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Die Abnehmspritze – Segen oder Fluch für Fitnessstudios?

Bildquelle: © Andreas Prott – stock.adobe.com

GLP-1-Medikamente verändern die Gewichtsabnahme grundlegend. Was das für Fitnessstudios bedeutet – und warum sie jetzt handeln sollten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • GLP-1-Präparate (Abnehmspritzen) ermöglichen Menschen mit Adipositas erstmals eine physiologische Chance auf massiven Gewichtsverlust, bringen jedoch soziale und psychologische Herausforderungen beim Rollenwechsel mit sich.
  • Ohne gezieltes Krafttraining verlieren Nutzer bis zu 40 % des Gewichts in Form von Muskelmasse, was den Grundumsatz senkt, das Rückfallrisiko erhöht und zu gesundheitlichen Problemen wie Sarkopenie führen kann.
  • Da Muskeltraining bei der Medikamentenanwendung medizinisch notwendig ist, entwickelt sich die Fitnessbranche zum unverzichtbaren Partner für Millionen von Nutzern und schließt die Betreuungslücke zwischen Arzt und Patient.
  • Betreiber sollten spezialisierte Coaching-Programme entwickeln, Kooperationen mit Ärzten eingehen und Trainer gezielt ausbilden, um diese neue Zielgruppe nachhaltig und rechtssicher beim körperlichen Umbau zu begleiten.

Daniel Schmer war immer der Übergewichtige in der Runde. Jahrelang hatte er gekämpft: mit Diäten, mit Willensstärke, mit dem Jo-Jo-Effekt. Dann begann er mit Semaglutid – und verlor in wenigen Monaten rund 30 Kilogramm. Was wie eine Erfolgsstory klingt, wurde zur Zerreißprobe.

Wie Daniel in einem kürzlich erschienenen Artikel der Süddeutschen Zeitung schilderte, verschwand mit dem Gewicht auch ein Stück seiner sozialen Welt. Seine Freundesgruppe, in der er jahrelang die vertraute Rolle des gemütlichen, immer gut gelaunten Dicken gespielt hatte, reagierte zunehmend befremdet. Gemeinsame Restaurantbesuche wurden seltener – er aß ja kaum noch. Die alten Witze über sein Gewicht, früher eine Art kollektives Bonding, zündeten plötzlich nicht mehr. Und als er anfing, über Sport zu reden, über Proteine und Trainingseinheiten, machten sie Bemerkungen wie: ob er sich denn jetzt für etwas Besseres halte und ob er einfach nicht mehr er selbst sei.

Daniel hatte seinen Körper verändert – aber er war nicht darauf vorbereitet, dass sich damit auch sein Platz in der Gemeinschaft verschieben würde. Ohne psychologische Begleitung stand er plötzlich in einem anderen Körper – aber ohne zu wissen, wie er darin leben sollte.

Melinda dagegen ist wütend. Nicht auf die Spritze, sondern auf das Stigma. In einem Interview, das ebenfalls in der SZ erschien, schildert sie, wie sie jahrelang als „faul und undiszipliniert“ abgestempelt wurde – obwohl ihr Übergewicht hormonelle und genetische Ursachen hatte. GLP-1 hat ihr das gegeben, was kein Fitnesskurs, keine Ernährungsberatung und keine Diät je geschafft hat: eine physiologische Chance. „Ich bin weder faul noch undiszipliniert“, sagt sie. „Mein Körper hat einfach anders funktioniert.“

Zwei echte Geschichten, die das Gleiche erzählen: GLP-1-Agonisten sind kein kurzfristiger Lifestyle-Trend. Sie markieren einen medizinischen Paradigmenwechsel – mit enormen Konsequenzen für die gesamte Gesundheits- und Fitnessbranche.

Was ist GLP-1 – und warum verändert es alles?

