Das Wichtigste in Kürze:
- Der Anschluss der Heilmittelerbringer an die Telematikinfrastruktur wurde kurz vor dem geplanten Start vom 1. Januar 2026 auf den 1. Oktober 2027 verschoben, obwohl viele Physiotherapiepraxen bereits Vorbereitungen getroffen hatten.
- Bisher sind nur sehr wenige Praxen angeschlossen – laut einer Umfrage aus 2025 lediglich etwa 3 % der Physiotherapiepraxen.
- Mehr als die Hälfte der Praxisinhaber erkennt aktuell keinen klaren Nutzen der TI für den Praxisalltag.
- Digitalisierung scheitert in vielen Praxen auch daran, dass Zeit, Personal und Budget eher in Therapie, Mitarbeitende und Praxisräume als in digitale Lösungen investiert werden.
- Für Physiotherapiepraxen liegt der Schlüssel zur Digitalisierung weniger in der Technik selbst, sondern vor allem in der Bereitschaft, Prozesse zu überdenken und digitale Tools gezielt zur Entlastung im Praxisalltag einzusetzen.
Müsste man den Digitalisierungswillen in Deutschland in einem Bild beschreiben, wäre das wohl das gute alte Faxgerät. Kaum ein anderes Gerät steht so sehr für das digitale Versagen in Deutschland wie dieses Gerät, das seit den 1970er-Jahren in Deutschland verbreitet ist. 2023 gaben noch 80 % der Unternehmen mit mehr als 20 Angestellten an, ein Faxgerät zu nutzen. Doch es gibt auch gute bzw. mittelgute Neuigkeiten. Deutschland holt digital langsam auf. Zwar liegt der Stand der Digitalisierung immer noch unter dem Durchschnitt der EU, aber wir haben jetzt ein Digitalministerium und das wird mit Sicherheit dafür sorgen, dass Deutschland zumindest unter die Top 10 kommt.
Telematikinfrastruktur und Praxissoftware: Gemeinsam stark für die digitale Gesundheitsversorgung
Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, Deutschland möchte gar nicht digital werden, denn die aktuell größten Hemmnisse sind die schlecht digitalisierte öffentliche Verwaltung, bürokratische Hürden und die Bereitschaft der Bürger, digitale Angebote auch anzunehmen. Das jüngste Drama digitalen Unwillens spielte sich sogar in der Heilmittelbranche ab. Eigentlich sollten alle Heilmittelerbringer am 1. Januar 2026 an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sein. Dieser Schritt hätte die digitale Transformation der Gesundheitsversorgung deutlich vorangebracht. Aber knapp 7 Wochen vor dem Stichtag verschob die Bundesregierung die Anschlusspflicht um fast zwei Jahre auf den 1. Oktober 2027. Das ist besonders bitter für die Physiotherapiepraxen, die sich gut auf die TI vorbereitet hatten, und natürlich für die Digitalisierung der Branche insgesamt.
Nur wenige Praxen an TI angeschlossen
Natürlich hat die Bundesregierung gute Gründe für diese Entscheidung. Die Zahl der Heilmittelerbringer, die bereits an die TI angeschlossen sind, ist, freundlich gesagt, überschaubar. Eine Umfrage von Optica im März 2025 ergab, dass nur knapp 3 % der befragten Praxen an die TI angeschlossen waren. Aus dem Branchenreport der Physiotherapie 2025 wird deutlich, dass mehr als 50 % der Praxisinhaber keinen Mehrwert für die Physiopraxis sehen, sich an die TI anzuschließen. Viele andere sind noch nicht aktiv geworden, da sie noch ausreichend Zeit bis zur Anschlussfrist hatten. Und da haben sie letztlich recht behalten, denn die wurde jetzt ja gerade verlängert.

Kaum ein anderes Gerät steht so sehr für das digitale Versagen in Deutschland wie das gute alte Faxgerät (Bildquelle: © CreativeIMGIdeas – stock.adobe.com)
Aber auch unabhängig von der TI ist die Digitalisierung nicht unbedingt das Steckenpferd der Physiotherapie. Aus dem gerade erwähnten Branchenreport geht hervor, dass immerhin 47 % den digitalen Stand ihrer Praxis als „gut“ oder „sehr gut“ einschätzen, 39 % schätzen sich als durchschnittlich ein, 7,6 % der Befragten haben wenig digitalisiert und 6 % geben an, bisher nicht digitalisiert zu haben. Passt sich die Branche nur dem deutschen Durchschnitt an oder warum tut sie sich so schwer damit, digitaler zu werden?
