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Tim Klüssendorf (SPD) im Interview: Warum Fitnessstudios stärker gesundheitspolitisch eingebunden werden müssen

Bildquelle: © Maximilian König

Tim Klüssendorf ist Generalsekretär der SPD. Wir befragten ihn im BODYMEDIA-Interview u. a. zur Rolle der Fitness- und Gesundheitsbranche in der Politik und wie sich seine Partei für die Interessen der Branche einsetzt.

BODYMEDIA: Die Fitness- und Gesundheitsbranche ist mit ca. 12 Millionen Mitgliedschaften ein zentraler Akteur im organisierten und nicht organisierten Sport. Dennoch empfindet ein Großteil der Branche zu wenig Wertschätzung auf sportpolitischer Ebene. Teilen Sie diese Einschätzung? Worauf ist das Ihrer Meinung nach zurückzuführen?

Tim Klüssendorf: Die Fitness- und Gesundheitsbranche leistet einen erheblichen Beitrag dazu, dass Menschen in Deutschland sportlich aktiv sind. 12 Millionen Mitgliedschaften sprechen für sich. Wenn Teile der Branche das Gefühl haben, sportpolitisch nicht ausreichend wahrgenommen zu werden, nehme ich das ernst. Richtig ist, dass der Vereinssport traditionell im Mittelpunkt der organisierten Sportpolitik steht, weil er auf einem starken Ehrenamt aufbaut und eine wichtige gesellschaftliche Infrastruktur bildet.

Fitnessstudios werden dagegen häufig dem Wirtschafts- oder Gesundheitsbereich zugeordnet. Sie sind dadurch in der sportpolitischen Debatte manchmal weniger sichtbar. Das bedeutet aber keine fehlende Wertschätzung: Gewerbliche Fitnessangebote, Vereinssport und selbstorganisierter Sport ergänzen sich und sind gemeinsam Teil eines vielfältigen Bewegungsökosystems, das wir stärken wollen. Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass Sport eine enorme Bedeutung für Prävention, Gesundheitsförderung und Rehabilitation hat. Diese Anerkennung schließt die Fitnessbranche ein.

BODYMEDIA: Wie kann die Politik die Anerkennung der Fitnessbranche als präventiver Gesundheitsakteur stärken?

Tim Klüssendorf: Im Koalitionsvertrag ist verankert, dass wir Sport und Gesundheit stärker zusammendenken wollen. In der vergangenen Legislaturperiode haben zwei Bewegungsgipfel der Bundesregierung sowie der „Runde Tisch Bewegung und Gesundheit“ wichtige Impulse gesetzt. Fitnessstudios können als niedrigschwellige, flächendeckende Orte aktiver Gesundheitsförderung eine tragende Rolle übernehmen. Ich finde es richtig, Fitness- und Gesundheitsanlagen künftig stärker in gesundheitspolitische Fragestellungen einzubinden. Diese Anerkennung müssen wir jetzt konsequent ausbauen und darauf hinwirken, dass sie stärker in die regionalen Versorgungsstrukturen eingebunden werden.

Tim Klüssendorf beim Fußball
Fußball ist Tim Klüssendorfs Leidenschaft. In Berlin schnürt er seine Schuhe für den FC Bundestag (Bildquelle: © Liesa Johannssen)

BODYMEDIA: Bewegungsmangel verursacht jährlich Milliardenschäden im Gesundheitssystem. Warum wird Training im Studio noch nicht stärker in Präventionsprogramme integriert? Gibt es diesbezüglich Bemühungen in Ihrer Partei, dies zukünftig zu ändern? Wenn ja, wie sehen die aktuellen Pläne aus?

Tim Klüssendorf: Bewegungsmangel ist eine der kostspieligsten vermeidbaren Erkrankungsursachen in Deutschland. Dass Studiotraining bislang nicht stärker in Präventionsprogramme eingebunden ist, liegt an einem grundlegenden Problem: Die Zuständigkeiten sind auf Bund, Länder, Kommunen und Krankenkassen verteilt, was abgestimmtes Handeln erschwert. Der Koalitionsvertrag 2025 stärkt nun den Grundsatz „Prävention vor Reha vor Rente“ ausdrücklich. Wir müssen diese Leitlinie auch auf die Bewegungsprävention übertragen und dabei qualifizierte Fitnessangebote einbeziehen. Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von professionell begleitetem Fitnesstraining als Präventionsmaßnahme ist inzwischen stark genug, um eine breitere politische Einbindung zu rechtfertigen.

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BODYMEDIA: Wie stehen Sie zu einer besseren Verzahnung von Fitness- und Gesundheitsstudios mit Krankenkassen – etwa über § 20 SGB V hinaus? In anderen Ländern übernehmen die Krankenkassen zumindest Anteile des Mitgliedschaftsbeitrags. Warum wird dieses Modell in Deutschland nicht umgesetzt

Tim Klüssendorf: Ich unterstütze eine stärkere Verzahnung von Prävention und alltagsnahen Angeboten mit den Krankenkassen. Ein solcher Ansatz ist in Deutschland bereits heute in Teilen umgesetzt. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen schon jetzt anteilig Kosten für gesundheitsfördernde Maßnahmen in Fitness- und Gesundheitsstudios, sofern diese zertifiziert sind. Zudem haben einige Krankenkassen Kooperationsverträge mit Fitnessstudios abgeschlossen, sodass ihre Versicherten Rabatte auf die monatlichen Mitgliedsbeiträge erhalten. Entscheidend ist für uns, dass Prävention zielgerichtet, qualitätsgesichert und für alle zugänglich ist. Deshalb setzen wir nicht auf pauschale Zuschüsse, sondern auf eine stärkere, systematische Verankerung von Prävention sowie auf niedrigschwellige Angebote vor Ort.

