Management

Gründer im Interview: Erfolgsrezepte für Start-ups in der Fitnessbranche

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Die Fitnessbranche wird immer wieder durch ambitionierte, junge Start-ups bereichert. Wir haben einige Gründer und Start-up-Experten dazu befragt, was Jungunternehmer beachten sollten und welche Fehler zwingend zu vermeiden sind. Ihre Ratschläge haben wir in den folgenden Kurzinterviews zusammengefasst.

Tobias Conrad, Geschäftsführer AIRIS

Kurzinterview mit Tobias Conrad, Geschäftsführer AIRIS

BODYMEDIA: Was sollten Start-ups bei ihren Produkt-Pitches berücksichtigen, um mögliche Investoren für sich zu gewinnen?

Tobias Conrad: Ein Pitch entscheidet oft darüber, ob aus einer Idee ein Unternehmen wird. Investoren achten besonders auf drei Punkte: eine klare Idee, ein starkes Team und ein realistisches Geschäftsmodell.

„Eine Idee überzeugt nur, wenn sie einfach, verständlich und erklärbar ist.“

Wer sein Produkt nicht klar formuliert, wirkt unsicher und verliert Vertrauen bereits beim Einstieg. Ebenso wichtig ist das Team: Investoren investieren in Menschen – ihre Energie, Kompetenz, ihr Netzwerk und die Fähigkeit, eine Vision Realität werden zu lassen. Feuer + Fachlichkeit = Vertrauen. Drittens zählt ein plausibler Business-Case. Keine Fantasiezahlen oder überzogene Skalierungsversprechen, sondern ein Modell, das zeigt: Dieses Vorhaben kann nachhaltig wachsen.

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BODYMEDIA: Welche Frühindikatoren zeigen, dass ein Start-up bereit für den nächsten Wachstumsschritt ist?

Tobias Conrad: Wachstum ergibt vor allem Sinn, wenn das Produkt eine gewisse Marktreife erreicht hat und der Markt es annimmt. Die Reifephase ist erreicht, wenn Kunden das Produkt aktiv nutzen und bereit sind, den Preis zu investieren. Verkaufszahlen sind der klarste Indikator: Sie zeigen, dass das Produkt funktioniert, nachgefragt wird und das Geschäftsmodell tragfähig ist. Erst dann lohnt sich die Skalierung – das Unternehmen kann sich auf bewährte Prozesse stützen und die nächsten Schritte gezielt wachsen lassen.

BODYMEDIA: Danke für die Antworten.

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Frank Böhme, CEO Just Fit und NEXT DOOR

Frank Böhme, CEO Just Fit und NEXT DOOR im Kurzinterview

BODYMEDIA: Welche Kostenblöcke werden von Gründern am häufigsten unterschätzt?

Frank Böhme: Viele Gründer unterschätzen die Höhe und Dauer der Anlaufverluste. Miete, Gehälter, Marketing und Technik laufen vom ersten Tag an, die Umsätze starten aber oft deutlich später, als im Businessplan angenommen. Auslastung und Wachstum werden im Plan gern zu optimistisch gerechnet, gleichzeitig ist die Liquiditätsreserve zu knapp bemessen. Wer nur für drei bis sechs Monate Durststrecke plant, gerät schnell in den roten Bereich. Aus meiner Sicht braucht es einen realistischen Cashflow-Plan mit klaren Szenarien und genug Puffer, um mindestens ein bis zwei schwächere Jahre überstehen zu können.

Spannende Start-ups der Fitnessbranche

BODYMEDIA: Welche Schlüsselrollen sollten in den ersten 12 Monaten unbedingt besetzt werden – und welche nicht?

Frank Böhme: In den ersten zwölf Monaten sind wenige, aber belastbare Schlüsselrollen entscheidend: 

„Eine starke operative Verantwortung, die das Tagesgeschäft im Griff hat, Vertrieb und Marketing, die Nachfrage und Kundenerlebnis aufbauen, sowie jemand, der Finanzen und Liquidität eng steuert.“

Diese Rollen müssen klar besetzt sein und dürfen nicht „nebenbei“ laufen.

