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„Fitness wird mit weiteren Teilen des Sportmarktes verschmelzen“

Die derzeitigen Fitnesstrends sind größtenteils auf die Corona-Pandemie und deren Auswirkungen zurückzuführen. Wie hat COVID-19 die Fitnessbranche verändert und welche Trends bzw. Entwicklungen sind zu erkennen? Darüber haben wir mit Dr. Niels Nagel, Geschäftsstellenleiter des DIFG gesprochen.

BODYMEDIA: Welche großen Trends sind derzeit in der Fitness- und Gesundheitsbranche zu erkennen?
Dr. Niels Nagel: Zurzeit wechseln ständig die Einflüsse, was das Erkennen von Trends nicht einfacher macht. Mein persönlicher Eindruck der letzten Monate ist von drei Einflussfaktoren geprägt:

1. Digitalisierung. Die Digitalisierung bildet stärker denn je den Kontakt eines Individuums zu seiner Umwelt oder wird sogar zur neuen Lebenswelt. Daher sollte die Fitnessbranche Teil der digitalen Lebenswelt des Kunden sein.

2. Wertewandel. Hierzu zählt der Wert der Gesundheit. Gesundheit ist als mehrdimensionales Konstrukt zu verstehen und wird auch so empfunden. Neben der biologischen Gesundheit ist es den Menschen wichtig, mental und über die guten Kontakte auch psychisch und sozial gesund zu sein. Hier kann die Fitnessbranche sicher eine Schlüsselrolle spielen. Zudem legt eine kürzlich erschienene Studie nahe, dass die Menschen sich dem ständigen Zwang der Selbstoptimierung entziehen. Und: Ich glaube, dass Werte wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Nachhaltigkeit bei vielen an Bedeutung gewinnen. Das erscheint zunehmend wichtiger als Profit und Gewinne. Schön, wenn das ein neuer gesellschaftlicher Status hierzulande wird. Dazu gehört auch, dass wir zunächst Konflikte austragen, da ja jeder seine eigenen Vorstellungen über die persönliche Wahrheit hat und wir uns hier neu harmonisieren müssen. Hier kann die Fitnessbranche sicher ein verlässliches Wertesystem darstellen.

3. Häusliches Umfeld und Natur. Sowohl das eigene Zuhause als auch die Natur sind in den vergangenen Monaten die Orte gewesen, in denen sich die Menschen sicher fühlen durften und in denen sie weitgehend frei von Infektionsschutzbestimmungen sind. Daher fand und findet Gesundheit in Form von Bewegung vermehrt zu Hause und in der Natur statt. Das ist kein Wettbewerb für die Fitnessbranche, sondern einfach ein Phänomen, das wir berücksichtigen müssen, wenn wir Prävention anbieten. Im Grunde macht das die Qualitätsorientierung in den Fitnessclubs umso wichtiger.

 


Fitness im eigenen Zuhause ist ein Trend, der weiterhin von Bedeutung sein wird. Das ist kein Wettbewerb für die Fitnessbranche, sondern einfach ein Phänomen, das es zu berücksichtigen gilt
 

BODYMEDIA: Handelt es sich dabei um Trends, über die morgen niemand mehr spricht, oder haben sie das Potenzial, sich langfristig zu etablieren?
Dr. Niels Nagel: Ich schätze, dass uns die Einflüsse auch in Zukunft begleiten werden. Zum einen, weil Corona uns wohl noch länger begleiten wird. Zum anderen, weil die genannten Trends ja nicht „neu“ sind, sondern unter dem Einfluss von Corona an Kraft und Dynamik gewonnen haben.

BODYMEDIA: Welche Auswirkungen haben diese neuen Entwicklungen Ihrer Meinung nach für das Business von Fitnessclubbetreibern z. B. hinsichtlich von Arbeitsprozessen, Vertrags- und Erlösmodellen?
Dr. Niels Nagel: Wenn sich die Bedürfnisse unserer Stakeholder ändern, dann sollten die Fitnessclubs dies berücksichtigen. Ansonsten läuft man Gefahr, dass sich Anbieter und Nachfrager des Fitnessmarktes in verschiedene Richtungen entwickeln.  

