Und dann wird die Stadt langsam leiser. Der Alltag rückt in weite Ferne. Hier, im Hinterhof, im Berliner Kollwitzkiez. Das slows ist das erste Mental Health Gym Deutschlands und liegt ganz bewusst etwas versteckt, fernab der Straße. Wer hierher kommt, soll Ruhe finden, den täglichen Stress vergessen, zu sich selbst finden. Es fühlt sich an, als hätte jemand auf einen Pausenknopf gedrückt. Genau dieses Gefühl, sagt Gründerin Patricia Oleksiak, sei kein Zufall, sondern das ganze Konzept.
Von der Diagnose zur Idee
Patricia Oleksiak ist keine ausgebildete Therapeutin. Die Wirtschaftsingenieurin absolvierte Weiterbildungen unter anderem zum Business Health Coach sowie in Stress- und Burnoutprävention. Heute setzt sie sich insbesondere für mentale Prävention, digitale Achtsamkeit und mehr Räume für Offline-Zeit und soziale Verbindung ein. Sport hat in ihrem Leben schon immer eine große Rolle gespielt: Sie ist Halbmarathon gelaufen, war regelmäßig im Studio. Ihrer Psyche half das trotzdem nur bedingt – und es wurde schließlich schlechter. 2023 ging irgendwann gar nichts mehr. Ein Therapieplatz, eine Diagnose: Depression.
„Irgendwie wurde mir klar: Bewegung allein reicht nicht", erzählt sie. „Nur durch Wissen hat sich mein Verhalten nicht geändert." In der Depression fehlte ihr vor allem eins: ein Offline-Raum, ein Ort, an dem sie konkret üben konnte, was ihr in schwierigen Momenten wirklich hilft – und das präventiv. Aus dieser Lücke heraus entstand slows. Seit eineinhalb Jahren gibt es das Studio nun, gegründet ohne Investoren. Oleksiak sagt es so direkt, wie es ihre eigene Geschichte hergibt: „slows hat mir wieder Hoffnung gegeben."
Der Name ist Programm. „Alles bewegt sich schnell auf dieser Welt. Der Gegenpart hat gefehlt", so Oleksiak. Während klassische Fitnessstudios vor allem körperliche Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit trainieren, steht bei slows die mentale Gesundheit im Mittelpunkt. Auch sie lässt sich präventiv und regelmäßig trainieren. Statt Geräten und Gewichten geht es etwa um den Umgang mit Stress und Emotionen, die eigene Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung, Entspannung und soziale Verbindung. Wiederholung spielt dabei genauso eine Rolle wie beim körperlichen Training: Je häufiger Menschen diese Fähigkeiten üben, desto selbstverständlicher können sie Teil des Alltags werden. Oleksiak gibt auch selbst Kurse bei slows, unter anderem als zertifizierter Business Health Coach.
Vier Säulen statt Klinikgefühl
Bewusst hat Oleksiak keine klinische Atmosphäre geschaffen. „Mentale Gesundheit ist unser Wohlbefinden", sagt sie – und genau darauf zielt das Angebot ab, entlang von vier Säulen: Body, Mind, Social und Emotion. Konkret heißt das: Yin Yoga, Meditation, Entspannungs- und Stressregulationsformate über Meditation, Reflexion und Emotionsregulation bis hin zu Digital-Detox- und Community-Classes.
Manche Teilnehmer beschreiben die Gruppenstunden als eine Art Selbsthilfegruppe. Oleksiak selbst sieht slows eher als Brücke: einen niedrigschwelligen Ort, an dem Menschen sich präventiv mit ihrer mentalen Gesundheit beschäftigen können, aber auch begleitend zu einer Therapie oder während der Wartezeit auf professionelle Unterstützung. Einen Ersatz für Psychotherapie soll und will slows nicht darstellen. Das slows versteht sich als Fitnessstudio mit Trainingsansatz, nicht als Ersatz für Therapie.

Viele Teilnehmer merken bereits beim ersten Besuch, dass ihnen ein Ort wie slows bisher gefehlt hat. Die Atmosphäre und das Setting sind entspannt, die Gespräche tiefgründig (Bildquelle: © slows – Anna Härlin)
Der Gedanke dahinter: Wissen und Techniken schon aufbauen, bevor es zum Problem kommt – damit man sie im Ernstfall, im Moment der Angst oder Überforderung, einfach abrufen kann. Einige Klassen, etwa Schwangerschaftsyoga, sind sogar präventionszertifiziert. Weitere Kooperationen mit Krankenkassen sollen folgen. Trainiert wird nicht an Geräten.