GLP-1 steht für Glucagon-like Peptide-1, ein körpereigenes Hormon, das die Insulinproduktion anregt, den Blutzucker reguliert und – besonders relevant – das Sättigungsgefühl steuert. Menschen mit Adipositas haben häufig eine gestörte GLP‑1‑Ausschüttung. Die neu zugelassenen GLP-1-Rezeptor-Agonisten ahmen dieses Hormon nach und greifen direkt in den Appetit- und Stoffwechselkreislauf ein.

Älterer Mann trainiert seine Beine im Fitnessstudio
Je nach Studienlage verlieren GLP-1-Nutzer ohne Muskeltraining 25 bis 40 % ihrer Gewichtsabnahme in Form von Muskelgewebe (Bildquelle: © SYATRI RAWU – stock.adobe.com)

Die Ergebnisse sind bemerkenswert: In klinischen Studien verloren Probanden im Schnitt 15 bis 20 % ihres Körpergewichts. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat das Wirkprinzip zur Behandlung von Adipositas zugelassen und immer mehr Ärzte verschreiben entsprechende Präparate. Der Markt wächst rasant. Laut einer Deloitte-Analyse zum europäischen Gesundheits- und Fitnessmarkt wird die Branche in Zukunft massiv durch GLP-1 beeinflusst. Die Zahl der Menschen, die diese Medikamente einnehmen und gleichzeitig körperliche Begleitung suchen, werde sich vervielfachen. Das ist keine Spekulation – das ist bereits im Gange.

Der Markt: Zahlen, die Studiobetreiber kennen müssen

In Deutschland gelten rund 67 % der Männer und 53 % der Frauen als übergewichtig oder adipös. Davon haben ca. 18 bis 20 % einen BMI über 30, sind also klinisch adipös und damit potenziell für eine GLP-1-Behandlung geeignet. Das sind also mehrere Millionen Menschen.

Der globale GLP-1-Markt wird laut Analystenschätzungen bis 2030 ein Volumen von über 100 Milliarden US-Dollar erreichen. In Europa holt der Markt derzeit sehr schnell auf – und mit ihm die Zahl der Menschen, die auf der Suche nach ergänzender Unterstützung sind. Eine weitere interessante Studie wurde gerade von EuropeActive, einem führenden Branchenverband für die Fitness- und Gesundheitsbranche, veröffentlicht. GLP-1 wurde explizit als strategisches Thema für die Branche identifiziert.


Die Darstellung verdeutlicht, warum Krafttraining in Verbindung mit einer proteinreichen Ernährung für Nutzer der Abnehmspritze so wichtig ist

In einem Positionspapier wird gefordert, dass Fitnessstudios aktiv in die Versorgungskette von GLP-1-Nutzern eingebunden werden. Der Grund ist medizinisch eindeutig: Körperliche Aktivität und Muskelerhalt sind keine optionalen Extras bei einer GLP-1-Begleitung – sie sind medizinisch notwendig.

Das Problem: GLP-1 ohne Sport ist halbgar

Hier liegt die eigentliche Herausforderung – und gleichzeitig die größte Chance für Fitnessstudios. GLP-1-Medikamente reduzieren den Appetit so effektiv, dass Menschen mit einer deutlich geringeren Kalorienmenge auskommen. Das klingt gut.

Das Problem: Bei starkem Kaloriendefizit ohne gezieltes Krafttraining verliert der Körper nicht nur Fettmasse – er baut auch Muskelmasse ab. Mediziner sprechen von Sarkopenie durch Gewichtsverlust. Je nach Studienlage verlieren GLP-1-Nutzer ohne Muskeltraining 25 bis 40 % ihrer Gewichtsabnahme in Form von Muskelgewebe. Das hat weitreichende Konsequenzen:

  • Der Grundumsatz sinkt, weil Muskeln der wichtigste Kalorienverbraucher des Körpers sind.
  • Das Rückfallrisiko steigt: Wer Muskeln verloren hat, nimmt nach Absetzen der Medikamente schneller wieder zu.
  • Die Gesundheit leidet: Kraftverlust, schlechtere Körperhaltung, erhöhtes Sturzrisiko – besonders bei älteren GLP-1-Nutzern.
  • Die psychische Stabilität fehlt: Wie das Beispiel Daniel Schmer zeigt, ist Gewichtsverlust ohne emotionale Verankerung keine nachhaltige Lösung.

