BODYMEDIA: Welchen Führungsfehler sehen Sie in mittelständischen Fitnessunternehmen am häufigsten?
Raphael Stenzhorn: Der eine Fehler, der mir immer wieder begegnet, ist dieser: Der Inhaber ist noch Selbstständiger – kein Unternehmer. Er arbeitet täglich im Unternehmen, statt am Unternehmen. Er ist gleichzeitig Trainer, Ansprechpartner für jedes Mitarbeiterproblem, Konfliktlöser, manchmal noch Rezeptionist – und wundert sich dann, warum er abends erschöpft ist und das Unternehmen trotzdem nicht vorankommt. Das eigentliche Problem ist: Er ist der Engpass seines eigenen Unternehmens. Und solange das so bleibt, kann das Studio oder die Praxis nicht wachsen – weil alles an einer einzigen Person hängt.
Was dahintersteckt, ist oft ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber dem eigenen Team. Man denkt: „Wenn ich es nicht selbst mache, wird es nicht richtig gemacht.“ Und genau das ist die Falle. Denn wer seinen Mitarbeitern nicht vertraut, wird sie nie in die Lage versetzen, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Der Chef löst Probleme, statt Strukturen zu schaffen, die Probleme verhindern. Das ist der Unterschied zwischen Selbstständigen und echten Unternehmern.
BODYMEDIA: Wie schafft man es, dass Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, statt ständig auf Anweisungen zu warten?
Raphael Stenzhorn: Zunächst eine unbequeme Wahrheit: Wenn Mitarbeiter ständig auf Anweisungen warten, ist das kein Charakterproblem der Mitarbeiter – das ist ein Führungsproblem. Mitarbeiter warten auf Anweisungen, weil sie nie gelernt haben, anders zu arbeiten. Weil niemand ihnen je klar gesagt hat, was erwartet wird, wie Entscheidungen getroffen werden sollen und wo ihre Verantwortung beginnt und endet.
Eigenverantwortung entsteht nicht von allein. Sie muss ermöglicht werden – durch klare Rollenbeschreibungen, durch regelmäßige Mitarbeitergespräche mit konkreten Zielen und ehrlichem Feedback, und durch einen Chef, der bereit ist, loszulassen. Nicht blind – aber mit einem klaren Rahmen.
Und dann ist da noch etwas, das viele unterschätzen: Wer Eigenverantwortung von seinen Mitarbeitern fordert, muss sie selbst vorleben. Wer als Chef Dinge nicht zu Ende bringt, Entscheidungen vor sich herschiebt und Verbindlichkeit vermeidet – der hat kein Recht, das von seinem Team einzufordern. Führung beginnt immer bei einem selbst.
BODYMEDIA: Wie schafft man Leistungsorientierung, ohne dass die Unternehmenskultur toxisch wird?
Raphael Stenzhorn: Das ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt – und ich erlebe, dass viele Unternehmer hier in einen falschen Gegensatz verfallen. Sie denken, sie müssen wählen: entweder Leistung oder ein gutes Miteinander. Das stimmt nicht. Toxisch wird eine Unternehmenskultur nicht durch hohe Erwartungen. Toxisch wird sie, wenn Leistung gefordert, aber nie anerkannt wird. Wenn Regeln für manche gelten und für andere nicht. Wenn schlechte Leistung dauerhaft ohne Konsequenz bleibt. Und genau da liegt der eigentliche Kulturkiller: Gute Mitarbeiter gehen, weil schlechte bleiben dürfen. Das erlebe ich in der Praxis immer wieder. Wenn ein Unternehmer nicht bereit ist, klare Konsequenzen zu ziehen, bestraft er damit seine besten Leute – die nämlich sehen, dass Einsatz und Gleichgültigkeit gleich behandelt werden.
Das Fundament einer gesunden Leistungskultur sind klare Werte: Was ist in diesem Unternehmen erwünscht, was nicht? Wer das transparent macht und konsequent lebt, kann hohe Erwartungen stellen – und gleichzeitig ein Umfeld schaffen, in dem Menschen gerne arbeiten und wachsen wollen.
