Das Wichtigste in Kürze:
- Die Verschiebung der TI-Anbindungspflicht auf 2027 birgt die Gefahr eines erneuten Digitalisierungsstillstands. Gleichzeitig bietet sie die Chance, technische Schwächen zu beheben, Prozesse zu optimieren und Praxen besser vorzubereiten.
- Die TI ist grundsätzlich einsatzfähig, aber noch nicht flächendeckend praxistauglich. Instabile Infrastruktur, fehlende Barrierefreiheit und hohe Belastung kleiner Praxen zeigen: Digitalisierung darf kein zusätzlicher Bürokratie- und Kostenfaktor werden.
- Entscheidend ist die strategische Nutzung der gewonnenen Zeit: IT-Infrastruktur prüfen, Prozesse digital vorbereiten, Mitarbeitende schulen und die sektorenübergreifende Zusammenarbeit stärken.
BODYMEDIA: Befürchtest du, dass durch die Verschiebung der TI-Anschlusspflicht der Digitalisierungsdruck komplett aus dem Kessel entweicht und wir weitere Jahre des Stillstands in der Branche erleben?
Toralf J. Beier: Aus meiner Sicht besteht sehr wohl die Gefahr, dass mit der Verschiebung der TI-Anbindefrist ein falsches Signal gesendet wurde. Der ohnehin zähe Digitalisierungsprozess in den Heilmittelberufen droht generell weiter an Tempo zu verlieren, wenn verbindliche Fristen immer wieder aufgeweicht werden. Digitalisierung braucht nicht nur gute Technik, sondern vor allem Verlässlichkeit und Verbindlichkeit – und dazu gehören klare Zeitpläne.
Bedauerlich ist zudem, dass die Anbindung an die TI häufig von verschiedensten Akteuren ausschließlich mit der Nutzung der elektronischen Verordnung (eVO) verknüpft wird. Dabei stehen mit der elektronischen Patientenakte (ePA), der Kommunikation im Medizinwesen (KIM) und perspektivisch auch TI-Messengerdiensten längst weitere zentrale Anwendungen zur Verfügung.
Der Druck zur Anbindung war und ist ein notwendiger Motor, um Politik, gematik, GKV-Spitzenverband, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Industrie und Leistungserbringer gleichermaßen in Bewegung zu halten. Ohne diesen Druck besteht die reale Gefahr, dass Investitionen, Weiterentwicklungen und politische Priorisierung erneut vertagt werden – und die Branche weitere Jahre im Übergang verharrt. Aber es dürfen die bestehenden Probleme der TI nicht ignoriert werden.
Die bloße digitale Abbildung analoger Prozesse wäre keine Digitalisierung, sondern eine dauerhaft verpasste Chance. Wer die Branche kennt, kennt auch ihre Heterogenität. Ressourcen sind dabei der entscheidende Faktor: Was für die eine Einrichtung eine Frage der Investitionssumme ist, ist für eine andere Praxis schlicht eine Frage des verfügbaren Personals. Umso wichtiger ist es, dass der nun fixierte Zeitplan eingehalten wird, damit die Branche planen kann.
BODYMEDIA: Aus deiner Branchenwahrnehmung heraus: War der Großteil der Praxen wirklich startklar, oder gab es den Zeitaufschub auch deshalb, weil viele noch zögerlich waren und sich gar nicht angeschlossen hatten?
Toralf J. Beier: Aus meiner Wahrnehmung war die Mehrheit der PT-Praxen grundsätzlich geistig bereit für die TI-Anbindung. Viele haben investiert, Schulungen geplant und die Technik bestellt. Dass es trotzdem zu einem Aufschub gekommen ist, liegt weniger an fehlendem Willen als an der Heterogenität der Branche: Manche Praxen hatten technische oder organisatorische Schwierigkeiten, andere Einrichtungen Ressourcenengpässe. Gerade kleinere Praxen stoßen bei der TI-Anbindung schnell an ihre Grenzen.
Für manche ist der Aufwand so groß, dass sie eher über eine Schließung oder Reduzierung bzw. Verlagerung ihres Angebots nachdenken, als sich zusätzlich zu den ohnehin hohen administrativen und organisatorischen Belastungen auch noch mit der TI herumzuschlagen. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass Digitalisierung verbindlich, aber praxisnah und unterstützend umgesetzt wird – sonst droht die Branche, gerade im ländlichen Bereich, weiter ausgedünnt zu werden.
Die Anbindung und die Nutzung der TI müssen mit einer spürbaren Entbürokratisierung einhergehen. Gleichwohl darf dieser Aufschub nicht als Entschuldigung dienen, die Digitalisierung weiter zu verzögern. Wer die Chancen der TI ernst nimmt, muss verbindlich an Bord kommen.
