Physiotherapie

6 Mythen über die Telematikinfrastruktur hinterfragt

Bildquelle: © MagicDavid25/peopleimages.com – stock.adobe.com

Spätestens mit der verpflichtenden Anbindung bis Oktober 2027 rückt die Telematikinfrastruktur (TI) für Physiotherapiepraxen immer stärker in den Fokus. Viele Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber fragen sich, welche Kosten entstehen, wie aufwendig die Einführung ist und ob die TI im Alltag überhaupt einen Nutzen bringt. Rund um das Thema kursieren noch immer zahlreiche Vorurteile. Wir schauen uns sechs der häufigsten Mythen an und zeigen, was für Physiotherapiepraxen tatsächlich dahintersteckt.

MYTHOS 1: „Die TI ist teuer“

Viele Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber gehen davon aus, dass eine Anbindung an die Telematikinfrastruktur mit hohen Investitionskosten verbunden ist. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall: Die Kosten für die TI-Anbindung sowie für die Nutzung der zugelassenen TI-Fachdienste werden vollständig refinanziert. Der GKV-Spitzenverband übernimmt die Erstattung der anfallenden Kosten in Form der TI-Pauschale, sodass für Heilmittelerbringer keine zusätzliche finanzielle Belastung entsteht. Aktuell liegt der Betrag für eine Physiotherapiepraxis bei 221,74 € (inkl. MwSt.) pro Monat. Voraussetzung für die Auszahlung ist, dass die für die TI-Anbindung benötigte technische Ausstattung und die entsprechenden TI-Dienste eingerichtet und in Betrieb genommen wurden. Dazu zählen unter anderem ein Konnektor oder ein TI-Gateway, ein Kartenterminal sowie Anwendungen wie der verschlüsselte E-Mail-Dienst KIM (Kommunikation im Medizinwesen).

MYTHOS 2: „Die TI funktioniert nur mit meinem Primärsystem“

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass sich TI-Anwendungen ausschließlich innerhalb der eigenen Praxissoftware nutzen lassen. Tatsächlich sind viele TI-Dienste unabhängig vom Primärsystem einsetzbar. Anwendungen wie KIM oder der TI-Messenger können auch über separate Oberflächen genutzt werden. Dadurch können Praxen bereits von den Vorteilen der TI profitieren – unabhängig davon, welche Praxissoftware sie einsetzen oder ob sie bereits alle TI-Funktionen integriert haben. MYTHOS 2

MYTHOS 3: „Für die TI braucht man umfangreiche IT-Kenntnisse”

Viele Physiotherapeuten befürchten, dass die Einführung der TI kompliziert ist und technisches Fachwissen voraussetzt. In der Praxis muss das jedoch nicht so sein. Sofern man sich für ein „As-a-Service-Modell” entscheidet, wird für die Anbindung im Wesentlichen ein Internetanschluss benötigt. Die Einrichtung, Installation und Wartung der TI-Komponenten übernehmen die jeweiligen TI-Anbieter. Darüber hinaus stehen den Praxen in der Regel feste Ansprechpartner oder ein Support-Team zur Seite. Dadurch können sich die Mitarbeiter weiterhin auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren: die Versorgung ihrer Patienten.

MYTHOS 4: „Die TI nutzt doch ohnehin kaum jemand”

Die Telematikinfrastruktur ist bei Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken und vielen weiteren Einrichtungen seit Jahren eingeführt und oft tief in den täglichen Prozessen verankert. Auch bei Heilmittelerbringern wächst die Zahl der angeschlossenen Praxen. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei KIM. Bereits mehrere hunderttausend KIM-Adressen sind registriert und täglich werden zahlreiche medizinische Dokumente sicher über KIM versendet. Mit jeder neu angeschlossenen Praxis wächst der Nutzen der TI für alle Beteiligten, da digitale Kommunikation nur dann ihr volles Potenzial entfalten kann, wenn möglichst viele Einrichtungen teilnehmen.

