„Lebe ungewöhnlich!“

Stefan Hiene: Radelpower dank Rohkost

Radsport und Rohkost sind die bestimmenden Elemente im Leben von Stefan Hiene. In einem im Jahre 2007 gestarteten Eigenversuch wirbt er für den Genuss von rohem Obst und Gemüse im Leistungssport. Bodymedia sprach mit ihm über seine Motivation, Erfahrungen und Ziele.

Bodymedia: Herr Hiene, stellen Sie sich bitte einmal vor?
Stefan Hiene: Ich habe im Alter von fünf Jahren Fahrradfahren gelernt und dann so lange meine Grenzen erweitert, bis ich an Mountainbikerennen teilnehmen konnte. Meine Eltern haben mich auf diesem Weg von Anfang an unterstützt – von der gemeinsamen Fahrradtour bis zum Shuttleservice zu den Rennen am Wochenende. Das, was meine Eltern und Lehrer während meiner Jugendjahre als „Rebellion“ bezeichnet haben, war mein intuitives Wissen, dass es in diesem Leben um etwas anderes geht als von unserem Umfeld behauptet und in Schulen und Universitäten gelehrt wird. Deshalb habe ich eine Universität erst von innen gesehen, als ich dort doziert habe. Da mir das Berufsleben aber zu einseitig war, begann ich damit, mir mehr und mehr die Freiheit zu nehmen, nach meiner wahren Berufung zu suchen und das wieder zu entdecken, was ich als Kind und Jugendlicher schon wusste. Irgendwann wurde mir dann klar, dass ich meine Berufung längst gefunden hatte. Ich bin Bergradler! Und als solcher suche ich nach dem Geheimnis von Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Bodymedia: Wie sind Sie zum Radsport gekommen? Können Sie davon leben?
Stefan Hiene: Den Radsport habe ich 1990 für mich entdeckt als die ersten Mountainbikes nach Europa kamen. 20 Jahre später habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt und mit Hilfe von Keimling und Ghost mein eigenes Mountainbiketeam gegründet. Da ich immer weniger Kompromisse mache und immer mehr meinem Herzen folge, ist mein Einkommen zwar manchmal ein interessanter, aber immer seltener ein wichtiger Faktor. In den letzten Jahren habe ich im Winter in einer Höhle, im Zelt oder in sehr günstigen Mietwohnungen auf den Kanaren gelebt und den Sommer in Deutschland oder Italien verbracht. Seit ich meine Berufung bewusst lebe, brauche ich viel weniger Geld als ich früher dachte.

Bodymedia: Wie und wann ist die Idee zu Raw Power entstanden? Was war der Auslöser?
Stefan Hiene: 2003 hat mir ein Freund gesagt, dass er wegen einem Lebertumor nur noch wenige Monate zu leben hätte. Ich war fassungslos. Statt mich und ihn aber zu bemitleiden, habe ich einen mir bis dahin nicht bekannten Ehrgeiz und Wissensdurst entwickelt. Ich habe Tage und Nächte mit der Recherche in Büchern und im Internet verbracht und habe nach Ärzten und Heilpraktikern gesucht, die meinem Freund helfen können. Ich wollte unbedingt herausfinden, woher Krankheit kommt und warum jemand gesund wird oder ist. Daraus ist auch eine neue Leidenschaft für alte Bücher entstanden. Deren Lektüre hat mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, dass die Menschen vor 100 Jahren oftmals viel mehr über Gesundheit wussten als wir heute. Im Verlauf meiner Recherchen habe ich dann Menschen persönlich kennen gelernt, die sich durch eine Veränderung ihres Lebensstils und ihrer Ernährung von den verschiedensten chronischen Krankheiten wie Morbus Crohn, Multipler Sklerose, Allergien, Herz-Kreislauf-Krankheiten und sogar Krebs selbst geheilt hatten. Ich fange gerade an, diese Geschichten unter findeeineheilmethode.de zu sammeln. Auch mein Freund hat seine ärztliche Fehldiagnose überlebt. Dadurch wurde mir klar, dass es zwar viele detailverliebte Krankheitsexperten, aber kaum Gesundheitsexperten gibt. Als ich dann meine alte Liebe zum Radsport wieder entdeckt habe, stellte ich mir eine einfache Frage: Wenn kranke Menschen mit einer radikalen Ernährungsumstellung schwere Krankheiten selbst heilen können, welchen Effekt hat eine solche Veränderung dann auf die Leistungsfähigkeit eines Sportlers? Da ich es nicht wusste und mir auch niemand eine Antwort auf meine Frage geben konnte, war die logische Konsequenz ein Selbstversuch, den ich Raw Power – pure oder rohe Kraft nannte.