BODYMEDIA: War die Technik deiner Meinung nach schon voll einsatzfähig, oder hat die Politik die Reißleine gezogen, weil die Infrastruktur in der Breite einfach noch nicht rundläuft?
Toralf J. Beier: Die Technik der TI ist in vielen Bereichen grundsätzlich einsatzfähig, aber noch längst nicht praxistauglich in der Breite. Zahlreiche Praxen berichten von Problemen beim Anschluss, bei der Stabilität der Systeme und beim Handling der Anwendungen. Hinzu kommt, dass die TI bislang nicht barrierefrei ist – Menschen mit Einschränkungen stoßen auf Hürden, die den praktischen Nutzen deutlich reduzieren.
So gibt es aktuell keine von der gematik zertifizierten Kartenlesegeräte für blinde oder stark sehbehinderte Therapeuten. Das ist schlichtweg inakzeptabel und politisch nicht hinnehmbar. Hier sollten gematik und Hersteller ihre Hausaufgaben besser machen.
Aus unserer Sicht hat die Politik mit dem Aufschub die Reißleine gezogen, weil die Infrastruktur in der Breite schlicht noch nicht rundläuft. Die TI ist technologisch einen Schritt nach vorn, aber sie funktioniert derzeit nur unter idealen Bedingungen. Ohne Nachbesserungen, verlässliche Abläufe und echte Praxisunterstützung bleibt der Digitalisierungsprozess lückenhaft und frustrierend für viele Einrichtungen.
Wie steht es um die Digitalisierung in der Physiotherapie? Das sagen Experten!
Für die Branche ist klar: Digitalisierung ist unverzichtbar, aber sie darf nicht zum zusätzlichen Belastungsfaktor werden. Wer sie ernsthaft vorantreiben will, muss verbindliche Vorgaben, verlässliche Infrastruktur und echte Unterstützung liefern – alles andere verlängert nur den Stillstand und gefährdet Praxen, insbesondere kleinere Einrichtungen, die ohnehin am Limit arbeiten.
BODYMEDIA: Siehst du die Gefahr, dass die Anbieter ihre Bemühungen jetzt drosseln, weil der Markt ohnehin erst mal abwartet?
Toralf J. Beier: Auch wenn die Frist zur TI-Anbindung verschoben wurde, sehe ich keine Gefahr, dass die Anbieter ihre Aktivitäten zurückfahren. Im Gegenteil: Viele nutzen die zusätzliche Zeit, um robustere, stabilere und praxisgerechtere Lösungen zu entwickeln. Der Wegfall der klassischen Konnektoren zugunsten moderner TI-Gateways ist ein gutes Beispiel dafür. Die Gateways vereinfachen die Technik erheblich, reduzieren Kosten und Wartungsaufwand und machen die Systeme flexibler – genau die Voraussetzungen, die viele Praxen dringend benötigen.
Diese Entwicklungen zeigen, dass die Branche weiterhin engagiert daran arbeitet, die TI praxistauglich, effizient und verlässlich zu gestalten. Der Aufschub sollte daher nicht als Stagnation interpretiert werden, sondern als Chance, die Systeme gründlich zu optimieren, bevor sie flächendeckend genutzt werden.
Für uns als Verband für Physiotherapie (VPT) ist klar: Dabei sind schnelle Umsetzung und hohe Qualität kein Widerspruch, sondern unser Anspruch. Nur so kann die Digitalisierung tatsächlich einen Mehrwert für alle Praxen bringen – von der Einzelpraxis bis zur großen Einrichtung.
Zudem signalisiert die Dynamik der Anbieter, dass Innovation und Weiterentwicklung nicht durch Fristverschiebungen gebremst werden. Im Gegenteil: Wer heute Zeit für Verbesserungen nutzt, sorgt morgen dafür, dass die TI funktioniert, den Patienten wirklich nützt und die Praxis vor Ort entlastet. Der Aufschub darf keinen Rückschritt bedeuten, sondern einen strategischen Schritt hin zu einer langfristig tragfähigen TI.

Viele Praxen nutzen die zusätzliche Zeit, um robustere, stabilere und praxisgerechtere Lösungen zu entwickeln (Bildquelle: © Beaunitta V W/peopleimages.com – stock.adobe.com)
BODYMEDIA: Veraltet die bereits angeschaffte Hard- und Software jetzt in den Praxen, sodass man später womöglich neu investieren muss?
