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Der asiatische Fitnessmarkt Teil 2: Vietnam

Der asiatisch-pazifische Fitnessmarkt ist nach Nordamerika und Europa der drittgrößte der Welt. Zu seinen wesentlichen Regionen zählen China (Hongkong, Taiwan), Japan, Australien, South Korea, India, New Zealand, Singapore, Thailand, Indonesia, Philippines, Malaysia und Vietnam. Nachdem im ersten Teil China betrachtet wurde, richtet dieser zweite Teil seinen Blick auf Vietnam.

Derzeit trainieren in Vietnam ca. 440.000 Menschen in etwa 640 Fitnessstudios. Darunter befinden sich nur 64 Studios von in- und ausländischen Fitnessketten, d. h. 88 % der Studios sind aus der Kategorie inhabergeführte KMUs. Hier ist bereits der erste wesentliche Unterschied zu Deutschland zu erkennen, wo nur noch 51,54 % der Studios Einzelstudios sind. Die Penetrationsrate liegt in Vietnam bei lediglich 0,5 %, und damit teilt es sich mit Thailand den drittletzten Platz im Ranking des asiatisch-pazifischen Fitnessmarktes des IHRSA Global Fitness Reports 2019 (#1 IHRSA, 2019, S. 33). Lediglich Indonesien mit 0,18 % und Indien mit 0,15 % schneiden noch schlechter ab. Im Vergleich zu China mit 12 % und Deutschland mit 14 % gilt Vietnam damit als absolutes Fitness-Entwicklungsland. Dies trifft auch auf den Branchenumsatz zu, der mit nur 155 Millionen Euro das Schlusslicht in Asien darstellt.

Studiotypen und Ausstattung
Die Baukultur in Vietnam unterscheidet sich deutlich von der westeuropäischen. Zwar gibt es noch Bereiche mit alten kolonialen Gebäuden im Villen- bzw. Stadthausstil, doch der überwiegende Teil der Bebauung erinnert an die Bauweise in Amsterdam. D. h. die Häuser sind sehr schmal, dicht an dicht und in die Höhe gebaut. Solche Gebäude eignen sich weniger für ein klassisches Fitnessstudios. Daher gibt es viele Clubs, die von ihrer Größe mit unter 200 Quadratmetern eher in die Kategorie der Boutique-Studios fallen. Die neueren modernen Studios befinden sich demgegenüber überwiegend in größeren Gebäudekomplexen, wie etwa Einkaufszentren.

 


Neben der Premiumstudios der California Management Group (kurz CMG), gibt es in Vietnam viele internationale und gehobene vietnamesische Hotelketten, die einen auf modernem Niveau ausgestatteten Fitnessraum und Spa-Bereich anbieten

 

Nach Angaben von IHRSA soll der Einzug von modernen Fitnessclubs westlichen Standards und Größe, d. h. mit durchschnittlich 2.500 Quadratmetern, erst im Jahr 2007 mit dem Markteintritt des US-Unternehmens California Management Group (kurz CMG) und ihrem ersten Club in Ho-Chi-Minh-Stadt begonnen haben. Das Unternehmen soll sich mit seinen High-End-Clubs, die sich in sieben Städten Vietnams und unter verschiedenen Marken firmieren, zum Marktführer auf dem vietnamesischen Fitnessclub-Markt entwickelt haben. Laut Statista verfügt CMG mit Stand April 2020 über 35 Studios. Die Angaben zur Mitgliederzahl liegen je nach Quelle zwischen 100.000 und 150.000 Mitgliedern. Laut Statista ist Elite Fitness das umsatzstärkste Unternehmen, obwohl es im IHRSA Ranking mit gerade einmal 13 Filialen nur auf Platz drei liegt (#2 Statista, 2020). Nach Ansicht der Autoren sind die Angaben zur Marktführerschaft zwar aufgrund der bloßen Key Performance Indicators (KPIs) korrekt, vermitteln jedoch einen falschen Eindruck. Während Marktführer in Deutschland, wie z. B. McFit für den Bereich Discount und Fitness First für den Bereich Medium bzw. Premium, die ganze Branche und deren Wettbewerb beeinflussen, ist dies bei CMG in Vietnam nicht der Fall. In Vietnam machen die Kettenbetriebe gerade einmal 12 % aus und neben CMG ist das Unternehmen Curves mit 26 Studios und ca. 20.000 Mitgliedern an zweiter Stelle ebenfalls ohne wirklichen Einfluss eines Leading Players auf den Gesamtmarkt. Elite Fitness mag die Umsatzkrone bekommen haben, da sie laut IHRSA mit knapp 300 Euro einen der teuersten Monatstarife anbieten, bei dem Personal Training und Ernährungsberatung integriert ist, doch auch diese Krone ist bei 88 % Einzelstudios kaum geeignet für eine Branchenaussage. Während CMG Studios im gehobenen Segment angesiedelt sind, setzt Curves auf das bekannte Zirkeltraining mit einfacher Geräteausstattung auf kleiner Fläche. Das Curves-Konzept, welches nach dem Boom in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland kaum noch eine Rolle spielt, wird nach Ansicht der Autoren auch in Vietnam kaum weitere große Marktanteile erlangen. Die Studios von CMG bieten in der Geräteausstattung den typischen US-Standard. Ebenso gibt es viele internationale und gehobene vietnamesische Hotelketten, die einen auf modernem Niveau ausgestatteten Fitnessraum und Spa-Bereich anbieten. In den meisten Studios ist jedoch der Anteil von Kardiogeräten nicht so hoch wie in Deutschland und den USA. In den mittleren und unteren Studiokategorien ist der Anteil an Krafttrainingsgeräten viel größer. Der Großteil der inhabergeführten Fitnessstudios in Vietnam erinnert daher eher an die früheren Body-Building-Studios mit wenig Kardiogeräten, vielen Kurzhanteln und meist ohne Kursraum. Die gehobenen Studios verfügen hingegen meist ausnahmslos über sehr luxuriös, modern designte Kursräume, in denen vor allem Yoga angeboten wird.

