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Vom Physiotherapeuten zum Unternehmer: Wie Andreas Gondro seine Praxis erfolgreich transformierte

Bildquelle: © Praxis Andreas Gondro

Eine Physiotherapiepraxis, die sich zum umfassenden Gesundheitszentrum entwickelt – mit neuen Angeboten, engagierten Patienten und einem wachsenden Team. Doch der Weg dahin war alles andere als einfach: Wachstum, neue Strukturen und veränderte Rollen stellten das Team und den Inhaber auf die Probe. Die Organisationsberaterin Tanja Reuther von Neuzeit hat diesen anspruchsvollen Veränderungsprozess begleitet.

Physiotherapie bedeutet heute mehr als die Behandlung von Verletzungen und Schmerzen. Häufig ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der Naturheilverfahren sowie medizinisches Fitness-und Gesundheitstraining einbezieht, um eine nachhaltige Genesung zu ermöglichen.

Ende 2022 beschloss Andreas Gondro, Inhaber einer Praxis für Physiotherapie und Naturheilkunde in Kissing, seine Praxis grundlegend weiterzuentwickeln. Seine Vision: Eine ganzheitliche Patientenbetreuung, die je nach Bedarf genau das anbietet, was den Genesungsprozess unterstützt: 

„Während der eine Patient auf eine Maßnahme sehr gut anspricht, reagiert ein anderer seltsamerweise kaum. Daher brauchte es ein ganzheitliches Konzept, das jeden Patienten dort abholt, wo er steht.“

Andreas Gondro, Praxisinhaber

Um dieses umzusetzen, stellte Gondro neues Fachpersonal ein. Das fünfköpfige Kernteam wurde gezielt durch eine Sportwissenschaftlerin und eine Gesundheitsmanagerin verstärkt. Was daraufhin geschah, hat ihn tief beeindruckt: „Die Patienten folgten diesem neuen Ansatz völlig ohne Aufforderung. Sie nahmen die Angebote an, setzten sich mit sich selbst auseinander und entwickelten eine bemerkenswerte Eigenverantwortung.“

Der Effekt war deutlich spürbar: Patienten benötigten deutlich weniger klassische physiotherapeutische Verordnungen wie Krankengymnastik, Manuelle Therapie oder Massagen, während sich ihre Beschwerden zugleich verbesserten. Der Erfolg des neuen Konzeptes führte sogar dazu, dass viele bereit waren, Leistungen privat zu bezahlen.

Nach einem Jahr intensiver Aufbauarbeit wurde die Trainingsfläche von 160 auf 480 Quadratmeter erweitert und mit zusätzlichen Fitness-und Kardiogeräten ausgestattet. Zusätzlich etablierten sich die begleiteten Präventionsgruppen mit Übungen zur Förderung der Körperwahrnehmung und ergänzen das physiotherapeutische und heilkundliche Angebot sinnvoll. Gondro resümiert: „Diese Entwicklung zu erleben war für mich eine der stärksten Bestätigungen dafür, wie kraftvoll Selbstwirksamkeit im Gesundheitsprozess sein kann.“

Wenn Wachstum das Team fordert

Während das Konzept für die Patienten aufging, war der Veränderungsprozess für das Team herausfordernd. Zwar bestand grundsätzlich Offenheit für neue Strukturen, doch viele Mitarbeitende fühlten sich im Prozess nicht ausreichend mitgenommen und haderten mit dem neuen Praxismodell. Das zuvor sehr familiäre Kernteam erlebte durch die neuen Kolleginnen einen spürbaren Wandel mit veränderter Dynamik: Es gab Neid, eine langjährige Physiotherapeutin stellte sich Neuerungen gegenüber quer, dominierte das Team und kündigte schließlich. 