Bodymedia: Kohlenhydrate gelten im Allgemeinen als der Energielieferant für alle Ausdauersportarten. Was hat Sie dazu veranlasst, ihre Ernährung komplett in eine andere Richtung umzustellen?
Stefan Hiene: Kohlenhydrate sind ja nicht nur in verarbeiteten Produkten, sondern auch in den Rohstoffen. Ich esse also nach wie vor Kohlenhydrate – allerdings in ihrer ursprünglichen Form in Obst, Gemüse, Wildkräutern und Gras. In Süddeutschland sagt man zu ernährungs- und gesundheitsbewussten Menschen „Körndlfresser“ und übersieht dabei, dass diese Menschen durchschnittlich eher weniger Körner zu sich nehmen als der Rest der Bevölkerung. „Körndlfressen“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zum Volkssport der Industrienationen entwickelt. Verarbeitete Getreidekörner sind der Haupt- und Grundbestandteil von fast allen Mahlzeiten in Form von Brot, Nudeln und Pizza. Und obwohl es so viele „Körndlfresser“ gibt, nehmen die chronischen Krankheiten nicht ab, sondern zu. Deshalb stelle ich mir die Frage, ob so viele Kohlenhydrate in dieser Form überhaupt gesund sind? Wenn ich Gras esse oder Grassaft trinke, mache ich eigentlich gar nichts Außergewöhnliches. Ich konsumiere nur nicht ausschließlich das Korn, sondern einfach nur einen größeren Teil der grünen Pflanze. Deshalb bin ich viel weniger „Körndlfresser“ als die Pizza- und Pasta-Fans.

Bodymedia: Wie sieht ein normaler Tagesspeisenplan bei Ihnen aus? Was essen Sie an normalen Tagen, was an Tagen, an denen Sie intensiv Sport treiben? Gibt es bestimmte Zeitregeln?
Stefan Hiene: Es gibt einige Rituale und Anhaltspunkte, die ich für mich entwickelt habe. Sowohl die Verzehrmenge als auch die Nahrungsauswahl unterliegt bei mir aber unter anderem auch in Abhängigkeit von der körperlichen Aktivität starken Schwankungen. Morgens trinke ich in der Regel ein Glas Wasser mit Heilerde oder Zeolith. Wenn ich auf den Kanaren bin, besteht mein Frühstück aus einem Aloe Vera Cocktail mit Orangen und Bananen. Auf dem europäischen Festland verwende ich statt der Aloe Vera meistens Wildkräuter. Derzeit sind das ca. 100 bis 300 Gramm Brenneseln pro Tag. Außerdem bin ich ein großer Fan von Weizengras, das ich selbst züchte. Ich kümmere mich ausführlich darum, dem Weizengras die bestmöglichen Nährstoffe zu geben. Das ist für mich übrigens die Alchemie des Lebens: meine Nahrungsmittel bewusst auszuwählen, selbst anzubauen und genau darauf zu achten, wie der Nährstoffkreislauf am Leben gehalten werden kann. In dieser Aufgabe gehe ich voll auf. Wenn ich kurz vor dem Training Hunger bekomme, presse ich mir einen Saft, um mein Verdauungssystem so wenig wie möglich zu belasten. Nachmittags oder abends esse ich entweder noch einmal einen Wildkräuter-Cocktail oder einen Salat mit Avocado und Sprossen. Derzeit versuche ich nach 18 Uhr nichts mehr zu essen, damit mein Körper vor dem Schlafen noch Zeit für die Verdauung hat und mein Schlaf ab 21 Uhr möglichst erholsam ist. Wenn ich trotzdem noch Hunger habe, presse ich mir einen leichtverdaulichen Saft aus Gemüse, Obst und Kräutern. Wenn ich meine Nahrungsmittel einkaufe, versuche ich auf mein Körpergefühl zu achten und nur die besten und frischesten regionalen Rohstoffe in Demeter-, Bioland- oder Naturland-Qualität einzukaufen oder eben selbst anzubauen.

