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„Fitness sollte vorurteilsfrei, grenzenlos und offen für alle sein“

Die Fitnessbranche setzt in ihrer Darstellung nach außen nach wie vor sehr stark auf körperliche Idealbilder, die selten der Realität entsprechen. Als Gegenbewegung dazu schließt sich Markus Vancraeyenest, der Geschäftsführer von FitX Deutschland, mit seinen Fitnessstudios der Body- Positivity-Bewegung an. Ein Gespräch darüber, was sich in der Fitnessbranche ändern muss.

BODYMEDIA: Gerade wir in der Fitnesswelt sind durch die sozialen Medien von scheinbar „perfekten“ Körpern umgeben. Das bringt einige negative Folgen mit sich. Als Gegenbewegung hat sich die sogenannte Body Positivity herausgebildet. Wie wird dieses Thema in den FitX-Studios gelebt?
Markus Vancraeyenest: Von Anfang an geht es für uns um „feel good“ statt „looking good“. Das heißt, wir distanzieren uns aktiv von der Oberflächlichkeit der Branche. Unsere Botschaft ist, dass niemand nach einem bestimmten Schönheitsideal streben, geschweige denn dieses erfüllen muss. Es geht darum, sich wohlzufühlen. Nur dann macht Sport ja auch Sinn – und nur dann kann man ihn nachhaltig betreiben. 

Wir ermutigen unsere Mitglieder dazu, das Wohlbefinden nicht vom eigenen Aussehen abhängig zu machen. Deshalb geht es bei uns darum, ins Studio zu kommen und eine gute Zeit zu haben, sich wohlzufühlen, sich zu bewegen und Spaß zu haben. Das soll im Vordergrund stehen, und nicht das Nachhetzen nach irgendwelchen idealisierten körperlichen Idealen.

 

Der FitX-Slogan „for all of us“ steht für vorurteilsfreie und offene Begegnungen der Mitarbeiter und Mitglieder.
 

BODYMEDIA: Sind es eher Männer oder Frauen, die nicht ins Fitnessstudio gehen, weil sie sich nicht wohlfühlen? Was ist Ihre Erfahrung?
Markus Vancraeyenest: Wahrscheinlich hätte ich vor einem oder zwei Jahren noch Frauen gesagt. Heute würde ich sagen, das hält sich die Waage. Das hat viel mit den sozialen Medien und vermeintlichen Schönheitsidealen zu tun. Eine Untersuchung der American Sociological Association bezieht sich auf die sozialen Medien und dem damit verbundenen Druck und Stress, denen sich die Menschen ausgesetzt fühlen. Rund 40 % der Männer und Frauen sagen, dass soziale Medien eine Quelle für Stress sind. Fast 60 % sagen, dass dadurch ein gewisser Druck entsteht, gut auszusehen. Unglaubliche 82 % sagen, dass sie sich nach ihrem Aussehen beurteilt fühlen. Ich persönlich glaube, dass es weniger eine Frage des Geschlechts ist, sondern vielmehr eine Frage des Alters. Insbesondere junge Menschen fühlen sich durch soziale Medien beeinflusst – viel mehr als zum Beispiel die Generation über vierzig. 

BODYMEDIA: Wie sehen die konkreten Maßnahmen in den einzelnen Fitnessstudios aus, um den Mitgliedern zu zeigen, dass wirklich jeder willkommen ist und sich wohlfühlen kann? 
Markus Vancraeyenest: Das erreichen wir insbesondere durch unseren Markenauftritt. Alle Personen, die man auf unseren Bildern sehen kann, sind entweder Mitarbeiter oder Mitglieder. Das heißt, es ist wirklich ein komplett repräsentativer Schnitt durch die FitX-Family. Ich glaube, diese Nahbarkeit ist letztendlich das, wo sich die Leute dann sehr abgeholt fühlen. 