„Konflikte entstanden vor allem durch unklar definierte Rollen, nicht eindeutig verteilte Aufgaben und weil die Vorgehensweise nicht transparent kommuniziert wurde.“ 

Tanja Reuther, Organisationsberaterin

Auch für Gondro brachte die Veränderung ungeahnte Hürden mit sich: Er war überzeugt, sein Team gut eingebunden zu haben, unterschätzte jedoch die Tragweite der Veränderungen. „Ich wusste genau, welche Stärken jeder Mitarbeitende hat und welcher Patient von wem am meisten profitiert. Aber die Synergien, die ich mir so sehr gewünscht hatte, sah ich im Team nicht entstehen. Es gab zu wenig Bereitschaft, Wissen zu teilen und voneinander zu lernen.“ Sein Traum war eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zum größten Nutzen der Patienten. Doch in dieser Phase fühlte er sich weit davon entfernt.

Parallel veränderte sich seine eigene Rolle: Auch wenn er mit Herzblut Physiotherapeut ist, ist er heute stärker als Unternehmer und Führungskraft gefragt. Gleichzeitig wuchsen der administrative Aufwand und die Koordinationsarbeit im Front Office stärker als erwartet. Zuständigkeiten waren anfangs unklar und interne Abläufe hinkten der fachlichen Entwicklung hinterher. „Diese Unklarheit hat das Team und auch mich verunsichert“, sagt der Praxisinhaber. 

Vom Physiotherapeuten zum Unternehmer: Sechs wichtige Tipps für eine nachhaltige Entwicklung

Um die Anforderungen eines wachsenden Gesundheitszentrums zu meistern und die Vorteile einer großen Einrichtung mit den Stärken einer kleinen, persönlichen Praxis zu verbinden, brauchte es eine tragfähige und für alle nachvollziehbare Struktur mit klaren Rollen, Prozessen und Verantwortlichkeiten. „Mit dem Bewusstsein, dass ich emotional zu stark in mein Unternehmen eingebunden war, reifte die Erkenntnis, dass ich Unterstützung von außen brauchte.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine mittlere sechsstellige Summe in die Modernisierung der Praxis investiert: „Gravierende Fehler hätte ich mir nicht mehr leisten können – schlimmstenfalls hätte ich meine Existenz riskiert.“

Führung neu denken: Loslassen lernen

Die Begleitung von Organisationen im Wandel ist das Spezialgebiet von Tanja Reuther. Sie arbeitete sowohl im Einzelcoaching mit dem Inhaber an der Entwicklung seiner Rolle als auch intensiv mit dem Team. Ziel war es, alle Mitarbeitenden für die neue strategische Ausrichtung zu gewinnen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu stärken sowie ein gesundes Miteinander zu fördern. Mit dem Wissen, dass Unzufriedenheit und Konflikte häufig durch unklare Strukturen entstehen, hat die Organisationsberaterin zunächst die Prozesse unter die Lupe genommen: Welche Standardprozesse sind wiederkehrend und gut delegierbar? 

Der Praxisinhaber erkannte im Einzelcoaching, dass er Aufgaben wie die Terminplanung oder die Rezeptabrechnung vollständig abgeben kann, weil seine Mitarbeitenden diese kompetent und ohne seine Hilfe ausführen können. In mehreren Coachingsitzungen reflektierte er seine Rolle neu und erkannte, dass er seine Mitarbeitenden befähigen muss, Entscheidungen zu treffen und dafür Verantwortung zu übernehmen.

12 Tipps zur Verbesserung der Mitarbeiterkommunikation in der Physiopraxis

Ein Beispiel ist die Urlaubsplanung: So wird diese heute von seiner Stellvertreterin eigenständig organisiert, nachdem Gondro ihr Einblick in die Verträge der Angestellten gewährt hat. Auch Konflikte, die unter anderem auf mangelndes Vertrauen zurückzuführen waren, konnten durch moderierte Mediation geklärt werden – daraus resultierten verbindliche Vereinbarungen für beide Parteien.

