Das Wichtigste in Kürze
- Psychische Erkrankungen nehmen stark zu: Weltweit sind laut „Global Burden of Disease"-Studie rund 1,2 Milliarden Menschen betroffen – fast doppelt so viele wie 1990.
- Wearables erfassen relevante Körperdaten: Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit (EDA-Sensor) und Herzratenvariabilität liefern zuverlässige Hinweise auf Stress, Angst und mögliche psychische Belastung – bereits mit einer Genauigkeit von bis zu 97 %.
- Alltagsnähe statt Klinikmessung: Der große Vorteil liegt darin, dass Wearables unauffällig und rund um die Uhr im echten Alltag messen, statt nur punktuell in klinischer Umgebung.
- KI als zukünftiger Gamechanger: Perspektivisch könnten Wearables mithilfe von KI frühzeitig auf Stresszustände hinweisen und sogar mit Virtual Reality kombiniert werden, um Betroffenen z. B. bei Panikattacken zu helfen.
Weltweit leiden etwa 1,2 Milliarden Menschen an psychischen Erkrankungen – das ergab die „Global Burden of Disease"-Studie, die zu den umfangreichsten Studien im Bereich Mental Health zählt. Damit hat sich die Zahl der psychisch Kranken seit 1990 fast verdoppelt. Dementsprechend groß ist der Ruf nach der Prävention solcher Erkrankungen bzw. frühen Behandlungsansätzen. Denn häufig werden psychische Erkrankungen erst zu spät entdeckt. Hier könnte Technologie zukünftig helfen, solche Probleme frühzeitig zu erkennen. So stellte beispielsweise auf der therapie MÜNCHEN ein Unternehmen eine Technologie vor, bei der mithilfe eines Smartphones Körperdaten wie Herzratenvariabilität, Puls und Hauttemperatur gemessen werden konnten. Auf Grundlage dieser Daten konnte dann z. B. das Stresslevel der Person bestimmt werden.
Und nicht nur Smartphones machen das möglich, sondern auch Wearables, die durchgehend Daten wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Sauerstoffsättigung messen können. Welche Rolle Wearables tatsächlich spielen können, untersuchten Forscher bereits im Jahr 2023. Hier schauen wir uns kurz die Ergebnisse an, zu denen sie kamen.
Das Potenzial von Wearables ist groß
Werden psychische Erkrankungen nicht angemessen behandelt, können sie zu schwerwiegenden emotionalen, verhaltensbedingten und körperlichen Gesundheitsproblemen führen. Daher wird nach neuen Möglichkeiten gesucht, psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. Dabei ist der Einsatz von Technologie überhaupt nichts Neues – seit vielen Jahren verbessert sie die Qualität und Effizienz der Patientenversorgung, wie z. B. beim 24-Stunden-EKG. Wearables könnten hier eine tragende Rolle spielen, denn sie können physiologische Parameter wie z. B. die Herzfrequenz erfassen. Ebenfalls können sie verhaltensbezogene Parameter wie z. B. die Schlafqualität erfassen und damit wertvolle Hinweise auf die psychische Gesundheit liefern.
Zudem liefern Wearables Echtzeit-Rückmeldungen über den psychischen Gesundheitszustand, sodass sich Muster und Trends erkennen lassen, die auf einen möglichen Handlungsbedarf hinweisen. Darüber hinaus lassen sich Interventionen auf Grundlage der Daten einfacher personalisieren: Wenn ein Sensor Unregelmäßigkeiten beim Schlaf überwacht, kann er gleichzeitig Empfehlungen zur Verbesserung der Schlafgewohnheiten geben. Der Hauptvorteil der Wearables liegt also vor allem darin, dass sie Echtzeitdaten liefern, die Therapieentscheidungen unterstützen können.
Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Das Thema Datenschutz steht dabei stets im Raum, ebenso die Frage, wie wirksam die Interventionen, die auf Grundlage dieser Daten erarbeitet werden, wirklich sind. Gerade im Bereich der Fernpatientenüberwachung können Wearables wertvolle Daten liefern, wie sie es z. B. bereits beim Diabetes tun.