Toralf J. Beier: Die Verschiebung der TI-Anbindefrist bedeutet nicht automatisch, dass die bereits angeschaffte Hard- und Software veraltet ist. Viele Komponenten wie Lesegeräte, Praxisserver oder Arbeitsstationen sind modular aufgebaut und können weiter genutzt werden. Allerdings müssen Praxen die komplette Systemumgebung im Blick behalten: Praxisverwaltungssoftware, Antivirenprogramme, Firewalls und Sicherheitsupdates müssen weiterhin aktuell gehalten werden, um kompatibel, sicher und gesetzeskonform zu bleiben.
Gerade bei der Einführung neuer TI-Anwendungen oder bei der Nutzung moderner TI-Gateways kann es erforderlich sein, einzelne Komponenten nachzurüsten oder Software-Updates durchzuführen. Das bedeutet für Praxen zwar zusätzlichen Aufwand, aber keinen Totalausfall der bisherigen Investitionen. Und vielleicht rückt auch die Entscheidung für eine cloudbasierte Praxisverwaltungssoftware in den Fokus verschiedener Überlegungen.
Aus Sicht des VPT ist entscheidend, dass die Politik und gematik den Herstellern klare Vorgaben machen und diese die Praxen zuverlässig unterstützen. Investitionen müssen planbar und zukunftssicher sein – sonst droht die doppelte Belastung: einmal durch Fristverschiebungen, einmal durch nachträgliche Anpassungen oder Ersatzbeschaffungen. Nur wenn die TI-Umgebung in allen Bereichen – Hardware, Praxissoftware, Sicherheitsinfrastruktur – stabil, kompatibel und praxistauglich bleibt, können die Praxen wirklich vom Digitalisierungsprozess profitieren.
Die Botschaft an Politik, gematik und Hersteller ist eindeutig: Praxisinvestitionen dürfen nicht zur Risikowette werden. Verlässlichkeit, Kompatibilität und langfristige Unterstützung sind zwingend, damit Digitalisierung nicht zum Frustfaktor wird, sondern echte Arbeitserleichterung und Patientennutzen bringt.
BODYMEDIA: Vergrößert sich jetzt die „digitale Kluft“ zwischen Ärzten und Physiotherapeuten, weil diese weiterhin nicht angebunden sein müssen?
Toralf J. Beier: Ja, die Verschiebung der TI-Anbindepflicht für Physiotherapeuten vergrößert die „digitale Kluft“ zwischen Ärzten und Therapeuten. Ärzte arbeiten zunehmend interoperabel und sektorenübergreifend – sie planen ihre Abläufe digital und wollen die TI nutzen, um Zeit, Dokumentationsaufwand und Ressourcen zu sparen. Solange Physiotherapeuten nicht flächendeckend angebunden sind, entstehen konkrete Medienbrüche: von der Ausstellung der Verordnung über die Kommunikation in der Praxis bis hin zur Abrechnung. Dazu kommen Verordnungsprüfpflichten nach Heilmittelrichtlinie und Bundesrahmenvertrag, welche weiterhin von den Therapeuten erledigt werden müssen, was Doppelarbeiten, Verzögerungen und ineffiziente Prozesse verursacht.
Die TI könnte diese Brüche schließen und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Therapeuten deutlich erleichtern. Damit geht die Chance auf sektorenübergreifende, ressourcenschonende Abläufe verloren. Denn die TI bietet nicht nur administrativen Nutzen, sondern ermöglicht auch eine bessere, koordinierte und nachhaltige Versorgung der Patienten.
Solange Therapeuten nicht flächendeckend eingebunden sind, können Praxen nicht vollständig von der digitalen Zusammenarbeit profitieren, die Ärzte zunehmend voraussetzen. Das vergrößert die digitale Schere und macht deutlich, dass verbindliche Anschlussfristen und praxisgerechte Unterstützung dringend nötig sind, um die sektorenübergreifende Zusammenarbeit wirklich zu realisieren.
Trotz möglichem TI-Aufschub sollten Praxen jetzt handeln
BODYMEDIA: Wie können Praxisinhaber die gewonnene Zeit jetzt optimal nutzen? Was empfiehlst du, worauf sollten sie ihren Fokus legen?
Toralf J. Beier: Eine frühere Anbindung hätte aus unserer Sicht die Weiterentwicklung im Versorgungsalltag beschleunigt. Wenn die Umsetzung nun später erfolgt, sollte die zusätzliche Zeit verbindlich dazu dienen, Technik, Prozesse und Support verlässlich aufzustellen. Die gewonnenen Monate sollten nicht als Stillstand betrachtet werden, sondern als Chance, Infrastruktur, Abläufe und Mitarbeitende optimal vorzubereiten – damit die TI später reibungslos genutzt werden kann und tatsächlich Entlastung bringt. Wie stelle ich mir das vor?
