Das Wichtigste in Kürze:
- Stress ist Alltag in der Physiotherapie – deshalb sollten Praxisinhaber im Bewerbungsgespräch gezielt prüfen, ob Bewerber mit Zeitdruck, Verantwortung und Konfliktsituationen umgehen können.
- Situations- und verhaltensbezogene Fragen sind entscheidend: Konkrete Praxisbeispiele, Priorisierungsaufgaben oder Rollenspiele zeigen, ob jemand lösungsorientiert, strukturiert und ruhig bleibt.
- Wichtige Indikatoren: Fokus auf Lösungen statt Probleme, klare Priorisierung, kontrollierter Umgang mit Nervosität – besonders bei Berufseinsteigern.
- Wer echte Sicherheit will, kann Assessment-Elemente oder Selbsteinschätzungsbögen ergänzen.
Der Stresspegel in der täglichen physiotherapeutischen Arbeit ist potenziell hoch. Das liegt einerseits sicherlich an der hohen Patiententaktung, aber auch die Verantwortung für die Gesundheit ihrer Patienten und deren hohe Erwartungen können das Stresslevel für Therapeuten schnell nach oben treiben. Gerade junge Therapeuten können schwer einschätzen, was auf sie zukommt.
Auch wenn sie sich in der Theorie fähig fühlen, mit herausfordernden Situationen und dem allgemeinen hohen Stresslevel umzugehen, kann das in der Praxis schnell anders aussehen. Daher ist es für Praxisinhaber essenziell, schon beim Bewerbungsgespräch herauszufinden, ob potenzielle Mitarbeiter mit dem Stress, der sie erwartet, adäquat umgehen können.
Dafür gilt es aber, die richtigen Fragen zu stellen. In diesem Artikel zeigen wir, worauf man achten sollte.
Ein Vorstellungsgespräch ist meist zu kurz – zu kurz, um alles, was man vom Bewerber und der Bewerberin über das Unternehmen wissen möchte, zu erfahren. Daher sollte man möglichst effizient nach genau den Punkten fragen, die wichtig sind, und dann genau die richtigen Fragen stellen, um eine schnelle Einschätzung zu erhalten.
Daher ist die Frage: „Wie gehen Sie mit Stress um?“ wenig zielführend. Auf diese allgemein gestellte Frage wird eine allgemeine Antwort kommen. Zielführender ist es, den Bewerber nach spezifischen stressigen Situationen zu befragen, die er bereits gemeistert hat.
Für den Inhaber ist es trotzdem nicht einfach zu erfassen, wie hoch der Stress in dieser Situation tatsächlich war. Daher sollten im Vorfeld einige verhaltens- und situationsbezogene Interviewfragen vorbereitet werden, die anhand realistischer Beispiele aus dem Praxisalltag beantwortet werden sollen.
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Für Empfangskräfte könnte das z. B. folgende Situation sein: Eine Privatpatientin steht am Empfang und diskutiert über ihre Zuzahlung, mit deren Höhe sie nicht einverstanden ist. Gleichzeitig kommt ein Therapeut und möchte wissen, warum sein Patient nicht da ist und ob abgesagt wurde oder nicht. Um das Chaos abzurunden, steht eine kurze Schlange von KGG-Patienten am Empfang und möchte endlich mit dem Training anfangen, und natürlich klingelt ständig das Telefon – mit der Nummer des Chefs.
Diese Situation kann so in der Realität passieren (hoffentlich nur selten) und nun ist es am Bewerber zu zeigen, wie er damit umgehen würde. Versucht er, alles gleichzeitig zu lösen, oder widmet er jedem Problem seine volle Aufmerksamkeit? Bei Therapeuten hingegen sollten andere Problemfälle genannt werden. Auch hier geht es darum, dass der Bewerber zeigt, dass er es mit realistisch auftretenden Stresssituationen aufnehmen kann.
Ob der Bewerber das beschriebene Verhalten dann auch tatsächlich in der Praxis zeigen kann, steht leider auf einem anderen Blatt, aber alleine das strukturierte Herangehen an ein Problem zeigt schon, ob dieser dem Druck standhalten könnte oder nicht. Auch die Art und Weise, wie über das Problem gesprochen wird, gibt dem Inhaber erste Hinweise. Bleibt der Bewerber ruhig und gelassen oder bereitet ihm die schiere Vielfalt an Optionen und Problemen bereits Kopfzerbrechen? Fixiert sich der Bewerber nur auf die Probleme oder auf die Lösung?
