Lebensverlängerung: Mythos der Kalorienrestriktion widerlegt

Intervalle gegen Diabetes 2 Lebensverlängerung: Mythos der Kalorienrestriktion widerlegt

Eine extreme Kalorienrestriktion ist keine Garantie für ein langes Leben. Nach tierexperimentellen Studien im Journal of Nutrition (2009; doi: 10.3945/jn.108.100313) wird die Lebensspanne eher durch das Gleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch beeinflusst. "Weniger Kalorien, mehr Leben", so wirbt die Calorie Restriction Society für ein längeres Leben durch kulinarische Entsagungen. Diese (und andere) Gruppen berufen sich auf im Jahr 1986 publizierte Experimente von Richard Weindruch von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, in denen eine (teilweise extreme) Kalorienrestriktion die Lebensspanne von Mäusen (teilweise beträchtlich) verlängerte. Seit diese Lebensanschauung zunehmend Anhänger in Kalifornien finde, sehe man immer mehr "wandelnde Skelette" auf den Straßen, beklagt sich Raj Sohal, ebenfalls von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, dessen jetzt publizierte tierexperimentellen Studien zu einem ganz anderen Ergebnis kommen.

Nicht bei allen Mäusen habe eine Kalorienrestriktion eine lebensverlängernde Wirkung, behauptet Sohal. Bei der C57BL/6-Maus, die sehr häufig in Tierversuchen verwendet wird, sei dies zwar möglich, bei der DBA/2-Maus dagegen bleibe eine Kalorienrestriktion ohne Folgen für die Lebensdauer. Ein Unterschied zwischen den beiden Stämmen besteht darin, dass die C57BL/6-Maus bei unbeschränkter Nahrungszufuhr zu Übergewicht neigt, die DBA/2-Maus hingegen schlank bleibt. Die Experimente von Sohal zeigen: Die DBA/2-Maus verbraucht bei gleicher Energiezufuhr mehr Sauerstoff. Die Stoffwechselrate ist erhöht. Sie ist der schlechtere Futterverwerter.

Sohal schließt aus den Ergebnissen, dass eine Kalorienrestriktion nur bei guten Futterverwertern, sprich zur Adipositas neigenden Individuen, eine lebensverlängernde Wirkung erzielt. Völlig unklar ist, ob die tierexperimentellen Ergebnisse überhaupt auf den Menschen übertragbar sind.

Sein Ratschlag besteht darin, frühzeitig eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Menschen mit normalem Körpergewicht warnt Sohal vor einer Kalorienrestriktion und weist dabei auf eine 2003 erschienene Studie seiner Arbeitsgruppe hin (Forster et al. FASEB J. 2003; 17: 690-2). Sie hatte gezeigt, dass eine Kalorienrestriktion, die in einem höheren Alter der Mäuse begonnen wird, eher zu einer Verkürzung der Lebensspanne führt und zwar sowohl bei den DBA-Mäusen, als auch bei schlankeren C57-Individuen. Sohal rät auch von dem Versuch ab, eine gesteigerte Kalorienzufuhr durch vermehrte körperliche Aktivität wieder abzuarbeiten. Übermäßiger Sport führt seiner Ansicht nach nur zu Verletzungen und einem frühzeitigen Verschleiß, nicht aber zu einem längeren Leben.

Sohal ist nicht der einzige Experte, der von einer langfristigen Kalorienrestriktion warnt. M.H. Ross und Mitarbeiter hatten bereits 1976 berichtet, dass die Kalorienrestriktion die beste Wirkung bei Mäusen erzielt, deren Gewicht während des frühen Erwachsenenalters stark zugenommen hatte (Nature 1976; 262: 548-53).

Ein Effekt der Kalorienrestriktion auf die Lebensspanne sei außerdem nur bei speziellen Züchtungen von Labormäusen erfolgreich. Beim "Wildtyp" gebe es auch bei Mäusen kaum einen Einfluss des Mangels auf die Lebensspanne.

Weitere Infos: www.aerzteblatt.de » 07. Februar 2009