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Die Entwicklung des Fitnessmarktes

Die Corona-Epidemie hat die Anlagenbetreiber nicht nur wirtschaftlich hart getroffen, sondern zudem ihre eigene Wahrnehmung als Gesundheits- und Fitnessanbieter infrage gestellt. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Ursprüngen und der Entwicklung des Fitnessmarktes in Deutschland.

Das Wichtigste in Kürze:

  • 1956 wurde das erste Fitnessstudio in Deutschland von Harry Gelbfarb eröffnet.
  • Die 70er-Jahre werden als Beginn der modernen Fitnessindustrie bezeichnet aufgrund der Entwicklung von neuen, nutzerfreundlicheren Geräten.
  • In diesem Jahrzehnt entstanden auch die ersten Racket-Clubs und Großanlagen in Deutschland.
  • Wellness- und Spa Angebote wurden in den 90ern zum Portfolio vieler deutscher Fitnesseinrichtungen hinzugefügt.
  • Das 21. Jahrhundert wird vorallem durch die Entwicklung des Discountsegments geprägt.

Die ersten Sportvereine nach heutigem Verständnis entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts, mangels institutioneller Alternativen damals noch oft mit einer stark politischen Motivation.

Dies war zugleich der Grund für die Schaffung der ersten kommerziellen Betreiber, denn nachdem sowohl die Jahn’schen Turnerzusammenschlüsse als auch die frühen Vereine aufgrund ihrer politischen Ausrichtung größtenteils verboten worden waren, bildeten sich ab ca. 1820 in einigen Städten die ersten gewerblichen Anstalten, die dem dortigen Bürgertum die Möglichkeit zur Ausübung des eigentlichen Fitnesssports boten.

Die Idee der gemeinschaftsorientierten Turn- und Sportvereine wurde von deutschen Emigranten auch in die Vereinigten Staaten exportiert, wo Mitte des 19. Jahrhunderts in Großstädten wie New York, Boston oder Philadelphia erste „Turnvereins“ entstanden.

Diese standen dort in Konkurrenz zu den „Clubs“ nach englischem Vorbild, die einen eher statusbezogenen und mehr kommerziellen Charakter hatten, sowie den Einrichtungen der YMCA, der Young Men’s Christian Association, die ebenfalls Mitte des 19. Jahrhunderts beginnend Fitnesseinrichtungen zur Förderung eines gesunden Körpers und Geistes unterhielten und noch heute in den Vereinigten Staaten einen der größten Anbieter darstellen.

Einen deutlichen Schub erfuhr die sportliche Bewegung um 1900 durch die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, nach denen sich immer mehr soziale Schichten sportlich betätigten. Während sich jedochArbeiter und Kleinbürgertum eher in die klassischen Turnvereine begaben, wurden die gehobenen Schichten, entsprechend ihrem stärker individualistisch geprägten Wertesystem, Mitglied bei einem der gewerblichen Anbieter.

Deren Anlagen hatten zu dieser Zeit hinsichtlich Ausstattung und Service schon sehr viel mit den Fitnessstudios der heutigen Art gemeinsam. Sie verfügten über vergleichbare Öffnungszeiten, ein relativ breites Angebot an Geräten und waren in der Beschäftigung von Masseuren und teilweise auch Ärzten neben den eigentlichen Übungsleitern bereits vielen heutigen Einrichtungen voraus.

Schule für Leibesübungen von Edmond Desbonnet

Auch die aus der Gegenwart bekannte Bildung von Zusammenschlüssen von Fitnessbetrieben zu größeren Ketten ist kein rein neuzeitliches Phänomen. So betrieb beispielsweise der französische Gelehrte Edmond Desbonnet bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Vielzahl an Anlagen. Weitere vermeintlich moderne Erscheinungen wie ein Überangebot an Fitnessbroschüren sowie die Existenz einer Fülle an Bildungsträgern mit den unterschiedlichsten Kursangeboten wurden bereits in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts festgestellt.