Mitgliedschafts- und Preismodelle
Jahres-Mitgliedschaften sind laut IHRSA das häufigste Vertragsmodell in Vietnam und machen in der Regel über 60  % des Mitgliedsumsatzes aus. Längere Verträge über 18 oder 24 Monate werden von den vietnamesischen Kunden ebenfalls akzeptiert, da diese meist mit erheblichen Rabatten versehen sind. Sie machen einen Anteil von etwa 10 bis 15 % aus. Bei den Mitgliedsbeiträgen zeigt sich ein deutliches Preisgefälle zwischen dem Premium-, Medium- und dem Low-Price-Segment. Während eine Mitgliedschaft bei CMG 65 bis 80 Euro pro Monat kostet, sind es bei Curves immerhin noch etwa 40 Euro. Bei den kleinen inhabergeführten Studios kosten Mitgliedschaften lediglich zwischen 10 und 15 Euro im Monat. In Clubs in kleinen Städten sind sogar Mitgliedsbeiträge von nur 6 Euro pro Monat nicht unüblich. Allerdings ist zu beachten, dass das in diesen Regionen sehr viel Geld für die Menschen ist.

 


Die gehobenen Studios verfügen meist ausnahmslos über moderne Kursräume, in denen vor allem Yoga angeboten wird

 

Besonderheiten der Zielgruppen
Vietnam ist mit einem Durchschnittsalter der Bevölkerung von nur 30 Jahren ein sehr junges Land. Über 40 % der Bevölkerung sind unter 25 Jahren. Damit steht das Land, anders als Deutschland oder China, nicht vor einer großen demografischen Problementwicklung. Es gibt einen sehr schnell wachsenden gehobenen Mittelstand, da eine hohe Anzahl an Vietnamesen über eine gute akademische Bildung und als Fachkräfte über ein mittleres bis hohes Einkommen verfügen. Das Durchschnittseinkommen ist auf 250 Euro gestiegen, während es in Deutschland aktuell rückläufig ist und bei 3.820 Euro liegt. Mit dem Wohlstand halten auch die üblichen Zivilisationskrankheiten Einzug in Vietnam. Vietnam verzeichnete den unrühmlichen Rekord für das höchste Wachstum der Fettleibigkeit in Südostasien im Zeitraum 2010–2014. Die Adipositas-Rate bei Männern hat sich laut Angaben der WHO mehr als verdreifacht und ist bei Frauen sogar um 80 % gestiegen. Bei städtischen Kindern liegt der Anstieg bei alarmierenden 40 %. Vietnam leidet infolgedessen unter einer raschen Zunahme von Typ-2-Diabetes-Erkrankungen

Trotz des Anstiegs des Bewusstseins zur gesunden Ernährung und zur sportlichen Bewegung kommt der Fitnessmarkt in Vietnam nur in einzelnen Segmenten in Schwung. Dies liegt an einer Besonderheit in der Wahrnehmung gegenüber den Fitnessstudios bei vielen Vietnamesen. Da viele Homosexuelle in den Clubs trainieren und diese als Orte des Kennenlernens nutzen, ist es sehr verbreitet, dass Frauen ihre Männer nicht in einem Fitnessstudio trainieren lassen, aus Angst, diese könnten sich in einen Mann verlieben. Frauen bevorzugen eher Yoga und sind daher seltener Mitglied in einem der auf Muskeltraining orientierten Body-Building-Studios, wodurch der Anteil der Männer in den inhabergeführten Studios enorm hoch ist.

