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Der asiatische Fitnessmarkt, Teil 1: China

Der asiatisch-pazifische Fitnessmarkt ist nach Nordamerika und Europa der drittgrößte der Welt. Zu seinen wesentlichen Regionen zählen China (Hongkong, Taiwan), Japan, Australien, Südkorea, Indien, Neuseeland, Singapur, Thailand, Indonesien, die Philippinen, Malaysia und Vietnam. Besonders die genauere Betrachtung des Fitnessmarktes in China und Vietnam ist lohnenswert, da beide Länder über besondere Entwicklungen, Potenziale und Eigenarten verfügen.

Als 2014 die erste FIBO in China stattfand, wurde das Land von einem der Autoren dieses Artikels, Dr. Kai Pauling, als der künftig größte Fitnessmarkt der Welt gehandelt (#1, Pauling, 2015). In der Zukunftsanalyse aus dem Jahr 2016 (#2, Pauling, 2016) prognostizierte er aufgrund der boomenden Märkte und des demografischen Wandels einen Mangel von über einer Million Fitnessfachkräfte für China gegenüber 170.000 fehlenden Fitness-Akademikern und 100.000 Fitnessfachkräften in Deutschland für das Jahr 2030 (#3, Pauling & Vatanparast, 2016). Wie sieht die Einschätzung heute aus und ist China immer noch das Land des unbegrenzten Fitnesswachstums?

Einige Experten haben auf die großen Potenziale in China hingewiesen und zahlreichen Firmen ans Herz gelegt und angeboten, ihre Konzepte auf dem chinesischen Markt anzubieten. Allerdings hat ein Großteil der deutschen Fitnessindustrie diese große Chance verpasst. Stattdessen haben u. a. australische Anbieter und der Australische Fitness-Verband viel Know-how nach China gebracht. Auch wenn Australien nur auf Platz acht der international umsatzstärksten Fitnessmärkte rangiert, während Deutschland nach den USA Platz zwei einnimmt, so liegt die Penetrationsrate in Australien höher als in Deutschland. In Australien trainieren, gemessen an der Gesamtbevölkerung, 15,3 % der Einwohner im Fitnessstudio, in Deutschland liegt der Wert bei 13,4 %. Interessant ist dabei auch, dass es in Australien 3.715 Fitnessstudios gibt, während es in Deutschland mit 9.343 Clubs mehr als doppelt so viele sind. 

 


In China befinden sich die Anlagen in großen Gewerbebauten, wie z. B. Einkaufszentren oder Hotels, und aufgrund der erschwinglicheren Mietpreise meist in höher gelegenen Etagen

 

Marktdaten
Zurzeit trainieren in China über 100 Millionen Menschen in ca. 97.746 Fitness- und Gesundheitsclubs. Darunter befinden sich mehr als 60.000 kleine bis mittelgroße Einzel- und Kettenstudios sowie mehr als 30.000 Anlagen großer in und ausländischer Ketten. Laut offiziellen Angaben der Generalverwaltung für Sport (GASC) und des chinesischen Bodybuilding Verbandes (CBBA) liegt die Penetrationsrate bei etwa 12 %. Im IHRSA Global Fitness Report 2019 (#4 IHRSA, 2019) wird lediglich eine Quote von 2,98 % angegeben, d. h. 4,52 Millionen Mitglieder in 1.767 Studios. Dies liegt daran, dass die IHRSA lediglich die Daten für zehn Städte in China ausgewertet hat. Ebenso gibt die  IHRSA aufgrund dieser Einschränkungen lediglich einen Gesamtumsatz von nur 3,55 Milliarden Euro an, wohingegen nach Angabe des CBBA, alleine der Umsatz der 47.000 kommerziellen Fitnessstudios bei 20,18 Milliarden Euro liegt, was etwa 5,64 % des mit 332,9  Milliarden Euro bezifferten Umsatzes der chinesischen Sportindustrie entspricht. Den größten Teil erwirtschaften Fitnessketten wie z. B. Broad, Wales, Goodfellow und Comfort Castle.

