Das Wichtigste in Kürze
- Vom Geschäftsmodell zur Unternehmensqualität: Gute Therapie, genug Verordnungen und volle Terminbücher reichen für die nächsten zehn Jahre nicht mehr. Die Zukunft der Physiotherapie entscheidet sich in der Qualität der Unternehmen, nicht allein über die Vergütung.
- Mitarbeiter-Journey und Führung professionalisieren: Statt Obstkorb und Jobrad braucht es echte Zukunftsperspektiven mit eigenen Entwicklungspfaden für Führungs- und Expertenrollen. Führung ist kein Nebenjob, sondern eine eigene Kompetenz, die Wertschätzung und Anspruch verbindet.
- Wirtschaftlichkeit und KI als Hebel: Wirtschaftlichkeit finanziert Qualität, und Kennzahlen helfen, Probleme früher zu erkennen. KI ersetzt keine Therapeuten, entlastet aber von Administration, denn die knappste Ressource ist die Zeit guter Menschen.
- Gesundheit größer denken: Patienten wollen Lebensqualität zurück, nicht sechs Einheiten Krankengymnastik. Wer Training, Prävention und langfristige Begleitung an die Therapie anschließt und von anderen lernt, wird vom Leistungserbringer zum Gesundheitsgestalter.
51.631 Physiotherapiepraxen gibt es mittlerweile in Deutschland. Die Nachfrage nach unseren Leistungen ist hoch, gleichzeitig arbeiten mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Teilzeit, die verfügbare Arbeitskraft je Praxis sinkt und offene Stellen bleiben lange unbesetzt. Während der Bedarf an physiotherapeutischer Versorgung wächst, werden zudem die finanziellen Spielräume im Gesundheitssystem wieder enger. Man könnte daraus eine ziemlich düstere Geschichte über die Zukunft der Physiotherapie schreiben. Ich sehe das anders.
Vielleicht stehen wir nicht vor der Krise unserer Branche, sondern vor dem Ende eines Geschäftsmodells: eines Geschäftsmodells, in dem eine gute Physiotherapiepraxis vor allem daraus bestand, gute Therapie anzubieten, genügend Verordnungen zu bekommen und möglichst viele Behandlungstermine zu vergeben. Das hat lange funktioniert. Für die kommenden zehn Jahre wird es nicht reichen. Denn die Zukunft der Physiotherapie entscheidet sich nicht allein auf der Behandlungsliege. Sie entscheidet sich in der Qualität unserer Unternehmen.
Was wären 10 % mehr Vergütung wirklich wert?
Stellen wir uns vor, wir bekämen morgen 10 % mehr Vergütung. Natürlich wäre das gut. Unsere Arbeit verdient eine angemessene Bezahlung und selbstverständlich brauchen wir vernünftige politische Rahmenbedingungen. Aber wären unsere Probleme damit gelöst? Hätten wir plötzlich genügend Physiotherapeuten, bessere Führungskräfte, effizientere Prozesse, weniger Bürokratie, klare Entwicklungsperspektiven für unsere Mitarbeitenden oder bessere Daten über unsere Unternehmen? Wahrscheinlich nicht. Genau deshalb halte ich es für gefährlich, wenn wir die Zukunft unserer Branche hauptsächlich über Vergütung diskutieren.

Die Aufgabe eines guten Unternehmers ist es, ein Unternehmen zu bauen, in dem viele andere Menschen jeden Tag möglichst gute Therapie machen können (Bildquelle: © Vitova Health GmbH & Co. KG)
Natürlich müssen wir für gute Rahmenbedingungen kämpfen. Aber wir sollten nicht darauf warten, dass die Politik unsere unternehmerischen Probleme löst. Das wird sie nicht. Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht nur: Was bekommen wir künftig für eine Behandlung? Viel wichtiger ist die Frage: Wie bauen wir Unternehmen, die auch unter schwierigeren Rahmenbedingungen erfolgreich bleiben und gleichzeitig eine hohe Versorgungsqualität ermöglichen?
Aus guten Praxen müssen gute Unternehmen werden
Ich bin Physiotherapeut. Aber je größer unser eigenes Unternehmen geworden ist, desto stärker hat sich meine Aufgabe verändert. Am Anfang beschäftigt man sich vor allem mit Patienten, Therapie und dem eigenen Kalender. Mit zunehmender Unternehmensgröße kommen Mitarbeitende, Führung, Auslastung, Recruiting, Prozesse, Qualität, Digitalisierung, Kennzahlen und Unternehmenskultur hinzu. Irgendwann habe ich verstanden, dass meine wichtigste Aufgabe als Unternehmer nicht mehr darin besteht, selbst möglichst gute Therapie zu machen. Meine Aufgabe ist es, ein Unternehmen zu bauen, in dem viele andere Menschen jeden Tag möglichst gute Therapie machen können.
