Physiotherapie

Effizienter therapieren: Das 2:6-Konzept in der KGG

Bildquelle: © DEIN THERAPIEZENTRUM

Wie lässt sich Krankengymnastik am Gerät effizienter, therapeutisch hochwertiger und wirtschaftlich sinnvoller gestalten? Morten Krause hat in seinen Praxen ein konkretes Konzept entwickelt: die 2:6 KGG – zwei Therapeuten, sechs Patienten. Im Interview erklärt er, wie es entstand, was es verändert hat, welche Lehren andere Praxen daraus ziehen können und warum die klassische KGG an ihre Grenzen kommt.

BODYMEDIA: Morten, du hast dich an deinen Standorten genauer mit dem Thema Versorgung und aktiver Therapie auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein spannendes Konzept. Was war die Idee hinter 2:6 KGG?

Morten Krause: Am Anfang stand offen gesagt keine große Idee, sondern ein ziemlich konkreter Schmerz. Wir hatten eine sehr hohe Nachfrage nach Krankengymnastik am Gerät, besonders in den Abendstunden. Gleichzeitig waren unsere Möglichkeiten räumlich und organisatorisch begrenzt. Unser damaliger KGG-Raum war ein klassisch zugelassener Raum mit 32 Quadratmetern und drei Geräten von TotalGym. Also genau das Mindestmaß, das für die Zulassung bei den gesetzlichen Krankenkassen notwendig ist. Unsere Physiotherapie ist bis 20 Uhr geöffnet.

Dadurch konnten wir ab 18 Uhr pro Abend lediglich sechs Patienten mit KGG versorgen, und das auch nur an vier Abenden pro Woche. Dazu kam unser Anspruch, Patienten hochfrequent zu terminieren. Wenn ein Arzt eine Frequenz von eins bis drei vorgibt, was bei uns häufig der Fall ist, dann versuchen wir auch, die Patienten möglichst dreimal pro Woche einzuplanen. Genau dadurch wurde KGG bei uns zu einem echten Engpass.

Ein weiterer Punkt war die Blankoverordnung. Wir haben unser Konzept in diesem Bereich so entwickelt, dass wir Patienten sehr schnell in die passende Therapieform bringen. Dadurch war klar, dass wir die KGG-Kapazitäten nicht einfach so weiterlaufen lassen konnten wie bisher. Erst aus diesem Druck heraus entstand die eigentliche Idee. Wir müssen zurück zu den Wurzeln der KGG. Krankengymnastik am Gerät darf nicht einfach als Muskelaufbautraining mit Rezept verstanden werden. Es ist und bleibt Krankengymnastik. Nur eben mit zusätzlichen Geräten. Und genau daraus entstand unser Ansatz mit zwei Therapeuten für sechs Patienten.

BODYMEDIA: Wie habt ihr diese Idee konkret umgesetzt?

Morten Krause: Der Zeitpunkt war tatsächlich ideal. Wir standen ohnehin vor der Frage, ob wir unseren Saunabereich weiterbetreiben, verändern oder ganz abschaffen sollten. Als das Thema KGG immer dringlicher wurde, war die Entscheidung plötzlich sehr klar. Wir haben den rund 150 Quadratmeter großen Saunabereich zurückgebaut und daraus einen Seminarraum sowie einen neuen KGG-Raum mit etwa 80 Quadratmetern geschaffen. Ein wesentlicher Aspekt des Konzeptes ist die Tatsache, dass jeder Patient in der KGG sein eigenes Multifunktionsgerät erhält und somit kein Gerätewechsel stattfindet. Dank der Multifunktionalität der Total-Gym-Geräte gibt es keine Wartezeiten und jeder Patient trainiert in seinem Tempo und nur nach seinem individuellen Plan.

Jeder Patient hat sein eigenes Gerät – dank der Multifunktionalität der Total-Gym-Geräte gibt es keine Wartezeiten und jeder Patient kann in seinem eigenen Tempo trainieren (Bildquelle: © DEIN THERAPIEZENTRUM)

Der wichtigste Punkt war aber nicht nur die Raumgröße oder die Anzahl der Geräte. Der eigentliche Clou war die Therapieliege auf der KGG-Fläche. Damit wollten wir ganz bewusst ein Zeichen setzen. Für die Therapeuten, aber auch für die Patienten. Es geht hier nicht um Training im klassischen Sinn, sondern um therapeutisches Arbeiten. Vor der Eröffnung haben wir das gesamte Therapeutenteam mitgenommen. Wir haben gemeinsam definiert, wie der Ablauf funktioniert, wer sich um wen kümmert, wie dokumentiert wird, wie die Behandlung an der Bank integriert wird und wie interdisziplinäres Arbeiten konkret aussieht. Auch die Praxisassistenz war von Anfang an eingebunden.

