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Welcher Trainer würde sich freiwillig einer Gruppe von Häftlingen stellen?

Der Personal Trainer Nico Gumlich stellte sich dieser Herausforderung und trainierte wöchentlich männliche Straftäter in einer Berliner Justizvollzugsanstalt. Welche Erfahrungen er im direkten Umgang mit den Häftlingen gemacht hat, wie diese sein eigenes medial geprägtes Bild veränderten und welchen Appell er an die Gesellschaft richtet, lesen Sie im Interview mit ihm auf den folgenden Seiten.

BODYMEDIA: Herr Gumlich, wie kommt man zu der Aufgabe, dass man in die Justizvollzugsanstalt (JVA) eingeladen wird, um dort Häftlinge zu trainieren?
Nico Gumlich: (lacht) Das hört sich so gar nicht nach dem normalen Alltag eines Personal Trainers an – stimmt´s? Ich war auf der Suche nach einer Herausforderung, etwas, bei dem ich sagen konnte: „Das ist etwas, das mich richtig reizt.“ Ich habe dann im Internet geschaut, wo ich als Personal Trainer freiberuflich arbeiten könnte und eine Chance hätte, weitere Kooperationspartner zu akquirieren. Irgendwie bin ich dann auf berlin.de gelandet und klickte auf die Ausschreibung eines Fitnesstrainers für den Justizvollzug. Und genau da hatte ich sie, die Möglichkeit, etwas zu machen, das mich reizt. Ich hatte bisher noch keinen Kontakt zu straffällig Gewordenen oder anderen Grenzbereichen der Gesellschaft, daher fand ich das in Verbindung mit Fitness sehr spannend.   

BODYMEDIA: Wie lief der Bewerbungsprozess und gab es noch andere Bewerber?
Nico Gumlich: Ja, die gab es auch, ich hatte dann zunächst auch die Rückmeldung, dass ein anderer sich beworben hatte und ich erst einmal warten sollte. Eine Woche später kam dann die Einladung mit dem Rundgang. Ich musste mich bis zur Zusage noch ein wenig gedulden, obwohl ich die Stelle am liebsten sofort angetreten wäre. Letztendlich hat aber alles gepasst.

„Da ist eine gewisse Spannung in der Luft, die etwas Nervosität auslöst“ 

BODYMEDIA: Kann man sich das als zeitlich eingegrenztes Projekt vorstellen? Oder ist das eine durchgehende Stelle?
Nico Gumlich: Das war auf freiberuflicher Basis und fand einmal wöchentlich an einem festen Tag statt. Ich habe immer zwei Fitness- und Kräftigungskurse gegeben, die jeweils etwa anderthalb Stunden dauerten. Das war größtenteils mit dem gleichen Teilnehmerkreis, falls jemand krank wurde, kamen allerdings auch ab und zu andere Leute in den Kurs. Insgesamt gab es eine leichte Rotation, damit auch andere sich das Training anschauen konnten, denn der Zulauf auf den Kurs war sehr gut und das weckte das Interesse der anderen Insassen.

BODYMEDIA: Wie haben Sie mit den Insassen trainiert?
Nico Gumlich: Der große Vorteil war, dass die JVA einen sehr gut ausgestatteten Trainingsbereich zur Verfügung stellen konnte. Zudem hatte ich mitbekommen, was mein Vorgänger gemacht hatte. Trotzdem wollte ich meine eigene Note reinbringen. Da ich mein eigenes Krafttraining bevorzugt mit dem eigenen Körpergewicht ausführe, wollte ich diese Komponente mit Hanteltraining verbinden. Das brachte mich auf die Idee, ein Zirkeltraining aufzubauen. Mein Ziel war es, die Häftlinge so zu fordern, dass sie das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben. Sie sollten abends ins Bett fallen und denken: „Heute war ein guter Tag.“ Ich glaube, dass vielen genau das fehlt. Der Sport war hier sozusagen die Möglichkeit etwas zu leisten, auf das sie stolz sein konnten.  

 

BODYMEDIA: Im Gefängnis sitzen Menschen, die ein Verbrechen begangen haben. Hatten Sie beim Betreten der JVA manchmal ein mulmiges Gefühl, weil Sie wussten, dass dort Menschen sind, die eines Verbrechens schuldig geworden sind?
Nico Gumlich: Definitiv! Das hat mich bereits beschäftigt, als ich meinen ersten Rundgang hatte. Da ist eine gewisse Spannung in der Luft, die etwas Nervosität auslöst. Am Anfang weiß man auch nicht, was einen erwartet, deshalb war das erste Training auch so ungewiss. Was ich aber wusste, war, dass da jetzt 15 – 20 Männer auf mich warten, die vermutlich alle älter sind als ich. Beim ersten Mal ist nicht klar, wie das Ganze abläuft. Und dann gehen einem Fragen durch den Kopf wie: Wie nehmen die mich wahr? Wie gehen die mit mir um? Wie artikulieren sie sich mir gegenüber? Sind sie aggressiv und fordern meine Autorität heraus? Letztendlich war es dann aber so, dass ich keinerlei Probleme hatte. Klar, da gab es zuerst ein „Abtasten“, wie man das auch in der Freizeit macht, wenn man neue Leute kennenlernt – eben ein Einschätzen des anderen. Die ersten Trainingseinheiten waren so ein Abtasten, die Häftlinge wollten erst mal sehen, ob ich eine Person bin, deren Anweisungen sie auch Folge leisten wollen. Deshalb habe ich immer mittrainiert, auch um zu zeigen, dass ich das, was ich von ihnen verlange auch selbst zu leisten in der Lage bin.  

BODYMEDIA: Haben Sie denn ein wenig mitbekommen, wieso die Menschen dort saßen? Oder war das für Sie komplett irrelevant?
Nico Gumlich: Mich hat das schon interessiert. Als ich zum ersten Mal dort hingefahren bin, habe ich darüber nachgedacht, ob ich wirklich wissen möchte, was die Insassen verbrochen hatten, oder, ob es besser wäre, wenn ich das nicht wüsste. Ich glaube schon, dass man auf einen Mörder oder Gewaltverbrecher anders zugeht, als auf jemanden, der beispielsweise Steuern hinterzogen hat. Ich wollte mich von der Hemmschwelle, die man selbst fühlt, lösen. Mir wurde auch nie kommuniziert, was für Menschen ich vor mir habe: ob sie schwere oder leichte Straftaten begangen haben. Im Nachhinein war das auch besser so, denn ich konnte so offen auf alle zugehen.
 

Quelle
Header: Nico Gumlich
Bild 2: Nico Gumlich

Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

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