BODYMEDIA: Viele Führungskräfte glauben, sie hätten klar kommuniziert – das Team sieht das anders. Warum entsteht diese Lücke so oft?
Raphael Stenzhorn: Weil Klarheit nicht das ist, was der Chef sagt – sondern das, was beim Mitarbeiter ankommt. Das ist ein entscheidender Unterschied, den viele nie wirklich verinnerlicht haben. Ich erlebe das regelmäßig: Ein Inhaber gibt eine Anweisung, ist überzeugt, alles gesagt zu haben – und ist dann frustriert, wenn das Ergebnis nicht seinen Erwartungen entspricht. Aber was er als klar empfunden hat, war für den Mitarbeiter vielleicht die Hälfte der nötigen Information. Weil keine Zeit war. Weil man dachte, das sei selbstverständlich. Weil man keine Rückkopplungsschleife eingebaut hat – also nie gefragt hat: „Was hast du verstanden? Was wirst du jetzt tun?“
Dazu kommt: Viele Unternehmer vermeiden strukturierte Kommunikation, weil sie Meetings als Zeitverschwendung betrachten. Das ist ein teurer Irrtum. Nicht Meetings kosten Zeit – unklare Kommunikation kostet Zeit. Und Geld. Und Nerven. Der Informationsfluss im Unternehmen muss aktiv gesichert werden – er passiert nicht von allein.
BODYMEDIA: Die Gen Z wird oft als „schwierig zu führen“ beschrieben. Ist da etwas dran – oder zeigt sich hier nur schlechte Führung alter Schule?
Raphael Stenzhorn: Beides. Ich sage das bewusst, weil ich es für unehrlich halte, die Verantwortung nur auf eine Seite zu schieben. Ja, es gibt junge Menschen, die mit völlig unrealistischen Erwartungen in den Arbeitsmarkt starten. Arbeit wird nicht immer Selbstverwirklichung sein. Nicht jedes Unternehmen wird sofort alle Wünsche erfüllen können. Das muss man klar sagen dürfen.
Aber – und das ist entscheidend – der Mythos, die Gen Z sei faul, stimmt schlicht nicht. Aktuelle Zahlen zeigen: Junge Menschen arbeiten heute so viel wie seit Langem nicht mehr. Sie arbeiten nur anders. Sie stellen Fragen, die frühere Generationen geschluckt haben. Sie wollen wissen, warum etwas so gemacht wird. Sie wollen Sinn, Klarheit, Entwicklungsperspektive und Wertschätzung. Und wissen Sie was? Das sind eigentlich Grundbedürfnisse aller Mitarbeiter – die Gen Z toleriert es nur nicht mehr, wenn sie nicht erfüllt werden.
Wer als Chef sagt „früher hat das funktioniert“ – der hat vielleicht früher einfach nicht hingeschaut. Schlechte Führung hat es immer gegeben. Sie wird heute nur sichtbarer. Wer sich als Unternehmer jetzt anpasst und wirklich gut führt, wird zum Magneten für die besten Talente. Das ist keine Bedrohung – das ist eine Chance.
BODYMEDIA: Sie betonen die Bedeutung von Prozessen. Viele Unternehmer haben aber Angst, dass dadurch die Kultur zu unpersönlich wird. Wie sehen Sie das?
Raphael Stenzhorn: Diese Angst verstehe ich – aber sie ist unbegründet. Im Gegenteil: Prozesse schaffen nicht weniger Menschlichkeit. Sie schaffen mehr Zeit dafür. Schauen Sie sich an, wie ein Fitnessstudio ohne klare Abläufe funktioniert: Jeder macht, wie er denkt. Jeder Mitarbeiter löst dieselbe Situation anders. Der Chef wird ständig gefragt, weil niemand weiß, wie etwas gehandhabt werden soll. Das kostet täglich Energie – und zwar auf allen Seiten. Und in diesem Chaos hat niemand Zeit für echte Beziehungen, für Entwicklungsgespräche, für Kultur.
