Digitalisierung

„Wir wollen Therapeuten entlasten und die Dokumentation erleichtern“

Um einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu gewährleisten, geben Physiotherapeuten ihren Patienten häufig Übungen für zuhause mit, die die Therapie in der Praxis unterstützen soll. Leider werden diese in vielen Fällen, aus unterschiedlichen Gründen nicht umgesetzt. Ein junges Start-up hat sich dieser Problematik angenommen und eine App entwickelt, mit der die Betreuung von Patienten nachhaltig gelingen kann.

BODYMEDIA: Ihr habt euch als Ziel gesetzt mit eurer App Patienten zu mehr Autonomie zu verhelfen und dadurch den Therapeuten zu entlasten. Wie schafft ihr das?

Finn Schütt: Unser grundsätzliches Ziel ist es, die Patientenautonomie zu fördern und dadurch den Therapeuten zu entlasten. Der Therapeut muss den Patienten nicht unbedingt begleiten, sondern wird via App indirekt durch Therapeuten begleitet. Denn die meisten Therapeuten geben ihren Patienten Übungen für Zuhause mit, die aber in vielen Fällen leider nicht gemacht werden. Unser Ziel war es die Probleme bei der Einbindung des Patienten sowie die Kommunikation zwischen Patient und Therapeut zu lösen. Dafür eignet sich das Medium App hervorragend. In der Umsetzung war das Ganze dann aber nicht so einfach, da der Markt zum damaligen Zeitpunkt noch unzureichender digitalisiert war als es heute der Fall ist. Außerdem darf die App ja auch niemanden überfordern, weder von Therapeuten-, noch von Patientenseite.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die digitalen Infrastrukturen in den Physiotherapiepraxen immer besser werden. Insgesamt hängt das Gesundheitswesen aber noch recht weit zurück. Der größte Knackpunkt unserer Meinung nach ist tatsächlich die Angst vor der Umstellung und einer damit verbundenen Überforderung von Patienten und Therapeuten. Hier gilt es, die Praxen zu begleiten und anzuerkennen, dass eine Prozessumstellung immer aufwendig ist, sie nach dem erfolgreichen Abschluss aber ein viel effizienteres Arbeiten ermöglicht. Plus, was ich kritisch beäugen würde ist, dass viele digitale Tools das ersetzen sollen, was Physiotherapeuten an Arbeit machen - insbesondere digitale Gesundheitsanwendungs-Apps.

Für den allumfassenden Einsatz in der Physiopraxis kann die INTELLIAthletics-App auf allen mobilen Plattformen eingesetzt werden

Emil Resch: Bei uns ist es so, dass alles kann und nichts muss. Je mehr man mit der App arbeitet, desto besser kann nachher behandelt werden. Auch die älteren Generationen werden immer vertrauter mit Apps. Außerdem kann der Therapeut ja auch bei den entsprechenden Funktionen unterstützen. Zusätzlich leisten wir viel Aufklärungsarbeit bei Patienten und Therapeuten. Was man den Therapeuten wirklich an die Hand geben muss, sind Mittel, die die Arbeit erleichtern und Zeitersparnisse bringen. Das erreicht man über gezieltere Dokumentation und gezieltere Kommunikation.

BODYMEDIA: Wie kamt ihr zu der Erkenntnis, dass Therapeuten hier Unterstützung benötigen?

Finn Schütt: Alles begann mit einem Gespräch zwischen meinem Mitgründer und damaligen Mitbewohner Leon Schmidt, mit dem ich bei St. Pauli spielte. Meine Fußball-Karriere war von Mittelfußbrüchen und Außenbandrissen geprägt und meine Reha, in der ich mich zu dieser Zeit befand, war alles anderes als befriedigend. Ich fühlte mich nicht optimal betreut und von der Kommunikation ausgeschlossen. Zu gerne hätte ich einen digitalen Trainingsplan gehabt, um in der Reha auch selbstständig tätig sein zu können. Letztlich war ich bei 9 Ärzten und 11 Physiotherapeuten, nur um festzustellen, dass ich kein Wissen erworben hatte, was ich konkret tun kann, um meine Reha mit Erfolg zu füllen. Das war der Ausgangspunkt zur Gründung der Firma, die dann 2019 auch umgesetzt wurde.