Wer letzteres nicht kann, wird in stressigen Situationen Schwierigkeiten bekommen. Insbesondere an Tagen, wenn viele stressige Situationen zusammenkommen. Ein weiteres Indiz ist der Umgang mit Nervosität – schafft es ein Bewerber nicht, diese im Lauf des Vorstellungsgesprächs abzulegen, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass diese Person nicht für die Stelle geeignet ist.
Gerade bei jungen Bewerbern, die frisch aus der Ausbildung kommen, sollte man genau hinhören. Diese kennen zwar den Stress des Lernens, nicht aber den Alltag in einer Praxis. Daher sollten konkret Fragen in Richtung Zeitmanagement und Priorisierung gestellt werden, um herauszufinden, wie der Bewerber damit umgeht. Wird hier jemand eingestellt, der den Kollegen eher Stress verursacht, wirkt sich das negativ auf das Team aus.
Diese Fragen sollte man stellen
Wie können nun geeignete Fragen im Gespräch konkret aussehen? Hier sind einige Fragen, die sich in Vorstellungsgesprächen bewährt haben:
- Wie reagieren Sie, wenn ich Ihnen als Inhaber der Praxis ein negatives Feedback vor den Kollegen gebe?
- Beschreiben Sie mir die stressigste Situation, die Sie bisher erlebt haben, und wie Sie diese meistern konnten
- Sie begegnen einem Kollegen auf dem Gang, der gerade eine sehr stressige Situation mit einem Patienten erlebt hat – welchen Ratschlag geben Sie ihm?
- Wie organisieren Sie sich, wenn Ihnen mehrere Aufgaben gleichzeitig zugeteilt werden?
- Welche Maßnahmen ergreifen Sie, damit konkrete Situationen nicht zu stressig werden?
- Was ist passiert, als Sie stressbedingt bei einer Aufgabe Fehler gemacht haben?
Auch wenn es in der Physiotherapie selten angewendet wird, gibt es eigentlich einen effizienten Weg, um die Stressresistenz eines Bewerbers zu prüfen. Das ist allerdings etwas aufwendiger und kann aus zeitlichen Gründen und wegen fehlender Strukturen und Fähigkeiten nicht umgesetzt werden. Trotzdem soll es hier erwähnt werden. Für Praxen mit einer größeren Menge an Bewerbern könnte es eine Option sein.
Im Rahmen eines Assessment-Centers erhält der Bewerber mehrere Aufgaben gleichzeitig, für die er eigentlich zu wenig Zeit hat, und er muss zeigen, dass er sie richtig priorisieren kann. So kann er zeigen, dass er Informationen schnell verarbeiten und mit Druck richtig umgehen kann.
Das könnte z. B. die oben beschriebene Situation am Empfang oder eine mögliche Doppeleinweisung in der KGG sein. Gleichzeitig haben Kollegen verschiedene Nachfragen. Optimalerweise werden hier Situationen durchgespielt, die so schon einmal auftraten und daher sehr praxisnah sind. Bei mehreren Bewerbern sind auch Rollenspiele denkbar, in denen die Bewerber u. a. kritische Gesprächssituationen lösen müssen.
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Eine weitere Möglichkeit sind Fragebögen zur Selbsteinschätzung, die im Vorfeld des Bewerbungsgesprächs vom Bewerber ausgefüllt werden. So kann der Inhaber zielgerichtet Fragen zu den Antworten des Fragebogens stellen, womit er mehr Zeit für andere Themen im Vorstellungsgespräch hat. Die gleiche Möglichkeit gibt es auch für Persönlichkeitstests.
Fazit
Stressresistenz ist ein wichtiges Merkmal im Beruf des Physiotherapeuten. Daher sollte im Bewerbungsgespräch die Resilienz gegenüber Stress zumindest mit strukturierten Fragen abgefragt werden. Wer einen echten Eindruck haben möchte, kann die Bewerber dann vor „echte“ Stresssituationen stellen und schauen, wie sie damit umgehen.
Darauf sollte man achten, um herauszufinden, ob Bewerber stressresistent sind
Bewerberverhalten:
- Geht der Bewerber lösungsorientiert vor?
- Zeigt der Bewerber Unwohlsein oder Stress beim Beantworten der Fragen?
- Lösen bereits kleine Dinge Stress beim Bewerber aus?
Inhaberverhalten:
- Verwenden Sie realistische Beispiele von Stresssituationen aus dem Alltag
- Stellen Sie spezifische und herausfordernde Fragen
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