Wenn der Chef nicht mehr jeden Brand selbst löscht, weil klare Prozesse das verhindern, hat er plötzlich Zeit für das, was wirklich zählt: Menschen führen, Visionen entwickeln und die Kultur aktiv gestalten. Prozesse sind kein Widerspruch zur Persönlichkeit – sie sind deren Voraussetzung. Ein Unternehmen, das auf den Chef angewiesen ist, damit es läuft, ist kein Unternehmen. Es ist ein Job mit Mitarbeitern.
BODYMEDIA: Wie schafft man es als Unternehmer, mehr Zeit für sein Privatleben zu gewinnen, gleichzeitig die Produktivität der Mitarbeiter zu steigern und auch noch mehr Gewinn zu erwirtschaften?
Raphael Stenzhorn: Das klingt für viele nach einem Widerspruch. Ich weiß das, weil mir genau das früher auch so vorkam. Ich war selbst jahrelang in diesem Hamsterrad – 80-Stunden-Wochen, ständig erreichbar, das Unternehmen immer im Kopf, auch am Küchentisch und im Urlaub.
Der Schlüssel liegt in einem einzigen Gedanken: Das Unternehmen muss auch ohne den Chef funktionieren. Nicht manchmal. Nicht im Urlaub mit schlechtem Gewissen. Sondern strukturell. Und das ist kein Zufall – das ist das Ergebnis konsequenter Arbeit an drei Hebeln.
Erstens: klare Strukturen und Prozesse, die Entscheidungen vom Chef auf das System verlagern. Zweitens: ein Team, das echte Eigenverantwortung trägt – weil es weiß, was erwartet wird, und die Werkzeuge haben, um es umzusetzen. Drittens: messbare Kennzahlen, die dem Unternehmer auf einen Blick zeigen, wo sein Unternehmen steht – ohne dass er täglich im Tagesgeschäft präsent sein muss.
Mehr Gewinn entsteht dabei oft nicht durch mehr Umsatz, sondern durch weniger Verschwendung. Unklare Prozesse, unnötige Fehler, hohe Fluktuation – das kostet täglich Geld, das die meisten Inhaber nie wirklich beziffern. Wer das abstellt, hat oft mehr Spielraum, als er dachte. Und mehr Zeit für das, was wirklich zählt.
BODYMEDIA: Wenn Sie einem Fitnessstudioinhaber nur drei Führungsregeln mitgeben dürften – welche wären das?
Raphael Stenzhorn: Drei Regeln – das ist eine gute Übung, weil sie zur Klarheit zwingt.
Erstens: Führen Sie sich zuerst selbst. Wer sich selbst nicht im Griff hat – seine Zeit, seine Entscheidungen, seine Emotionen –, kann kein Team führen. Als Unternehmer habe ich das Recht, einen schlechten Tag zu haben. Aber ich habe die Pflicht, ihn nicht an meinen Mitarbeitern auszulassen. Disziplin, Verlässlichkeit und Klarheit beginnen immer beim Chef. Immer.
Zweitens: Schaffen Sie Klarheit – in Rollen, Erwartungen und Konsequenzen. Ihr Team kann nur liefern, was es versteht. Unklarheit ist nie das Problem der Mitarbeiter – sie ist immer Chefsache. Wer das akzeptiert, hört auf, frustriert zu sein, und fängt an, die richtigen Fragen zu stellen.
Drittens: Trennen Sie Sympathie von Konsequenz. Sie können Ihr Team mögen, wertschätzen und trotzdem klare Grenzen setzen. Das ist kein Widerspruch – das ist gute Führung. Wer das nicht tut, verliert auf Dauer die Besten. Und behält die Falschen.
BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview.
Bildquelle: © Raphael Stenzhorn GmbH