Mit dem Ausbruch und den Folgen des Zweiten Weltkrieges erfuhr der Sport in Deutschland eine wesentliche Zäsur. In diesem Einschnitt unterscheidet sich der deutsche Sport- und Fitnessmarkt von dem heutigen „Leitmarkt“ der Fitnessindustrie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Während sich die dortige Entwicklung, wie die frühzeitige Diversifikation der Angebote oder die Entstehung verschiedener Betriebsstrukturen, kontinuierlich fortsetzen konnte, wurde der Markt für professionelle Fitnessanbieter in Deutschland deutlich zurückgeworfen.

Obwohl in den 50er- und 60er-Jahren für die große Mehrheit der Deutschen Gesundheit und körperliche Fitness nicht mehr im Fokus des Wertehorizontes standen, wurde in dieser Zeit das erste Fitnessstudio in Deutschland eröffnet. Der Österreicher Harry
Gelbfarb, kehrte aus den USA zurück, wo er in West Hollywood als Trainer und Physiotherapeut im renommierten Beverly Hills Health Club arbeitete. Seine Freizeit verbrachte er am sogenannten Muscle Beach in Santa Monica.

1956 eröffnete er in Schweinfurt das erste richtige Bodybuidling-Studio. Von da an organisierte er ab und die erste deutsche Meisterschaft in München. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich die Bodybuilding-Szene in Deutschland kontinuierlich weiter.1960 die ersten Bodybuilding-Wettkämpfe.

Harry Gelbfarb (Mitte) und seine Schüler im Studio, Ende der fünziger Jahre

Entstehung der modernen Fitnessindustrie

Die 70er-Jahre werden insbesondere im amerikanischen Bereich auch als Beginn der modernen Fitnessindustrie bezeichnet. Grund dafür ist unter anderem die Entwicklung von neuen, nutzerfreundlicheren Geräten für die Fitnessstudios durch den Einsatz von variablen Gewichten oder dem ersten stationären Fahrradergometer. Auch belegte die wissenschaftliche Forschung weiterhin den positiven gesundheitsfördernden Effekt regelmäßigen Fitnesstrainings auf den menschlichen Organismus.

Eine noch größere Unterstützung erhielt die aufstrebende Fitnessindustrie jedoch durch zwei Idole, mit denen sich die Menschen identifizieren konnten und die damit großen Einfluss auf die weitere Entwicklung hatten. Arnold Schwarzenegger, der bereits in den Jahrzehnten zuvor erfolgreich bei verschiedenen Bodybuildingmeisterschaften war, erlangte in den 70ern durch eine Reihe von Filmen weltweite Bekanntheit und gilt noch heute als eine der prägenden Persönlichkeiten der Fitnessszene. Wenige Jahre später verhalf Jane Fonda Anfang der 80er-Jahre mit der Veröffentlichung ihrer Aerobic-Videos einer ganzen Sportart zum endgültigen Durchbruch.

Mit Frauen konnte eine neue Zielgruppe für die Fitnessstudios gewonnen und zugleich der Grundstein für moderne Kurssysteme gelegt werden. Die weiblichen Kunden fühlten sich damals insbesondere durch den neuen tänzerischen Aspekt, aber auch das gemeinschaftliche Erleben des Trainings angesprochen, welches zu dem eher individualistisch geprägten Gerätetraining im Gegensatz stand.

Ein weiterer wichtiger Trend dieses Jahrzehnts war die steigende Nachfrage nach ausdauerorientiertem Training. Nicht nur die Teilnehmerzahlen bei Volksläufen, sondern auch das Training an speziellen Geräten, die von neu in den Markt eintretenden Geräteherstellern geliefert wurden, erfreuten sich in dieser Zeit immer größerer Beliebtheit.

Die sich verschiebende Nachfragesituation führte auch zu einer langsamen Anpassung des Angebotes. Nachdem bereits in den 70er-Jahren erste Racketclubs in Deutschland gegründet wurden, die das Training an den Geräten mit Rückschlagsportarten wie Tennis oder Squash verbanden, integrierten die Betreiber nun auch größere Räumlichkeiten für Kursformate und veränderten ihr Geräteangebot. Es entstanden die ersten Großanlagen, die eine umfangreichere Angebotsbreite umfassten, teilweise Schwimmeinrichtungen unterhielten und oftmals ein eher gehobenes Publikum ansprachen.