Ein weiterer Grund dafür, warum der Fitnessmarkt in Vietnam nur langsam in Schwung kommt, ist der Schüchternheit und Befürchtung vieler Vietnamesen geschuldet, sich in einem Fitnessstudio möglicherweise zu blamieren, da meistens keinerlei Vorerfahrung oder Wissen zum richtigen Training oder Verhalten im Fitnessstudio vorhanden ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es in vielen niedrigpreisigen Anlagen kaum qualifiziertes Personal gibt, die Anfänger einweisen, beraten und unterstützen könnten, und für einen professionellen Personal Trainer meist das Geld nicht reicht.

Wo liegen Wachstumspotenziale?
Vietnam ist ein boomendes Land, welches trotz der aktuellen Lage weiterhin über stabile Wirtschaftsdaten verfügt. Bei einer Einwohnerzahl von 96,48 Millionen liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei ca. 6,05 Euro. Das entspricht einem Plus von 7 % zum Vorjahr. Die Inflationsrate lag im Juni bei ca. 3,17 %, d. h. + 32 % zum Vormonat, und die Arbeitslosenquote lag bei 2,73 %. Es kann erwartet werden, dass sich bei gleichbleibender wirtschaftlicher Verbesserung des Landes die Einkommensentwicklung ebenfalls auf den Umsatz der vietnamesischen Fitnessindustrie auswirken wird. Der vietnamesische Branchenumsatz ist im Zeitraum der letzten fünf Jahre um ca. 19,4 % gestiegen. Insbesondere drei Bereiche bieten nach Ansicht der Autoren besonders hohe Wachstumspotenziale.

Der erste Bereich ist das Training mit Kindern. Die steigende Anzahl der Besserverdiener und deren Wunsch, ihren Kindern die bestmöglichen Zukunftschancen zu bieten, haben zu einer großen Nachfrage nach besonderen Angeboten für Kinder geführt. Neben dem Ziel der Gewichtskontrolle glauben viele Eltern an die Versprechen der Anbieter, dass durch ihre Trainingskonzepte das kognitive Leistungsvermögen der Kinder gesteigert wird. Eltern sind bereit, für die speziellen Kinder-Fitness-Angebote tief in die Tasche zu greifen, und zahlen im Monat nicht selten über 100 Euro. Damit steht Vietnam der Boom bevor, der in China bereits dazu geführt hat, dass der Anteil von Kindern und Jugendlichen in Fitnessstudios bei 18 % liegt (#3 vgl. Pauling, 2020, S. 97).

 


Der Großteil der inhabergeführten Fitnessstudios in Vietnam erinnert an die früheren Body-Building-Studios mit wenig Kardiogeräten, vielen Kurzhanteln und meist ohne Kursraum

 

Der zweite Bereich mit Wachstumspotenzial ist das Personal Training. Personal Training macht laut Angaben der IHRSA in der Regel weniger als 20 % des Gesamtumsatzes eines Clubs aus. In den für die Entwicklung des vietnamesischen Fitnessmarktes entscheidenden beiden Metropolregionen Hanoi und Ho Chi Minh City zeigt sich ein zunehmender Trend, dass die steigende Zahl der Besserverdiener einen Personal Trainer als persönlichen Health- und Ernährungscoach engagiert und dafür bereit ist, etwa 800 Euro im Monat auszugeben. Eine weitere Besonderheit im Gegensatz zu Deutschland ist, dass viele Personal Trainer nicht nur Essenspläne erstellen, sondern die Zutaten oder das Essen direkt für die Klienten besorgen und es ihnen zukommen lassen. Dies rentiert sich, da in Vietnam die Kosten für einen Botenfahrer extrem gering sind. 