Mitarbeiter am Empfang bei der Praxis Andreas Gondro
Der Veränderungsprozess war für das gesamte Team herausfordernd, sorgte aber dafür, dass der Betrieb ruhiger läuft und alle Mitarbeiter motiviert sind (Bildquelle: © Praxis Andreas Gondro)

Im nächsten Schritt führte die Organisationsberaterin Gespräche mit dem ganzen Team. Besonders zwei langjährige Mitarbeitende – eine Physiotherapeutin und eine Rezeptionistin – brachten wertvolle Perspektiven ein und benannten konkrete Schwachstellen in den Abläufen. Ein zentrales Problem war der mangelnde Informationsfluss zwischen den Ebenen der Praxis: Beispielsweise wussten die Mitarbeitenden der unteren Ebene nicht, welche Patienten auf der höheren Ebene wie sporttherapeutisch behandelt werden. Vereinbart wurde, die Abläufe zu synchronisieren.

Auch reflektierte sie mit dem Team, wie es dem Einzelnen und der Organisation zugutekommt, Wissen systematisch zu teilen. Daraus entstanden konkrete Besprechungsformate, etwa regelmäßige Teamsitzungen mit gleicher Redezeit für alle sowie kurze tägliche Stand-up-Meetings. Auch Andreas Gondro stimmt sich heute täglich mit der Rezeptionistin ab, um spontane Angelegenheiten zu klären und gegebenenfalls Abläufe anzupassen. Das Ergebnis: Der Betrieb läuft heute ruhiger, der Praxisinhaber spürt die Entlastung und das Team ist motivierter.

Gewachsenes Vertrauen und mehr Verständnis füreinander

Heute fühlen sich die Mitarbeitenden klar zuständig für ihre Aufgaben und übernehmen Verantwortung, auch in anspruchsvollen Situationen. 

„Mithilfe der Organisationsberaterin haben wir eine stabile Basis für eine professionelle Zusammenarbeit geschaffen und gleichzeitig eine Kultur etabliert, die von gegenseitiger Wertschätzung und Mitgefühl geprägt ist.“ 

Andreas Gondro, Praxisinhaber 

Die Praxis versteht sich inzwischen als gut organisiertes und klar strukturiertes Unternehmen mit flachen Hierarchien und der Bereitschaft, gesund zu wachsen. Auch der Praxisinhaber hat sich in seiner Rolle als Unternehmer und Führungskraft – auch durch die externe neutrale Perspektive – weiterentwickelt. Heute gibt er klare Leitplanken vor und bezieht sein Team in strategische Fragen ein

Auch kann er unterschiedliche Arbeitsmodelle akzeptieren: „Ich verstehe inzwischen besser, dass meine eigene hohe Arbeitsmotivation nicht automatisch auf alle übertragbar ist. Nicht jeder will späte Abendtermine mit Patienten machen.“ Durch das gewachsene Verständnis füreinander hat sich das Betriebsklima deutlich verbessert, auch wenn interdisziplinäre Synergien weiterhin ausbaufähig sind. Herausfordernd bleibt es, weitere Physiotherapeuten zu gewinnen. Dennoch ist Gondro zuversichtlich: Ein breit aufgestelltes, professionell geführtes Gesundheitszentrum sei attraktiv – für Bewerbende ebenso wie für Ärzte und Patienten, bei denen die Praxis bereits heute einen hohen Bekanntheitsgrad genießt.

Bildquelle Header: © Praxis Andreas Gondro

Die Autoren

  • Annette Neumann

    Annette Neumann ist Journalistin, PR-Beraterin und Inhaberin des Medienbüros in Berlin. Sie unterstützt kleine und mittelständische Unternehmen sowie Solo-Selbstständige bei der Pressearbeit. Ihr Schwerpunkt sind Fachartikel.

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  • Tanja Reuther

    Tanja Reuther ist freie Organisationsberaterin und Gründerin von „Neuzeit“ in Raubling – mit dem Ziel, aus Umbrüchen Aufbrüche zu machen. Sie begleitet Menschen und Organisationen in Zeiten des Wandels und arbeitet mit ihnen an erfolgreichen Transformationsprozessen

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