Physiotherapie

Wachstumsmarkt Gesundheitsstudio

Die negativen Erfahrungen der Corona-Pandemie motivieren zahlreiche Studiobetreiber, ihre Positionierung zu überdenken und neue Zielgruppen anzusprechen. Welche Wege führen zukünftig zum Erfolg und welche Chancen und Risiken sind damit verbunden?

Das Wichtigste in Kürze:

  • Eine integrierte Physiotherapiepraxis bietet viele Chancen für ein Fitnessstudio, vor allem durch die bessere Wahrnehmung als Gesundheitsdienstleister.
  • Per Verordnung kommen die Patienten so als potenzielle Kunden in das Gesundheitszentrum.
  • Die Integration einer Physiotherapiepraxis hat jedoch auch weitreichende Konsequenzen.
  • Eine Alternative zur Integration einer Physiotherapiepraxis für Fitnesssclubs ist eine Angebotserweiterung durch das Physio-Training.

Die Politik hat die gesellschaftlich relevanten Systeme klar definiert. Der Freizeit- und Breitensport und das gesundheitsorientierte Fitnesstraining in kommerziellen Fitnessanlagen gehören nicht dazu. Dabei muss man sich die Frage stellen, wer denn zu der Überlastung der Intensivmedizin im Besonderen beigetragen hat?

Es sind primär die bekannten Zivilisationserkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hoher Blutdruck, Krebs und chronische Atemwegserkrankungen. Auch Rauchen steigert das Risiko eines ungünstigen Verlaufs bei viralen Infektionserkrankungen, ebenso wie ein hoher BMI. Betrachtet man, welche Bevölkerungsgruppe besonders stark von diesen Erkrankungen betroffen ist, identifiziert man die Gruppe der über 50-Jährigen.


Aufgrund der Unterversorgung in der Physiotherapie sehen viele Fitnessclubbetreiber in der Integration einer Physiotherapiepraxis ins Studio eine große Chance (Bildquelle: ©pololia - stock.adobe.com)

Konsequenzen einer hohen Anzahl an Vorerkrankten

In der deutschen Gesellschaft haben wir bekanntermaßen viele Millionen Bürger mit Zivilisationserkrankungen. Das bedingt einen enormen medizinischen und finanziellen Aufwand. Die gute ärztliche und medikamentöse Behandlung der Patienten sorgt dafür, dass die Betroffenen bequem und weitestgehend schmerzfrei ihr Leben fortführen können, ohne offensichtliche Einbußen der Lebensqualität. Sie spüren ihre Krankheit nicht. Aber sie werden durch die Behandlung weder leistungsfähiger noch bauen sie körperliche Ressourcen auf.

Ereignisse wie die alljährliche Grippesaison mit Influenzaviren oder aktuell die Erkrankung an Covid-19 treffen gerade diese Vorerkrankten besonders hart. Der Verlauf der Infektion wird für viele zur tödlichen Falle. Jedes Jahr belasten so diese Erkrankten das Gesundheitssystem bis an seine Grenzen. 2020 und 2021 werden die Kapazitäten gesprengt.

Jetzt „spüren“ das Gesundheitssystem und der Vorerkrankte die Folgen unmittelbar. Spätestens jetzt sollte auch der letzte Politiker die Relevanz des gesundheitsorientierten Fitnesstrainings zumindest für das Gesundheitssystem erkennen. Beim Bürger scheint anzukommen: Gesundheitstraining und „Healthy Lifestyle“ lohnen sich.

Erschreckende Faktenlage: Versorgungsengpass Physiotherapie!

In unserem Gesundheitssystem werden täglich die Versorgungsengpässe von den betroffenen Patienten erfahren. Termine bei Fachärzten sind knapp und die Kapazitäten für spezielle Diagnostik und Operationen sind oft erschöpft. Unglaublich erscheint die defizitäre Versorgungslage in der Physiotherapie. Glaubt man den einschlägigen Statistiken der Gesundheitsbranche, fehlen aktuell in Deutschland 30.000 Physiotherapeuten.

Dementsprechend werden die jährlich verordneten 36 Millionen Rezepte nur bedingt abgearbeitet. Lange Wartezeiten für Patienten sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Folge: Es fehlt ein Angebot für 7 Millionen Rezepte. Diese katastrophale Situation wird durch den demografischen Wandel verschärft. Blickt man in das Jahr 2026, ergibt sich in der Physiotherapie eine Versorgungslücke von 53.000 Physiotherapeuten.


Der Gesetzgeber hat die Zulassungsvoraussetzungen für die Physiotherapie erleichtert (Bildquelle: ©pololia - stock.adobe.com)

Chancen und Risiken einer Physiotherapie für Studiobetreiber?

Die Unterversorgung in der Physiotherapie wird zahlreiche Fitnessstudiobetreiber motivieren, sich näher mit dem Thema der Integration einer Therapieeinrichtung in die bestehende Anlage zu befassen. Die Chancen sind klar: Neue, leichtere Zulassungsvoraussetzungen für die Physiotherapie.

