Kurzinterview mit Nisha Jung, Inhaberin Gesundheitszentrum Jung
BODYMEDIA: In welchen Bereichen siehst du bereits eine starke Digitalisierung der Physiobranche und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Nisha Jung: In vielen Praxen – auch bei uns – ist die interne Digitalisierung bereits weit fortgeschritten. Befundung, Dokumentation und Organisation laufen vollständig digital, Mitarbeitende arbeiten mit Tablets oder Smartphones, klassische Zettelwirtschaft existiert praktisch nicht mehr. Zudem sehe ich aktuell eine sehr dynamische Entwicklung im Bereich der KI-Nutzung, insbesondere in Verwaltungssoftwares und unterstützenden Prozessen.
Deutlichen Nachholbedarf gibt es allerdings weiterhin in der Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen. Papierverordnungen, physische Unterschriften und manuelle Abläufe verursachen nach wie vor enormen Verwaltungsaufwand. Eine vollständig digitale Übermittlung von Verordnungen und Abrechnungen wäre ein entscheidender Schritt, um Prozesse effizienter und zeitgemäßer zu gestalten.
Der Einsteigerguide für die Nutzung von KI im Praxisalltag
BODYMEDIA: Wo hast du in deinem Unternehmen digitale Stärken und vielleicht auch Schwächen?
Nisha Jung: Unsere größten digitalen Stärken liegen ganz klar in der Trainingssteuerung und der Verwaltung von Patientendaten. Sämtliche Informationen sind zentral digital erfasst und für berechtigte Mitarbeitende jederzeit transparent einsehbar. In der Trainingssteuerung arbeiten wir mit der Software YOLii, die eine sehr strukturierte und effiziente digitale Betreuung ermöglicht. Schwächen sehe ich aktuell noch in der Verwaltung von T-RENA- und Rehasport-Angeboten. Dieser Bereich wird bei uns gerade erst konsequent digitalisiert, sodass hier noch Optimierungspotenzial besteht – das Thema ist aber klar adressiert.
So lässt sich die T-Rena-Bürokratie digitalisieren
BODYMEDIA: Die TI-Anschlusspflicht wurde auf 2027 verschoben. Wart ihr darauf vorbereitet oder habt ihr abgewartet?
Nisha Jung: Wir befinden uns bereits in der Vorbereitung auf den TI-Anschluss. Die Verschiebung kam für mich allerdings nicht überraschend, da sich schon früh abgezeichnet hatte, dass die Umsetzung länger dauern würde. Dennoch halten wir an unserer digitalen Ausrichtung fest und bereiten uns entsprechend weiter vor.
BODYMEDIA: Wie bewertest du die Verschiebung der TI-Anschlusspflicht im Hinblick auf die Digitalisierung der Physiobranche?
Nisha Jung: Aus meiner Sicht ist die Verschiebung kein positives Signal. Wenn wir E-Rezepte und durchgängige digitale Prozesse wirklich wollen – und das tun die meisten –, dann müssen diese Schritte konsequent umgesetzt werden. Jede Verzögerung führt dazu, dass unsere Branche erneut hinterherläuft.
Gleichzeitig sehe ich die Physiobranche auch selbst in der Verantwortung. Digitalisierung bedeutet, aktiv voranzugehen und nicht nur auf äußere Vorgaben zu reagieren. Wer dauerhaft zukunftsfähig sein will, muss bereit sein, den Fortschritt mitzugestalten.
BODYMEDIA: Wenn du dir eine Software oder ein digitales Tool „backen“ könntest – welches Problem würde es sofort lösen?
Nisha Jung: Ganz klar: die Zettelwirtschaft im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen. Papierverordnungen und manuelle Prozesse würde ich sofort abschaffen. Darüber hinaus wünsche ich mir ein zentrales System, ein offenes CRM, das sämtliche Personen- und Patientendaten verwaltet.
Alle anderen Programme – Trainingssoftware, Verwaltung, Abrechnung – sollten auf diesen einen Datenbestand zugreifen können. Es geht immer um dieselben Menschen und dieselben Daten. Eine offene, unkomplizierte Systemlandschaft würde den Praxisalltag massiv vereinfachen und echte Effizienzgewinne bringen.
Nachgefragt bei Matthias Lucas, Inhaber PhysiOLine
BODYMEDIA: In welchen Bereichen sehen Sie bereits eine starke Digitalisierung der Physiobranche und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Matthias Lucas: Ich sehe in der Branche aktuell keine starke Digitalisierung. Die großen Zentren und Praxen sind für mich ganz klar die Vorläufer. Es geht mir persönlich alles viel zu langsam. Aus meiner Sicht haben insbesondere kleinere und ältere Praxen kaum Interesse daran, digitaler zu werden.
BODYMEDIA: Wo haben Sie in Ihrem Unternehmen digitale Stärken und evtl. auch Schwächen?
Matthias Lucas: Unser erster Schritt war der Umstieg bei der Patientendokumentation von der Karteikarte auf digital. Unsere Therapeuten und Sportwissenschaftler arbeiten alle mit Tablets. Zukünftig soll uns dabei die KI unterstützen. Wir würden gerne papierlos werden, schaffen es allerdings aufgrund vieler Hürden nicht. Ansonsten nutzen wir eine digitale Telefonanlage und haben eine digitale Verknüpfung zu unseren drei Praxen. Hierdurch erreichen wir eine bessere Erreichbarkeit. Ziel ist es natürlich auch hier, weg vom Telefon, dadurch Entlastung der Rezeption. Der MTT-Bereich ist mittlerweile digitalisiert. Mit Technogym haben wir einen Partner gefunden, der uns auf unserem Weg unterstützt.
Der Einsteigerguide für die Nutzung von KI im Praxisalltag
BODYMEDIA: Was waren für Sie die größten Hindernisse und Hürden bei der Digitalisierung der Praxis?
Matthias Lucas: Dass unser Software-Anbieter sich gegenüber anderen Anbietern nicht öffnet. Schnittstellen müssen teuer bezahlt werden, wenn es die überhaupt gibt. Unser MTT-Bereich arbeitet mit einer anderen Software.
BODYMEDIA: Wie reagieren Ihre Mitarbeiter, wenn Sie neue digitale Möglichkeiten einführen möchten?
Matthias Lucas: Bisher wird es gut angenommen. Skepsis ist natürlich vorhanden, aber es hilft, wenn die Mitarbeiter merken, dass es das tägliche Arbeiten erleichtert. Besonders die älteren Mitarbeiter haben eine Hemmschwelle, die wir aber mittlerweile überwunden haben. Digitalisierung bedeutet aber auch für uns, eine bessere Kontrolle über unsere Zahlen zu haben.
BODYMEDIA: Die TI-Anschlusspflicht wurde auf 2027 verschoben. Waren Sie darauf vorbereitet?
Matthias Lucas: Ja, wir waren bereit!
BODYMEDIA: Wie bewerten Sie die Verschiebung der TI-Anschlusspflicht im Hinblick auf die Digitalisierung der Physiotherapiebranche?
Matthias Lucas: Es scheint kein öffentliches Interesse vorhanden zu sein. Für mich ein Schritt in die falsche Richtung. Die Berufsverbände können hoffentlich noch mehr Druck aufbauen.
BODYMEDIA: Wenn Sie sich eine Software oder ein digitales Tool backen könnten: Welches Problem in Ihrem Praxisalltag würde es sofort lösen?
Matthias Lucas: Eine Software für alles! Die digitale Terminierung, auf meine Bedürfnisse angepasst. Wir freuen uns auf „heyRobin“, wünschen uns aber schnellstmöglich mehr Möglichkeiten.
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