Wearables sind deshalb so spannend für die Messung der oben genannten Parameter, weil die Messungen außerhalb einer klinischen Umgebung stattfinden (Bildquelle: © Sharma – stock.adobe.com)
Warum sind Wearables so gut geeignet, um diese Parameter zu erfassen? Mittlerweile tragen sehr viele Menschen ein Wearable, das zahlreiche Daten erfassen kann, wie z. B. EKG, Herzfrequenz, Atmung, Kalorienverbrauch, Aktivität, Haut- und Kerntemperatur sowie Sauerstoffaufnahme. Diese Daten sind deshalb so relevant, weil psychische Störungen häufig mit Symptomen wie Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Muskelverspannungen, Schwindel, Übelkeit oder Hyperventilation einhergehen und die Sensoren diese gezielt erfassen können. Einer der in Studien untersuchten Sensoren ist der sogenannte EDA-Sensor. Mit diesem wird die Schweißproduktion gemessen, die eine unwillkürliche, vom sympathischen Nervensystem gesteuerte Reaktion ist. Das heißt: Wenn das sympathische Nervensystem aktiviert wird, schwitzen wir stärker, was auf Stress hindeutet. Da wir diese Reaktion nicht willentlich steuern können, ist sie ein zuverlässiger Marker für die Aktivierung des sympathischen Nervensystems.
Wearables sind deshalb so spannend für die Messung der oben genannten Parameter, weil die Messungen außerhalb einer klinischen Umgebung stattfinden. Wer kennt es nicht: Man ist beim Arzt und der Blutdruck ist deutlich erhöht. Misst man unter gleichen Umständen zu Hause, kann der Wert deutlich geringer sein. Daher ist die Alltagsrealität wichtiger als die Messung in der Klinik. Zudem sollten die Wearables möglichst unauffällig am Körper sein – ist sich der Träger bewusst, dass er beobachtet wird, passt er eventuell sein Verhalten an, was die Messungen verfälschen kann.
Wearables sind schon heute eine gute Lösung
Wie gut die Messungen heute schon funktionieren, zeigte bereits eine Arbeit aus dem Jahr 2005: Mithilfe von Wearables konnte Stress über Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit mit einer Genauigkeit von 97 % ermittelt werden. Moderne Wearables ermitteln auch die Herzratenvariabilität, die als zuverlässige Kenngröße für Stress und Angst gilt. Leider überschneiden sich die Symptome von Stress, Angst und Depression, was die Einordnung etwas erschwert. Daher kann es für Behandler sinnvoll sein, ergänzend einen Fragebogen einzusetzen. Alles in allem konnten die Studien aber zeigen, dass Wearables ein sinnvolles Instrument zur Erfassung relevanter Parameter für die mentale Gesundheit sind.
Der Artikel hat bereits angedeutet, dass Wearables eine mögliche und kosteneffiziente Lösung zur Überwachung der psychischen Gesundheit darstellen. Schon die aktuell verfügbaren Consumer-Wearables liefern ausreichend aussagekräftige Daten, um den Zustand der mentalen Gesundheit zu bewerten. Durch die rasante Entwicklung im Bereich KI könnte es zukünftig möglich sein, dass eine KI im Wearable die aktuellen Daten auswertet und frühzeitig Hinweise darauf gibt, dass der Träger sich z. B. in einem Stresszustand befindet oder die Herzratenvariabilität nicht optimal ist – und so Empfehlungen gibt, wie er besser für sich selbst sorgen kann. Geht man noch einen Schritt weiter in Richtung Behandlung von Angststörungen, könnte eine Integration mit z. B. Virtual Reality dafür sorgen, dass Betroffene besser mit Panikattacken umgehen lernen.
Fazit – vielversprechende Lösung
Gerade angesichts der enorm hohen Zahl an Menschen, die unter schlechter mentaler Gesundheit leiden, sind Wearables eine vielversprechende Lösung für die Zukunft. Sie messen die notwendigen Gesundheitsparameter und können daraus die richtigen Schlüsse für den Träger ziehen, da sie diesen tagtäglich rund um die Uhr begleiten. KI kann dabei helfen, die Daten auszuwerten. Optimalerweise werten jedoch auch Fachpersonen wie Ärzte diese aus und treffen gemeinsam mit dem Patienten Entscheidungen für seine Gesundheit. Fitnessstudios können hier durchaus eine Rolle spielen, da sie eine unterstützende Lösung im Umgang mit mentalen Problemen bieten und im Umgang mit den Daten, die Wearables ermitteln, geschult sind.
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