BODYMEDIA: Hat die Fitnessbranche, also sowohl die Clubs als auch die Industrie, bisher auf diese neuen Trends reagiert?
Dr. Niels Nagel: Wir stehen ja noch am Anfang dieser Entwicklungsdynamik. In den letzten Wochen ging es zunächst darum, den Bestand der Fitnessclubs zu schützen. Trotzdem war es hier beeindruckend, wie offen und ehrlich die Betreiber mit ihren Kunden kommuniziert haben. Nach der Wiedereröffnung galt es, das Vertrauen der Kunden aufzubauen und das verlorene Wachstum wieder aufzuholen. Ich denke, erst die nächsten Wochen bieten Zeit und Raum, die Adaption an den gesellschaftlichen Wandel zu vollziehen.

BODYMEDIA: Ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Produktinnovationen der Industrie zukünftig den neuen Trends geschuldet sein wird?
Dr. Niels Nagel: Das sehen wir ja bereits heute mit Blick auf neue digitale Trainingsformate, die im Studio ein Erlebnis suggerieren, welches zu Hause nicht möglich ist. Auf der anderen Seite boomen abseits der Fitnessbranche der Outdoor- und Natursport und hier fitnessnahe Angebote. Allerdings ist ein echter Überblick durch den Ausfall von Messen als Live-Real-Event limitiert. Ich denke, dass wir dort vor allem im nächsten Jahr umso mehr spannende, vielfältige Innovationen sehen werden.

BODYMEDIA: Welche konkreten Chancen bieten diese neuen Trends für die Fitness- und Gesundheitsbranche? Worin bestehen mögliche Gefahren?
Dr. Niels Nagel: Die Fitnessbranche hat zurzeit eine reale Chance, sich im Dialog mit Politik und Prävention als Partner für eine ganzheitlich gesunde, soziale und zukunftsorientierte Gesellschaft zu positionieren. Ich denke, die Aufmerksamkeit war selten größer. Sicher sind hierfür weitere wissenschaftliche Studien von Vorteil. Wichtig erscheint mir aber auch ein geeintes Auftreten der relevanten Akteure. Eine Gefahr sehe ich eher darin, dass das Konkurrenzdenken in der Branche davon ablenkt, dass im Zentrum unseres Denkens und Handelns unsere bestehenden und zukünftigen Stakeholder stehen sollten. Diese werden nicht nur von der Fitnessbranche umworben.

BODYMEDIA: Gehen wir einen Schritt weiter und blicken wir 4–5 Jahre in die Zukunft. Wie wird der deutsche Fitnessmarkt aussehen? Und mit welchen neuen Trends wird die Branche dann konfrontiert werden.  
Dr. Niels Nagel: Ich sehe den Fitnessmarkt nach wie vor als Wachstumsmarkt. Fitness wird mit weiteren Teilen des Sportmarktes und des Gesundheitsmarktes verschmelzen. Als eher neuen Trend sehe ich hochindividualisierte Erlebnisangebote, die zeit- und ortsunabhängig verfügbar sind. Wenn Fitness eine Reise zum „gesunden Ich“ ist, stellt das Fitnessstudio dann das Reisebüro dar. Darüber hinaus schätze ich, dass wir virtuelle Fitnesserlebnisse als Stand-alone-Angebote sehen werden. Aus den virtuellen Trainings werden sich Sport- und Wettkampfangebote als physischer eSport entwickeln. Mit großen Live-Events und hoher medialer Aufmerksamkeit.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview.

 

Quellen
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Der Autor

  • Niels Nagel

    Dr. Niels Nagel ist Geschäftsstellenleiter des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit e. V. (DIFG). Er ist schwerpunktmäßig für die strategische und operative Entwicklung des DIFG, die Vernetzung der Industrie und Forschung verantwortlich. Außerdem zählen die Kommunikation mit Verbänden und der Kooperationsaufbau zu seinen Aufgaben. 
     

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