BODYMEDIA: Kürzlich wurde im Bundestag eine Petition „Grundrecht auf Gesundheit“ eingereicht. Die Unterstützer fordern, Gesundheit als eigenes Grundrecht im Grundgesetz zu verankern. Wie stehen Sie dazu?

Tim Klüssendorf: Die SPD setzt sich dafür ein, Sport als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern. Das wäre ein starkes verfassungsrechtliches Signal, dass körperliche Aktivität und Bewegung zum gesellschaftlichen Fundament gehören. Leider ist dieses Vorhaben in der vergangenen Legislaturperiode am Widerstand der Union gescheitert. Für Grundgesetzänderungen sind bekanntlich Zweidrittelmehrheiten in Bundestag und Bundesrat erforderlich. Wir werden aber weiter dafür werben, weil ein solches Bekenntnis im Grundgesetz auch die Präventionstätigkeit aller Sportakteure politisch aufwerten würde.

BODYMEDIA: Viele Studiobetreiber kämpfen mit steigenden Energie- und Personalkosten. Welche konkreten Entlastungen plant die Politik für mittelständische Fitnessunternehmen?

Tim Klüssendorf: Steigende Energie- und Personalkosten belasten den gesamten Mittelstand. Gerade durch die aktuellen geopolitischen Entwicklungen wird das Thema Energiekosten erneut drängender. Die SPD steht für eine Wirtschaftspolitik, die mittelständische Unternehmen handlungsfähig hält. Das schließt Maßnahmen zur Energiepreisstabilisierung, eine faire Mindestlohnentwicklung und bürokratische Entlastung für kleinere und mittlere Unternehmen ein. Fitnessstudios als arbeitsintensive und energieverbrauchende Dienstleister müssen bei der Ausgestaltung solcher Maßnahmen mitgedacht werden.

BODYMEDIA: Immer mehr Sportvereine verfügen über ein professionelles Fitnessangebot, das dem von Fitnessstudios nahekommt. Im Gegensatz zu den Studios profitieren Vereine von staatlicher Förderung. Sollte es hier eine klarere Abgrenzung zwischen gemeinnützigen Sportvereinen und gewerblichen Fitnessanbietern geben? Wie kann eine faire Koexistenz gelingen?

Tim Klüssendorf: Sportvereine und Fitnessstudios sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden – beide haben ihre Berechtigung und erfüllen unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen. Wichtig ist dabei ein nüchterner Blick auf die Förderwirklichkeit: Bundesförderung für Vereine erfolgt nicht flächendeckend, sondern immer projektbezogen und an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Gleichzeitig gibt es auch für Unternehmen Förderprogramme, von denen Fitnessstudios grundsätzlich profitieren können. Was ich befürworte, ist Transparenz darüber, wo Förderung fließt, und eine ehrliche Debatte darüber, ob die bestehenden Kriterien dem heutigen vielfältigen Sportangebot noch gerecht werden. Eine faire Koexistenz entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch klare, nachvollziehbare und gleichermaßen anwendbare Regeln für alle Akteure im Bewegungsbereich.

BODYMEDIA: Welche Themen haben für die SPD im Bereich Sport und Gesundheit derzeit Priorität und welche konkrete Rolle spielen Fitnessstudios dabei?

Tim Klüssendorf: Ein wichtiges Ziel ist die Bekämpfung des Bewegungsmangels in der Bevölkerung – das ist, wie gesagt, auch im Koalitionsvertrag als gesellschaftliche Priorität verankert. Sportpolitisch steht dafür die Sanierung der Sportstätteninfrastruktur ganz oben: Sporthallen, Schwimmbäder und Außenanlagen sind in vielen Kommunen in einem kritischen Zustand und die dafür vorgesehene Investition von mindestens 1 Milliarde Euro ist ein wichtiges Signal.

Die Deutsche Olympiabewerbung fördern wir, auch weil wir davon einen Schub für den Breitensport erwarten. Darüber hinaus treiben wir das neue Sportfördergesetz voran, das die Spitzensportförderung effizienter und weniger bürokratisch gestalten soll. Fitnessstudios spielen dabei vor allem im Schnittfeld von Sport und Gesundheitsprävention eine wichtige Rolle: Sie sind Orte um die Ecke, an denen Menschen aller Altersgruppen regelmäßige Bewegung finden. Dieses Potenzial wollen wir stärker in unsere Präventionsstrategie einbinden.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview.

Bildquelle: © Maximilian König

Der Autor

  • Constantin Wilser

    Constantin Wilser ist seit 2006 in der Fitnessbranche als Redakteur tätig. Davor absolvierte er sein Bachelor-Studium der Sportwissenschaften am KIT in Karlsruhe. Seit 2019 ist er Bestandteil des BODYMEDIA-Redaktionsteams. Seit Anfang 2023 ist er Chefredakteur. In seiner Freizeit trainiert der Fußball-Fan gerne im Studio, geht laufen oder fiebert im Fußball-Stadion mit.

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