Dieser Unterschied klingt zunächst klein, verändert aber den Blick auf eine Praxis grundlegend. Wir müssen Physiotherapiepraxen nicht nur fachlich weiterentwickeln, sondern anfangen, sie konsequent als Unternehmen zu entwickeln. Gute Therapie bleibt das Herzstück. Aber gute Therapie braucht heute professionelle Strukturen, gute Führung und wirtschaftliche Stabilität, um dauerhaft möglich zu sein.
Vielleicht haben wir nicht nurein Recruitingproblem
„Wir finden keine Mitarbeiter.“ Diesen Satz höre ich von Praxisinhabern ständig und das Problem ist ohne Zweifel real. Trotzdem stelle ich inzwischen eine andere Frage: Warum sollte sich ein richtig guter Physiotherapeut heute dafür entscheiden, die nächsten zehn Jahre in meinem Unternehmen zu verbringen? Nicht zehn Monate, sondern zehn Jahre.
Ein Obstkorb, ein Jobrad, flexible Arbeitszeiten oder ein paar Euro mehr Stundenlohn werden darauf langfristig keine ausreichende Antwort sei n. Menschen wollen wissen, welche Zukunft sie in einem Unternehmen haben. Deshalb sollten wir genauso professionell über eine Mitarbeiter-Journey nachdenken, wie wir seit Jahren über die Patienten-Journey sprechen. Wie erlebt ein Bewerber den ersten Kontakt? Wie gut ist das Onboarding? Wer begleitet Berufsanfänger? Welche Kompetenzen können sie entwickeln? Welche Verantwortung können sie übernehmen? Und was bieten wir einer hervorragenden Therapeutin, die fachlich wachsen möchte, aber keine Führungskraft werden will? Karriere darf in der Physiotherapie nicht länger nur Praxisleitung oder eigene Praxis bedeuten.
Wir brauchen unterschiedliche Entwicklungspfade: Führung für diejenigen, die Menschen entwickeln wollen, und Expertenrollen für diejenigen, die therapeutisch exzellent werden möchten. Wir brauchen Mentoren, Spezialisten und Menschen, die ihr Wissen im Unternehmen weitergeben. Wenn wir Fachkräfte langfristig binden wollen, müssen wir ihnen deshalb mehr als einen Arbeitsplatz anbieten. Wir müssen ihnen eine Zukunft anbieten.
Führung ist kein Nebenjob mehr
Damit kommen wir zu einem Punkt, den wir in der Physiotherapie lange unterschätzt haben: Führung. Viele hervorragende Physiotherapeuten werden irgendwann Praxisleitung, weil sie fachlich gut sind. Aber ein guter Therapeut ist nicht automatisch eine gute Führungskraft. Das sind unterschiedliche Kompetenzen und genau deshalb müssen wir Führung genauso professionell entwickeln wie fachliche Qualifikation.

Menschen wollen nicht Physiotherapie. Sie wollen Lebensqualität zurück. Wer ein längerfristiges Begleitungsangebot in Form einer Trainingstherapie anbietet, kann ihnen das ermöglichen (© Vitova Health GmbH & Co. KG)
Führung bedeutet heute weit mehr, als Dienstpläne zu schreiben, Urlaubsanträge freizugeben und einzuspringen, wenn jemand krank wird. Führung bedeutet für mich vor allem, Menschen erfolgreicher zu machen: Potenziale zu erkennen, Erwartungen klar zu formulieren, Feedback zu geben, Verantwortung zu übertragen und Entwicklung zu ermöglichen. Gleichzeitig gehört auch dazu, Leistung einzufordern. Eine gute Unternehmenskultur entsteht nicht dadurch, dass wir jede Erwartung an Mitarbeitende abschaffen. Sie entsteht dort, wo Wertschätzung und Anspruch zusammenkommen, wo Menschen wissen: Hier werde ich gesehen, hier kann ich wachsen und hier wird gleichzeitig etwas von mir erwartet.
Wirtschaftlichkeit finanziert Qualität
Vielleicht müssen wir als Branche auch beim Thema Wirtschaftlichkeit selbstbewusster werden. Über Geld, Produktivität und wirtschaftlichen Erfolg sprechen wir manchmal fast entschuldigend, als würden gute Therapie und wirtschaftlicher Erfolg nicht zusammenpassen. Ich sehe das genau umgekehrt: Wirtschaftlichkeit ist keine Gegenspielerin von Qualität. Sie finanziert Qualität.