Schaut man auf die Marktdaten der letzten vier Jahre (2015–2019), wird deutlich, wie sehr der chinesische Fitnessmarkt gewachsen ist. In China stieg die Anzahl der Fitnessstudios in diesem Zeitraum um 2.678 % auf insgesamt 97.746 Studios. Im Vergleich dazu stieg die Anzahl der Fitnessclubs in Deutschland nur um 116 % von 8.332 auf 9.669 Studios. Beim Blick auf die Penetrationsrate ist eine ähnliche Entwicklung festzustellen. Diese stieg um 4.800 % (0,25 zu 12 %). In Deutschland stieg die Penetrationsrate im selben Zeitraum von 11,6 auf 14 %. Die IHRSA gibt für 2019 einen deutschen Branchenumsatz von 5,61 Milliarden Euro an. Damit belegt Deutschland weltweit den zweiten Platz. China rangiert in dieser Liste lediglich auf Platz vier. Allerdings nur, da wie erwähnt die Liste des US-Verbandes nur zehn Städte, d. h. nur ca. 1,8 % der landesweiten Studios gezählt hat. In Wirklichkeit hat China aber bereits selbst den Spitzenreiter USA mit seinen 28,88 Milliarden Euro Umsatz von Platz eins verdrängt, denn der Umsatz für alle knapp 100.000 Studios in China liegt weit über 32,88 Milliarden Euro, ohne dass dabei Hongkong und Taiwan berücksichtigt werden.

 

Studiotypen und Ausstattung
In China gibt es, anders als in Europa, keine auf der grünen Wiese gebauten oder innerstädtisch freistehende Großraumstudios. Oft befinden sich die Fitnessanlagen in großen Gewerbebauten, wie z. B. Einkaufszentren oder Hotels, und aufgrund der erschwinglicheren Mietpreise meist in höher gelegenen Etagen. Neben internationalen Fitnessketten gibt es sehr erfolgreiche lokale Ketten. Die durchschnittliche Studiogröße liegt bei ca. 3.000 Quadratmetern. Zusätzlich gibt es eine große Anzahl an Einzelstudios und kleinen Boutique-Studios mit einer Größe von 200 bis 300 Quadratmetern. Die großen Fitnessclubs sind, ähnlich wie in Deutschland, in dieselben Bereiche unterteilt. Die Kardio- und Kraftbereiche sind mit ähnlichem Equipment und Geräten wie hierzulande ausgestattet. Zudem gibt es Kursräume für Aerobic und häufig zusätzliche Räume für die in China sehr populären Yogakurse. Theken mit entsprechendem Angebot gehören zum Standard, genauso wie Warmwasserspender. Ausgeprägte Wellnessbereiche sind in chinesischen Fitnessstudios unüblich. Zusätzliche therapeutische oder beratende Dienstleistungen sowie Personal Training sind hingegen absolut verbreitet.

Ausbildung und Servicequalität Hochwertige Ausstattungen und Designs, umfassende Digitalisierungsprozesse und sehr hohe Servicequalität und Professionalität gehören zum selbstverständlichen Standard in allen chinesischen Fitnessstudios. Insbesondere diese Punkte resultieren aus den grundlegenden Systemunterschieden. In China ist, anders als in Deutschland, Sport als Staatsziel definiert. Deshalb gibt es mit der General Administration of Sport (GASC) auch ein eigenes Ministerium, welches sich neben der Förderung des Profisports ebenso um den Fitness- und Vereinssport kümmert. Dem Ministerium zugeordnet ist die Chinese Body Building Association (CBBA) als Dachverband der Fitnessverbände aller Provinzen und Städte. Die CBBA besteht aus sieben Sonderausschüssen, darunter der Ausschuss für Sporternährung und Rehabilitation, der Wettbewerbsausschuss, der Akademische Ausschuss, der Ausbildungsausschuss, der Ausschuss für industrielle Entwicklung, der Ausschuss für Gesundheitsclubs und der Werbe- und Förderausschuss.

 


Flächen für Functional Training sind wie in Europa mittlerweile fester Bestandteil in chinesischen Fitnessstudios 

 

Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich jeder Fitness- und Personal Trainer nennen und als solcher arbeiten kann sowie jeder Ausbildungen und Trainerlizenzen anbieten darf, gibt es in China umfassende Ausbildungs-, Prüfungs- und Berufsregeln, sowie Regeln für die Eröffnung und die Führung eines Fitnessstudios. Dies führt dazu, dass nach Einschätzung des Autors die fachliche Betreuung in chinesischen Fitnessstudios professioneller ist als in Deutschland. Discount-Studios oder Clubs, in denen es lediglich einen für alle Bereiche zuständigen Trainer gibt, sind in China verpönt. Personal Training ist dagegen als ein notwendiger Bestandteil anerkannt und wird umfassend genutzt.

