Wissenschaft

Ist eine Operation immer die beste Lösung?

„Ist eine Operation die beste Lösung gegen Schmerzen?“ Dies ist eine Frage, die sich viele Menschen im Laufe ihres Lebens einmal stellen müssen und mit denen sich auch Trainer regelmäßig konfrontiert sehen. Im Gegensatz zu vielen Ärzten sind sich Wissenschaftler nicht sicher, dass ein chirurgischer Eingriff bei Schulter-, Knie- und Rückenbeschwerden immer die beste Methode ist. Weshalb viele solcher Operationen nicht den gewünschten Effekt erzielen, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Bevor ein Medikament auf dem Markt zugelassen wird, durchläuft es mehrere Teststationen, um sicherzustellen, dass es keine gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen aufweist und trotzdem effektiv wirkt. Anders als ein Pharmazeutikum wird ein orthopädischer Eingriff oft nicht genaustens auf seine Auswirkung und Effektivität getestet, bevor er den Patienten in den Kliniken vorgestellt wird. Dies endet nicht immer ungefährlich. Am Beispiel einer 2008 durchgeführten Bandscheibenoperation, über die in der Süddeutschen Zeitung berichtet wurde, wird deutlich, welche verheerenden Folgen ein nicht ausgereifter operativer Eingriff nach sich ziehen kann: Ärzte hatten einem gesunden Affen eine künstliche Bandscheibe eingesetzt. Dies führte dazu, dass sich zwei seiner Wirbel zersetzten und am Rückenmark Geschwülste wuchsen. Trotz des negativen Ausgangs der OP wurde die Plastik-Bandscheibe, mit dem Namen Cardisc-L, rund 200 Menschen implantiert. Zehn Jahre später musste die Prothese bei 80 Patienten wieder entfernt werden. Dieser Medizinskandal ging in die Geschichte ein und ist nur eines von vielen mahnenden Beispielen, das uns vor Augen hält, dass es durchaus riskante Operations-verfahren gibt, die, ohne ein ausreichendes Testverfahren, an Patienten durchgeführt werden. Zugegeben, nicht alle Operationsresultate sind so verheerend, wie das oben genannte Beispiel; es ist dennoch Fakt, dass viele bereits durchgeführte Operationen an Knie, Schulter und Rücken, keinen spürbaren Nutzen oder Verbesserungen für den betroffenen Patienten erbrachten. Um mit dieser Unsicherheit aufzuräumen, untersuchten Wissenschaftler dieses Problem mit dem Ergebnis, dass viel chirurgische Eingriffe kaum besser als eine Placebo-Behandlung wirken. Dies sollte man sich vor Augen halten, wenn man entweder selbst an chronischen Schmerzen leidet und eine OP in Erwägung zieht, oder falls man selbst in der Lage ist, Patienten behandeln zu können.

Studien über Knieoperationen
Arthritis im Knie, auch Osteoarthritis genannt, tritt bei vielen Menschen auf und muss nicht zwangsweise mit Schmerzen einhergehen. Trotzdem werden Operationen sehr häufig routinemäßig durchgeführt. Vor rund 18 Jahren waren die häufigsten arthroskopischen Eingriffe ein chirurgisches Débridement, in dem beschädigter Knorpel und Knochen entfernt wurden, einer partiellen Meniskektomie oder eine Wundspülung mit einer isotonischen Kochsalzlösung. Ziel beider Verfahren ist es, die raue Knorpelsubstanz, die das Gelenk reizt, zu entfernen. 

 

 

Wissenschaftler konnten nicht eindeutig ausmachen, ob die minimale Verbesserung, die durch die beiden OP-Verfahren erzielt wurden nur wegen eines Placebo-Effektes auftraten. Um dies zu untersuchen wurde Anfang der 2000-er eine Studie durchgeführt, die bestätigen sollte, ob die Verbesserungen auch durch weniger invasive Behandlungen – wie beispielsweiße Trainingseinheiten, Physiotherapie oder einer Schonung der Gelenke – erzielt werden kann. Hierfür wurden die Testpersonen in zwei gleich große Gruppen eingeteilt. Während sich die eine Hälfte eines operativen Eingriffs unterzog, bekamen die anderen Teilnehmer lediglich eine Pseudobehandlung, bei der nur ein Einschnitt des Knies durchgeführt wurde. Das Resultat der Studie war, dass die behandelte und die Placebo-Gruppe gleichermaßen gute Ergebnisse lieferten. Die These der Wissenschaftler, dass der chirurgische Eingriff eine größere Wirkung auf die Psyche, als auf den Körper des Patienten erziele, konnte somit belegt werden. Es wurde gezeigt, dass die Wirkung von Scheinbehandlungen auch Einfluss auf psychische Mechanismen eines Patienten haben. Darum bildet das Phänomen des Placebo-Effektes einen faszinierenden Hinweis auf die Zusammenhänge zwischen körperlicher Gesundheit und der psychischen Verfassung. 

Alternative Möglichkeiten 
Auch weiterführende Studien belegten, dass Training, eine Gewichtsabnahme und die gelegentliche Einnahme von rezeptfreien Schmerzmitteln durchaus effektivere Behandlungsweisen seien. Da Muskeln den Knochen und die Weichteile wie ein Korsett umschließen – und somit auch den gesamten Körper in seiner Form halten – sind starke Muskeln auch in der Lage, das Kniegelenk von innen heraus zu stabilisieren. Obwohl die Studie klar belegt, dass diese OP keinen Nutzen erziele, hatte sie keinen großen Einfluss auf die Denkweise und Frequenz, mit der Chirurgen ihre Eingriffe durchführen. 