Wirtschaftlich gesunde Unternehmen können gute Gehälter zahlen, Weiterbildung ermöglichen, Führungskräften Zeit für ihre Teams geben, moderne Strukturen schaffen und in Digitalisierung und Innovation investieren. Ein Unternehmen ohne wirtschaftlichen Spielraum optimiert dagegen irgendwann nur noch sein Überleben. Deshalb müssen wir unsere Unternehmen wirklich verstehen, und zwar nicht nur über den Kontostand. Auslastung, Produktivität, Personalkosten, Patientenströme, Terminausfälle, Mitarbeiterentwicklung und Qualität gehören für mich genauso dazu. Denn was wir nicht messen, können wir nur vermuten. Und Vermutungen sind eine schlechte Grundlage für unternehmerische Entscheidungen.
Das bedeutet nicht, einen Menschen auf eine Kennzahl zu reduzieren. Im Gegenteil: Gute Kennzahlen helfen uns dabei, Probleme früher zu erkennen und bessere Entscheidungen für Menschen zu treffen. Wirtschaftliche Steuerung und Menschlichkeit sind deshalb für mich kein Widerspruch. Richtig eingesetzt, ermöglicht das eine das andere.
KI ersetzt vielleicht nicht denTherapeuten, aber den schlechten Prozess
Kaum ein Thema verändert unsere Arbeitswelt derzeit so schnell wie Künstliche Intelligenz. Dabei finde ich die Frage, ob KI irgendwann Physiotherapeuten ersetzen wird, relativ uninteres sant. Das wird sie nicht. Viel spannender ist die Frage, wie KI die Organisation von Physiotherapieunternehmen verändern wird und welche Aufgaben wir in fünf Jahren überhaupt noch von Menschen erledigen lassen wollen.
Muss ein Mensch jedes Telefonat annehmen, jeden Termin verschieben, jede Standardmail schreiben, jeden Therapiebericht manuell erstellen oder Informationen mehrfach von einem System in ein anderes übertragen? Ich glaube nicht. Telefonie, Terminmanagement, Patientenkommunikation, Dokumentation, Controlling und Wissensmanagement werden sich in den kommenden Jahren massiv verändern. Und das ist eine gute Nachricht, denn die knappste Ressource unserer Branche ist aus meiner Sicht nicht Geld. Es ist die Zeit guter Menschen.

Eine der größten Chancen der Branche ist, dass nach der Therapie als Ausgangspunkt Training, Prävention, Bewegung, Wissen und langfristige Gesundheitsbegleitung folgen (Bildquelle: © Vitova Health GmbH & Co. KG)
Jede Stunde, die eine gute Therapeutin oder ein guter Therapeut mit vermeidbarer Administration verbringt, fehlt an einer Stelle, an der diese Fähigkeiten wesentlich wertvoller wären: beim Patienten, bei Kollegen, in der fachlichen Entwicklung oder in der Führung. Digitalisierung darf deshalb nicht bedeuten, Menschen einfach durch Technologie zu ersetzen. Sie sollte Menschen von Arbeit befreien, für die wir ihre Fähigkeiten eigentlich gar nicht brauchen.
Gleichzeitig sollten wir nicht dem Irrtum erliegen, dass Technologie automatisch bessere Unternehmen schafft. Ein schlechter Prozess bleibt auch mit KI ein schlechter Prozess, eine schlechte Führungskraft wird durch ein Dashboard keine gute Führungskraft und eine Unternehmenskultur entsteht nicht durch Software. Deshalb glaube ich an ein scheinbares Paradox: Je digitaler unsere Unternehmen werden, desto wichtiger wird der Mensch. Empathie, Verantwortung, klinisches Denken, Kommunikation, Führung und Kreativität gewinnen an Bedeutung. Technologie sollte dort übernehmen, wo Standardisierung sinnvoll ist. Menschen sollten ihre Zeit dort einsetzen, wo Menschlichkeit den Unterschied macht.
Die nächste große Chance beginnt nach der letzten Behandlung
Neben der Art, wie wir unsere Unternehmen organisieren, sollten wir auch hinterfragen, was unser eigentliches Produkt ist. Patienten wollen nicht sechs Einheiten Krankengymnastik. Sie wollen wieder Tennis spielen, mit ihren Kindern auf dem Boden sitzen können, schmerzfrei arbeiten, wieder laufen oder einfach keine Angst mehr vor Bewegung haben. Menschen wollen nicht Physiotherapie. Sie wollen Lebensqualität zurück.
