Das Wichtigste in Kürze
- Gesundheit scheitert selten am Wissen, sondern am Alltag: Zeitmangel, Care-Arbeit und volle Kalender machen Prävention oft unrealistisch – sie wird dadurch sozial selektiv.
- Fitness ist kein Privatvergnügen, sondern Systemfaktor: Trainingsangebote wirken frühzeitig und stabilisieren Gesundheit, bevor medizinische Versorgung überhaupt greift.
- Der Fitnessmarkt wird zum unterschätzten Hebel im Gesundheitssystem: Er kann Krankheitslast reduzieren, ist aber strukturell noch nicht ausreichend integriert oder gefördert.
- Kontinuität schlägt kurzfristige Programme: Statt Kurslogik und Rabattaktionen braucht es alltagstaugliche, flexible Strukturen und eine Positionierung als echter Problemlöser.
Unser Gesundheitsverhalten verändert sich. Es verschiebt sich kontinuierlich. Über Jahre hinweg passen sich Gewohnheiten, Bewegungsmuster und Belastungen an neue Lebensrealitäten an. Was dabei verloren geht, ist selten unmittelbar sichtbar. Funktionelle Einschränkungen, durch beispielsweise körperliche Inaktivität, entwickeln sich leise, lange bevor sie als medizinisches Problem wahrgenommen werden.
Wir diskutieren Prävention oft über Fitnessprogramme, Tests und Qualitätskriterien. Die entscheidende Variable bleibt dabei erstaunlich oft außen vor: die Lebensrealität, in der sie wirken sollen.
Systemverantwortung zwischen Care, Gesundheit und Arbeit
Nadja Lenssen beobachtet in ihrer täglichen Arbeit, dass der Engpass selten fehlendes Wissen oder fehlende Motivation ist. Es ist Zeit. Volle Kalender, Schichtarbeit, Pendelwege und die zweite Schicht aus Care-Arbeit, Kinderbetreuung, Pflege, Organisation und mentaler Last. Wer das als „privat“ einordnet, baut Prävention vor allem für diejenigen, die ohnehin über Spielräume verfügen. Gesundheitschancen werden so sozial selektiv.
Systemverantwortung heißt deshalb nicht nur bessere Programme, sondern vor allem weniger Reibungsverluste im Alltag. Fitness- und Präventionsanbieter entfalten ihre Wirkung dann besonders nachhaltig, wenn Gesundheitsarbeit als verlässliche Infrastruktur verstanden wird. Flexible Taktung, niedrigschwellige Zugänge und klare Rückkehrpfade erleichtern Kontinuität und helfen, Angebote an reale Lebenssituationen anzupassen, ohne neue Hürden entstehen zu lassen. Die härteste Trainingsvariable ist nicht die Intensität. Es ist der Kalender.
Parallel dazu differenziert sich unser Gesundheitssystem ständig weiter aus. Medizinische Versorgung ist präziser, spezialisierter und leistungsfähiger geworden. Diagnostik, Therapie und Akutversorgung erreichen ein international anerkanntes Niveau. Der Preis: Einerseits steigen Ausgaben, andererseits prägen Versorgungsengpässe zunehmend den Alltag. An genau dieser Stelle rückt ein Bereich in den Fokus, der bislang meist außerhalb des klassischen Versorgungssystems verortet wurde: der Fitnessmarkt. Er ist inzwischen so viel mehr als eine Aneinanderreihung von Muckibuden. Es ist ein starker Markt mit hochkompetenten Gesundheitsakteuren, die als strukturierter Partner zur Weiterentwicklung unseres Gesundheitswesens ihren Platz schon längst gefunden haben (sollten).
Gesundheit im Aufbruch beschreibt daher mehr als einen organisatorischen Wandel. Es geht um die Frage, wie das Gut „Gesundheit“ künftig verstanden, gemessen und weiterentwickelt werden kann. Der Fitnessmarkt bewegt sich dabei zwischen individueller Prävention und wachsender Systemverantwortung.
Warum der Fitnessmarkt immer relevanter wird
Wenn Gesundheit nicht erst im Behandlungszimmer entsteht, sondern lange vorher, verschiebt sich auch der Blick auf jene Bereiche, die an dieser frühen Phase beteiligt sind. Dort, wo Alltag, Bewegung und körperliche Gewohnheiten wirken, beginnt eine Form von Gesundheitsarbeit, die im klassischen Versorgungssystem bislang nur begrenzt sichtbar ist.