Wenig Geld für Digitalisierung eingeplant
Schaut man sich an, wie viel Geld Physiopraxen für Digitalisierung ausgeben, zeigt sich, dass nur ein kleiner Teil der Investitionssumme in Hard- und Software fließen soll. Deutlich mehr wird in neue Mitarbeitende und die Räumlichkeiten investiert – auch sehr wichtig, aber sicherlich kein Booster in Richtung Digitalisierung.
Es sei denn, es wird Personal eingestellt, das digitalaffin ist und hier neue Akzente setzen kann. Während man es sich in anderen Branchen leisten kann (oder muss), Experten für bestimmte Bereiche einzustellen, zählt in der Physiotherapie vor allem die therapeutische Leistung der Mitarbeiter. Diese haben zwischen den Behandlungen oder Verwaltungsaufgaben wenig Zeit, sich um die Einführung digitaler Tools zu kümmern, auch wenn sie ihnen häufig einiges an Arbeit abnehmen könnten. Dafür muss man allerdings auch erst mal wissen, was für digitale Helferlein es überhaupt gibt. Um den Markt zu screenen, ist es unabdingbar, eine gewisse Menge an Zeit in die Recherche und mögliches Testen von Tools zu investieren bzw. den Willen zu haben, Prozesse ins Digitale zu überführen. Und hier kommt möglicherweise das größte Problem, wenn es um die Digitalisierung in der Physiotherapie, aber auch Deutschland allgemein zum Tragen.
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Digitalangst ist tief in der Kultur verwurzelt
Ein hohes Schutzbedürfnis gegenüber der Speicherung und Verarbeitung der eigenen Daten ist in Deutschland sicherlich historisch gewachsen und tief verwurzelt. Wir nehmen es lieber in Kauf, dass etwas langsamer geht oder etwas unangenehmer ist, wenn wir das Gefühl haben, unsere Daten
sind sicher.
Alles, was man nicht anfassen kann, wie z. B. eine Cloud, wird skeptisch beäugt. So gehören die Deutschen international zu den Ländern, die am längsten am Bargeld festhalten, Briefe schreiben und wenig von digitalen Unterschriften halten. Generell gibt es in Deutschland Skepsis, wenn nicht sogar Misstrauen gegenüber technischen Neuerungen, die noch nicht zu 100 % ausgereift sind. Für Menschen, die in einem digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, ist es einfacher, sich digitalen Möglichkeiten zu öffnen und sie zu testen, als für ältere Generationen, die in einer analogen Welt aufgewachsen sind und sich darin wohlfühlen. 2023 waren bereits 35.000 Physiotherapeuten über 60 Jahre alt. Das ist mit ein Grund, warum es die Digitalisierung in der Branche so schwer hat.
Abschließend ist ein zentraler Faktor, der die Geschwindigkeit der Digitalisierung in Deutschland hemmt, die Kombination aus bürokratischen Hürden und regulatorischer Vorsicht. Einerseits bremst die föderalistische Struktur des Landes die einheitliche Umsetzung. Andererseits erschwert die sehr strenge Auslegung der DSGVO den Einsatz moderner Cloud-Lösungen. Hinzu kommt die tief verwurzelte Papierkultur in den Behörden, wodurch die Einführung rein digitaler Prozesse zusätzlich verzögert wird.
Was können Physiotherapeuten nun tun?
Die erfolgreiche Implementierung digitaler Maßnahmen in der Praxis ist primär von einem kulturellen Wandel abhängig und weniger von der Technologie selbst. Um die Digitalisierung als Chance statt als Last zu begreifen, ist es entscheidend, dass Denkmuster und Strukturen in der Praxis proaktiv und positiv ausgerichtet werden, um jegliches Vermeidungsverhalten aufzulösen.
Die Einführung digitaler Tools sollte dabei nicht als bloßer Kostenfaktor, sondern als strategische Möglichkeit zur Entlastung von Routineaufgaben und zur nachhaltigen Qualitätssteigerung verstanden werden. Um diese Vorteile zu realisieren, muss das gesamte Team entsprechend geschult werden, wobei die Vermittlung des praktischen Mehrwerts im Vordergrund stehen sollte. Die Einführung von Tools, die das Arbeiten erleichtern, muss dabei mit der aktiven Einbindung der Patienten einhergehen, um diese frühzeitig auf neue Abläufe einzustellen und Problemen proaktiv vorzubeugen.
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