Statt Kraftstationen und Laufbändern finden sich bei slows Yogamatten, Blöcke und andere Tools, die je nach Class zum Einsatz kommen. Dazu gehören etwa Produkte von Noneedformore sowie die besonders beliebten Gewichtsdecken von Bearaby. „Man fühlt sich unter der Decke ein Stück weit gehalten", beschreibt Oleksiak den Effekt, der vielen beim Entspannen hilft.
Zwei Räume stehen zur Verfügung: einer für Eins-zu-eins-Sessions und ein 70 m² großer Kursraum. Die regulären Classes sind auf zwölf Personen begrenzt. Bei Events, die in unregelmäßigen Abständen stattfinden und noch viel mehr Menschen anlocken, können es bis zu 25 werden. Wer möchte, bucht direkt über die Website oder über Anbieter wie Classpass,Wellhub oder Urban Sports Club. „Viele Kunden finden uns digital oder natürlich auch über Empfehlungen von Bekannten und Freunden", sagt Oleksiak.
Experten arbeiten als Freelancer
Gearbeitet wird bei slows derzeit ausschließlich mit Freelancern und Minijobbern, es gibt kein festangestelltes Trainingsteam. Rund 70 % der Mitglieder sind Frauen. Bei Männern kommen besonders die Kurse zu Atemübungen gut an.
Viele Teilnehmer merken bereits beim ersten Besuch, dass ihnen ein Ort wie slows bisher gefehlt hat. „Viele sagen schon nach der ersten Class: Genau so einen Ort habe ich gesucht", berichtet Oleksiak. Gleichzeitig folgt das Konzept derselben Logik wie körperliches Training: Mentale Gesundheit ist nichts, das man einmal trainiert und dann abhakt. Durch regelmäßige Besuche entstehen Routinen und Fähigkeiten, die sich in den Alltag übertragen lassen.
Die Altersspanne reicht dabei von etwa 20 bis 60 Jahren und über ganz unterschiedliche Lebensphasen hinweg. Neben dem individuellen Training spielt auch soziale Verbindung eine wichtige Rolle. Gerade in Community Classes oder Schwangerschaftskursen entstehen über gemeinsame Erfahrungen und Gespräche oft Verbindungen zwischen den Teilnehmern.
Auffällig oft finden sich Unternehmerinnen und Mütter im Studio, aber auch Männer aus stressigen Berufsfeldern – im Grunde alle, die zu viel um die Ohren haben und sich nach einer Auszeit sehnen.
Für Gründer gibt es sogar eine eigene Class. Dabei geht es nicht um Erfolgsmaximierung, sondern darum, den Erfolg auch zu genießen, innezuhalten und durchzuatmen. Was sie verbindet, ist der Wunsch, der eigenen mentalen Gesundheit im Alltag bewusster Raum zu geben. Dabei geht es nicht um noch mehr Leistung oder Selbstoptimierung, sondern darum, innezuhalten, sich auszutauschen und einen bewussteren Umgang mit den eigenen Ressourcen zu entwickeln.
Warum Berlin?
Dass slows in Berlin entstanden ist, ist kein Zufall. Die Stadt bietet mit ihrer Offenheit für neue Gesundheits-, Community- und Wellbeing-Konzepte einen guten Ausgangspunkt für die Idee eines Mental Health Gyms. Gleichzeitig ist Berlin eine Stadt, in der viele Menschen einen schnellen, digitalen und oftmals stressigen Alltag erleben. Für Oleksiak war deshalb klar, dass sie das Konzept hier zunächst erproben und weiterentwickeln möchte.
Auch der versteckte Hinterhof-Standort im Kollwitzkiez passt zum Konzept: Abseits vom Straßenlärm entsteht ein bewusster Gegenpol zum Alltag. Die Resonanz seit dem Start beschreibt Oleksiak als sehr gut. Langfristig soll slows über den ersten Standort hinauswachsen, mit neuen Kurskonzepten, weiteren Standorten und einer engeren Zusammenarbeit mit Krankenkassen und perspektivisch auch Krankenhäusern.
Der Blick nach vorn
slows arbeitet bereits neben dem regulären Studioangebot auch mit Unternehmen zusammen und bringt Formate rund um mentale Gesundheit, Stressregulation und digitale Achtsamkeit in den Arbeitskontext. Bald, so die Vision, sollen feste Partnerschaften mit Krankenhäusern entstehen – Kooperationen, die weg von der reinen Diagnose führen und Betroffenen einen niedrigschwelligen Zugang bieten. Auch Kassenkooperationen und weitere Standorte stehen auf der Liste.
Der Anspruch dahinter: mentale Gesundheit zu entstigmatisieren und Prävention selbstverständlicher zu machen. Denn mentale Gesundheit betrifft uns alle, mit oder ohne Diagnose. Sich um sie zu kümmern, soll genauso selbstverständlich werden wie das Training der körperlichen Gesundheit.
Bildquelle Header: © slows – Anna Härlin