Das Gut „Fitness“ wird häufig als individuelle Entscheidung verstanden. Diese Perspektive greift zu kurz. Strukturierte Bewegungs- und Trainingsangebote arbeiten an der Entwicklung und dem Erhalt körperlicher, psychischer als auch emotionaler Belastbarkeit. Belastbarkeit beschreibt dabei die Fähigkeit, auf Anforderungen zu reagieren, sich anzupassen und Funktionsverluste zu vermeiden. „Das Framing ‚Fitness ist Privatsache‘ klingt nach Eigenverantwortung, verschiebt aber den Blick auf das Individuum. Für Anbieter liegt der wirksame Hebel woanders. Je anschlussfähiger Trainingsangebote gestaltet sind, desto stabiler entwickeln sich Nutzung, Bindung und präventive Wirkung“, sagt Nadja Lenssen.
Hier liegt die eigentliche Schnittstelle. Während das Gesundheitssystem dort aktiv wird, wo Krankheit diagnostiziert und behandelt werden muss, setzt Fitness, mit all den Möglichkeiten, deutlich früher an. Bewegungsfähigkeit, Muskelkraft, mentale Stärke, Ernährung, Stoffwechsel und sämtliche funktionellen Reserven sind Faktoren, die in der medizinischen Versorgung oft erst dann relevant werden, wenn sie bereits verloren gegangen sind. Der Fitnessmarkt und seine Akteure sind damit keine Konkurrenz zur Medizin. Sie sind Begleiter. Sie gestalten Bedingungen, unter denen Gesundheit stabil bleiben kann. Kontinuierlich, entwicklungsorientiert und alltagsnah.
Der Fitnessmarkt als Hebel im Gesundheitssystem
Genau hier berühren sich individuelle Trainingspraxis und systemische Gesundheitslogik. Training wirkt dort, wo klassische Steuerungsgrößen kaum hinschauen. In der Sprache der Versorgung heißt das nicht weniger Medizin, sondern weniger Bedarf. Diese Wirkung schlägt sich nicht unmittelbar im Case-Mix-Index nieder. So Daniel Schoon und Dr. Daniel Schwarzenberger. Sie zeigt sich darin, dass komplexe Behandlungsfälle später auftreten oder ganz ausbleiben. Genau diese Wirkung bildet der Public-Health- Index ab: die Stärke präventiver Strukturen und die Belastbarkeit der Be-völkerung.
Bewegungsfähigkeit, Muskelkraft, mentale Stärke, Ernährung, Stoffwechsel und sämtliche funktionellen Reserven sind Faktoren, die in der medizinischen Versorgung oft erst dann relevant werden, wenn sie bereits verloren gegangen sind. Der Fitnessmarkt und seine Akteure sind damit keine Konkurrenz zur Medizin. Sie sind Begleiter (Bildquelle: © ReadyAtTheEase/peopleimages.com – stock.adobe.com)
Dass dieses Potenzial bislang nicht konsequent genutzt wird, liegt weniger an fehlender Evidenz als an strukturellen Rahmenbedingungen. Der Fitnessmarkt und seine Akteure bewegen sich häufig zwischen Eigenverantwortung und Versorgung, ohne klar verankert zu sein. Eine stärkere Anerkennung qualitätsgesicherter Angebote, weniger Bürokratie und verlässliche Förderstrukturen könnten hier einen entscheidenden Unterschied machen. „Fitness“ wird damit nicht zur Ersatzlösung, sondern zu einem entscheidenden gesundheitssystemischen Bau-stein. Seine gesellschaftliche Bedeutung liegt darin, Gesundheit früh zu stabilisieren und dort zu wirken, wo klassische Versorgung noch nicht greift. Wenn Gesundheit im Aufbruch gelingen soll, braucht es genau diese Perspektivverschiebung.
Mit der großen Frage, wie nun aber der Fitnessmarkt sich im Präventionsbereich letztlich etablieren kann, beschäftigt sich Gernot Brecht.
