BODYMEDIA: Auf einer Skala von 1–10: Wie wichtig ist Mitarbeiterbindung in der Physiotherapie?
Kris Kroth: Mitarbeiterbindung hat in der Physiotherapie einen sehr hohen Stellenwert – ich würde sie auf einer Skala von 1 bis 10 bei etwa 8 bis 9 einordnen. Gleichzeitig ist es aus meiner Sicht entscheidend, dass diese Bindung innerhalb klar definierter und individuell abgesteckter Grenzen stattfindet. Ein wichtiger Punkt ist hierbei, dass man sich als Arbeitgeber nicht in permanente Gehaltsnachverhandlungen hineinziehen lässt. Stattdessen arbeiten wir bewusst mit einem strukturierten Jahresgespräch.
In diesem Rahmen werden individuelle Ziele definiert und gemeinsam wird reflektiert, ob und warum eine Gehaltsanpassung sinnvoll, notwendig oder gerechtfertigt ist. Neben den wirtschaftlichen Themen spielt ein gutes, wertschätzendes Miteinander eine zentrale Rolle. Gleichzeitig ist es wichtig, sich von dem Gedanken zu lösen, jeden Mitarbeiter um jeden Preis halten zu müssen. Eine gesunde Unternehmenskultur braucht klare Regeln und gegenseitigen Respekt – nicht nur Bindung um jeden Preis.
BODYMEDIA: Unterschiedliche Generationen haben unterschiedliche Bedürfnisse: Wie bindet ihr einen 22-jährigen Berufsanfänger – und womit haltet ihr den 55-jährigen berufserfahrenen Therapeuten?
Elisa Kroth: Unsere Erfahrung zeigt deutlich, dass unterschiedliche Generationen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Jüngere Therapeuten, insbesondere Berufsanfänger, lassen sich aktuell vor allem über flexible Arbeitszeitmodelle an ein Unternehmen binden. Themen wie individuelle Dienstplangestaltung und Work-Life-Balance stehen hier klar im Vordergrund. Ältere, erfahrene Mitarbeiter hingegen legen häufig mehr Wert auf Sicherheit und langfristige Perspektiven, beispielsweise in Form von betrieblicher Altersvorsorge oder vermögenswirksamen Leistungen.
Was jedoch beide Gruppen verbindet, ist der Wunsch nach echter Wertschätzung, Kommunikation auf Augenhöhe und einem offenen, ehrlichen Miteinander – und zwar nicht nur als Floskel, sondern als gelebte Realität im Alltag. Besonders interessant ist, dass Therapeuten, die bereits in anderen Einrichtungen gearbeitet haben, den Unterschied in unserer Unternehmenskultur sehr schnell erkennen und schätzen. Berufsanfängern hingegen fehlt diese Wahrnehmung oft.
Der Führungsstil spielt eine zentrale Rolle bei der Mitarbeiterbindung (Bildquelle: © PhysioFamily Koblenz)
BODYMEDIA: Daran anschließend: Wie geht ihr damit um, dass das Einstiegsgehalt junger Therapeuten heute oft genauso hoch ist wie die Bezahlung erfahrener Kräfte?
Elisa Kroth: Hier vertreten wir eine sehr klare und strukturierte Haltung. Im Zuge unseres Wachstums haben wir eine transparente Gehaltsstruktur etabliert. Bei Berufseinsteigern unterscheiden wir zunächst nur, ob Zusatzqualifikationen wie beispielsweise eine MLD-Zertifizierung vorhanden sind oder nicht. Die weitere Entwicklung erfolgt dann über die Betriebszugehörigkeit, ist aber immer eng an die individuelle Leistung gekoppelt. Uns ist wichtig, dass Gehaltssteigerungen nicht als Automatismus gesehen werden.