BODYMEDIA: Ihr wollt die Autonomie des Patienten stärken und ihn so in die Therapie einbinden, um den Behandlungserfolg zu erhöhen. Wie stellt ihr sicher, dass die vorgegebenen Übungen auch gemacht werden?

Emil Resch: Die grundlegenden Probleme, wenn Patienten Übungen Zuhause machen sollen, sind fehlendes Wissen zu den Übungen und die eigene Motivation. Diese beiden Punkte lösen wir mit unserer App. Der Patient bekommt das Wissen, welche Übungen er wie ausführen soll und gleichzeitig reflektiert er sein Training. Das dient als Motivation dranzubleiben. Zudem gibt jeder Patient an, ob er die Übungen gemacht hat oder nicht. Bejaht er das gibt ihm die App eine positive Rückmeldung – bei einer Verneinung kann der Therapeut nachfassen, was das Problem war und im Rahmen der Behandlung nochmal die Wichtigkeit des Trainings Zuhause betonen. Gibt der Patient Feedback zu den Übungen in der App, fließt das in die nächste Physiositzung mit ein. Die App ermöglicht also eine sehr effiziente Übergabe zwischen dem Training Zuhause und den Behandlungen. Das entlastet den Therapeuten. Ganz zu schweigen davon, dass es die Heilung des Patienten beschleunigt.

BODYMEDIA: Bekommt der Patient dann auch ein visuelles Feedback, wenn er die Übungen regelmäßig macht und kann so weitere Motivation für den Heilungsprozess gewinnen?

Finn Schütt: Alle Daten, die wir in irgendeiner Form numerisch abbilden können, werden als Verlaufslinien ausgegeben. Das hat einmal den Hintergrund, dass die Patienten sich freuen, wenn die Kurve nach oben geht und die Therapeuten nicht so lange schauen müssen, ob die Therapie wirklich anschlägt. Darüber hinaus haben wir mittlerweile über 80 Testungen aus Physiotherapie und Sport integriert, die sich alle dokumentieren lassen. Ein wichtiges Tool zur Dokumentation des Training ist das Feedback-Tool in der INTELLI-Athletics-App.

BODYMEDIA: Wie läuft die Arbeit mit der App in der Praxis ab?

Finn Schütt: Der typische Ablauf, wie wir ihn vorsehen, wäre, dass der Patient vom Arzt ein Rezept bekommen hat, mit dem er zur Phyisopraxis seiner Wahl geht. Am Empfang wird er in der App angelegt und bekommt einen Link auf sein Handy. Im Wartebereich sollte dann ein Aufsteller stehen, auf dem die Installation der INTELLI-ATHLETICS-App empfohlen wird. Hat der Patient das erledigt, kann er einen Fragebogen zu seinem aktuellen Zustand in der App ausfüllen, der dann direkt für den behandelnden Therapeuten sichtbar ist. Dieser kann sich ein erstes Bild von den Beschwerden des Patienten machen und ruft ihn dann aus dem Wartezimmer. So wird das Gespräch deutlich zielorientierter. Dann endet der erste Termin, die vollständige Anamnese ist durchgeführt, alles wurde dokumentiert und der Patient geht nach Hause. Wurde der Patient für eine Trainingstherapie qualifiziert, bekommt er den Trainingsplan für die erste Woche direkt aufs Handy geschickt.


Ein wichtiges Tool zur Dokumentation des Trainings ist das Feedback-Tool in der INTELLI-Athletics-App