Studien über Rückenoperationen
Ähnlich wie dem Knie ergeht es auch dem Rücken, denn bei diesem kann es durchaus vorkommen, dass selbst bei gravierenden Strukturschäden nur wenig Schmerzen spürbar werden. Andersherum kann auch ein Rücken ohne sichtbare Schäden schmerzen. Obwohl die meisten chronischen Rückenschmerzen am unteren Rücken „unspezifisch“ sind und somit kein Bezug auf mechanische oder strukturelle Ursachen gezogen werden kann, werden auch hier viel zu oft Operationen durchgeführt, welche die abgebildeten Schäden auf dem MRT korrigieren sollen. Diese Eingriffe zeigen keine größere Wirkung als die schonenderen Verfahren Sport, Erholung und Physiotherapie. Verschiedene Studien zeigten auf, dass beispielsweiße eine Vertebroplastie oder Osteoporose ähnliche Frakturen nicht wirkungsvoller als eine Pseudo-Behandlung sind. Selbst eine Spondylodese sei laut einigen Studienergebnissen auf lange Sicht genauso effektiv, wie eine kognitive Verhaltenstherapie oder ein Muskelaufbautraining. 

 

Es muss nicht immer eine OP sein: Studien haben erwiesen, dass ein gesunder Lebensstil, Sport, Erholung und Physiotherapie oft wirkungsvoller als ein chirurgischer Eingriff sind

 

Studien über Schulteroperationen
Bei der Schulter heißt es ebenfalls, nicht jeder Patient, der auf dem MRT Schäden aufweist, muss zwangsläufig Schmerzen haben – und umgekehrt. Menschen mit einem Riss in ihrer Rotatorenmanschette können schmerzfrei leben, obwohl dies eine der häufigsten Diagnosen für Schulterbeschwerden darstellt. Der chirurgische Routineeingriff ist meist eine Wiederinstandsetzung der Rotatorenmanschette oder die Entfernung eines kleinen Teils der Knochenoberfläche, die in Kontakt mit der Manschette steht, durch eine Acromioplastie. Auch hier fanden Wissenschaftler heraus, dass Sport und Erholung eine ähnlich große Wirkung auf die Regeneration der Patienten hat, als ein operatives Verfahren. Im Vergleich zu den Ergebnissen der Studien über Knie- und Rückenoperationen war hier das Resultat etwas weniger aussagekräftig. Bei einer Operation der Gelenkslippe und einer Bizepstenodese sind sich Forscher allerdings sicher, dass diese genauso gute Resultate als eine Pseudo-Behandlung erzielen. Es ist auch bewiesen, dass selbst bei scheinbar erfolgreichen Operationen, nach denen der Patient keine Schmerzen mehr verspürt, der Erfolg der Linderung oft nicht darauf zurückzuführen ist, dass die Struktur der Schulter wiederhergestellt wurde. Bei vielen Patienten zeigt ein MRT, dass die operierte Rotatorenmanschette binnen einigen Jahren wieder auseinanderklaffen – und dass ohne weitere Schmerzen zu verursachen. 

Warum werden unnütze Operationen immer noch durchgeführt?
Die am besten zutreffende Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich, dass viele Ärzte ihren persönlichen Erfahrung über die Studienresultate stellen. Natürlich kann es auch vorkommen, dass eine der genannten OPs den Zustand eines Patienten verbessert, nachdem konventionelle Methoden nicht gegriffen haben; allerdings sollte man bei Schmerzen immer hinterfragen, ob deren Linderung wirklich mit einer Überholung der Struktur der jeweiligen Problemzone zusammenhängt. Oft ist eine erfolgreiche Behandlung gegen chronische Schmerzen mit einer Veränderung der psychologischen und neurologischen Prozesse verbunden. 

Dieser Artikel verfolgt weder die Intention, das Vertrauen der Patienten in die Orthopädie und Chirurgie zu schwächen, noch soll jedem Patienten immer von einer Operation abgeraten werden. Denn viele chirurgische Eingriffe tragen zur Besserung von Beschwerden bei und sind, unter gewissen Umständen, eine gute Entscheidung. Wichtig ist zu wissen, dass es auch in der modernen Medizin noch einige blinde Punkte und auch Vorlieben bei der Schmerzbehandlung von Patienten gibt. Diese Beschwerden werden oft nur wie ein Strukturfehler behandelt, anstatt dass auch auf komplexe neurophysiologische Prozesse geachtet wird. Im Endeffekt bleibt die Wahl des Verfahrens immer noch dem Patienten überlassen. Als Trainer kann man nur auf mögliche Risiken hinweisen und aufzeigen, dass eine Operation unter Umständen keine Besserung bringen kann.

 

Quellen
Header: satyrenko - stock.adobe.com
Bild 2: RFBSIP - stock.adobe.com

Die Autorin

  • Kira Bender

    Schon während ihres Anglistik- und Kunstpädagogikstudiums in Frankfurt arbeitete Kira Bender als Redakteurin für den Hessischen Rundfunk. 2018 zog es sie zurück in die badische Heimat. Seitdem ist sie ein festes Bestandteil des BODYMEDIA-Redaktions-Teams und schreibt unter anderem über Themen wie Design, Trends & Specials, wissenschaftlichen Themen und Management.

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