Gleichzeitig beobachte ich häufig zu viel Hierarchie bei zu wenig Menschen. Was man am Anfang eher nicht braucht, sind mehrere Managementebenen, reine Stabsstellen oder Spezialisten ohne direkten Beitrag zu Umsatz oder Kundenzufriedenheit. Lieber ein kleines, schlagkräftiges Kernteam als eine zu dünne Personaldecke auf zu vielen Baustellen.

BODYMEDIA: Vielen Dank für Ihre Antworten.

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Bernhard-Stefan Müller, CEO milongroup

2 Fragen an Bernhard-Stefan Müller, CEO milongroup

BODYMEDIA: Welche typischen Fehler beobachten Sie bei Fitness-Startups beim Markteintritt – und wie lassen sich diese vermeiden?

Bernhard-Stefan Müller: Viele Start-ups scheitern beim Markteintritt, weil sie Produkte entwickeln, die gut aussehen, aber kein echtes Problem der Zielgruppe lösen. Entscheidend ist nicht, was Gründer oder ihr Umfeld für sinnvoll halten, sondern was die Zielgruppe tatsächlich braucht. Deshalb muss Zielgruppenforschung dort stattfinden, wo die Realität ist.

Wer ein Produkt für Kinder entwickelt, befragt Erzieher, Eltern und Großeltern – nicht Passanten. Henry Ford hätte „schnellere Pferde“ gehört und hat dennoch das richtige Produkt gebaut. Der Köder muss bekanntlich dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Transformation ist stets willkommen, muss aber verständlich sein.

„Start-ups sollten Innovationen so übersetzen, dass der Nutzen sofort erkennbar ist – und konsequent testen, validieren und anpassen.“

BODYMEDIA: Wie können junge Gründer ihr Geschäftsmodell skalieren, ohne Qualität oder Kundenbindung zu gefährden?

Bernhard-Stefan Müller: Nachhaltige Skalierung beginnt mit echtem Marktverständnis. Viele Gründer kennen ihre Stakeholder, Marktmechanismen und relevanten Kanäle anfangs nicht ausreichend. Ohne diese Basis entstehen schnell teure Fehlentscheidungen. Bevor man beispielsweise voreilig auf große Messen wie die FIBO geht, müssen Produkt und Positionierung wirklich marktreif sein.

Genau hier setzt unser milon Innovation Hub an: Startups erhalten Branchenwissen, strukturiertes Feedback und die Chance, im Windschatten eines Industrieunternehmens Marktmechaniken zu lernen. Wachstum bringt auch immer „Wachstumsschmerzen“ mit sich. Deshalb braucht es Sparringspartner, ehrliches Marktfeedback und eine klare Außenperspektive. Bewährt hat sich ein simpler Dreiklang: „Don’t make me ask. Don’t make me wait. Don’t make me think.“ Wird ein Produkt daran gemessen, bleibt es intuitiv, zugänglich – und stärkt die Kundenbindung.

BODYMEDIA: Herzlichen Dank.

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Kaspar Schmocker, Co-Founder von Sensopro

Ihre Meinung, Kaspar Schmocker, Co-Founder von Sensopro

BODYMEDIA: Was sind die wichtigsten Tipps bzw. Ratschläge, die Sie Start-ups geben können, damit diese sich erfolgreich am Fitnessmarkt etablieren können?

Kaspar Schmocker: Das Wichtigste ist immer, wie schnell man die Dinge in der Realität testen kann. 

„Das schnelle Am-Markt-Ausprobieren und Erfahrungen-Sammeln war für uns immer essenziell.“

Wenn ich von Start-ups bzgl. Unterstützung angefragt werde, ist es für mich immer das Entscheidende, welches die kleinste verkaufbare Einheit ist, die wir am Markt testen können, um danach größer zu denken. Häufig merkt man am besten, ob etwas funktioniert oder nicht, indem das kleinste Modell ein Preisschild erhält und die Leute das Produkt kaufen können. Erst dann erhält man das wahre Bild. Das ist auch immer wieder unsere Herausforderung. Wir sind am Ausprobieren, wie wir die Idee mit möglichst wenig Ressourcen und wenig Investment etablieren können, ehe wir das Produkt in die große Maschinerie bringen.

