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Fitnessstudios bieten wertvolle BGF-Maßnahmen im Rahmen des BGM

Immer mehr Fitnessstudios bieten Leistungen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) an. Was Studios in diesem Bereich leisten können und wann Kooperationen mit BGM-Dienstleistern Sinn machen, erklärt Dr. Pascal Senn, Geschäftsführer des Instituts für präventive Diagnostik, Aktivitäts- und Gesundheitsförderung (IDAG GmbH), im Interview.

BODYMEDIA: Firmenfitness, BGM- und BGF-Angebote bieten mittlerweile einige Fitnessstudios an. Können Sie für uns die beiden Begriffe BGF und BGM definieren und die Unterschiede erklären?
Dr. Pascal Senn: Wenn Gesundheit im Unternehmen als Managementaufgabe gelebt wird und in der Umsetzung einen interdisziplinären und systematischen Ansatz verfolgt, spricht man von einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement  (BGM). Die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) stellt hierbei, neben beispielsweise der Arbeitsmedizin oder dem Arbeitsschutz, eine wichtige Säule des BGM dar, die insbesondere die lebensstilorientierte Gesundheitsförderung im Gesamtprozess des BGM zum Fokus hat. Firmenfitness versteht sich vor diesem Hintergrund somit als Bestandteil der BGF. Als Managementsystem liegt beim BGM der Fokus auf Prozessen. Diese werden gemäß dem PDCA-Zyklus (Plan Do Check Act, Anm. der Redaktion), der unter anderem auch im Qualitätsmanagement zu finden ist, immer wieder auf den Prüfstand gestellt und kontinuierlich verbessert. Dieser Managementprozess durchläuft vier Phasen.

  1. Ziele definieren: Zu Beginn muss die Geschäftsführung langfristige Ziele definieren. Also was will sie mit einem BGM im Unternehmen erreichen? Ist es primär die Senkung des Krankenstands? Der Arbeitsunfälle? Der Mitarbeiterfluktuation? Soll das Betriebsklima oder das Image des Unternehmens insgesamt verbessert werden?
  2.  Bedarf ermitteln: Ausgehend von diesen Zielen heißt es zunächst, sowohl den Ist-Zustand zu dokumentieren als auch den Bedarf zu analysieren. Den Bedarf ermittelt das Unternehmen durch unterschiedliche Instrumente, etwa Mitarbeiterbefragungen, Arbeitsplatzanalysen, Analyse-Workshops oder weitere betriebsspezifische Kennzahlen.
  3. Handlungsfelder und Maßnahmen ableiten und umsetzen: Aus der strukturierten Bedarfsanalyse lassen sich Handlungsfelder und schließlich konkrete Maßnahmen ableiten. Das Besondere: Diese sind ganz unternehmensspezifisch sowohl auf die Betriebsziele als auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt. Sie sind entweder verhaltensorientiert – zum Beispiel eine Schulung zum Heben und Tragen schwerer Gegenstände oder zum besseren Umgang mit Stress – oder verhältnisorientiert – etwa die Veränderung von Arbeitsabläufen oder des Arbeitsplatzes. Am erfolgreichsten ist die Kombination beider Ansätze.
  4. Maßnahmen überprüfen: Im letzten Schritt werden nach einer gewissen Zeit sowohl die einzelnen Maßnahmen als auch der Gesamtprozess evaluiert. So kann man den Erfolg eines BGM auf unterschiedlichen Ebenen überprüfen: Wurden die erhofften Ergebnisse erreicht? Ist die Mitarbeiterzufriedenheit durch das BGM insgesamt gestiegen? Wenn nicht: Was könnte verbessert werden? Braucht es weitere Informationen oder flankierende Maßnahmen?

Fitnessstudios bieten somit meist wertvolle Programme und Aktionen an, die als Maßnahmen der BGF im Rahmen eines BGM im Unternehmen umgesetzt werden können.

