Physiotherapie

„Die Herausforderung ist nicht, Kunden zu finden, sondern genug Platz in der Praxis zu haben.“

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Im Interview erläutern Johannes Dietrich und Martin Hofmann von der TUR GmbH die Wirkungsweise der Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie (IHHT). Das Gespräch beleuchtet die medizinischen Hintergründe des Zelltrainings, Anwendungsfelder wie Long COVID sowie die personalfreie Integration in den Praxisalltag.

BODYMEDIA: Ihr bringt eine wirklich spannende Technologie in die Gesundheitsbranche. Für alle, die den Begriff IHHT noch nicht kennen: Was genau können wir uns darunter vorstellen und auf welcher Technologie basiert es?

Johannes Dietrich: Ja, klar. IHHT steht für Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie. Bei dieser Anwendung liegt oder sitzt der Patient ganz entspannt auf einer Liege und atmet über eine spezielle Maske. Dabei atmet er in Intervallen abwechselnd sauerstoffarme (hypoxische) und sauerstoffangereicherte (hyperoxische) Luft ein. Das Ziel dieses Trainings ist es, schwache und kranke Mitochondrien – die Kraftwerke unserer Zellen – aufzuräumen. In der sauerstoffarmen Phase werden durch einen Prozess namens Mitophagie schwache Mitochondrien markiert und abtransportiert. In der darauffolgenden sauerstoffreichen Phase, der Biogenese, regeneriert der Körper dann neue, leistungsfähige Mitochondrien.

Das Herzstück unseres Gerätesystems ist eine spezielle Membran, die den Sauerstoff in Stickstoff- und Sauerstoffanteile unterteilt. Spannenderweise stammt diese Technologie ursprünglich aus der Luftfahrt. 1996 stürzte eine Boeing 747 der TWA ab, weil sich in den halb leeren Treibstofftanks ein explosives Sauerstoff-Kerosin-Gemisch gebildet hatte. Um solche Unglücke zu verhindern, entwickelte man Membranen, die den restlichen Sauerstoff im Tank in Stickstoff umwandeln, sodass der Sauerstoffanteil unter die kritische Grenze von 12 % sinkt. Genau diese Membran-Technologie haben wir 2012 entdeckt und für unser medizinisches IHHT-System adaptiert.

BODYMEDIA: Wie gut ist die Wirkung von IHHT denn mittlerweile belegt? Insbesondere bei Long COVID und Erschöpfungserkrankungen.

Martin Hofmann: Die Studienlage und Validierung sind bereits sehr weit fortgeschritten. Wir bewegen uns hier im ATP-aufbauenden Bereich, der generell noch nicht so extrem breit erforscht ist wie das aktive, ATP-verbrauchende Muskeltraining. Dennoch ist die Grundlagenforschung zur Hypoxie hervorragend belegt – 2019 gab es für Erkenntnisse in diesem Bereich sogar den Medizin-Nobelpreis für drei Forscher. Dass die Technologie auf Zellebene wirkt, steht außer Frage.

Da das Zelltraining einen sehr breiten Wirkungskreis hat, sind noch nicht alle spezifischen Beschwerdebilder abschließend untersucht. Zu deiner Frage bezüglich Long COVID und Erschöpfungssyndromen gibt es jedoch bereits sehr gute und belastbare klinische Pilotstudien in Deutschland, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Charité in Berlin. Hier wurde eindeutig nachgewiesen, dass IHHT die Belastbarkeit und die Lebensqualität der Teilnehmenden deutlich erhöhen kann.

BODYMEDIA: Für welche Zielgruppen und Praxen eignet sich das System besonders? Habt ihr Best-Practice-Beispiele aus der Praxis?

Martin Hofmann: Grundsätzlich sehen wir drei große Einsatzbereiche: In der Physiotherapie und Rehabilitation geht es oft um klassische Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Übergewicht. Der nächste Schwerpunkt sind Erschöpfungserkrankungen wie das Chronische Fatigue-Syndrom, Long COVID oder das Post-Vac-Syndrom, bei denen die Zellen schlichtweg nicht mehr richtig arbeiten. Und last but not least Performance und Longevity. Das richtet sich an ambitionierte Hobby- und Leistungssportler sowie Menschen, die Biohacking betreiben, um ihre Gesundheitsspanne zu verlängern.

