Die klassische Finanzierung eines Fitnessstudios folgt meist einem bekannten Muster: Eigenkapital, Bankkredit und Leasing der Geräte. Doch die Hürden für Kredite steigen und die Anforderungen an Besicherungen – oft in Form von persönlichen Haftungen der Geschäftsführer – werden für viele Unternehmer zur Belastung. Hier setzt Crowdinvesting an. Doch was verbirgt sich genau dahinter und warum sollte ein etabliertes Unternehmen wie MYGYM diesen Weg wählen?
Crowdinvesting vs. Crowdfunding: Mehr als nur Sponsoring
Oft werden die Begriffe synonym verwendet, doch die Unterschiede sind fundamental. Während es beim Crowdfunding (z. B. für Sportvereine) meist um kleine Unterstützungsbeiträge gegen ideelle Gegenleistungen geht, ist Crowdinvesting ein echtes Finanzinstrument.
„Beim Crowdinvesting investieren Menschen wirklich in eine Company – entweder gegen Beteiligung oder über eine Unternehmensanleihe“, erklärt Conny Hörl. Im Fall von MYGYM handelt es sich um ein Nachrangdarlehen, bei dem die Investoren ihr Kapital nach einer Laufzeit von fünf Jahren verzinst zurückerhalten. Der Clou dabei: Die Zinsen können wahlweise in bar oder als Sachzinsen in Form von Trainingsgutscheinen bezogen werden.
Das wahre Kapital: Die Mitglieder als Sicherheit
Christian Hörl bringt es auf den Punkt:
„Das Wertvollste eines Fitnessclubs wird von klassischen Banken oft nicht als Sicherheit anerkannt: die Mitglieder.“
Crowdinvesting macht genau dieses Potenzial nutzbar. Mit dem Slogan „Zinsen zahlen dein Training“ wird das Investment für das Mitglied greifbar.

Conny und Christian Hörl sind bei der Finanzierung neue Wege gegangen und haben für MYGYM auf Crowdinvesting gesetzt (Bildquelle: © MYGYM)
Der psychologische Effekt ist enorm. Wer in „sein“ Studio investiert, wird vom Kunden zum Markenbotschafter. Die Bindung ist bei einer fünfjährigen Laufzeit der Anleihe fast garantiert. „Wir wissen, dass diese Leute mindestens fünf Jahre bei uns bleiben und trainieren“, so Conny Hörl. Zudem sind die ausgegebenen Gutscheine übertragbar, was ein zusätzliches Potenzial für die Neukundengewinnung im Umfeld der Investoren schafft.
Learnings aus der Praxis: Kommunikation ist alles
Trotz der Erfahrung des Unternehmerpaares war die erste Runde (Volumen ca. 600.000 Euro) ein intensiver Lernprozess. Ein zentrales Learning: Die Komplexität der Finanzwelt muss für das Mitglied übersetzt werden.
- Einfache Sprache: Anfangs war die Kommunikation zu finanzlastig. Erst mit der Vereinfachung der Botschaften und dem klaren Fokus auf den Nutzen („Zinsen zahlen dein Training“) nahm die Kampagne Fahrt auf.
- Zielgruppenadäquate Kanäle: Während jüngere Zielgruppen digital erreicht wurden, benötigten ältere Bestandsmitglieder klassische Mailings und persönliche Sprechstunden, um Vertrauen in den digitalen Investitionsprozess zu fassen.
- Mitarbeiter-Involvement: Das Team auf der Fläche muss abgeholt werden. Sie fungieren nicht als Finanzberater, aber sie müssen die Vision des Projekts verstehen und kommunizieren können.
Die Zahlen: Ein Proof of Concept
Die Ergebnisse der ersten Runde sprechen für sich. Bei einer durchschnittlichen Investitionssumme von knapp unter 5.000 Euro pro Person wurde deutlich, dass nicht nur „Kleinstanleger“, sondern auch zahlreiche loyale Mitglieder mit signifikanten Geldbeträgen hinter der Fitnessstudiomarke stehen. Für MYGYM ist dies ein äußerst wichtiger Baustein für die weitere Expansion, etwa nach Wien, und für Qualitätsverbesserungen in den bestehenden Anlagen.
Fazit: Mut zur Innovation im Finanzierungsmix
Crowdinvesting ist keine „billige“ Finanzierung – die Zinsen liegen über Bankniveau und der administrative Aufwand (Due Diligence, Plattformgebühren, Marketing) ist hoch. Doch der Mehrwert durch Mitgliederbindung, Markenloyalität und den Verzicht auf klassische Bankbesicherungen rechtfertigt diesen Weg.
Für Betreiber, die diesen Weg erwägen, ist eine ehrliche Planung essenziell. Crowdinvesting sollte als strategisches Instrument zur Community-Bildung und als Ergänzung zum Finanzierungsmix gesehen werden, nicht als Notlösung. Wie Conny Hörl betont: „Es erfordert Innovationslust und den Mut, die Mitglieder wirklich mit ins Boot zu holen.“
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