Das größte Wachstumspotenzial bietet der Bereich eFitness und Exergaming. Vietnam hat eine sehr junge und technikaffine Gesellschaft. Der steigende Wunsch nach Fitness und Ernährung beflügelt insbesondere digitale Entwicklungen. Elite Fitness hat beispielsweise eine mobile App für seine Mitglieder entwickelt, um die Planung von Workouts, die Buchung von Personal Trainern und den Zugriff auf Schulungsmaterial zu erleichtern. eFitness geht allerdings weit über die normale Digitalisierung im Fitnessstudio hinaus, wie sie von der erwähnten App angeboten wird. Beim eFitness stehen vor allem die Virtualisierung und Hybridisierung der Fitnessgeräte im Vordergrund (#5 vgl. Pauling, 2020, S. 47). Und in diesem Punkt bietet Vietnam nach Prognose der Autoren das größte Wachstumspotenzial. Vietnam verfügt bereits über Entwicklungs- und Produktionsstätten von Fitnessgeräten. So hat beispielsweise der weltweit drittgrößte Hersteller von Fitnessgeräten, Johnson Health Tech Co., Ende 2019 eine knapp 20 Millionen Euro teure Produktionsanlage in Vietnam eröffnet und plant 2020 Life Fitness vom Tron zu stoßen. Durch die zunehmende Abkehr vieler großer Fitnessunternehmen vom Produktionsstandort China wird erwartet, dass noch weitere Fitnessgerätehersteller ihre Produktion nach Vietnam verlagern könnten.

Fazit
Vietnams Fitnessindustrie befindet sich in etwa auf dem Entwicklungsstand von China im Jahre 2016. In den letzten fünf Jahren entwickelte sich China bei der Anzahl der Fitnessstudios um 2.678 % und die Penetrationsrate stieg um 4.800 % (#6 vgl. Pauling, 2020, S. 71). Ganz so groß wird das Wachstum in Vietnam, aufgrund der erst zu überwindenden Einstiegshemmnisse gegenüber Fitnessstudios, nicht werden, jedoch prognostizieren die Autoren eine Steigerung von mindestens 200 % bei den herkömmlichen Studios. An dieser Stelle ist es noch wichtig zu betonen, dass Vietnam derzeit nicht unter dem Sterben der inhabergeführten Fitness-KMUs leidet, es jedoch beim Wandel der Branche und weiteren Markteintritten internationaler Akteure wie in Deutschland zu einer Marktkonzentration und Verdrängung aufgrund der Flexibilitätsspirale kommen könnte. Für die Bereiche Kids Fitness und Personal Training gehen die Autoren von einer Steigerung im gleichen Zeitraum von über 1.000 % aus. Doch in Sachen Entwicklung und Produktion von eFitness- und Exergaming-Geräten und Zubehör könnte Vietnam nach Ansicht der Autoren zu einem der weltweit führenden Standorte werden. Dass 
Vietnam von den Autoren ein goldenes Wirtschaftswachstum vorhergesagt wird, ist durch drei Schlüsselfaktoren begründet. Erstens hat Vietnam kein Problem mit einer überalternden Gesellschaft und sinkenden Geburtenrate. Zweitens ist Vietnam einer der Sieger der weltweiten wirtschaftlichen Verwerfungen. Drittens hat Vietnam ein fleißige und vor allem gut gebildete Arbeiterschaft, eine Regierung, die es mit klugen Entscheidungen internationalen Unternehmen schmackhaft macht, in Vietnam zu investieren, sodass damit insgesamt Produktions- und Logistikbedingungen vorliegen, die Vietnam als neue Produktionsstätte nicht nur für die Fitnessindustrie zur optimale Alternative zu China werden lässt.

 

Dieser Artikel ist in Kooperation mit der Fakultät für Sportwissenschaft der Ton Duc Thang University (TDTU) in Ho Chi Minh City (Vietnam) entstanden. 

Die Autoren

  • Dr. Kai Pauling

    Dr. Kai Pauling ist unabhängiger Experte für Sport Management, Business Administration und eFitness. Als Chinaexperte war er Gastdozent an chinesischen Hochschulen, u. a. Tsinghua Uni-versity – Division of Sports Science & Physical Education und Shanxi University of finance and economics und Speaker auf der ersten FIBO 2014 in China.

    Kontakt:
    ai.pauling@sporting-expert.com

     

  • Sofie Xuyen Pauling

    Sofie Xuyen Pauling, M. A. in Business and Economics und zusätzlich B. A. in Analytical Finance. Sie ist Expertin für Vorhersagemodelle. Ihre Fach- und Kulturerfahrung sammelte sie in Vietnam, China, Taiwan, Amerika und Schweden. Kontakt: sofie.pauling@sporting-expert.com

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