BODYMEDIA: Beim Thema Body Positivity ist ein hohes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen vonseiten der Mitarbeiter nötig. Schulen Sie die Mitarbeiter speziell für das Thema?
Markus Vancraeyenest: Ja, das machen wir und ich bin sicher, das ist es, was den größten Unterschied macht. Am Ende des Tages ist es relativ egal, in welches Fitnessstudio Sie gehen, denn eine 20-Kilo-Hantel wird bei uns und bei jedem anderen Wettbewerber 20 Kilo wiegen. Den Unterschied machen die Trainer, die Servicekräfte, die Angestellten und letztendlich die Atmosphäre im Studio.

Die Grundvoraussetzung, um bei uns Trainer zu sein, ist, dass er trainingswissenschaftlich geschult ist. Wir gehen aber darüber hinaus, denn wir sehen uns als wertegetriebenes Unternehmen. Wir sagen, Fitness verändert Menschen, aber wir verändern Fitness. Dort holen wir die Mitglieder und insbesondere auch unsere Mitarbeiter ab. Wir bezeichnen uns selbst als „FitX-Family“ und wir erklären jedem Mitarbeiter sehr intensiv, warum bei uns „FOR ALL OF US“ an den Studios steht. 

Für uns heißt Fitness, komplett vorurteilsfrei, grenzenlos und offen zu sein. Wir sagen, bei Fitness sind keine Nationalitäten, Äußerlichkeiten oder Kleidergrößen wichtig. Es ist einfach wichtig, dass du Sport machst, dass du dich bewegst, dass du dabei Spaß hast –  alles andere sollte nicht im Vordergrund stehen. Das ist es, was wir unseren Mitarbeitern an die Hand geben, und das ist deren Aufgabe, dieses Gefühl direkt an unsere Mitglieder zu vermitteln.

BODYMEDIA: Wenn man sich den Fitnessstudiomarkt anschaut, kann man das Gefühl bekommen, dass das Bewusstsein für Body Positivity noch nicht weit verbreitet ist. Ist es denn kurz oder mittelfristig realistisch, dass sich mehr Vertreter der Branche dem Thema anschließen?
Markus Vancraeyenest: Ich kann nicht verstehen, warum sich nicht mehr Menschen und mehr Fitnessunternehmen diesem Thema aktiv öffnen. Denn letztendlich gilt, wenn Sie ein Studio betreten, sehen Sie nicht nur die durchtrainiertesten Körper, sondern einen ganz normalen Schnitt der Gesellschaft. Wenn ich bereit bin, diesen gesamten Schnitt der Gesellschaft anzusprechen, habe ich gleichzeitig eine größere Zielgruppe. Von daher macht es wahrscheinlich auch betriebswirtschaftlich viel Sinn, sich diesem Thema zu widmen. 

BODYMEDIA: Wenn sich mehr Fitnessstudiobetreiber aktiv dieses Themas annehmen und in die Außenkommunikation gehen, kann sich das Image der Fitnessbranche wandeln. Denken Sie, dass dieser Wandel noch mehr Menschen motiviert, sich in einem Fitnessstudio anzumelden? Das würde ja der gesamten Branche helfen.  
Markus Vancraeyenest: Ja, auf jeden Fall. Es geht eben nicht darum, bestimmte Schönheitsideale zu erreichen, sondern um Emotionen. Deswegen kommen die Menschen in unsere Studios. Es sollte selbstverständlich sein, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen unterschiedlicher Fitnesslevel nebeneinander trainieren und sich austauschen können. Das muss das Ziel der Fitnessbranche sein. Wir hatten zum Beispiel einmal eine große Bodyweight-Area zentral in einem unserer Studios platziert und hatten entsprechend viele Menschen, die dort trainierten. Wir mussten dann aber feststellen, dass die Trainierenden dort eher einschüchternd auf die restlichen Studiobesucher wirkten, und haben die Area wieder zurückgefahren. Dadurch haben wir noch einmal mehr gemerkt, dass es nicht das ist, was wir wollen, sondern dass uns ein breites Angebot wichtig ist – ein Angebot, in dem sich jeder wiederfindet.

 

Für den Markenauftritt von FitX nach außen werden ausschließlich eigene Mitglieder eingesetzt.