Bodymedia: Sie haben Ihr Experiment 2007 gestartet. Welche wesentlichen Erfahrungen haben Sie seitdem gemacht? Gab es auch Rückschläge?
Stefan Hiene: Ja, es gab sogar sehr große Rückschläge. Ich hatte schon länger „Burning Legs“. Das ist ein Phänomen, das zwar, wie so viele so genannte Krankheiten, einen konkreten Namen aber viele verschiedene Ursachen hat. Und selbst Spezialisten können die Ursachen für die brennenden Oberschenkel oft nicht finden. Als ich angefangen habe, mich über dieses Thema zu informieren, bekam ich von allen Seiten nur Vermutungen zu hören, aber ich habe niemanden getroffen, der mir konkret sagen konnte, was mir fehlt. Es war offensichtlich, dass bei diesem Thema jeder im Nebel herumstochert und dann aber trotzdem behauptet, er könne mir sagen, was ich tun muss, damit es besser wird. Und es war auch sehr interessant zu sehen, dass einige natürlich meine Ernährung dafür verantwortlich machten, ohne dass sie konkret wussten, wie ich mich gerade ernähre. Sie haben noch nicht einmal danach gefragt. Entweder hätten sie zumindest einmal fragen können oder ehrlicherweise sagen müssen: „Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, das übersteigt meine Kompetenzen!“ Ich sehe das mittlerweile ganz gelassen als eine Art Pawlowschen Reflex und schenke solchen Reaktionen deshalb auch keine Beachtung mehr. Ende 2009 kamen zu den brennenden Oberschenkeln schrittweise starkes Kopfweh, Gleichgewichtsstörungen und schließlich eine halbseitige Gesichtslähmung dazu. Das war eine sehr interessante Zeit für mich, da ich mich sehr hilflos fühlte und teilweise das Gefühl hatte, dass ich bald sterben würde, wenn es weiterhin bergab geht. Ich habe mir dann überlegt, warum die Symptome alle nur auf der rechten Seite auftreten. Eines Tages ist mir aufgefallen, dass sich meine beiden Amalgamfüllungen auf der rechten Seite befinden. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Amalgamentfernung die Lösung meiner immer massiver werdenden Probleme sein könnte. Trotzdem habe ich mich nach einigen Wochen dazu entschlossen, das Amalgam entfernen zu lassen. Meine Hoffnungen waren nicht groß und an einige Symptome hatte ich mich bereits so gewöhnt, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, wie es ist, ohne sie zu leben. Doch das Kopfweh verschwand schon wenige Minuten nach der Amalgamentfernung, als ich noch auf dem Zahnarztstuhl saß. Wenige Tage später waren auch die Gleichgewichtsstörungen und die Gesichtslähmung verschwunden. Meine Oberschenkel haben im Verlauf der Zeit ebenfalls aufgehört, zu brennen. Da ich viele verschiedene Dinge wie Chiropraktik, B12-Substitution, Stretching, Aloe Vera Frischblätter und eben die Amalgamentfernung ausprobiert habe, kann ich nicht sagen, welche Maßnahme die entscheidende war. Vielleicht war genau diese Kombination notwendig? Deshalb kann ich eigentlich auch gar nicht von einem Rückschlag sprechen. Für mich war das ein riesengroßer Fortschritt.

Bodymedia: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Was ist Ihr persönliches Ziel?
Stefan Hiene: Ich möchte jeden Tag die schönste Mountainbiketour meines Lebens fahren und meinem Körper jeden Tag immer wieder nur das Beste geben. Wenn ich dadurch nebenbei noch einmal auf nationalem oder internationalem Niveau Rennen fahren kann, nehme ich das freudig erregt zur Kenntnis. Wenn nicht, bin ich genauso glücklich!

Bodymedia: Wie können auch andere Menschen von Ihren Erfahrungen profitieren?
Stefan Hiene: Ich habe eine Internetseite (rawpower.de) und einen Blog (blog.rawpower.de), auf dem ich über aktuelle Entwicklungen berichte und Interviews mit interessanten Menschen führe. Und vor einigen Wochen habe ich endlich angefangen, ein Buch zu schreiben, das ich nächstes Jahr veröffentlichen möchte.

Bodymedia: Ist es aus Ihrer Sicht möglich, mit roher, unbehandelter, unbelasteter, naturbelassener und nicht verarbeiteter Pflanzennahrung sportliche Höchstleistungen zu erbringen?
Stefan Hiene: Ja, es ist möglich! Ich stehe als lebendes Beispiel dafür vor Ihnen. Das heißt aber nicht, dass mein Versuch damit abgeschlossen ist. Ich fange gerade erst an! Es gibt noch so viel zu entdecken und zu erforschen!