Auch interessant: Was Mitarbeiter bindet – und warum das Gehalt nur ein Faktor ist
Wenn ein Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung fordert, diese aber aufgrund mangelnden Engagements oder fehlender Entwicklung aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt ist, kommunizieren wir das offen und ehrlich. Gleichzeitig leben wir aber auch die andere Seite: Wenn wir sehen, dass sich jemand überdurchschnittlich einbringt, Verantwortung übernimmt oder mehr leistet als erwartet, gehen wir proaktiv auf diese Person zu und honorieren das auch entsprechend – sowohl inhaltlich als auch monetär.
BODYMEDIA: Welche Rolle spielt der Führungsstil in eurer Praxis für die Bindung von Mitarbeitenden?
Kris Kroth: Der Führungsstil spielt aus unserer Sicht eine zentrale Rolle. Besonders die mittlere Führungsebene ist dabei eine sehr anspruchsvolle und oft auch undankbare Position, da sie sich in einer klassischen Sandwichrolle befindet. Ich persönlich habe großen Respekt vor dieser Rolle und sehe sie als eine der schwierigsten im Unternehmen. Umso glücklicher sind wir, dass wir in unserer Führungsriege Personen entwickeln konnten, die sowohl eine hohe Loyalität gegenüber dem Unternehmen zeigen als auch einen guten und teilweise freundschaftlichen Umgang mit ihren Kollegen pflegen.
Besonders bei Firmenevents oder außerhalb des Arbeitsalltags wird deutlich, dass unsere Mitarbeiter ausgezeichnet differenzieren können, wann jemand als Kollege und wann als Führungskraft auftritt. Diese Fähigkeit ist jedoch nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis gezielter Entwicklung. Einfach jemanden aus dem Team heraus zur Führungskraft zu machen, ohne klare Rollenbeschreibung und Vorbereitung, funktioniert in der Regel nicht.
Elisa Kroth: Ein ganz wesentlicher Faktor ist die Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung. Klassische, starre Arbeitszeitmodelle sind aus unserer Sicht heute nicht mehr zeitgemäß. Bei uns ist grundsätzlich jeder mit seinem individuellen Stundenmodell willkommen. Abgesehen von wenigen klaren Regeln für Vollzeitkräfte versuchen wir, auf individuelle Wünsche einzugehen und gemeinsam Lösungen zu finden. Unsere leitenden Mitarbeiter erstellen Dienstpläne so, dass sie sowohl den Bedürfnissen der Mitarbeiter als auch den Anforderungen des Unternehmens gerecht werden.
Darüber hinaus spielt die Gestaltung der Praxis eine immer größere Rolle. Die Zeiten von rein funktionalen, wenig ansprechenden Praxen sind vorbei. Themen wie Raumgestaltung, Atmosphäre, Interieur und sogar Details wie Raumduft haben heute einen erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Besonders die Aktiv- oder Trainingsflächen sind aus unserer Erfahrung ein entscheidender Faktor in der Mitarbeitergewinnung. Wer hier nicht mit der Zeit geht, wird langfristig Probleme bekommen, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.
BODYMEDIA: Viele moderne Arbeitsformen (z. B. Homeoffice) sind in der Physiotherapie schlecht umsetzbar. Ist das ein Nachteil gegenüber anderen Berufen?
Kris Kroth: Ich sehe das nicht als echten Nachteil. Natürlich ist klassisches Homeoffice in der Physiotherapie nur eingeschränkt möglich, da die Arbeit am Patienten stattfindet. Dennoch bieten wir in bestimmten Bereichen, wie beispielsweise bei Führungskräften oder im Anmeldebereich, die Möglichkeit, Aufgaben bei Bedarf auch von zu Hause aus zu erledigen.
Viel wichtiger ist jedoch, dass der Beruf selbst eine hohe Abwechslung bietet. Durch moderne, gut gestaltete Behandlungsräume, großzügige Trainingsflächen und unterschiedliche Therapieformen entsteht ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag. Ergänzt wird das durch Gruppenangebote wie T-Rena, Rehasport oder vergleichbare Konzepte. Diese Vielfalt macht den Beruf attraktiv und gleicht das fehlende Homeoffice aus.