MYTHOS 5: „Ein Fax ist doch genauso sicher”

Das Fax gilt vielerorts noch immer als Standard für den Austausch medizinischer Dokumente. Tatsächlich bietet es jedoch nicht das Sicherheits- und Datenschutzniveau moderner digitaler Kommunikationswege. Dokumente können versehentlich an die falsche Nummer gesendet oder von Unbefugten eingesehen werden. Die Kommunikation über die Telematikinfrastruktur erfolgt hingegen verschlüsselt und ausschließlich zwischen eindeutig identifizierten Einrichtungen des Gesundheitswesens. Zusätzlich bietet die TI mit dem Verzeichnisdienst – einer Art digitalem Telefonbuch für das Gesundheitswesen – einen entscheidenden Vorteil: Praxen können dort die KIM-Adressen anderer Leistungserbringer einfach finden, anstatt Telefonnummern oder E-Mail-Adressen recherchieren zu müssen. Das erleichtert die Zusammenarbeit und kann gerade bei regelmäßigen Abstimmungen Zeit sparen.

MYTHOS 6: „Von der TI profitieren nur Leistungserbringer”

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen soll nicht nur Arbeitsabläufe in den Praxen vereinfachen, sondern vor allem die Versorgung der Patienten verbessern. Werden Verordnungen künftig digital übermittelt, müssen Patienten diese beispielsweise nicht mehr selbst zwischen Arztpraxis und Physiotherapiepraxis transportieren. Das spart Zeit und reduziert unnötige Wege. Auch die elektronische Patientenakte (ePA) zeigt, dass die Vorteile der TI direkt bei den Patienten ankommen. In der ePA können wichtige Gesundheitsinformationen wie Befunde, Arztbriefe oder Medikationsdaten gebündelt und im Behandlungskontext zur Verfügung gestellt werden. So erhalten Behandler einen besseren Überblick über die Krankengeschichte und können Therapien individueller auf die Patienten abstimmen.

Darüber hinaus bietet auch der TI-Messenger neue Möglichkeiten: Praxen können sicher mit anderen Leistungserbringern kommunizieren und perspektivisch auch mit Patienten in Kontakt treten – etwa für organisatorische Absprachen oder Termininformationen. Der Mehrwert zeigt sich dabei nicht immer in einem großen Digitalisierungssprung, sondern oft in kleinen Erleichterungen: weniger hinterhertelefonieren, weniger suchen, Dokumente sicher versenden und Informationen schneller dort haben, wo sie gebraucht werden.

Mehr als eine Pflicht: TI als Mehrwert für die Praxis

Viele Vorurteile rund um die Telematikinfrastruktur gehen auf die Zeit zurück, in der digitale Anwendungen im Gesundheitswesen noch in den Anfängen steckten. Die Anbindung an die TI ist für Physiotherapiepraxen zwar verpflichtend, bringt aber gleichzeitig zahlreiche Vorteile für den Praxisalltag und die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Schon heute ermöglicht die TI einen sicheren und effizienten digitalen Austausch – und ihr Mehrwert wächst mit jedem weiteren Teilnehmer. Wer sich frühzeitig mit ihren Möglichkeiten beschäftigt, kann daher schon heute profitieren und ist zugleich gut für die weitere Digitalisierung aufgestellt.

Bildquelle: © MagicDavid25/peopleimages.com – stock.adobe.com

Die Autorin

  • Vivien Wenzel

    Vivien Wenzel beschäftigt sich intensiv mit der Digitalisierung im Heilmittelbereich und den praktischen Herausforderungen der Telematikinfrastruktur. Bei AKQUINET ist sie für den Bereich Heilmittelpraxen verantwortlich und begleitet Praxen, Verbände und weitere Marktteilnehmer bei Fragen rund um die TI-Anbindung.

    Mehr zu Vivien Wenzel

Magazin

BODYMEDIA Physio 3-2026 E-Book lesen

BODYMEDIA Physio 3-2026

Mehr erfahren