 


Für Fitnessstudios können Firmen-fitnessangebote lukrativ sein, da sie aus der Belegschaft eines Unternehmens Mitglieder generieren können

 

BODYMEDIA: Mit Ihrem Unternehmen bieten Sie eine Vielzahl ganzheitlicher BGM-Leistungen für Unternehmen an. Können Sie die einzelnen Schritte der Zusammenarbeit mit Ihren Kunden skizzieren? Wie läuft die Kundenakquise ab, wie geht es danach weiter, wie lange laufen die einzelnen Programme und wie werden die Fortschritte der einzelnen Mitarbeiter festgehalten?
Dr. Pascal Senn: So unterschiedlich, wie sich der Stand des BGM im jeweiligen Unternehmen darstellen kann, so verschieden ist unsere Herangehensweise bei der Kundengewinnung. Wir nutzen vielfältige Kanäle zur Kommunikation unserer Leistungen. Entscheidend ist für uns jedoch herauszufinden, an welcher Stelle das Unternehmen hinsichtlich des BGM steht und was genau gebraucht und gewünscht wird. Am Ende geht es darum, einen Beitrag zum Unternehmenserfolg zu leisten. Das kann dann beispielsweise durch die Unterstützung bei der Bedarfsanalyse mithilfe der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, durch die Umsetzung von internen Multiplikatorenschulungen oder durch die Gestaltung eines attraktiven Gesundheitstags mit vielseitiger Gesundheitsdiagnostik zur Sensibilisierung der Mitarbeiter erfolgen. Die Länge der jeweiligen Programme ist abhängig vom Bedarf und der Erfolg der Maßnahmen wird bestenfalls über regelmäßige Wirksamkeitskontrollen überprüft und dokumentiert. Die zusätzliche Vernetzung und Kooperation mit ausgewählten gesetzlichen Krankenkassen und Berufsgenossenschaften helfen uns dabei, attraktive Finanzierungsmöglichkeiten anbieten zu können.  


BODYMEDIA: Sie kooperieren auch mit Fitness- und Gesundheitsstudios. Inwiefern profitiert Ihr Unternehmen von den Kooperationen und wie sieht die Zusammenarbeit im Detail aus?
Dr. Pascal Senn: Wir sehen ein großes Potenzial in einem sich ergänzenden Angebot. Wie ansatzweise bereits erläutert, stellen sich sowohl die Prozessbegleitung sowie die Themen im BGM thematisch als sehr vielfältig dar. Fitness- und Gesundheitsstudios haben dagegen ein spezifisches Kerngeschäft und können vor diesem Hintergrund auch nur einen bestimmten Teil beitragen.

Kontinuierliche betriebliche Bewegungsangebote lohnen sich finanziell nur bei kurzen Anfahrtswegen und sind ab einer gewissen Distanz nicht mehr interessant. Für uns ist es deshalb hilfreich, wenn wir Studios in unserer Beratung bundesweit empfehlen können, die in der Nähe der jeweiligen Unternehmen angesiedelt sind. Hiervon profitieren die Studios ggf. dann auch direkt, denn die Arbeitsplatznähe ist zudem ein entscheidender Erfolgsfaktor, um aus der Belegschaft eines Unternehmens Studiomitglieder zu generieren. Darüber hinaus landen viele BGM-Anfragen durch eine bereits bestehende Zusammenarbeit bei Studios, die inhaltlich nicht wirklich intern abgedeckt werden können. Durch eine Gewinnbeteiligung der Fitnessstudios bei einer Weitervermittlung solcher Anfragen an uns können wir eine weitere Win-win-Situation herstellen. Darüber hinaus können auch gemeinsame Produkte wie attraktive Firmen-Events oder Führungskräfte-Schulungen angeboten werden.

 


Immer mehr BGM-Dienstleister sehen in der Zusammenarbeit mit Fitness- und Gesundheitsstudios großes Potenzial, da diese das Angebot perfekt ergänzen können

 

BODYMEDIA: Was können Ihrer Meinung nach Fitness- und Gesundheitsstudios in Sachen BGF/BGM selbst leisten, wo liegen in der Regel die Grenzen und welche finanziellen Erlösmodelle ergeben sich für Fitnessstudiobetreiber, die BGF- bzw. BGM-Leistungen anbieten?
Dr. Pascal Senn: Unserer Meinung nach haben sich Firmenfitness-Angebote inklusive Präventionskurse sowie die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Unternehmen bzgl. Rabatt-, Zuschuss- oder Vollfinanzierungsmodelle für Studiomitgliedschaften, insbesondere im Hinblick auf das eigene Kerngeschäft und die internen Kernkompetenzen, bewährt. Auch digitale Bewegungsangebote für Home-Office-Mitarbeiter könnten zukünftig zu einem Erlösmodell bei bereits bestehenden Unternehmenskooperationen werden. Wer zusätzlich BGM-Beratung anbieten möchte, sollte jedoch diesbezüglich gesondert qualifiziert sein. Gerade die strategische Ausrichtung eines BGM und die Prozessbegleitung im Sinne eines Managementsystems erfordern viele spezifische Kenntnisse, die mittlerweile einem eigenen Fachgebiet zugeordnet werden müssen. Wir bilden in diesem Zusammenhang schon seit zwölf Jahren Inhouse oder am IHK-Bildungszentrum in Karlsruhe zu diesen Themen aus und haben regelmäßig Teilnehmer aus Gesundheits- und Fitnessstudios aus dem ganzen Bundesgebiet. 