Bodymedia: Sie äußerten sich einmal, dass Sie das, was Sie essen, selbst anbauen möchten. Funktioniert das in der Realität oder müssen Sie Kompromisse eingehen?
Stefan Hiene: Wenn ich starr an meinen Vorstellungen oder den Vorstellungen meines Umfelds festhalte, werde ich Veränderungen oder Abweichungen vom eingebildeten „Optimum“ immer als Kompromiss interpretieren. So kann ich nicht glücklich werden. Deshalb mache ich immer das, was gerade in diesem Moment möglich ist. Dass hohe Selbstversorgungsquoten machbar sind, haben schon viele vor mir entdeckt und Selbstversorgung wurde über tausende Generationen ganz selbstverständlich praktiziert. Ob es für mich persönlich möglich ist, hängt von den Umständen ab. Derzeit scheinen einige Umstände, wie zum Beispiel meine ständig wechselnden Aufenthaltsorte, dagegen zu sprechen. Aber auch dafür findet sich gerade eine Lösung. Alexander Herrmann, ein Rohkostfreund aus Berlin, kümmert sich nämlich gerade um den Aufbau eines Rohkost- und Permakultur-Kollektivs auf den Kanaren. Und vielleicht schaffen wir es sogar, eine „Zweigstelle“ am Gardasee einzurichten.

Bodymedia: Welches sind nach Ihrer Ansicht die wesentlichen Erkenntnisse aus Ihrem Experiment? Was sind die größten Vorteile, wenn man sich nach Ihren Prinzipien ernährt? Und: Hat Ihre Lebensweise auch Nachteile?
Stefan Hiene: Bisher konnte ich keine Nachteile entdecken. Die Vorteile für mich sind vielfältig: Ich habe meine Berufung gefunden und treffe jeden Tag Menschen, mit denen ich bereichernde Momente erlebe. Ich habe meinen Heuschnupfen und Hautunreinheiten an der Rückseite meiner Oberarme verloren. Meine Fingernägel sind fester geworden und meine Verdauung hat sich stark verbessert. Nach dem Essen falle ich in kein energetisches Tief mehr. Ich schwitze nicht mehr so viel wie früher und habe selbst bei intensiven Trainingseinheiten kaum Durst. Bei Mountainbikerennen kann ich länger im submaximalen Bereich fahren, ohne dabei zu leiden. Außerdem macht mir mein Leben einfach mehr Spaß! Ich bin gelassener geworden und lasse mich immer seltener stressen.

Bodymedia: Ist es auch für den Otto-Normal-Verbraucher hier in Deutschland möglich, sich nur von Rohkost zu ernähren?
Stefan Hiene: Rohkost ist wahrscheinlich überall auf der Welt möglich. Aber das muss ja gar nicht unbedingt das ultimative Ziel sein. Wenn mir das Beste gerade gut genug ist, dann werde ich das Beste und das Gute integrieren und das weniger Gute wird automatisch wegfallen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, der ohne Zwang und Verzicht stattfindet. Und dieser Prozess kann viele Jahre dauern. Genau genommen hört er nie auf.

Bodymedia: Woher nehmen Sie Ihre tägliche Motivation? Was treibt Sie an?
Stefan Hiene: Da ich immer mehr nur noch das mache, was mir Spaß macht und versuche, alles zu zelebrieren, muss ich mich gar nicht mehr motivieren. Ich bin mein eigener Wissenschaftler und von reiner Neugier getrieben. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mich den ganzen Tag um mich, meine Gesundheit und meine Leistungsfähigkeit zu kümmern. Deshalb sorge ich auf allen Ebenen so gut wie möglich für mich. Das ist ein 24-Stunden-Job. Außerdem ist Bergradfahren und vor allem schnell bergauf Fahren einfach das Größte! Ich liebe es!

Bodymedia: Wie reagiert Ihre Umwelt auf Sie? Gibt es mehr Befürworter oder mehr Gegner Ihrer Thesen?
Stefan Hiene: Wenn ich anfangen würde, mir darüber Gedanken zu machen, wer mich gut findet und wer nicht, hätte ich keine Zeit dafür, das zu tun, was ich eigentlich machen will. Vielleicht gibt es sogar innerhalb der Rohkostszene Menschen, die mit meiner Art nichts anfangen können. Das ist für mich vollkommen in Ordnung. Ich brauche keine äußere Bestätigung, da ich mich täglich darin übe, mich so anzunehmen, wie ich bin. Ich lege weder Wert darauf, als Experte anerkannt zu werden, noch mache ich mir Gedanken über meinen Status.