Gemeinsam mit unserer leitenden Therapeutin wurden die KGG-Slots in die Terminplanung eingebaut. Dabei ging es nicht nur um freie Termine, sondern auch um sinnvolle Teamkonstellationen. Wer arbeitet wann mit wem? Wann brauchen wir 2:6-Slots? Wie können die Teams rotieren, damit jeder KGG-Therapeut auch einmal mit jedem arbeitet? Denn wenn wir von interdisziplinärem Arbeiten sprechen, darf das nicht nur auf dem Papier stehen.

BODYMEDIA: Was waren die wichtigsten Learnings aus der Umsetzung?

Morten Krause: Das größte Learning war, dass ein neues Konzept nicht automatisch entsteht, nur weil man einen größeren Raum baut. Der Raum war wichtig, aber entscheidend waren die Prozesse dahinter. Wir mussten genau klären, wie die Verantwortung verteilt ist. Zwei Therapeuten auf sechs Patienten klingt erst einmal logisch, kann aber im Alltag schnell unklar werden, wenn nicht festgelegt ist, wer welchen Patienten im Blick hat, wann aktiv behandelt wird und wie die Dokumentation läuft. Was sehr gut funktioniert hat, war die therapeutische Aufwertung der KGG. Durch die Liege im Raum, durch die klaren Abläufe und durch die bewusste Haltung im Team wurde KGG plötzlich anders gedacht. Nicht mehr als „Zwischenschritt“ zum Trainingsbereich, sondern als vollwertiger therapeutischer Bestandteil.

Was herausfordernd war, war die Umstellung im Kopf. Einige Therapeuten mussten sich erst daran gewöhnen, dass KGG nicht bedeutet, sechs Patienten irgendwie durch Geräteübungen zu begleiten. Es geht um Befund, Übungsauswahl, Korrektur, Belastungssteuerung, manuelle Impulse und therapeutische Entscheidungskompetenz. Das ist deutlich anspruchsvoller, aber eben auch deutlich wirksamer.

BODYMEDIA: Gab es Dinge, die am Anfang nicht gut liefen?

Morten Krause: Natürlich. Alles andere wäre gelogen. Am Anfang gab es Momente, in denen die Abläufe noch nicht sauber genug waren. Wer übernimmt welchen Patienten? Wann wird aktiv korrigiert? Wann macht es Sinn, jemanden an die Bank zu holen? Wie dokumentieren wir so, dass es im Alltag funktioniert und nicht zur Zusatzbelastung wird?

Auch die Terminplanung war am Anfang eine Herausforderung. Ein 2:6-Konzept braucht mehr Struktur als klassische Einzeltermine. Wenn ein Therapeut ausfällt, wenn Urlaub geplant ist oder wenn Fortbildungen stattfinden, muss die Planung trotzdem stabil bleiben. Wir haben gemerkt, dass man dieses Konzept nicht nebenbei einführt. Es braucht klare Standards, eine gute Kommunikation mit der Praxisassistenz und ein Team, das Lust hat, sich auf ein neues Arbeiten einzulassen.

BODYMEDIA: Wie ging es deinen Mitarbeitern mit dem neuen Konzept? Waren sie von Anfang an voll dabei?

Morten Krause: Am Anfang natürlich unterschiedlich. Das ist bei jeder Veränderung so. Einige waren sofort begeistert, weil sie gesehen haben, dass KGG dadurch therapeutisch viel spannender wird. Andere waren zurückhaltender, weil neue Abläufe auch immer Unsicherheit auslösen. Entscheidend war, dass wir das Team nicht einfach vor vollendete Tatsachen gestellt haben. Wir haben erklärt, warum wir das machen, welche Probleme wir damit lösen wollen und was das für die Patientenversorgung bedeutet.