BODYMEDIA: Wie geht ihr mit Mitarbeitern um, die das Betriebsklima negativ beeinflussen? Sollten Praxen, die Personalnot haben, diese Mitarbeiter trotzdem behalten?
Elisa Kroth: Zu diesem Thema haben wir leider eigene Erfahrungen gemacht, die unsere Haltung stark geprägt haben. Ein Mitarbeiter, der das Betriebsklima negativ beeinflusst, kann langfristig erheblichen Schaden anrichten. Oft ist es so, dass die Gesamtperformance eines Teams darunter leidet. Deshalb vertreten wir hier eine klare Linie: Ein einzelner ‚verfaulter Apfel‘ kann sprichwörtlich den ganzen Korb verderben.
Auch bei Personalmangel sollte man sich als Arbeitgeber nicht verbiegen, um solche Mitarbeiter zu halten. Langfristig verliert man dadurch mehr, als man gewinnt – sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Daher gilt für uns: Lieber eine klare Entscheidung treffen, auch wenn sie kurzfristig unangenehm ist, als ein dauerhaft belastendes Arbeitsumfeld zu akzeptieren.
Die Mitarbeiter in der PhysioFamily können gut unterscheiden, wann jemand als Kollege und wann als Führungskraft auftritt (Bildquelle: © PhysioFamily Koblenz)
BODYMEDIA: Was war für euch der schmerzhafteste Abgang eines Mitarbeiters und wieso konntet ihr ihn nicht halten?
Elisa Kroth: Ein besonders schmerzhafter Abgang war der einer jungen Mitarbeiterin, die zu unseren ersten Teammitgliedern gehörte. Sie hat sich durch außergewöhnliches Engagement, große Loyalität und eine hohe Teamfähigkeit ausgezeichnet. Nach etwa drei intensiven Jahren hat sie sich jedoch entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen. Ihr großes Ziel war es, die Welt zu bereisen, weshalb sie eine Ausbildung bei einer großen deutschen Fluggesellschaft begonnen hat, um als Flugbegleiterin zu arbeiten.
Auch wenn wir sie sehr gerne gehalten hätten, hatten wir volles Verständnis für ihre Entscheidung. Es war kein Weggang aus Unzufriedenheit, sondern aus persönlicher Entwicklung heraus. Wir haben sie daher sehr wertschätzend verabschiedet und ihr symbolisch ein Comeback-Ticket mitgegeben – verbunden mit der Botschaft, dass sie jederzeit zurückkommen kann.
BODYMEDIA: Glaubt ihr, dass euer aktuelles Personalmodell in fünf Jahren noch funktioniert, oder seht ihr notwendigen Anpassungsbedarf?
Kris Kroth: Der Arbeitsmarkt ist aktuell so volatil wie selten zuvor. Digitalisierung, KI, Inflation und veränderte Erwartungen der Arbeitnehmer sorgen dafür, dass Unternehmen sich kontinuierlich anpassen müssen. Grundsätzlich bin ich jedoch optimistisch, da die therapeutische Arbeit am Menschen aus meiner Sicht auch in den kommenden Jahren nicht ersetzbar sein wird. Gleichzeitig stellen politische Rahmenbedingungen und Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen aktuell eine Herausforderung dar.
Langfristig wird der Fokus auf die individuelle Gesundheit weiter steigen und die Bereitschaft, auch privat in die eigene Gesundheit zu investieren, wird zunehmen. Zudem gehe ich davon aus, dass sich der Markt konsolidieren wird, da viele kleinere Praxen verschwinden könnten. Dadurch wird sich die Position der Arbeitgeber wieder etwas stärken. Auch das Thema Teilzeit könnte sich durch steigende Lebenshaltungskosten verändern, da finanzielle Sicherheit für viele wieder stärker in den Fokus rückt. Insgesamt bedeutet das: Unser Modell ist eine gute Basis, muss aber kontinuierlich weiterentwickelt werden.
BODYMEDIA: Vielen Dank für das interessante Interview!
Bildquelle Header: © PhysioFamily Koblenz