BODYMEDIA: Welche Entscheidung hätten Sie rückblickend früher als Jungunternehmer gerne getroffen – und warum?

Kaspar Schmocker: Wir hätten teilweise verschiedene Ideen und Modelle noch früher auf den Markt bringen können. Wenn wir früher reale Unternehmenssituationen und reale Verkaufsaktionen geschaffen hätten, wäre zum Beispiel die Erkenntnis, dass ein Videosystem erforderlich ist oder dass unbedingt Running-Programme benötigt werden, viel früher gekommen.

Zweitens wäre ich rückblickend noch früher in den Kontakt mit den Besten getreten. Ich habe ein Sprichwort, das mich begleitet:

„Wenn du der Beste und Charismatischste im Raum bist, dann wechsle den Raum.“

Ich will damit sagen, dass ich noch viel früher mit Menschen wie z. B. Philipp Roesch-Schlanderer von EGYM in Kontakt hätte treten sollen. In solchen Gesprächen erhältst du teilweise in einer Minute 14 Jahre Businesserfahrung. Das war naiv von mir, dass ich nicht diejenigen gefragt habe, die schon tausend Geräte verkauft oder schon ein Business aufgebaut haben.

Diesen Fehler haben wir immer wieder gemacht. Das ist nicht aus Überheblichkeit entstanden, sondern eher aus Unwissenheit heraus. Das Lernen von den anderen und einmal pro Woche mit anderen zu sprechen, die besser sind oder deren Firmen bereits einen Schritt weiter sind als die eigene, das ist meine Empfehlung.

BODYMEDIA: Danke für das Interview.

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Philipp Roesch-Schlanderer, CEO EGYM

Nachgefragt bei Philipp Roesch-Schlanderer, CEO EGYM

BODYMEDIA: Was wäre Ihr wichtigster Rat für Gründer im Fitnessmarkt im ersten Jahr nach dem Launch?

Philipp Roesch-Schlanderer: Fokus ist alles. Wählt ein einziges Problem, das ihr besser löst als alle anderen – und macht nichts anderes. Mein wichtigster Rat:

„Arbeitet sequenziell, nicht parallel.“

Viele Gründer bauen fünf Features, lösen aber kein Problem richtig. Das erste Jahr ist eure Reality-Phase: Redet ständig mit Nutzern, beobachtet ihr Verhalten, iteriert schnell. Wenn etwas nicht genutzt wird, streicht es. Wenn etwas funktioniert, verdoppelt es. Und: Plant eure Liquidität konservativ. Der Fitnessmarkt ist attraktiv, aber kein Sprint – ihr braucht Fokus, Ausdauer und ein klares Nutzenversprechen, bevor ihr skaliert.

BODYMEDIA: Wie relevant ist KI für Fitness-Start-ups wirklich – und wo liegen die realistischen Use Cases?

Philipp Roesch-Schlanderer: KI ist kein Selbstzweck, aber ein enormer Hebel. Relevant wird sie immer dann, wenn sie Komplexität reduziert: Trainingsdaten auswerten, personalisierte Pläne automatisiert erstellen, Fortschritt verständlich visualisieren oder Mitglieder passgenau aktivieren. Für Start-ups heißt das: Nutzt KI, um Prozesse zu automatisieren, die vorher teuer oder langsam waren – nicht um künstlich ‚smarte‘ Features zu bauen. Der große Durchbruch liegt in skalierbarer Personalisierung: Jeder trainiert anders, aber KI kann individuelle Empfehlungen in Studioqualität liefern – jederzeit, auf jedem Gerät, für jedes Fitnesslevel.

BODYMEDIA: Vielen herzlichen Dank für das Interview.

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Der Autor

  • Constantin Wilser

    Constantin Wilser ist seit 2006 in der Fitnessbranche als Redakteur tätig. Davor absolvierte er sein Bachelor-Studium der Sportwissenschaften am KIT in Karlsruhe. Seit 2019 ist er Bestandteil des BODYMEDIA-Redaktionsteams. Seit Anfang 2023 ist er Chefredakteur. In seiner Freizeit trainiert der Fußball-Fan gerne im Studio, geht laufen oder fiebert im Fußball-Stadion mit.

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