Um das Konzept zu ermöglichen, wurde der 150 Quadratmeter große Saunabereich zurückgebaut und daraus entstanden ein Seminarraum sowie ein neuer KGG-Raum mit etwa 80 Quadratmetern (Bildquelle: © DEIN THERAPIEZENTRUM)

Und dann ist etwas passiert, das ich wirklich bemerkenswert fand. Durch das neue Konzept hat sich auch in den Köpfen der Therapeuten etwas verändert. Plötzlich wurden viel mehr Patienten als geeignet für KGG gesehen. Nicht weil wir irgendetwas beliebig gemacht haben, sondern weil KGG wieder als therapeutisches Werkzeug verstanden wurde. Vorher wurden Patienten teilweise unnötig lange in 20- oder 40-Minuten-Einzelterminen eingeplant, obwohl sie mit einer gut gesteuerten KGG viel aktiver, sinnvoller und nachhaltiger hätten versorgt werden können. Das hat sich deutlich verändert.

BODYMEDIA: Gibt es Veränderungen, die du seit der Einführung in der Praxis wahrnimmst?

Morten Krause: Die größte Veränderung ist, dass KGG bei uns heute kein Engpass mehr im gleichen Ausmaß ist. Wir können Patienten schneller und passender versorgen. Gerade bei hoher Nachfrage ist das ein riesiger Vorteil. Gleichzeitig hat sich die Qualität der KGG verändert. Die Patienten erleben nicht einfach nur Geräteübungen, sondern eine aktive therapeutische Einheit. Sie werden korrigiert, begleitet, an die Belastung herangeführt und bei Bedarf auch direkt auf der Behandlungsbank behandelt. Das macht einen großen Unterschied.

Auch für das Team ist es fachlich spannender geworden. Die Therapeuten arbeiten enger zusammen, tauschen sich direkt auf der Fläche aus und sehen mehr voneinander. Dadurch entsteht automatisch mehr fachlicher Dialog, was besonders für Berufsanfänger ein extrem großer Vorteil ist. Gleichzeitig macht dieses Konzept KGG auch für Therapeuten attraktiver. Es verbindet aktives Arbeiten, therapeutische Verantwortung und Teamarbeit auf der Fläche. Gerade im aktuellen Fachkräftemangel ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ein weiterer Effekt ist, dass die KGG stärker in unser Gesamtkonzept aus Therapie und Training eingebunden ist. Die Übergänge sind klarer geworden. Wir können unsere Patienten nach der Therapie besser in aktive Trainingskonzepte überführen, weil sie bereits verstanden haben, dass Bewegung ein zentraler Teil ihrer Behandlung und Zukunft ist.

BODYMEDIA: Das klingt so, als ob ihr auf der Therapeuten- und Praxisseite vom neuen Konzept profitiert. Wie sieht es denn auf der Patientenseite aus?

Morten Krause: Für Patienten bedeutet es vor allem bessere Verfügbarkeit und mehr therapeutische Aktivität. Sie bekommen schneller Termine, können hochfrequenter versorgt werden und erleben eine Therapieform, die sie stärker in die Eigenverantwortung bringt. Viele Patienten merken erst in der KGG, dass sie selbst aktiv etwas verändern können. Das ist ein wichtiger Punkt. Physiotherapie darf nicht nur daraus bestehen, dass jemand behandelt wird. Sie muss auch dazu führen, dass Patienten verstehen, wie sie ihren Körper wieder belasten, stabilisieren und weiterentwickeln können. Das 2:6-Konzept schafft dafür einen guten Rahmen. Die Patienten sind nicht allein, aber sie werden auch nicht passiv durch die Therapie getragen. Sie werden begleitet, korrigiert und gefordert. Genau das ist für viele Beschwerdebilder sehr wertvoll.

BODYMEDIA: Hast du ein paar Tipps für Praxen, die ein ähnliches Konzept umsetzen möchten?

Morten Krause: Mein wichtigster Rat wäre, nicht zuerst an Geräte zu denken, sondern an das therapeutische Konzept. Mehr Geräte allein lösen kein Versorgungsproblem. Ein größerer Raum allein auch nicht. Man muss sich vorher sehr genau fragen, wie KGG in der eigenen Praxis verstanden wird. Ist es Training? Ist es Therapie? Ist es eine wirtschaftliche Notlösung? Ist es ein klarer Bestandteil eines aktiven therapeutischen Konzeptes? Danach braucht es Standards. Wie wird befundet? Wie wird dokumentiert? Wie werden Patienten eingesteuert? Welche Rolle haben die Therapeuten auf der Fläche? Wann wird an der Liege behandelt? Wie kommuniziert die Praxisassistenz das Konzept gegenüber den Patienten? Und man muss das Team mitnehmen. Wenn die Therapeuten das Konzept nicht verstehen oder nicht mittragen, bleibt es eine organisatorische Idee. Dann wird es nicht lebendig.