Nach dem Durchführen der Übungen gibt der Patient Feedback zu den Übungen und zu seinem Wohlbefinden, was dem Therapeuten wieder einen Ansatzpunkt für den nächsten Termin gibt. Mit diesem Feedbackbogen werden gezielt Daten abgefragt, die den Patienten bei seiner Therapie weiterbringen. Zum Beispiel zur Schlafqualität, oder, ob und wo Schmerzen bei einer Übung aufgetreten sind. Hat der Patient z. B. schlecht geschlafen und das folgende Training hat sich sehr anstrengend angefühlt, können sowohl Patient als auch Therapeut Zusammenhänge herstellen, die bei einem normalen Therapietermin wahrscheinlich nicht hergestellt worden wären. Selbst, wenn der Therapeut mal krank sein sollte oder im Urlaub ist, kann seine Vertretung in der App genau nachvollziehen, welche Probleme der Patient welche Probleme hatte. Nach den verordneten Terminen, also der abgeschlossenen Therapie kommt dann das Angebot des Therapeuten an den Patienten, doch im Programm zu bleiben und regelmäßig mit der App zu trainieren, um richtig fit zu werden.

Emil Resch: Beim Training empfehlen wir mit Grundlagentrainingsplänen zu arbeiten, die dann für einzelne Patienten individuell angepasst werden. Dafür stellen wir aktuell einen Übungspool von etwa 1.800 Übungen zur Verfügung, der stetig von uns erweitert wird. Aus dieser Menge an Übungen für jedes Training einen neuen Plan zusammenzustellen, würde den Therapeuten zu viel Zeit kosten. Daher gibt es die Möglichkeit Vorlagen zu erstellen. Wir hatten gerade in der Entwicklung viel mit den Therapeuten zu tun. Das war deshalb wichtig, weil wir ja nicht aus der Branche kommen. So haben wir sehr früh Feedbacks eingeholt und konnten entsprechend der Bedürfnisse der Therapeuten entwickeln.

BODYMEDIA: Bietet die App auch Kommunikations-Tools?

Finn Schütt: Die Kommunikation findet durch Dokumentation statt – im Normalfall reicht es auch, wenn man sieht, was der Patient für Übungen gemacht hat. So hat man die wichtigsten Informationen. Ansonsten werden die Therapeuten nicht entlastet, sondern wegen jeder Kleinigkeit kontaktiert. Die Patienten sollen ja selbstständiger werden.

BODYMEDIA: Der Übergang von Verordnung zu Selbstzahlerleistungen ist für die Physiotherapeuten häufig ein schwieriger Übergang – bietet die App hier eine Hilfe bei der Conversion?

Finn Schütt: Die App eher nicht, wir aber schon. Uns ist bewusst, dass dieser Schritt sehr schwierig für viele Therapeuten und Inhaber ist. Aus diesem Grund geben wir Materialien an die Hand, die beim Conversion-Prozess unterstützten.

BODYMEDIA: Wenn ein Therapeut während der sechs verordneten Termine die App einsetzt, gewöhnt sich der Patient an die Nutzung – was passiert, wenn er Patient nach der Verordnung nicht mehr da ist?

Emil Resch: Schön, dass du das ansprichst. Die Weisungsgebundenheit sorgt in der Physiotherapie immer wieder für Unmut. Und in dem Zusammenhang kommen dann wieder die Praxisinhaber ins Spiel die dann wieder den monetären Nutzen sehen wollen. Wir empfehlen jedem, die App bereits während der verordneten Termine zur Verfügung zu stellen und dann, damit der Reha-Erfolg nachhaltig ist, eine sechsmonatige Nachbetreuung auf Selbstzahlerbasis anzubieten. Der Patient zahlt also für Trainingspläne und entsprechendes Feedback dazu. Im Gegenzug erhält er eine langfristige Betreuung, die individuell ist und ihn nicht alleine dastehen lässt.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview.

Die Autoren

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

  • Emil Resch

    Emil Resch ist verantwortlich für das Marketing und den Vertrieb bei INTELLI-ATHLETICS. Sein Antrieb ist es die Digitalisierung in Sport und Gesundheit aktiv voranzubringen.

  • Finn Schütt

    Finn Schütt ist der Kopf und Gründer der Progressix GmbH. Der 21-Jährige wurde 1999 in Berlin geboren und zog 2009 nach Hamburg. Dort spielte er ab 2017 in der A-Jugend und später beim FC St. Pauli II, ehe er sich eine Sportverletzung zuzog und die Geschichte der digitalen Trainingssoftware INTELLI-ATHLETICS ihren Lauf nahm.

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