Bodymedia: Wo findet der interessierte Leser Quellen, um sich umfassend mit dem Thema zu beschäftigen? Was würden Sie jemanden raten, der sich auf Ihre Ernährungsweise umstellen will? Wie fängt man an?
Stefan Hiene: Als Freund würde ich dir sagen, dass du deine Ernährungsweise nur umstellen sollst, wenn du dabei deinem Herz folgst und du dich auf diesem Weg weder von so genannten Experten – egal welcher Couleur – noch von deinem Umfeld verrückt machen lassen und dich selbst nicht unter Druck setzen sollst. Niemand weiß, wie du leben solltest. Suche dir echte Freunde, die das verstehen und dich liebevoll begleiten. Wenn dein Herz offen ist, werden plötzlich Menschen und Situationen in dein Leben kommen, von denen du noch nicht einmal zu träumen wagtest. Bleib auf dieser Reise offen und verlasse das Gedankengebäude der Kochkost, ohne einer neuen Religion beizutreten. Werde dein eigener Guru! Da die Gesundheitsbewegung gerade einen großen und herzlichen Aufschwung erfährt, gibt es täglich mehr praktische Möglichkeiten, das umzusetzen und mit ernährungs- und gesundheitsbewussten Menschen in Kontakt zu kommen. Die Rohkostmesse „Rohvolution“ findet sogar drei Mal im Jahr statt. Dort kann man persönliche Gespräche mit Herstellern, Naturärzten, Heilpraktikern und Rohköstlern führen. Unter germanygoesraw.de findet man eine Übersicht so genannter Roh-Potlucks (Potluck ist ein Begriff aus den USA und Kanada, der wörtlich übersetzt „Topfglück“ heißt, also frei interpretiert „es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“. Gemäß einem landesüblichen Brauchtum bringt bei einer Zusammenkunft von Bekannten (aber auch in Kirchengemeinden, Sportvereinen oder anderen Gruppen) jeder eine Speise mit, die für mehrere Teilnehmer reicht und dann mit allen geteilt wird. So entsteht ein mehrgängiges Buffet erlesener Delikatessen. Je größer die Gruppe, desto vielfältiger die Auswahl. Rohkost-Liebhaber treffen sich oft in den USA und Großbritannien zu solchen „Roh-Potlucks“. Quelle: rohkoestlich.com). In ganz Deutschland und beim Weltrohkosttag (weltrohkosttag.de) am 10. Oktober 2010 hat man ebenfalls die Möglichkeit, bei einem Potluck die Rohköstler in ihrer näheren Umgebung kennen zu lernen. Wenn jemand Heilungsberichte einer natürlichen Selbstheilung sucht, kann ich das Portal findeeineheilmethode.de empfehlen, das ich gerade gemeinsam mit den unzähligen Menschen aufbaue, die sich selbst geheilt haben.

Bodymedia: Eines der größten Probleme unserer heutigen Gesellschaft ist die Zunahme von Übergewichtigen und die daraus resultierenden Folgen für die Gesundheit. Was macht unsere Gesellschaft falsch? Wo liegen die größten Ursachen?
Stefan Hiene: So lange wir hier auf dieser Welt sind, muss alles im Gleichgewicht sein, sonst würden wir sofort untergehen. Homöostase ist das wichtigste Prinzip, das unserem Leben zugrunde liegt. Ohne Gleichgewicht funktioniert unser Leben nicht. Deshalb muss es dort, wo die Probleme auftreten, auch automatisch die dazugehörige Lösung geben. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass die wichtigsten Rohkost-Impulse derzeit aus den USA kommen, dem Land, im dem die Rohkost wahrscheinlich am meisten gebraucht wird. Bereits Paracelsus hat erkannt, dass nicht nur für jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist, sondern dass es sogar dort wächst, wo es gebraucht wird. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass in meinem Garten genau die Wildkräuter wachsen, die ich gerade am dringendsten brauche. Sepp Ott, ein erfahrener Wildkräuterführer in München, hat auf einer Kräuterwanderung einmal erzählt, dass er die Nelkenwurz, die bei Herz-Kreislauf-Beschwerden hilft, vor einigen Jahren noch wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen musste und teilweise wochenlang nicht gefunden hat. In dem Maß, in dem die Herz-Kreislauf-Krankheiten zugenommen haben, hat auch die Verbreitung der Nelkenwurz zugenommen. Heute kommt er an der Nelkenwurz gar nicht mehr vorbei. Wohin er auch schaut – überall Nelkenwurz! Es gibt eine tiefere Weisheit der Natur, als es die derzeitige Wissenschaft wahrhaben will. Systeme, die aus dem Gleichgewicht geraten, sterben. So lange wir leben gibt es also eine Lösung! Unser einziges „Problem“ in diesem Zusammenhang ist unser Bewusstsein bzw. unsere Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit, die wir den negativen Dingen schenken. Wenn wir davon ausgehen, dass es für unsere Probleme keine Lösung gibt, dann finden wir sie auch nicht. Wenn wir dagegen darauf vertrauen, dass für uns in jedem Moment auf perfekte Art und Weise gesorgt ist, dann gibt es gar nichts zu tun. Dann kommen die Lösungen derart deutlich und beinahe schon übermächtig in unser Leben, dass wir ihnen gar nicht mehr ausweichen können. Auch deshalb ist die Rohkostbewegung gar nicht aufzuhalten. Sie wird als notwendiges Gegengewicht zu vielen anderen Entwicklungen gebraucht, die die Welt sonst aus dem Gleichgewicht bringen würden.