Kostenstruktur und Nutzungsverhalten In Fitnessstudios trainieren neben den Besserverdienenden überwiegend Menschen aus der in China noch vorhandenen breiten Mittelschicht. Der durchschnittliche jährliche Mitgliedsbeitrag in einem Fitnessstudio ohne Vorteilsrabatte liegt bei etwa 125 Euro und in einem Highend-Gesundheitsclub etwa bei 625 Euro. Wobei dies nur der Grundbeitrag ohne jeglichen Service ist. D. h., die genannten Preise sind mit der in Deutschland üblichen „Verwaltungspauschale“ zu vergleichen. Flatrates oder Pauschalpreise wie in Deutschland sind in China die Ausnahme. Zum Grundbeitrag kommt daher noch die eigentliche Trainings- und Kursbetreuung hinzu, die in vielen Studios pro Stunde bezahlt wird. Die Preisspanne reicht dabei von ca. 12,50 bis 25 Euro pro Stunde in einem herkömmlichen Studio und 37,50 bis 62,50 Euro pro Stunde in einem Premiumclub. Die Preise können regional und lokal sehr stark variieren, d. h. landesweite Mitgliedschaften zu monatlichen Einheitspreisen wie in Deutschland gibt es in China nicht. In Großstädten wie Peking, Shanghai, Guangzhou oder Shenzhen liegt der Preis pro Trainingsstunde im Durchschnitt bei 75 Euro und in kleineren Städten wie Chengdu und Wuhan bei ca. 37,50 Euro. Von den 50 %, die regelmäßig ins Fitnessstudio gehen, tun dies 10,4 % täglich, 44,7 % zwei- bis sechsmal pro Woche und 32,6 % einmal pro Woche. Der Anteil der Frauen liegt bei 38,8 %.  Der größte Mitgliederanteil ist zwischen 22 und 34 Jahre alt. 

 

Fazit
Im Jahr 2011 waren laut China Sports Business lediglich 20 % der chinesischen Fitnessstudios profitabel. Knapp zehn Jahre später hat sich die Situation verändert. Hat es China seinerzeit vor allem am Verständnis für die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit und Kundenbindungsstrategien gemangelt, so kann heute manch deutsches Studios von der ausgefeilten Digitalisierung, Kundenkommunikation und Servicequalität chinesischer Studios und der hohen Professionalisierung der Trainer lernen. Denn bereits lange vor der aktuellen Wirtschaftskrise schlugen Experten Alarm, dass in Deutschland etwa 40 % der Studios nicht profitabel sind bzw. eine Nettorendite von unter 0,5 % haben (#6, Pauling, 2020). Chinas Fitnessmarkt wächst nicht nur schneller, sondern er ist auch professioneller und rentabler als der deutsche Markt. Allerdings hat sich durch das schnelle Wachstum die Personalsituation zugespitzt. Der Bedarf an Fachkräften ist enorm. Dies führt unter anderem dazu, dass der Job als Personal Trainer auf große Akzeptanz stößt und gut bezahlt wird.

Ankündigung
Den 2. Teil können Sie in der nächsten Ausgabe der BODYMEDIA lesen, die am 30.09. erscheint. Die Autoren werden dann vor allem Daten und Fakten zum Fitnessmarkt in Vietnam vorstellen.
Diese Arbeit ist vom Wissenschaftsprojekt „Forschung zur Sportgeschichte in der V.R. China 1949-2019“ (Projekt Nr.: 19ZDA350) unterstützt.

Die Autoren

  • Prof. Dr. Ph. Hua Pan

    Prof. Dr. Ph. Hua Pan ist Professor und Doktorvater für Sportwissenschaft und Germanistik an der Sporthochschule Chengdu. Er promovierte an der Salzburger Universität in Österreich. Von 2013 bis 2014 forschte er als Gastdozent an der Deutschen Sporthochschule Köln. Zu seinen Hauptwerken zählen die in China geltenden Standardwerke „Sportgeschichte in Deutschland vom Anfang bis zur Gegenwart“, „Breitensportgeschichte in Deutschland“ und „Olympische Bewegung in China“. Er hat über 100 Fitness- und Wissenschaftspublikationen veröffentlicht.

  • Prof. Zun Li

    Prof. Zun Li ist Professorin und Magistermutter für Sportwissenschaft und Fitness an der  Sporthochschule Chengdu. Ihre Fachgebiete sind Fitnesstraining, Gymnastik und Trainingslehre. Sie ist Mitglied des technischen Komitees der Chinese Aerobics Association und Executive Secretary des National Dance Promotion Center. Sie schrieb Standardwerke zu „Tanzbewegungen“ und „Fitnessübungen“ und über 30 Fach- und Wissenschaftspublikationen.

  • Dr. Kai Pauling

    Dr. Kai Pauling ist unabhängiger Experte für Sport Management, Business Administration und eFitness. Als Chinaexperte war er Gastdozent an chinesischen Hochschulen, u. a. Tsinghua Uni-versity – Division of Sports Science & Physical Education und Shanxi University of finance and economics und Speaker auf der ersten FIBO 2014 in China.

    Kontakt:
    ai.pauling@sporting-expert.com

     

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