BODYMEDIA: Dein Fazit zur 2:6 KGG fällt also mehr als positiv aus?

Morten Krause: Für uns war die 2:6 KGG ein echter Entwicklungsschritt. Sie hat nicht nur unsere Kapazitäten verbessert, sondern auch unser therapeutisches Denken verändert. Wir haben gelernt, dass KGG viel mehr sein kann als Gerätetraining auf Rezept. Richtig umgesetzt ist sie eine hochwirksame Verbindung aus aktiver Therapie, Belastungssteuerung, funktionellem Training und therapeutischer Begleitung. Der größte Gewinn liegt für mich darin, dass wir Patienten schneller, aktiver und strukturierter versorgen können. Gleichzeitig entsteht für das Team eine andere fachliche Dynamik. Mehr Austausch, mehr gemeinsames Arbeiten und mehr Verantwortung auf der Fläche. KGG ist für uns heute kein Lückenfüller mehr, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Physiotherapie. Und genau da gehört sie aus meiner Sicht auch hin.

BODYMEDIA: Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wo siehst du Chancen und Risiken für dieses Konzept?

Morten Krause: Ich glaube, dass KGG aktuell einer der sinnvollsten und effektivsten Hebel in der physiotherapeutischen Versorgung ist. Für Patienten, weil sie mehr aktive Therapiezeit bekommen. Für Praxen, weil die Versorgung strukturierter und wirtschaftlich sinnvoller abgebildet werden kann. Und für Therapeuten, weil KGG fachlich deutlich spannender wird, wenn sie wirklich als Krankengymnastik am Gerät verstanden wird.

Die Therapieliege auf der KGG-Fläche ist bewusstes Statement: Hier steht therapeutisches Arbeiten im Vordergrund (Bildquelle: © DEIN THERAPIEZENTRUM)

Gleichzeitig muss man ehrlich sagen, dass dieses Konzept auch davon lebt, dass es refinanzierbar bleibt. Wenn KGG dauerhaft im gleichen prozentualen Verhältnis wie alle anderen Heilmittel erhöht wird, kann das für die Krankenkassen irgendwann schwierig werden. Gerade deshalb sollten wir aus meiner Sicht mutiger über neue Versorgungsformen nachdenken. Wir sehen in der Praxis, dass gruppennahe Behandlungen mit mehr Zeit für den einzelnen Patienten extrem wirksam sein können. Denkbar wäre zum Beispiel auch ein Modell mit 45 Minuten Behandlungszeit, einem Betreuungsschlüssel von 1:4 und einem entsprechend niedrigeren Vergütungssatz pro Patient.

Das könnte für viele Patienten fachlich sehr sinnvoll sein und gleichzeitig die Versorgungsrealität besser abbilden. Und dort, wo es therapeutisch passt, würde ich auch über Parallelbehandlungen nachdenken, ähnlich wie man es aus der Ergotherapie kennt. Nicht als Ersatz für individuelle Therapie, sondern als sinnvolle Ergänzung. Entscheidend ist am Ende immer, dass die Qualität stimmt und der Patient nicht einfach nur „mitläuft“, sondern wirklich therapeutisch begleitet wird. Für mich liegt die Zukunft der KGG genau darin. Mehr Aktivität, mehr Struktur, mehr therapeutische Verantwortung und gleichzeitig Konzepte, die im Praxisalltag auch funktionieren.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das interessante Gespräch und die tiefen Einblicke in das Thema!

Bildquelle Header: © DEIN THERAPIEZENTRUM

Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Er war von 2015 bis 2023 Chefredakteur der BODYMEDIA Fachmagazine. 2017 etablierte er mit der BODYMEDIA Physio ein Business-Magazin im Physio-Bereich. Nach einer etwa einjährigen Pause als Leiter eines therapeutischen Fitnessstudios kehrte er 2024 als Stellver. Chefredakteur zur BODYMEDIA zurück. 

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