Die Implementierung ist immer sehr ähnlich: In der Regel durchläuft der Kunde 10 bis 15 Sitzungen als Initialisierungsphase. Das machen viele zweimal im Jahr. Häufig behalten die Kunden es danach aber auch wöchentlich oder im 14-Tages-Rhythmus bei, weil es ihnen schlichtweg guttut.

Ein schönes Beispiel ist ein Partner-Zentrum von uns in Belgien. Er startete mit einem einzigen Gerät als festem Bestandteil seines Konzepts. Da die Patienten bei der Anwendung nur entspannt liegen müssen und sich nicht anstrengen brauchen, wurde das Angebot hervorragend angenommen. Über Mundpropaganda stieg die Nachfrage so stark an, dass er mittlerweile sechs Geräte im Dauereinsatz hat. Die Herausforderung ist oft nicht, Kunden zu finden, sondern ausreichend Platz in der Praxis zu haben.

BODYMEDIA: Wie integriere ich das als Betreiber wirtschaftlich sinnvoll in mein Geschäftsmodell?

Martin Hofmann: Das ist ein ganz entscheidender Punkt, auf den wir bei unseren Schulungen großen Wert legen. Die Technologie arbeitet fast völlig personalfrei. Nach einer anfänglichen Testung fährt das System standardisierte Protokolle. Das Besondere ist unser adaptiver Algorithmus: Das Gerät kontrolliert während der gesamten Sitzung eigenständig Vitalparameter wie Puls und Sauerstoffsättigung. Es passt die Intensität des Trainings in Echtzeit an die Reaktionen des Patienten an – ohne dass ein Mitarbeiter eingreifen muss. Das macht die Anwendung absolut sicher und hochgradig effizient.

Auch technisch ist es simpel: Es gibt kaum Verbrauchsgüter, das System ist energieeffizient und benötigt nur eine normale Steckdose. Abgerechnet wird es meist als Selbstzahlerleistung, teilweise übernehmen aber auch private Kassen die Kosten. Was das Modell angeht, empfehlen wir oft einen Mix: Der Einstieg gelingt leicht über 10er- oder 15er-Karten. Da Karten-Kunden jedoch oft unregelmäßiger kommen, versuchen viele Betreiber, diese im Anschluss in ein lukrativeres Abo-Modell für die dauerhafte Nutzung zu überführen.

BODYMEDIA: TUR bietet ja nicht nur IHHT an. Welche Produkte habt ihr noch im Portfolio?

Johannes Dietrich: Unsere Wurzeln liegen stark in der klassischen physikalischen Therapie. Wir haben das „Kimatur“ für die radiale Stoßwellentherapie, das „Cryotur“ für die Kältetherapie und das „Thermatur“ für die Hochfrequenz-Wärmetherapie. Ein weiteres wichtiges Produkt ist unser „Isoforce“, ein isokinetisches System, das für präzise Leistungsdiagnostik sowie gezielten Muskel- und Bewegungsaufbau genutzt wird, sowohl im Sport als auch postoperativ.

BODYMEDIA: Wagen wir zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft. Wo geht die Reise für Physiotherapeuten hin?

Johannes Dietrich: Ein extrem wichtiges Zukunftsfeld ist für uns die regenerative Physiotherapie. Auf Kongressen sehen wir fantastische Erfolge in der Stammzellenforschung und Geweberegeneration. Aber dieses neu gebildete Gewebe bleibt nutzlos, wenn es keine neurologische Funktion erhält. Genau hier sehen wir den Therapeuten der Zukunft: Er muss die Funktion wiederherstellen. Wir betrachten Therapeuten als die Helden, die ihren Patienten durch diese Kombination zu echter Genesung verhelfen.

BODYMEDIA: Vielen herzlichen Dank euch beiden für diese spannenden Insights!

Bildquelle: © BODYMEDIA GmbH & Co. KG

Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Er war von 2015 bis 2023 Chefredakteur der BODYMEDIA Fachmagazine. 2017 etablierte er mit der BODYMEDIA Physio ein Business-Magazin im Physio-Bereich. Nach einer etwa einjährigen Pause als Leiter eines therapeutischen Fitnessstudios kehrte er 2024 als Stellver. Chefredakteur zur BODYMEDIA zurück. 

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