Management

Die Nachfolgeregelung in der Physiotherapie wird meist zu spät gestartet!

Sie sind Praxisinhaber und in Ihren 50ern oder 60ern? Dann sollten Sie diesen Artikel jetzt unbedingt lesen! Denn die Suche nach einem geeigneten Unternehmensnachfolger ist etwas, das Sie früher oder später betreffen wird!

Dass die Unternehmensnachfolge in den meisten Fällen erst spät gestartet wird, liegt oft daran, dass der Praxisinhaber zu stark im Tagesgeschäft involviert ist. Wem kann man es verübeln? Die meisten Physiotherapiepraxisinhaber/-innen sind oft „die besten Mitarbeiter“, doch leider zu selten der Unternehmer oder die Unternehmerin, die der- oder diejenige sein sollte. Es bleibt also so gut wie gar keine Zeit, sich mit dem komplexen Thema der Unternehmensnachfolge auseinanderzusetzen.
Dazu kommt natürlich auch, dass das Aufschieben der Nachfolgeplanung erst einmal auch keinen spürbaren (negativen) Effekt hat. Der Leidensdruck fehlt, sodass kein zwingender Handlungsbedarf entsteht. Das „Projekt Unternehmensnachfolge“ wird dadurch nicht selten auf die lange Bank geschoben. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Doch was hat das für Konsequenzen, wenn die Unternehmensnachfolge zu spät angegangen wird? 
Es bleibt zu wenig Zeit: 
-    einen oder den passenden Nachfolger zu finden
-    das Unternehmen attraktiv für einen Nachfolger aufzustellen (Strukturen, Ausrichtung, Gewinne…)
-    dem potenziellen Käufer die Möglichkeit einer geeigneten Finanzierung zu geben

Unter Zeitdruck wird das Thema der Unternehmensnachfolge dann zu einer reinen Tortur für den Inhaber. Es kommt entweder zu einem Verkauf weit unter Wert der Praxisoder – im schlimmsten Fall der Fälle – zu gar keinem Verkauf, da weder das Unternehmen noch der Unternehmer darauf vorbereitet sind. So bleibt dann nur noch die Geschäftsauflösung. Doch da für die meisten der selbstständigen Praxisinhaber der Praxisverkauf auch einen Großteil ihrer Altersvorsorge widerspiegelt, sind beide Szenarien alles andere als wünschenswert für den Inhaber.

 

Strukturen und Prozesse sollten so gestaltet sein, dass das Wissen nicht im Kopf des Unternehmers alleine verankert ist
 

Also, was sollten Sie jetzt schon tun? Hier meine Tipps für die Vorbereitung beim „Projekt Unternehmensnachfolge“:

1. Entwickeln Sie ein Verständnis für Fachkraftaufgaben und Unternehmeraufgaben
Konzentrieren Sie sich auf die unternehmerischen Aufgaben und fangen Sie damit an, andere entsprechende Aufgaben auf Ihre Fachkräfte (Therapeuten, Trainer, Verwaltung, Rezeption) zu übertragen. Das schafft Ihnen den so wichtigen Freiraum für die Weiterentwicklung Ihres Unternehmens und die notwendigen Vorbereitungen für die Nachfolgeregelung.

2. Bilden Sie Strukturen und Standards, die allen zugänglich gemacht werden können
Je mehr Strukturen und einheitliche Prozesse vorhanden sind, umso einfacher ist es, einem potenziellen Käufer Ihr Unternehmen schmackhaft zu machen. Das Wissen Ihres Erfolgs darf nicht in den Köpfen einzelner Mitarbeiter (oder Ihnen selbst) sitzen, sondern muss instrumentalisiert werden. Sie müssen sich Unabhängigkeit verschaffen, damit bei einem Ausfall eines Mitarbeiters Sie nicht wieder von vorne anfangen müssen und der Käufer kein Risiko im „Verlust der Wissensträger“ sieht.