In den 70ern und 80ern haben auch einige der regionalen Anbieter ihren Ursprung, die noch heute ihre jeweiligen heimischen Märkte beherrschen. Der heute größte dieser Anbieter ist die Unternehmensgruppe Pfitzenmeier, die inzwischen unter verschiedenen Marken knapp 50 Anlagen mit rund 150.000 Mitglieder betreibt und 1978 von Werner Pfitzenmeier gegründet worden war.

Die in Deutschland einsetzende Diversifizierung des Fitnessangebotes blieb jedoch noch hinter der Entwicklung in den Vereinigten Staaten zurück. Neben der Eröffnung von exklusiven High-End-Anlagen entstand dort in der gleichen Zeit mit „24h Fitness“ der erste Discountanbieter, der erstmals Fitnesstraining zu deutlich günstigeren Preisen anbot. Doch auch die Spezialisierung allein auf das weibliche Geschlecht feierte in diesen Jahren mit der Gründung der ersten reinen Frauenstudios Premiere.

Die erste Anlage der Unternehmensgruppe Pfitzenmeier wurde 1978 eröffnet

Der Wellnesstrend prägt die 90er-Jahre

Ein weiterer Bereich zur Generierung von Umsätzen mit bestehenden Mitgliedern und Argumente für die Gewinnung neuer Kunden war die in den 90er-Jahren aufkommende Einbindung von Spa-Anwendungen. Mit diesen im allgemeinen Wellnesstrend immer stärker nachgefragten Leistungen reagierten die Anbieter auf den Wunsch vieler Kunden, das Streben nach Fitness und Attraktivität mit einem entsprechenden Wohlbefinden verbinden zu können. Damit stand nicht mehr allein das Ergebnis eines Trainings im Vordergrund, sondern auch der Aufenthalt an sich.

Verstärkt wurde diesem Trend durch entsprechende Entwicklungen im „Programming“, also bei der Gestaltung und den Inhalten des Kursprogramms, Rechnung getragen. Insbesondere von den im Durchschnitt älter werdenden Mitgliedern wurden vermehrt sanftere Aktivitäten wie Yoga und Pilates nachgefragt. Obwohl Pilates bereits in den 1920er-Jahren von dem nach New York ausgewanderten deutschenJoseph Pilates erfunden worden war, erzielte es seinen Durchbruch erst durch den neuen Wellnesstrend und die vielfache Aufnahme in die Kursprogramme der Studios.

Die Entwicklung der Anlagen und Mitglieder von 1980 bis 2020

Auf Basis dieser Trends wuchs die Zahl der Fitnessanlagen in Deutschland seit den frühen Anfängen stark an. 1980 zählte der DSSV 1.000 Anlagen, Anfang der 2000er rund 5.500 und heute weitere 20 Jahre später sind es knapp 7.000 und mit den kleinen oder sogenannten Special-Interest-Anlagen sogar 9.500. Die Zahl der Mitglieder in den Fitnessanlagen stieg in den 40 Jahren von 370.000 auf etwa 10 Millionen. Eine Entwicklung im Bereich der Anlagenorganisation, die in Deutschland erst Mitte der 90er-Jahre einsetzte, war die Entstehung von größeren Fitnessketten.

In den USA waren bereits seit 1950 einzelne Studios zu größeren Unternehmen zusammengeschlossen worden. Durch Betreiber wie Gold’s Gym, Bally Fitness oder 24h Fitness wurde die Konsolidierung der Angebotsstruktur in der Zeit jenseits des Atlantiks weiter vorangetrieben. Die Entwicklung dieser damals bereits entstandenen und noch neu hinzugekommenen Fitnessketten prägte den Fitnessmarkt in Deutschland in den ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts.

Teilweise finanziert durch externe Kapitalgeber wie Private Equity-Gesellschaftengewann diese Betriebsform sukzessive Marktanteile von den als Einzelstudios geführten Unternehmen. Im Dezember 1999 vereinten die zehn größten Anbieter in Deutschland gerade einmal 330.000 Mitglieder. Zum Ende des Jahres 2020 umfassten Kettenbetreiber dagegen 5,5 Millionen Mitglieder oder mehr als die Hälfte des gesamten Marktes.