BODYMEDIA: Welche Ausbildungen und Anforderungen müssen Mitarbeiter eines Fitnessstudios mitbringen, um Leistungen im Bereich BGF anbieten zu können?
Dr. Pascal Senn: Das variiert natürlich je nach Leistung, die im Rahmen der BGF angeboten wird. Grundsätzlich empfiehlt sich ein anerkannter Berufs- oder Studienabschluss für das jeweilige Themen- bzw. Handlungsfeld. Unter Umständen sind zudem Zusatzqualifikationen wie z. B. Rückenschullehrer erforderlich. Arbeitgeber können seit dem Jahr 2020 pro Beschäftigten und Jahr bis zu 600 Euro für qualitätsgesicherte Maßnahmen zur verhaltensbezogenen Primärprävention und zur betrieblichen Gesundheitsförderung aufwenden, ohne dass die Mitarbeiter diese Zuwendungen als geldwerten Vorteil versteuern müssen. Das kann natürlich ein werbewirksames Argument sein. Diese steuerliche Förderung durch § 3 Nummer 34 EStG ist durch den GKV-Spitzenverband kommuniziert möglich für von den Krankenkassen oder der Zentralen Prüfstelle Prävention zertifizierte Leistungsangebote zur verhaltensbezogenen Prävention im Sinne des § 20 Absatz 4 Nr. 1 und Absatz 5 SGB V Präventionskurse, auf welche der Arbeitgeber zurückgreift, und sonstige nicht zertifizierungspflichtige verhaltensbezogene Maßnahmen des Arbeitgebers im Zusammenhang mit einem betrieblichen Gesundheitsförderungsprozess, welche den Vorgaben des Leitfadens Prävention genügen. Hierzu können beispielsweise Maßnahmen wie die „Bewegte Pause“ gehören.


BODYMEDIA: Sie sind bereits seit einigen Jahren mit Ihrem Unternehmen als BGM-Anbieter tätig. Wie hat sich der Bereich in den vergangenen Jahren entwickelt? Sind die Akzeptanz und das Verständnis gestiegen?
Dr. Pascal Senn: Wir stellen fest, dass sich das veränderte Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung auch positiv auf die Verbreitung und die Akzeptanz der BGM- und BGF-Aktivitäten in den letzten Jahren ausgewirkt hat. Dieser Trend hält unserer Wahrnehmung nach auch an. Wer als Unternehmen diesem Thema jetzt in der Zeit des demografischen Wandels keine Bedeutung beimisst, verpasst die Chance, sich zukünftig wettbewerbsfähig aufzustellen. Auch das ist bei vielen Geschäftsführern mittlerweile angekommen.  

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview. 

 



Zur Person
Dr. Pascal Senn studierte Sport-wissenschaft sowie Fitness- und Gesundheitsmanagement, promovierte im Themenbereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und ist seit 2008 als Geschäftsführer des Instituts für präventive Diagnostik, Aktivitäts- und Gesundheitsförderung (IDAG GmbH) tätig. Als Dienstleistungs- und Beratungsunterneh-men betreut die IDAG GmbH Betriebe beim Aufbau und der Weiterentwicklung eines strategisch ausgerichteten Betrieblichen Gesundheitsmanagements.

 

Quelle:
Bilder: ©kavee29 - stock.adobe.com

Der Autor

  • Constantin Wilser

    Constantin Wilser ist seit 2006 in der Fitnessbranche als Redakteur tätig. Davor absolvierte er sein Bachelor-Studium der Sportwissenschaften am KIT in Karlsruhe. Seit 2019 ist er Bestandteil des BODYMEDIA-Redaktionsteams. Zudem ist er Ansprechpartner für die BODYMEDIA Premium Partner. In seiner Freizeit trainiert der Fußball-Fan gerne im Studio, geht laufen oder fiebert im Fußball-Stadion mit.

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