Bodymedia: Wann waren Sie zum letzten Mal bei einem Arzt?
Stefan Hiene: Warum sollte ich zu einem Arzt gehen? Was kann mir ein Arzt bieten, was ich mir selbst nicht bieten kann? Eine Krankschreibung brauche ich nicht, da ich keinen Arbeitgeber habe, der diese verlangen könnte. Außerdem hatte ich schon seit sieben Jahren keine Erkältung mehr. Grippale Infekte, die ich früher regelmäßig ein bis zwei Mal im Jahr hatte, hörten bei mir auf als ich anfing, ausschließlich kalt zu duschen. Seitdem verstehe ich die Bezeichnung „Warmduscher“ auch ganz anders! Meine letzte große Verletzung, eine tiefe Fleischwunde bis zum Hüftknochen, habe ich mit Heilerde und viel Ruhe kuriert. Dabei konnte ich den Selbstheilungsprozess meines Körpers direkt beobachten. Das war ein faszinierendes Naturschauspiel, das mir sehr viel Vertrauen in die Heilkraft meines Körpers gegeben hat. Für mich fühlt sich außer der Notfallmedizin keine einzige der allgemein anerkannten und angewendeten „Behandlungsmethoden“ richtig an. Viele Ärzte, die ich bisher kennen gelernt habe, fühlten sich als Experte und Experten neigen dazu, mit Angst zu arbeiten bzw. Angst zu erzeugen. Das macht sie wichtiger als sie sind. Angst ist für mich ein guter Ratgeber. Ich merke das bei meinen Mountainbike Fahrtechniktrainings. Wenn jemand Angst hat, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass er diese Passage nicht schaffen wird und besser absteigen sollte, um sich durch leichtere Übungen an diese Schwierigkeitsstufe heranzutasten. Wenn mir etwas oder jemand Angst macht, drehe ich mich um und gehe. Deshalb spreche ich nur noch mit Ärzten, wenn sie mir als Freund begegnen und sie nicht ihr „Experte sein“ an mir ausleben wollen. Einige Ärzte finde ich sehr inspirierend und mit denen führe ich sehr gerne Gespräche über Gesundheit und Leistungsfähigkeit, die mich bereichern. Diese Gespräche veröffentliche ich auf meinem Blog. Vor kurzem habe ich mich zum Beispiel mit Dr. med. John Switzer getroffen und ein langes Interview mit ihm geführt. John ist der einzige Ayurveda-Arzt Europas und einer der wenigen weltweit, der seinen Patienten Rohkost empfiehlt. Ich mag seinen Pragmatismus und schätze es sehr, dass er sich Zeit für mich nimmt und sich mit mir auf einer Augenhöhe trifft. Wenn ein Arzt denkt, er sei ein Experte, dessen Ratschläge ich befolgen muss, damit es mir gut geht, kann ich mich nicht mehr auf der gleichen Ebene mit ihm treffen. Woher will der Arzt wissen, was gut für mich ist? War er schon einmal in meiner Situation? Hat er das schon einmal erlebt? Und wenn ja, warum sollte es bei mir genauso sein wie bei ihm? Ich habe lieber Freunde in meinem Umfeld, die mir zum richtigen Zeitpunkt oder wenn ich danach frage interessante Hinweise geben. Das können auch Ärzte sein. Aber dazu brauche ich mich in kein Wartezimmer zu setzen.

Bodymedia: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Torsten Rau

Stefan Hiene lebt seine Philosophie. Foto: Thorsten Jochim