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Was Unternehmer von der Tour de France über Führung lernen können

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Es ist Ende Juli. Hunderttausende Menschen säumen die Straßen rund um die Champs-Élysées in Paris. Millionen schauen die Live-Übertragungen. Sie alle bejubeln einen bunten Haufen von schnell radfahrenden Menschen. Darunter der Sieger der Tour de France. Der Mann im gelben Trikot. 2026 umfasste die Tour insgesamt 3.333 Kilometer auf 21 Etappen. Knapp 55.000 Höhenmeter standen zwischen den Fahrern vom Start in Barcelona und dem Ziel in Paris. Der Sieger wurde auf den Champs-Élysées gefeiert. Gewonnen hat er das Rennen hier jedoch nicht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ziele allein reichen nicht: Ziele geben nur die Richtung vor, echte Veränderung entsteht aber erst durch die tägliche Umsetzung kleiner, konsequenter Entscheidungen über einen langen Zeitraum.
  • Drei Planungs-Zyklen wie im Leistungssport: Langfristige Vision (Makrozyklus), mittelfristige Etappenziele (Mesozyklus) und die konkrete Tagesplanung (Mikrozyklus) greifen ineinander – im Sport wie im eigenen Business.
  • Der „sweet spot" der SMART-Formel: Ziele sollten weder zu leicht (Komfortzone) noch zu schwer (Panikzone) sein, sondern in der Wachstumszone liegen, in der echte Anstrengung gefordert wird.
  • Identität statt Motivation: Der Vergleich zwischen Pogačar und Jan Ullrich zeigt: Nicht fehlende Motivation entscheidet über Erfolg, sondern ob man bereit ist, sich täglich mit den nötigen Routinen zu identifizieren.Die Tour de France wird in den Jahren davor gewonnen. In der Entscheidung, wie Trainingsblöcke gesetzt werden. Wie regeneriert wird. Wie viel Disziplin im Winter davor gelebt wird. Welche positiven Routinen des eigenen Lebensstils man sich als Fahrer anlernt. Summa summarum bedeutet das: Das größte Radrennen der Welt wird in kleinen Entscheidungen über einen langen Zeitraum gewonnen.

Im täglichen Business, in der Führung von Menschen oder in der eigenen Weiterentwicklung sehen wir jedoch häufig das Gegenteil: Wir reden über Ziele. Selten über die Etappen, die wir bestreiten müssen, um die Ziele zu erreichen.

Ziele geben Richtung, aber keine Bewegung

Sich Ziele zu setzen ist wichtig. Wer sich Ziele setzt, blickt nach vorne und gibt die Richtung vor, in die man gehen möchte. Ziele sind in der finalen Betrachtung aber völlig überbewertet. Sie sind zum Beispiel ein in Stein gemeißeltes, KI-generiertes Bild mit Sixpack, Bizepstürmen und 3 % Körperfett. Eine schöne Vorstellung. Mehr jedoch nicht – zunächst. 

Klar ist: Wir brauchen Ziele. Wir verstehen sie meist nur falsch.

Die eigene Zielsetzung ist der Treibstoff für den Motor, mit dem man sich in Bewegung setzt. Quasi die Kohlenhydrate im Blutkreislauf, damit die Muskeln weiter Leistung liefern. Kurz-, mittel- und langkettige Kohlenhydrate liefern uns in verschiedenen Geschwindigkeiten Energie. Für die Planung, mit welchen Schritten wir unser Ziel erreichen, gilt das ganz ähnlich.

Im Leistungssport untergliedert man seine Wettkampfsaison in verschiedene Zyklen. Der Makrozyklus ist die Langfristplanung, die zwischen drei bis zwölf Monate dauert. Das Überziel ist dabei z. B. der wichtigste Wettkampf, die Tour de France. Der Mesozyklus mit drei bis sechs Wochen umfasst die konkreten Zwischenziele auf dem Weg zur Tour. Hypertrophietraining im Wintertraining, Grundlagenausdauer auf Mallorca im Frühjahr oder die unmittelbare Wettkampfvorbereitung in den kürzeren Rundfahrten sind Beispiele. Im Mikrozyklus plant man dann die Feindetails der einzelnen Trainingseinheiten und Ruhetage über ein bis zwei Wochen. Wann lege ich die Beine hoch? Wann mache ich Tempotraining hinter dem Motorroller? Wann fahre ich in die Berge?