Gemeinsame Positionspapiere weltweiter Fachverbände – darunter die World Obesity Federation und führende Sportmedizinverbände – sind eindeutig: Muskeltraining und proteinreiche Ernährung sind bei GLP-1-Begleitung nicht optional, sondern integraler Bestandteil eines nachhaltigen Ergebnisses. Studios, die dieses Wissen nutzen, sind prädestiniert, die medizinische Lücke zu schließen.

Die Betreuungslücke: Wo Arzt und Apotheke aufhören

Ärzte verschreiben das Medikament und kontrollieren Blutzucker und Blutdruck. Fakt ist aber: Oft fehlt im Praxisalltag die Zeit, Patienten darüber zu informieren, dass sie beim Abnehmen auch wertvolle Muskulatur verlieren. Und dass sie diesem Muskelverlust nur durch Muskeltraining begegnen können.

Also, wer kümmert sich um den Körper, der beim schnellen Abnehmen entsteht? Wer trainiert mit diesen Menschen die Muskulatur, die sie so dringend brauchen? Wer erklärt ihnen, warum ihr Körper jetzt anders reagiert als früher? Die Antwort lautet: niemand – außer das Fitnessstudio.

Best-Practice: Planet Fitness

Die mit ca. 21 Millionen Mitgliedern weltweit größte Kette Planet Fitness hat diesen Zusammenhang früh erkannt. In einem viel beachteten Statement positionierte sich die Kette explizit als Partner für GLP-1-Nutzer und betonte: Wer die Spritze nimmt, braucht uns mehr denn je. Die Mitgliederzahlen stiegen daraufhin überproportional.

Eine Abbildung über die Bereiche, die Trainern in Fitnessstudios hinsichtlich GLP-1 abdecken dürfen und sollten
Die Abbildung verdeutlicht, welche Bereiche Trainern in Fitnessstudios hinsichtlich GLP-1 abdecken dürfen und sollten und welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen (Bildquelle: © Hubert Horn)

Auch in Europa beginnen erste Studios, speziell ausgebildete GLP-1-Fitnesscoaches einzusetzen, Kooperationen mit Ärzten aufzubauen und maßgeschneiderte Programme für GLP-1-Nutzer zu entwickeln. Wer hier früh investiert, besetzt eine Nische mit echter Substanz – und nachgewiesenem medizinischen Bedarf.

Segen oder Fluch? Die ehrliche Bilanz

Meine Frage im Titel dieses Artikels ist keine Provokation. Die Antwort lautet: sowohl als auch.

GLP-1 ist ein Segen, wenn:

  • es Menschen mit Adipositas hilft, ein gesundes Gewicht zu erreichen, das sie auf natürlichem Weg nie halten konnten;
  • es als Teil eines umfassenden Begleitprogramms mit Muskeltraining, protein- und nährstoffreicher Ernährung sowie psychologischer Unterstützung eingesetzt wird;
  • es das Stigma von Übergewicht abbaut – denn wer versteht, dass Adipositas eine Erkrankung und kein Charaktermangel ist, wird Menschen wie Melinda fair behandeln.

GLP-1 ist ein Fluch, wenn:

  • es als Abkürzung ohne professionelle Begleitung genutzt wird – mit Muskelabbau und hohem Rückfallrisiko als Folge;
  • es den Körper verändert, aber das Mindset nicht;
  • es als schnelle Lösung vermarktet wird, die den eigentlichen Wandel – Training, Ernährung, Lebensstil – ersetzt statt ergänzt;
  • es ohne ärztliche Begleitung eingesetzt wird, weil der Schwarzmarkt wächst.