Wenn wir das ernst nehmen, verändert sich unser Auftrag. Dann endet unser Denken nicht automatisch mit der letzten Verordnung. Therapie kann der Ausgangspunkt sein, danach können Training, Prävention, Bewegung, Wissen und langfristige Gesundheitsbegleitung folgen. Genau darin sehe ich eine der größten Chancen unserer Branche. Es geht nicht darum, sich von der Physiotherapie zu entfernen, sondern Gesundheit größer als eine einzelne physiotherapeutische Behandlung zu denken. Wir können uns vom reinen Leistungserbringer stärker zum Gesundheitsgestalter entwickeln.
Diese Entwicklung ist für mich übrigens kein Gegensatz zur klassischen Physiotherapie. Im Gegenteil: Unsere therapeutische Kompetenz ist genau das Fundament, von dem aus wir Menschen langfristig begleiten können. Wenn wir es richtig machen, entsteht daraus sowohl ein Mehrwert für Patienten als auch eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit unserer Unternehmen.
Wissen allein ist kein Wettbewerbsvorteil mehr
Eine weitere Erkenntnis hat sich bei mir in den vergangenen Jahren verändert. Früher dachte ich häufig, wir müssten für jedes Problem selbst die beste Lösung entwickeln. Heute denke ich: Wir müssen vor allem wissen, wer das Problem bereits besser gelöst hat als wir. Warum sollte jede Physiotherapiepraxis unabhängig voneinander überlegen, wie gutes Onboarding funktioniert, wie Mitarbeiterentwicklung gelingt, wie KI sinnvoll eingesetzt wird, wie Kennzahlen aufgebaut werden oder wie Führungskräfte entwickelt werden? Viele gute Lösungen existieren bereits. Wir teilen sie nur zu wenig. Genau aus dieser Überzeugung haben wir POSITION mitgegründet: nicht, weil wir glauben, auf jede Frage die beste Antwort zu haben, sondern weil unsere Branche schneller wird, wenn wir voneinander lernen, Daten nutzen und funktionierende Lösungen übertragen.
Wissen allein verliert in einer Welt, in der Informationen innerhalb von Sekunden verfügbar sind, als Wettbewerbsvorteil an Bedeutung. Viel wichtiger wird die Fähigkeit, die richtigen Informationen zu erkennen, sie mit eigenen Erfahrungen und Daten zu verbinden und daraus tatsächlich Veränderungen abzuleiten. Der Wettbewerbsvorteil der Zukunft ist deshalb nicht Wissen. Es sind Lerngeschwindigkeit und Umsetzung.
Die Physiotherapie 2035 wird heute gebaut
Ich weiß nicht, wie unsere Branche 2035 genau aussehen wird. Aber ich habe eine ziemlich klare Vorstellung davon, welche Unternehmen dann erfolgreich sein werden. Es werden Unternehmen sein, die lernen können, gute Menschen gewinnen und entwickeln und Führung ernst nehmen. Unternehmen, die ihre Zahlen kennen, ohne den Menschen dahinter zu vergessen, Technologie konsequent dort einsetzen, wo sie Menschen entlastet, Qualität nicht nur behaupten, sondern sichtbar machen, und verstanden haben, dass Gesundheit größer ist als eine Verordnung.
Natürlich brauchen wir dafür vernünftige politische Rahmenbedingungen und selbstverständlich müssen wir für eine angemessene Vergütung unserer Leistungen kämpfen. Aber wir sollten der Politik nicht die Verantwortung für unsere unternehmerische Zukunft übertragen. Berlin entscheidet über Gesetze und die Kostenträger beeinflussen wesentliche Rahmenbedingungen. Aber wir entscheiden jeden Morgen, was für ein Unternehmen wir daraus machen. Wir entscheiden, wen wir einstellen, wie wir führen, was wir messen, worin wir investieren, welche Qualität wir akzeptieren, welche Technologie wir einsetzen und wie groß wir Gesundheit denken.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage für die kommenden Jahre nicht nur: Was wird die Politik für die Physiotherapie tun? Vielleicht sollten wir uns viel häufiger fragen: Was darf die Gesellschaft künftig von uns erwarten? Meine Antwort darauf lautet: mehr als Behandlung, mehr als Verordnung und mehr als die Verwaltung des Status quo. Sie darf erwarten, dass wir Verantwortung übernehmen. Gesundheitspolitik setzt den Rahmen. Aber die Zukunft der Physiotherapie entsteht nicht in Berlin. Sie entsteht jeden Morgen, wenn wir unsere Praxistür öffnen.
Bildquelle Header: © Vitova Health GmbH & Co. KG