Die Tour de France an sich ist dabei ein kleiner eigener Mikrokosmos. Vor dem Start in Barcelona werden die Favoriten sich das Ziel gesteckt haben, das gelbe Trikot zu erfahren (Langfrist). Mit den sportlichen Leitern und dem Team sind weit vor dem eigentlichen Start Etappenverläufe und Etappenabfolgen analysiert und teilweise im Reconnaissance-Training abgefahren worden, um sich eine Strategie zu bauen (Mittelfrist). So bekommt jeder Fahrer am Tag der Etappe einen klaren Entscheidungsplan an die Hand, was wann umzusetzen ist – Spontaneität aufgrund von Gegnerdruck, Tagesform und Wetter inbegriffen (Kurzfrist).

Von Radprofis lernen

Sie fragen sich jetzt vielleicht: Was hat mein Business als Studiobetreiber mit der Tour de France zu tun? Selbst schuld, wenn 184 Radprofis drei Wochen bergauf und bergab durch Frankreich rasen müssen.

Im Prinzip fahren Sie für jedes Ihrer Ziele Ihre eigene kleine Tour de France. Daher können Sie von den Radprofis lernen. Ihr langfristiges Ziel mag vielleicht nicht ein sportlicher Wettkampf sein. Es ist die Vision für Ihr eigenes Unternehmen oder für sich persönlich. Das kann eine Expansion sein, Ihre Firma für die KI-dominierte Welt vorzubereiten oder zehn Sprachen zu beherrschen. In der Mittelfrist setzen Sie sich Quartalsziele in den Bereichen, die für die Expansion oder Digitalisierung wichtig sind. Im Sprachenbeispiel können es die Sprachniveaus sein, die Sie sich als Ziel setzen.

Die Magie der Bewegung entsteht jedoch im Tagesverhalten. Die angewöhnten täglichen Routinen und Entscheidungen, die auf die mittel- und langfristigen Ziele einzahlen. Schaffe ich es, den Fokus auf die priorisierten Tätigkeiten zu lenken? Gehe ich mit meinen Mitarbeitern tagtäglich gut um? Lerne ich jeden Tag ungestört 30 Minuten meine gewünschte Sprache?

Ein Beispiel aus meiner eigenen Radsportvergangenheit: Ich bin zwei Wettkampfsaisons völlig unterschiedlich angegangen. In der früheren hatte ich keinen Saisonhöhepunkt auserkoren. Die Trainingsplanung wurde zentral und generalisiert über den Teamtrainer vollzogen. Ich hatte für mich keine eigenen Ziele, also keine Richtung. Entsprechend lief die Saison: Keine Erfolge und am Ende stand das Übertraining, da mein Plan nicht auf mich ausgerichtet war.

Gesprächssituation in einem Gym
Ein erfolgreicher Leader, der in seinem Unternehmen Menschen empathisch und ehrlich führt, wird dies auch in Familie und Freundschaften zeigen (Bildquelle: © bluebeat76 – adobe.stock)

In der nächsten Saison habe ich mir einen eigenen Trainer organisiert, mit dem ich ein halbes Jahr vor Start der Wintervorbereitung meine Ziele geplant habe. Es gab klare Absprachen, regelmäßige Diagnostiken sowie einen klaren Saisonhöhepunkt: Sieg und Aufstieg in die nächsthöhere Klasse. Die gedankliche Ruhe, mit der ich Tag für Tag auf dem Rad saß, hallt bei mir heute noch nach. Ich wusste jeden Tag, was ich wann zu tun hatte, und habe es umgesetzt. Mit dem Wissen, am Ziel anzukommen. Am Ende standen Sieg und Aufstieg. Ich habe das Ziel im Sommer davor nicht gesehen. Ich bin jedoch jeden Tag aufs Rad gestiegen und habe die richtigen Entscheidungen getroffen.

Warum Identität fehlt – nicht Motivation

SMART. Diesem Akronym sind die meisten Menschen begegnet, die sich mit Zielplanung und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen. Ein Ziel soll spezifisch, messbar, erreichbar, realistisch und terminierbar sein. An der Umsetzung der SMART-Formel gibt es nichts zu rütteln. Anwendung empfohlen. Die lang-, mittel- und kurzfristigen Ziele sind mit der Formel detailliert definierbar. Ein klar definiertes Ziel sorgt für Motivation, da der Weg klar wird.

Bei der SMART-Formel ist es allerdings besonders wichtig, den „sweet spot" in der Erreichbarkeit des Zieles zu finden. Ist sie eher leicht definiert, erreiche ich mein Ziel vermutlich, ohne aus meiner Komfortzone zu gehen. Ist es zu schwer erreichbar, lande ich in der Panikzone und gehe es gar nicht an: Scheitern vorprogrammiert. Um in der Wachstumszone zu sein, sollte es schon einiger Anstrengungen benötigen. Und genau in diesem „sweet spot" sollten Sie sich diese Frage stellen: „Werde ich jemand sein, der täglich die Dinge umsetzt, die mich mein Ziel erreichen lassen?"

