Wissenschaft

Der Mythos Bandscheibe

Die Bandscheibe – ein wichtiger Bestandteil unseres Körpers, der viele Mythen in sich birgt und vor dessen „Verrutschen“ sich viele Menschen mit Rückenschmerzen fürchten. Fast jeder erwachsene Mensch weiß ein wenig über die Zwischenwirbelscheibe Bescheid oder glaubt dies zumindest. Doch ist das Wissen, das Ihre Mitglieder haben, wirklich zutreffend?

Etwa jeder dritte erwachsene Deutsche 
leidet unter Rückenproblemen und das Erste, an das viele Menschen bei dieser Art Schmerz denken, sind die Bandscheiben. Viele fürchten sich, dass sie sich verhoben und somit eine der knorpeligen Scheiben verrückt oder gar aus ihrer ursprünglichen Position gedrückt haben. Dabei ist die Bandscheibe in Wirklichkeit nur ein sehr unkomplizierter, aber robuster Teil des Rückens und nur 2-3 % der Rückenschmerzen gehen auf einen Bandscheibenvorfall zurück. Zugleich weckt der Name eine völlig falsche Vorstellung: Viele Menschen stellen sie sich als flache, zwischen zwei Wirbeln liegende Scheibe vor, die sehr fragil und leicht verletzbar ist. Um zu verstehen, wie robust die Bandscheibe wirklich ist, muss man zunächst ihren Aufbau betrachten.

Die Anatomie 
Da sich viele Patienten nicht vorstellen können, wie viel eine Bandscheibe aushält, wie oft sie wirklich bei Rückenschmerzen involviert ist und wie sie auch wieder heilen kann, sollten wir uns kurz die Anatomie der Zwischenwirbelscheibe vor Augen halten: Die Bandscheibe ist ein faserknorpeliges Gelenk, das zwischen zwei Wirbeln liegt (siehe Abb. 1). Zwischen jedem Wirbelkörper der Wirbelsäule befindet sich eine Bandscheibe, mit Ausnahme der C1-C2-Ebene und der C0-C1-Ebene, die zwischen den ersten beiden Halswirbeln und zwischen der Schädelunterseite und dem obersten Wirbel liegen. Die Bandscheibe ermöglicht so eine leichtere Bewegung der Wirbel. Diese Art von Faserknorpelgelenk kann auch als Symphyse – eine Verbindung zweier Knochen durch Faserknorpel – bezeichnet werden und ist besonders stark und belastungsfähig. Nicht nur die Bandscheibe hält enormen Druck aus, auch auf die Schambein-Symphyse, die zwei Schamknochen miteinander verbindet, und auf die Verbindung zwischen Sternum und Manubrium, genannt Symphysis manubriosternalis, in der Brust trifft dies zu. Bandscheiben übernehmen als „Stoßdämpfer der Wirbelsäule“ eine wichtige Funktion in unserem Körper. 
Dies ist nur durch ihre einzigartige Struktur möglich. 

Die Scheiben bestehen aus einem äußeren Faserring, der als Annulus fibrosus bezeichnet wird. Dieser besteht aus mehreren Schichten oder Ringen aus Faserknorpel, die aus Kollagen bestehen. Diese Schichten umgeben ein inneres gelartiges Zentrierungsmaterial, das als Nucleus pulposus bezeichnet wird. Dieser enthält Mucopolysaccharid-Protein-Komplexe. Das Interessante an der Wirbelendplatte ist, dass es sowohl eine knöcherne als auch eine knorpelige Endplatte gibt, die eine außergewöhnlich starke Verbindung zum Ring der Bandscheibe herstellt und somit ein Verrutschen der Bandscheibe unmöglich macht. Bandscheiben können nicht einfach so aus dem Weg rutschen, wie sich das mancher Mensch vorstellt. Die Endplatten dienen dazu, die Scheiben an ihrem Platz zu halten, die aufgebrachten Lasten gleichmäßig zu verteilen und die Kollagenfasern der Scheibe zu verankern. Sie dienen auch als semipermeable Schnittstelle für den Austausch von Wasser und gelösten Stoffen. 

Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Können Bandscheiben verrutschen? Nein, trotz des Namens Bandscheibenvorfall fallen die Faserknorpelgelenke nicht nach vorne oder nach hinten. Was allerdings bei einer wiederholt einseitigen Bewegung nach hinten fallen kann, ist der Gallertkern, der dem einseitigen Druck ausweicht. Dieser wandert dann in die entgegenwirkende Richtung und drückt auf den empfindsamen Faserring. Bei wiederholter Belastung können sich an diesem Risse bilden. Falls der Gallertkern so stark nach hinten drückt, kann der Faserring reißen. Durch diesen Riss tritt die gallertartige Flüssigkeit der Bandscheibe teilweise aus und drückt auf den hinter ihm liegenden Nerv – es kommt zum Bandscheibenvorfall. Bei diesem beginnen die Schmerzen immer plötzlich und sind bohrend und ziehend. Ist die Halswirbelsäule betroffen, sind Schulter- und Nackenmuskulatur stark verspannt. Der Kopf lässt sich nur eingeschränkt bewegen. Taubheitsgefühle sind immer ein Alarmsignal. 

Wie viel hält eine Bandscheibe aus?
Wie stark ist eine Bandscheibe wirklich? Um dies zu verdeutlichen, wurde eine Studie mit jungen als auch älteren Menschen durchgeführt, welche die Druck- und Zugfestigkeit von Throraxscheiben untersucht. Die jüngere Gruppe war zwischen 20 und 36 Jahren alt, die ältere bewegte sich zwischen 63 und 77 Jahren. Es stellte sich heraus, dass es etwa 335 Kilogramm Kraft braucht, um die Scheibenhöhe 1 mm bei jungen Probanden, und 209 Kilogramm Kraft, um die Scheibenhöhe 1 mm bei älteren Probanden zu komprimieren. Hier muss man im Hinterkopf behalten, dass es sich um kadaverähnliche Scheiben handelt, die von der knöchernen Stütze weggeschnitten wurden und somit keine aktive Co-Kontraktion in einem sie umgebenden Muskelgewebe mehr besitzen. Bei einem Menschen, der keine funktionalen Einschränkungen aufweist, ist sogar noch etwas mehr Kraft und Stabilität vorhanden. Diese entsteht durch die zusammenziehbare Struktur der Scheibe. Als Resultat dieser Studie lässt sich sagen, dass solche Zwischenwirbel sehr großem Druck widerstehen können. Obwohl sie sehr robust sind, ist es dennoch möglich, dass sie verletzt werden. Dies geschieht, wie auch bei Verletzungen an den Bändern, vor allem durch Scherkräfte. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich keine gute Idee, schwere Gegenstände in einer Endbereichs-Spinalbeugung und einer ruckartigen Drehbewegung vom Boden zu heben. Doch auch eine Heilung und Regeneration der Bandscheibe sind möglich. 

Fazit
Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden, dass viele Menschen eine falsche Vorstellung von Bandscheiben und dem Entstehen von Rückenschmerzen haben. Denn Rückenschmerzen können viele Ursachen haben – der Bandscheibenvorfall ist nur eine davon. Deshalb sollten Therapeuten und Ärzte den Patienten zunächst über die Anatomie der Wirbelsäule und Zwischenwirbel aufklären. Patienten sollten bei der Diagnose „Bandscheibenvorfall“ nicht zuerst an eine OP oder jegliches Vermeiden von Bewegung denken. Gerade Bandscheibenoperationen werden immer noch viel zu häufig durchgeführt, obwohl es durchaus auch weniger invasive Methoden gibt. Hier muss eindeutig ein Umdenken stattfinden und eine gute Aufklärung ist hierfür durchaus Voraussetzung.

 

Quellen
Header: animgoberlin - stock.adobe.com
 

Die Autorin

  • Kira Bender

    Schon während ihres Anglistik- und Kunstpädagogikstudiums in Frankfurt arbeitete Kira Bender als Redakteurin für den Hessischen Rundfunk. 2018 zog es sie zurück in die badische Heimat. Seitdem ist sie ein festes Bestandteil des BODYMEDIA-Redaktions-Teams und schreibt unter anderem über Themen wie Design, Trends & Specials, wissenschaftlichen Themen und Management.

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