- Infrastruktur und Technik prüfen: Praxen sollten ihre Hard- und Software umfassend überprüfen: Sind Praxisverwaltungssoftware, Arbeitsstationen, Server, Firewalls und Antivirenprogramme aktuell und kompatibel mit künftigen TI-Anwendungen? Können Schnittstellen zu eVerordnung, ePA und KIM problemlos genutzt werden? Nur eine saubere, stabile IT-Basis garantiert, dass spätere Updates und neue Anwendungen reibungslos laufen.
- Prozesse optimieren: Die Zeit kann genutzt werden, um interne Abläufe zu überdenken: Wie werden Patienten
akten geführt? Wie läuft die Verordnungsprüfung? Wie erfolgt die Abrechnung? Wie erfolgt die Dokumentation? Durch die Optimierung dieser Prozesse können schon heute Medienbrüche reduziert, Doppelarbeit vermieden und die tägliche Arbeit effizienter gestaltet werden. Praxen, die jetzt die Abläufe digital vorbereiten, sparen später erheblich Zeit und Ressourcen und damit bares Geld. - Mitarbeitende einbinden und schulen: Eine der größten Hürden bei der TI ist nicht die Technik selbst, sondern die Anwendung durch die Mitarbeitenden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Ängste zu nehmen, Mitarbeitende gezielt zu schulen, Routine im Umgang mit digitalen Prozessen zu entwickeln und Verantwortlichkeiten klar zu definieren. Nur so wird die TI später nicht zur Belastung, sondern zur echten Arbeitserleichterung.
- Strategische Planung und Nutzenmaximierung: Die Fristverschiebung erlaubt es auch, strategisch zu denken: Welche digitalen Anwendungen bringen den größten Nutzen für Praxisorganisation, Patientenversorgung und Ressourcenschonung? Welche Investitionen sind wirklich notwendig und wo kann man die bestehende Infrastruktur nachhaltig einsetzen? Wer hier gezielt plant, legt den Grundstein für langfristigen Erfolg und praxisgerechte Digitalisierung.
- Den Nutzen für die Zusammenarbeit sichern: Nicht zuletzt sollten Praxen die Zeit nutzen, um die sektorenübergreifende Zusammenarbeit mit Ärzten und Krankenkassen vorzubereiten. Ärzte arbeiten zunehmend digital und interoperabel – Praxen, die frühzeitig angebunden sind, können die Vorteile der TI voll ausschöpfen und die Kommunikation, Prüfpflichten und Abrechnung deutlich effizienter gestalten.
Die Botschaft ist klar: Wer die zusätzliche Zeit jetzt sinnvoll nutzt, kann später von reibungslosen Abläufen, klaren Prozessen und tatsächlicher Entlastung profitieren. Digitalisierung ist kein Schnellschuss – sie muss planbar, stabil und praxisnah umgesetzt werden. Die Verschiebung der Frist ist kein Stillstand, sondern eine Chance, die TI nachhaltig und zukunftssicher vorzubereiten.
BODYMEDIA: Wenn wir uns am 02.10.2027 wiedertreffen: Wird die TI dann ein echtes Arbeitsmittel sein, das die Therapie verbessert, oder doch nur ein weiteres bürokratisches Pflichttool für die Abrechnung?
Toralf J. Beier: Ich würde gern in das Jahr 2028 blicken. Da die Politik so entschieden und das Erfolgsmodell TI im Bereich der Heilmittel an die Einführung und flächendeckende Nutzung der eVerordnung (eVO) gekoppelt hat, wird die TI erst dann ihr volles Potenzial entfalten: Praxen können digital vernetzt arbeiten, Abläufe werden zwischen Ärzten und Therapeuten effizient gestaltet, Medienbrüche lassen sich fast vollständig reduzieren und es wird ressourcenschonender gearbeitet.
Gleichzeitig wird es möglich, die Therapiequalität zu steigern, Prüfpflichten zu vereinfachen bzw. dauerhaft zu reduzieren und Mitarbeitende gezielt zu entlasten, sodass die TI nicht nur ein bürokratisches Pflichttool bleibt, sondern zu einem echten Arbeitsmittel wird, das den Alltag in den Praxen nachhaltig erleichtert und die sektorenübergreifende Zusammenarbeit wirkungsvoll unterstützt. Ich bin sehr optimistisch.
BODYMEDIA: Vielen Dank für das spannende Interview!
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