Die Entwicklung des Discountsegments prägt das 21. Jahrhundert

Den am deutlichsten wahrnehmbaren Trend des 21. Jahrhunderts in der Fitnessindustrie stellt die Entwicklung des Discountsegmentes dar. Getrieben insbesondere von großen Playern wie der RSG Group, FitX oder clever fit hat sich dort bis heute ein neues Segment gebildet, in dem eine Vielzahl von Anbietern (mehr als 50 Unternehmen mit mindestens drei Anlagen) das Leistungsangebot im Wesentlichen auf die Bereitstellung von Ausdauer- und Kraftgeräten fokussiert hat und in der Regel deutlich weniger als 30 Euro pro Monat an Mitgliedsbeiträgen berechnet werden.

Dass auch die Positionierung am entgegengesetzten Rand des Angebotsspektrums erfolgreich sein kann, beweisen eine Reihe von Betreibern, die sich durch eine umfangreiche, exklusive Angebotspalette auszeichnen und aufgrund ihres Angebots monatliche Mitgliedsbeiträge von teilweise mehr als 100 Euro verlangen können. Insgesamt hat das sogenannte Premiumsegment in den vergangenen Jahren seinen Marktanteil behaupten und sogar leicht ausbauen können, sodass die Gewinne der Discountanbieter insbesondere zulasten des weniger differenzierten Medium-Segmentes gehen.

Entwicklung Gesamtumsatz und Umsatz/Mitglied

Rückläufige Umsatzerlöse pro Mitglied

Trotz des stabilen Marktanteils der höherpreisigen Angebote stagnieren die insgesamt realisierten Umsatzerlöse pro Mitglied in der Fitnessindustrie bzw. sind in den vergangenen 15 Jahren sogar rückläufig. Ein wesentlicher Grund dafür ist sicherlich der stark wachsende Anteil an Mitgliedern im Discount-Segment, die lediglich verhältnismäßig niedrige Beiträge pro Kopf zahlen.

Welches Ausmaß dieser Trend hat, wird deutlich, wenn man den Durchschnittserlös des Jahres 1991 mit dem des Jahres 2019 vergleicht: Lag der Wert schon damals bei 39,10 Euro pro Monat, liegt er 28 Jahre später nahezu unverändert bei 39,40 Euro. Hätte über den Zeitraum allein die Inflation ausgeglichen werden sollen, müsste der durchschnittliche Erlös pro Kopf heute schon bei gut 64 Euro liegen.

Das bedeutet, dass das Umsatzwachstum der Branche von unter einer Milliarde Euro Anfang der 90er auf über fünf Milliarden Euro im Jahr 2019 allein auf das Mengenwachstum an Mitgliedern zurückzuführen ist und sich die Wertschöpfung mit jedem einzelnen Kunden nicht verändert.

Genau hier liegt zukünftig sicher eine der großen Herausforderungen für den einzelnen Betreiber: sich im preisorientierten Wettbewerb nachhaltig erfolgreich mit seinen Angeboten zu positionieren und dabei eine angemessene, rentable Vergütung für seine Leistungen im Markt zu realisieren. Es wird sich zeigen, welche Auswirkungen die Pandemie dabei in einer Nach-Corona-Zeit noch auf die Branche haben wird und dieses Wirtschaften der Anbieter gegebenenfalls auch noch längerfristig beeinflusst.   

Die Autoren

  • Niels Gronau

    Niels Gronau gründete zusammen mit seinem Kollegen Gregor Titze die Beratungsboutique edelhelfer GmbH, die ihre Kunden auf allen Etappen der Unternehmensentwicklung begleitet. Die edelhelfer wurde nach dem „Edelhelfer“ im Radsport benannt. Dieser arbeitet in besonderer Position für den Erfolg seines Mannschaftskapitäns und unterstützt ihn in jeder Situation des Rennens.

    Kontakt:
    www.edelhelfer.com
    kontakt@edelhelfer.com

  • Gregor Titze

    Gregor Titze gründete zusammen mit seinem Kollegen Niels Gronau die Beratungsboutique edelhelfer GmbH, die ihre Kunden auf allen Etappen der Unternehmensentwicklung begleitet. Die edelhelfer wurde nach dem „Edelhelfer“ im Radsport benannt. Dieser arbeitet in besonderer Position für den Erfolg seines Mannschaftskapitäns und unterstützt ihn in jeder Situation des Rennens.

    Kontakt:
    www.edelhelfer.com
    kontakt@edelhelfer.com

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