3. Stellen Sie Ihr Unternehmen breiter auf und machen Sie Ihr Geschäftskonzept zukunftssicher
Ihr Unternehmen sollte am besten auf mehreren Säulen stehen, die den Fortbestand in der Zukunft sichern. Wie das aussehen könnte? Eine moderne Physiotherapiepraxis hat neben den gesetzlichen und privaten Rezeptleistungen auch eine Trainingstherapiefläche mit lukrativen Mitgliedern, ggf. einen Kursraum für Reha-Sport oder Funktionstraining und/oder einzelne Shop-in-Shop-Konzepte (z. B. das EMS-Personaltraining) integriert. So ist das Geschäftskonzept nicht nur für Sie als derzeitigen Inhaber lukrativer, sondern auch für einen potenziellen Käufer „risikofreier“ sowie für die (bestehenden/neuen) Mitarbeiter des Unternehmens attraktiver und abwechslungsreicher.

4. Achten Sie auf Ihre betriebswirtschaftliche Lage
Ein gesundes Unternehmen, welches ausreichend Gewinne generiert und dessen Kosten nicht unnötig aufgeblasen sind, kauft jeder Nachfolger gerne. Denn unterm Strich erwirbt ein potenzieller Käufer insbesondere den Gewinn bzw. die Gewinnaussichten Ihres Unternehmens. Also prüfen Sie stetig, ob im Bereich der Wertschöpfung noch Luft nach oben ist (z. B. in den Mitgliedsbeiträgen, der Vermittlung zusätzlicher Behandlungszeit …) und welche Umsatzquellen noch nicht vollständig erschlossen sind.

Alles ist zu schaffen – man muss es nur tun!
Wie Sie sehen, gilt: Ein gut strukturiertes und sicher aufgestelltes Unternehmen lässt sich leichter verkaufen und man kann höhere Preise erzielen. Doch die Grundvoraussetzung dafür ist, dass Sie zum Unternehmer werden und sich die zeitlichen Kapazitäten für all jene Überlegungen, Prozesse und Strukturen schaffen. Dass das möglich ist, erlebe ich jeden Tag in der Beratung meiner Mandanten. Wie jeder andere Weg auch, beginnt auch dieser Weg mit einer Entscheidung. Ihrer Entscheidung.

Wie finden Sie den richtigen Nachfolger?
Sprechen Sie das Thema Unternehmensnachfolge zunächst in der Familie an, um einfach mal die ersten Gedanken in Gang zu setzen. Und auch in Ihrem Mitarbeiterstamm gibt es bestimmt Menschen, die jetzt schon viel Verantwortung übernehmen und ggf. auch für eine Geschäftsnachfolge infrage kommen würden. Sollte sich hieraus nichts ergeben, dann gibt es immer noch den freien Markt – ob Berufskollegen und -kolleginnen aus Ihrer Stadt oder auch andere Investoren. Je eher Sie mit diesem Prozess beginnen, umso besser können Sie alle notwendigen Weichen stellen und den geeigneten Käufer ausfindig machen.

Quellen
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Der Autor

  • Thomas Kämmerling

    1. Sachverständiger für Gesundheitsanbieter des DSSV – ist seit 1983 in der Gesundheitsbranche tätig und gelernter Physiotherapeut. Zudem ist er selbst Inhaber eines Sportmedizinischen Trainingszentrums, einer Physiotherapie sowie mehrerer EMS-Mikro-Studios. Er war als Fach-Referent der sportwissenschaftlichen Fakultät der Ruhruniversität in Bochum sowie als Athletic Coach im Spitzensport (Iserlohner Roosters) tätig. Heute unterstützt er über 100 Physiotherapiepraxen, Gesundheitseinrichtungen sowie Reha-Zentren bei ihrer (betriebswirtschaftlichen) Weiterentwicklung und Ausrichtung als Kompetenzzentrum für Gesundheit.