, muss schauen, dass es zur Positionierung passt. Dann passt das Medium Wasser für mich perfekt in die Fitnessanlagen. Wer es aber machen will, soll es dann richtig machen oder gar nicht. 

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview!

Der Autor

  • Wolfgang Bahne

    Wolfgang Bahne studierte Sportwissenschaft, Psychologie und BWL. Seit Mitte der 80er-Jahre bewegt er sich im Fitnessmarkt. Seine Tätigkeiten auf Betreiber- und Industrieseite sowie seine Beratertätigkeit geben ihm einen 360-Grad-Blick auf die Fitnessbranche. Er arbeitet bei Actic Fitness als Head of Expansion. Sein Wissen gibt er u. a. an der Deutschen Berufsakademie für Sport und Gesundheit an Studierende weiter. 

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