Tour-de-France-Sieger werden nicht über Nacht gemacht. Betrachtet man den Tagesablauf des aktuellen Radsport-Superstars Tadej Pogačar, sind es positive Routinen, die sein Leben prägen. Ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, tägliches Tracken der Regeneration, Absprachen mit dem Trainer sowie Training auf dem Rad und Kraft-, Stabilisations- und Mobilisierungsübungen wiederholen sich Tag für Tag. Von viel sozialer Interaktion, Partyleben und Fast Food keine Spur. Wie viel sind Sie bereit, für Ihr Ziel zu geben?

Gegenbeispiel Jan Ullrich. Das Radsport-Wunderkind der 90er. Er hatte alle Voraussetzungen, die Tour de France mindestens fünf Mal zu gewinnen. Nur war er nicht bereit, sich in der Winterzeit entsprechend zu disziplinieren. Regelmäßig zehn Kilo Übergewicht in Crash-Diäten zu verlieren, die seine Trainingsintensität beeinträchtigen und ihn krankheitsanfällig machten, zeugt nicht von absoluter Hingabe. Jan Ullrich hatte sich im Winter für ein Leben neben dem Radsport entschieden. Sein gutes Recht. Für sein Ziel, die Tour de France jedes Jahr zu gewinnen, war er nicht bereit, alles zu geben.

War Jan Ullrich motiviert, die Tour de France zu gewinnen? Absolut. Hat er die Identität eines Tour-de-France-Favoriten gehabt? Vielleicht nicht zu 100 %.

Bestimmung der Identität

Die genannten Beispiele bringen uns zur Bestimmung der Identität. Wie verhalten sich Tour-de-France-Gewinner jeden Tag? Wie verhält sich jemand, der erfolgreich Menschen führt? Wie verhält sich jemand, der sein Unternehmen erfolgreich auf die Zukunft vorbereitet? Die Antwort auf diese Frage macht Sie unabhängig vom Ziel selbst. Die Antwort auf diese Frage lässt Sie überlegen, was Sie jeden Tag umsetzen müssen, um der Mensch zu werden, der Sie sein möchten. Ob Sie Ihr Ziel erreichen? Vielleicht. Vielleicht auch knapp nicht. Vielleicht übertreffen Sie es sogar. Auf jeden Fall haben Sie sich mit dieser Frage auf den Weg gemacht. Das Schöne an der richtigen Identität sind die Zeitlosigkeit und die Übertragbarkeit auf andere Bereiche des Lebens. 

Ein Tour-de-France-Gewinner wird seine Identität der Willenskraft, des Durchhaltevermögens und der Hingabe zum Beispiel auch im Business zeigen. Ein erfolgreicher Leader, der in seinem Unternehmen Menschen empathisch und ehrlich führt, wird dies auch in Familie und Freundschaften zeigen. Ein Unternehmer, der sein Unternehmen auf die Zukunft optimal vorbereitet, wird sich in anderen Bereichen seines Lebens ebenfalls bestens vorbereiten. Allerdings nur, wenn die richtigen Fragen an der richtigen Stelle gestellt werden. Motivation lässt Sie starten. Identität bringt Sie ans Ziel. 

Ist das Ziel die wichtigste Frage? 

Die Fahrer bei der Tour de France kommen – wenn alles gut verläuft – in Paris an. Vielleicht haben sie ihr gestecktes Ziel erreicht. 

Vielleicht haben sich Ziele verändert. Erhöht, weil die eigene körperliche Form viel besser als gedacht war. Verringert, weil eine Krankheit oder ein Sturz leistungsmindernd eingewirkt haben. Die entscheidende Frage ist jedoch: Zu wem sind die Fahrer auf dem Weg geworden? Haben sie Tag für Tag die richtigen Entscheidungen getroffen und die kleinen Dinge richtig gemacht? Haben sie ihre Identität als Rundstreckenfahrer, Sprinter, Ausreißer oder Wasserträger gestärkt oder geschwächt? Das Ziel ist also nicht die wichtigste Frage, die man sich stellen muss. Die entscheidende Frage für Sie heißt: Zu wem werden Sie auf Ihrem Weg?

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Der Autor

  • Jan Paffhausen

    Jan Paffhausen ist Master der Sportwissenschaft und arbeitete einige Jahre als Bewegungsanalyst sowie als Bildungsreferent in einem Sportverband. Beim IST ist er schwerpunktmäßig Ansprechpartner für Ausbildungsbetriebe in der Region Baden-Württemberg und leitet das Vertriebsteam der Regionen Süd-West (Frankfurt am Main, Freiburg & Stuttgart).

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