Hauptstadtkongress 2026: VPT fordert Direktzugang zur Physiotherapie

Bildquelle: © VPT | Julius Lehmann, Prof. Dr. Christian Kopkow, Robert-Martin Montag, Manuela Pintarelli-Rauschenbach und Christoph Zamoryn (v.l.n.r.)

Wie können wir die Physiotherapie in der Primärversorgung optimal nutzen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der VPT-Veranstaltung „PriMEHRversorgung – oder alle HÄPPI?“ auf dem Hauptstadtkongress 2026.

Unter der Moderation von Robert-Martin Montag diskutierten Manuela Pintarelli-Rauschenbach, Bundesvorsitzende des Verbandes für Physiotherapie (VPT) e. V., Christoph Zamoryn, Referatsleiter Heilmittel beim GKV-Spitzenverband, Prof. Dr. Christian Kopkow von der BTU Cottbus-Senftenberg sowie Julius Lehmann, Abteilungsleiter „Veranlasste Leistungen“ bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, über neue Zugänge in der Primärversorgung.

Im Zentrum stand dabei der Direktzugang zur Physiotherapie im muskuloskelettalen Bereich. Der Direktzugang entlastet das Gesundheitssystem, gestaltet die Versorgungsprozesse effizienter und vermeidet frühzeitig Chronifizierungen. Patienten könnten bei geeigneten Beschwerden direkt physiotherapeutisch untersucht und behandelt werden – ohne vorherige ärztliche Verordnung.

„Der Direktzugang ist ein zentraler Baustein moderner Primärversorgung. Er ermöglicht schnellere Behandlung, reduziert unnötige Arztkontakte und nutzt die vorhandenen Kompetenzen der Physiotherapie besser aus.“

Manuela Pintarelli-Rauschenbach, Bundesvorsitzende VPT

Unterschiedliche Perspektiven auf Steuerung und Verantwortung: Einigkeit bestand darin, dass Primärversorgung gestärkt werden muss. Unterschiedlich bewertet wurde jedoch, wie die Steuerung künftig organisiert werden soll. Julius Lehmann betonte für die Kassenärztliche Bundesvereinigung die zentrale Rolle der ärztlichen Erstdiagnose. Ärzte sollten weiterhin die Steuerung übernehmen und Patienten gezielt weiterleiten. Die KBV begrüßt zwar vereinfachte Versorgungswege, sieht die diagnostische Kompetenz jedoch primär bei den Ärzten.

Der GKV-Spitzenverband äußerte sich mit Blick auf eine zeitnahe Umsetzung skeptischer. Christoph Zamoryn verwies auf Unterschiede in Ausbildung, Qualifikationsniveau sowie im GKV- und Abrechnungssystem, die eine direkte Übertragung internationaler Modelle erschweren. Zudem sei die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung aus dem Jahr 1994 überholt, was Fragen zur einheitlichen Qualifikationsbasis aufwerfe. Aus Kassensicht stellt sich die Frage nach Auswirkungen auf Leistungsinanspruchnahme und Wirtschaftlichkeit.

Internationale Erfahrungen sprechen für neue Wege

Prof. Dr. Christian Kopkow verwies auf internationale Evidenz aus Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden, Australien und Kanada, in denen der Direktzugang schon lange etabliert ist. Studien zeigen den schnelleren Zugang zur Behandlung, weniger Arztkontakte und eine effizientere Versorgung. Systematische Reviews belegen vergleichbare oder bessere klinische Ergebnisse bei geringeren Kosten. Die Patientenzufriedenheit ist hoch, insbesondere aufgrund kürzerer Wartezeiten und frühzeitiger Therapie. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Physiotherapeuten „Red Flags“ zuverlässig erkennen und bei Bedarf sicher an ärztliche Strukturen verweisen.

Diese Modelle basieren auf klar definierten Kompetenzen, strukturierten Screeningverfahren und verbindlichen Qualitätsstandards. Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Patienten gibt es nicht. Reaktionen aus GKV und KBV sowie Einordnung des VPT. Christoph Zamoryn bekräftigte, dass zunächst geklärt werden müsse, wie ein Direktzugang in das deutsche System integriert werden kann. Auch die KBV hielt an ihrer Position fest, dass Diagnostik primär ärztliche Aufgabe sei und die Steuerungsfunktion erhalten bleiben müsse.

Manuela Pintarelli-Rauschenbach widersprach und verwies darauf, dass der Direktzugang im privaten Bereich bereits heute gut und ohne Probleme mit der Patientensicherheit funktioniere. Die Curricula wurden weiterentwickelt. Sie sprach sich für eine Reform der Ausbildung, mehr Akademisierung und stärkere evidenzbasierte Inhalte aus. Physiotherapeuten arbeiten bereits leitlinienkonform, führen klinische Untersuchungen durch und nutzen etablierte diagnostische Verfahren.

Direktzugang als neue Versorgungsform – schnellstmöglich umsetzen

Für den VPT ergibt sich daraus die Forderung nach konkreten Umsetzungsschritten. Der Direktzugang soll zeitnah eingeführt und klar geregelt werden. Dazu gehören definierte Indikationsbereiche, verbindliche Screening-Standards, klare Rücküberweisungswege sowie transparente Qualitätsanforderungen. Der muskuloskelettale Bereich als physiotherapeutische Kernkompetenz bietet hierfür einen geeigneten Rahmen.

„Physiotherapeuten verfügen über die Kompetenz, Beschwerden des Bewegungsapparates eigenständig zu beurteilen und zu behandeln. Jetzt ist der Zeitpunkt, diese Kompetenz auch in der Regelversorgung zu nutzen.“

Manuela Pintarelli-Rauschenbach, Bundesvorsitzende VPT

Der VPT sieht im Direktzugang einen wichtigen Schritt hin zu einer modernen, interprofessionellen Primärversorgung mit schnellerer, zielgerichteter Versorgung und Entlastung ärztlicher Strukturen.

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