Was Studiobetreiber jetzt konkret tun können

1. Kompetenz aufbauen

Trainer, die die physiologischen Grundlagen kennen – Muskelerhalt bei Kaloriendefizit, erhöhter Proteinbedarf, veränderte Regenerationsfähigkeit –, können echte Mehrwerte liefern. GLP-1-Fitnesscoach-Ausbildungen sind inzwischen verfügbar. Das Wissen ist der erste Schritt, der alles Weitere trägt.

2. Kooperationen mit Ärzten aufbauen

Ärzte brauchen Partner für die Trainingsbegleitung ihrer Patienten. Wer auf Ärzte in seiner Region zugeht, kann Partnerschaften etablieren, von denen beide Seiten profitieren. Der Arzt überweist, das Studio betreut – ein Kreislauf mit echtem Mehrwert für alle Beteiligten.

3. Maßgeschneiderte Programme entwickeln

GLP-1-Nutzer sind keine gewöhnliche Zielgruppe. Ihr Körper ist im Umbau. Speziell entwickelte Programme mit Fokus auf Muskelaufbau und Ernährungs- sowie psychologisches Coaching sind ein echtes Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb.

4. Kommunikation anpassen

GLP-1-Nutzer kämpfen häufig mit Scham, Selbstzweifeln und einer langen Geschichte des Scheiterns. Sie brauchen Verständnis und konkrete Hilfe. Wer das in seiner Kommunikation sichtbar macht, zieht diese Zielgruppe gezielt an.

5. Mehrwert schaffen – und ihn auch bepreisen

GLP-1-Nutzer brauchen regelmäßige Beratungsgespräche mit einem GLP-1-Fitnesscoach sowie periodische Körperanalysen, um den Verlauf von Muskelmasse und Körperfett objektiv zu dokumentieren. Diese Mehrleistungen rechtfertigen einen entsprechenden Aufpreis.

So setzen Betreiber Körperanalyse in ihrem Fitnessstudio um

Wer zusätzlich Neukunden über Arzt-Empfehlungen gewinnt, erschließt sich eine Mitgliederkategorie, die ohne GLP-1 womöglich nie den Weg ins Studio gefunden hätte – und die mit einem spezialisierten Betreuungspaket versorgt werden kann. Das kommt dem Mitglied zugute und stärkt die wirtschaftliche Basis des Studios.

Das Fenster ist offen – aber es schließt sich

In der Fitnessbranche gibt es selten echte Wendepunkte. GLP-1 ist einer davon. In den nächsten Jahren werden Millionen GLP-1-Medikamente nehmen. Wer jetzt investiert – in Wissen, in Kooperationen, in Programmentwicklung –, besetzt einen Markt, der gerade erst entsteht. Wer wartet, findet sich in einigen Jahren in einer Welt, in der Mitbewerber und spezialisierte Anbieter längst die Nase vorn haben.

GLP-1 ist kein Feind der Fitnessstudios. Es ist der beste Zubringer, den die Branche je hatte: Menschen, die abnehmen wollen, die Muskelstruktur aufbauen müssen – und die erstmals in ihrem Leben die physiologischen Voraussetzungen haben, es auch zu schaffen. Sie brauchen uns, die Fitnessstudios.

Bildquelle Header: © Andreas Prott – stock.adobe.com

Der Autor

  • Hubert Horn

    Hubert Horn ist Gründer von MEET THE TOP und BODYMEDIA und zählt zu den Urgesteinen der Fitness- und Gesundheitsbranche. Mit der igroup Internetagentur und der Bildungs-Akademie SAFS & BETA hat er weitere Unternehmen gegründet. Als Geschäftsführer leitet Hubert Horn die Horn Druck & Verlag KG, die auf Marketing für Fitnessclubs spezialisiert ist.

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