Problemlöser statt Angebotswucherei
Leider wird selbst im Premiumbereich, aber auch in sogenannten Gesundheitsstudios seit Jahren Angebotswucherei betrieben. Eine Preisaktion jagt die andere (z. B. 4 Wochen gratis trainieren oder bis zum 30. des Monats Anmeldegebühr sparen). Dies aber führt immer mehr dazu, dass präventives Fitnesstraining immer vergleichbarer mit den Angeboten der Discounter oder personalloser Fitnessclubs wird.
Hier sollten sich die Präventionsanbieter mehr darauf konzentrieren, als Problemlöser auf dem Markt wahrgenommen zu werden. Ein aktuelles Beispiel aus München untermauert diesen Anspruch. AJ Fitness, ein Premiumanbieter mit über 25 Jahren Präsenz am Markt, hatte Ende 2025 eine Longevity-Kampagne in einem stark umkämpften Markt angeboten. Es wurde nicht mit einem Preisvorteil, sondern mit Lösungen gegen Zivilisationskrankheiten geworben. Der Preis für zwei Monate betrug 349 Euro. Die normale Preisstruktur in dem Club bewegt sich zwischen 69 und 119 Euro pro Monat.
Laut Geschäftsführer AJ Green gab es bei Abschluss von 35 Aktionsmitgliedschaften keinerlei Preisdiskussionen, da das Programm vollgepackt war mit Gesundheitsanalysen und Problemlösungen für die gesundheitlichen Defizite der Kunden. Des Weiteren wurden aus den 35 Mitgliedschaften 70 % langfristige Mitgliedschaften abgeschlossen.
Reformation der Präventionskurse nach § 20 SGB V
Die Präventionskurse der GKV animieren nur wenige zu einem regelmäßigen Training, da hier z. B. der Eindruck vermittelt wird, mit einem Mal die Woche Training wäre es getan. Auch die begrenzte Dauer von acht bis zehn Wochen ermutigt die Versicherten nicht, kontinuierlich mit dem Training fortzufahren. Die Idee dahinter, die Versicherten zu einer Fortführung des Programms auf eigene Kosten zu bewegen, ist schon seit Jahrzehnten kläglich gescheitert. Des Weiteren ist die Genehmigung der Präventionskurse durch die ZPP für viele Fitnessclubs mit hohem Aufwand versehen, weshalb viele Clubs von dem Angebot absehen.
„Ein Kurs ist ein Format, aber noch keine Präventionsstruktur. Präventive Wirkung entsteht über Kontinuität, gerade weil Lebensrhythmen Unterbrechungen mit sich bringen. Eine zeitgemäße Förderlogik sollte daher nicht allein Inhalte zertifizieren, sondern stärker auf Alltagstauglichkeit ausgerichtet sein. Flexible Zugänge, planbare Wiedereinstiege und Rahmenbedingungen, die Sorgeverantwortung berücksichtigen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Training langfristig fortgeführt wird“, so der Tenor von Nadja Lenssen.
Sinnvoller wäre hier ein Prävention-Qualitätssiegel für gesundheitsorientierte Fitnessclubs in Kooperation mit der GKV. Solche Studios könnten dann Teilnahmebescheinigungen (zum Beispiel 100 Besuche im Jahr) ausstellen, mit denen die Versicherten sich dann z. B. 50 % ihres Mitgliedsbeitrages bei der GKV zurückholen könnten. Dabei ist auch davon auszugehen, dass dieses Verfahren die Verwaltungskosten bei ZPP erheblich reduzieren und von den Versicherten aufgrund der einfacheren Handhabung besser akzeptiert werden würde.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis): Gesundheitsausgaben in Deutschland www.destatis.de/DE/Themen Gesellschaft- Umwelt/Gesundheit/Gesundheitsausgaben/_ inhalt.html, Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK): Grundlagen des G-DRG-Systems und Case-Mix-Index www.g-drg.de, AOK-Bundesverband / Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): Public Health Index - Präventionspolitik im europäischen Vergleich, www.aok.de/pp/public-health/ www.dkfz.de/de/krebspraevention/gesundheitspolitik/ public-health-index.html, Robert Koch-Institut (RKI): Gesundheitsberichterstattung des Bundes zu Körperliche Aktivität www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/ Gesundheitsberichterstattung/gesundheitsberichterstattung_ node.html, World Health Organization (WHO): Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour www.who.int/publications/i/ item/9789240015128
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