BODYMEDIA: Wie wichtig ist es, Body Positivity nicht nur nach außen zu kommunizieren, sondern auch in den Studios selbst zu leben?
Markus Vancraeyenest: Es ist ganz klar, dass man mit einem guten Beispiel vorangehen muss. Es hilft nicht, wenn ich sage, Body Positivity ist uns wichtig, und ich stelle nur Männer mit Sixpack ein. Man muss es vorleben, denn dann ist es für die Menschen einfacher. Aber ich finde, wenn man sich grundsätzlich mit dem Thema auseinandersetzt, ist das schon gut. Das, was viele Menschen und auch Fitnessstudios nach außen tragen, das unterstützt immer noch den Fitnessgedanken von vor 20 Jahren. Man muss keine Schönheitsideale erfüllen, um glücklich zu sein. Vielleicht können einige Leute daraus ihr Selbstwertgefühl ziehen, das möchten wir auch gar nicht verurteilen, aber grundsätzlich sollte es unabhängig vom eigenen Äußeren sein. Generell geht es bei Body Positivity darum, Schönheitsideale zu hinterfragen und aufzuzeigen, dass diese diskriminierend und zum Teil sogar gefährlich sind. Grundsätzlich geht es um die Frage:  Will man sein Wohlbefinden von seinem Äußeren abhängig machen? Unsere Meinung dazu ist, dass es völlig egal ist, wie du aussiehst, solange du dich wohlfühlst.

BODYMEDIA: Würden Sie sagen, dass es auch Grenzen der Body Positivity gibt? Insbesondere, wenn es dann in Richtung Adipositas oder so geht. Wie kann man damit verantwortungsbewusst umgehen?
Markus Vancraeyenest: Natürlich gibt es eine Grenze. Magersucht und Adipositas sind nicht umsonst gesellschaftlich nicht anerkannt, weil es tatsächliche Krankheitsbilder sind. Hier muss man dann tatsächlich eine Grenze ziehen, weil es eben schädlich für den Körper und die Gesundheit wird. Aber bei Körperfettanteilen zum Beispiel ist es doch egal, ob der jetzt bei 22 %, bei 18 % oder bei 16 % liegt. Das ist alles toll und das kann eben auch alles unterschiedlich aussehen und davon sollte man sich nicht negativ beeinflussen lassen.

BODYMEDIA: Wäre es auch ein interessanter Aufruf an die anderen Unternehmer im Fitnessbereich, mehr Mut und mehr Flagge zu zeigen bei diesem Thema?
Markus Vancraeyenest: Ja unbedingt, aber es geht nicht nur um mehr Mut. Ich glaube, ab einem gewissen Punkt haben wir die Verpflichtung, das zu tun, um auch irgendwann tatsächlich mal von der Politik als bedeutender Faktor im Gesundheitswesen wahrgenommen zu werden. Fitness trägt einen wesentlichen Teil zur Gesundheit bei. Das Aussehen, das aus regelmäßigem Sport resultiert, ist zwar sehenswert, aber nicht alles. Im Hinblick auf Langlebigkeit oder Gesundheit ist es wichtiger, die Herzkreislaufmuskulatur zu stärken, als den Bizeps. Das Sixpack selbst und der damit verbundene Körperfettanteil sind beispielsweise auch nicht gesund, aber das würde sich ja nie einer trauen zu sagen. Wenn man sich bewegt, stellt man fest, dass man besser drauf ist, es einem besser geht, man besser schläft und dass man einfach Spaß hat. Das sollte im Vordergrund stehen. Und das vermitteln wir in unseren Studios.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das interessante Interview!

Die Autoren

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

  • Markus Vancraeyenest

    Nach seinem Diplom Ingenieur in Raumplanung und Immobilienwirtschaft arbeitete Markus Vancraeyenest von 2003 bis 2016 bei der Metro AG in Düsseldorf. 2016 lernte er FitX Gründer Jacob Faith kennen und wechselte schließlich im April 2016 zu FitX. Seit 2019 übernimmt er dort die Rolle als Geschäftsführer und ist verantwortlich für die strategische Führung des Unternehmens und das Vorantreiben der Unternehmensvision „FOR ALL OF US“.
     

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