Der Gesetzgeber hat erkannt, dass die bisherigen Rahmenbedingungen dazu geführt haben, dass sowohl der Beruf des Physiotherapeuten als auch die Eröffnung einer Praxis wenig attraktiv erscheinen. Dementsprechend wird zukünftig weitestgehend auf das Schulgeld verzichtet bzw. die Ausbildung finanziell unterstützt. Weiterhin sind die Zulassungsvoraussetzungen für die Eröffnung einer Praxis deutlich erleichtert worden. Zu den wichtigen Änderungen zählen:

  • Bei den räumlichen Mindestvoraussetzungen genügt jetzt eine Fläche von 23 m² (ein Behandlungsraum mit mindestens 15 m² und ein weiterer mit mindestens 8 m²).
  • Die Deckenhöhe von 2,40 m darf nicht unterschritten werden.
  • Bei der Ausstattung genügen zwei Behandlungsliegen mit entsprechendem Lagerungsmaterial.
  • Über die Auswahl und den Einsatz der Geräte und Therapiemittel entscheidet der Therapeut selbst unter Beachtung der Leistungsbeschreibung.
  • Diese insgesamt erheblichen Erleichterungen ebnen den Weg zur eigenen Praxis. Betrachtet man darüber hinaus die ebenfalls nennenswert angestiegenen Vergütungssätze, so gewinnt die Physiotherapie unter wirtschaftlichen Aspekten deutlich.

Weitere Lösungsansätze

Unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung, einer andauernden Unterversorgung von physiotherapeutischen Dienstleistungen und eines langfristig nur schwer zu finanzierenden Gesundheitssystems ist die Ausrichtung als Gesundheitsstudio mit Physiotherapie oder therapienahen Dienstleistungen durchaus zukunftsorientiert.

Ob es dabei sofort die Implementierung einer Physiotherapie mit Kassenzulassung sein muss, ist fraglich. Oft kann die Installation einer privaten Physiotherapie mit weniger rechtlichen Auflagen schnell und unkompliziert umgesetzt werden. Eine Alternative ist die Erweiterung durch das „Physio-Training“ mit therapieähnlichen Angeboten an medizinischen Gerätesystemen. Dies kann durchaus der risikoärmere Weg sein.


Der Kunde sollte durch einen Therapeuten oder versierten Trainer mit Zusatzqualifikation betreut werden (Bildquelle: © pololia - stock.adobe.com)

Das erwarten zahlungskräftige Kunden

Wer Gesundheit und Therapie in seiner Anlage anbietet, muss Qualitätsstandards verständlich kommunizieren und langfristig sichern. Das betrifft verschiedene Bereiche:

Der Kunde wird idealerweise durch Therapeuten oder versierte Trainer mit Zusatzqualifikation betreut. Alle Mitarbeiter begegnen dem Kunden freundlich-seriös, mit Aufmerksamkeit und Empathie. Der Kunde muss das ernsthafte Bemühen um seine Gesundheit erkennen.

Außerdem sollte der Kunde bereits im ersten Beratungsgespräch erkennen, dass zur Erreichung seiner Ziele abgegrenzte Flächen, spezielle Gerätesysteme und Wissen vorhanden sind, die für eine gehobene therapeutische Ausstattung und Betreuung sprechen.

Wichtige strategische Fehler vermeiden

Wer die wichtigen Aufgaben vernachlässigt und nicht (ausreichend) umsetzt, wird den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg und den angedachten Imagewandel nicht generieren können. Nachstehend einige Punkte, die zum Misserfolg beitragen können:

  • Unwilliges und unqualifiziertes Personal
  • Trainingsangebote ohne grundlegende Analyse, Beratung und indikationsspezifische Trainingsplanung mit Struktur
  • Ungeeignete und nicht definierte Übungsbereiche mit fehlendem Raumkonzept
  • Fehlende therapeutische Mindestausstattung
  • Zielgruppenspezifisches Marketing wird nicht umgesetzt
  • Schwaches Ärztenetzwerk

Eine eingehende Beratung und Standortanalyse helfen, Fehlentwicklungen und unangemessene Investitionen zu vermeiden und eigene Ressourcen zu schonen. Vorhandene und markterprobte Lösungsansätze können hier unnötige Kosten sparen.

Fazit

Die Spezialisierung auf bestimmte gesundheitliche Problemstellungen ist lohnenswert und trägt in hohem Maß der Imagebildung und Standortsicherung bei.

 

Bildquelle Header: ©pololia - stock.adobe.com

Die Autoren

  • Busso Herlemann

    Busso Herlemann ist Vertriebsleiter Physiotherapie/Kliniken bei Dr. WOLFF. Er berät und plant als Betriebswirt seit über 30 Jahren physiotherapeutische Einrichtungen.

  • Dr. Hartmut Wolff

    Dr. Hartmut Wolff (l.) ist Geschäftsführer der Dr. WOLFF Sports & Prevention GmbH und gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten als Pionier im Bereich Rückenfitness. Mit seinen praxisorientierten Systemlösungen für das präventivmedizinische Training hat er sich einen Namen in der Fitnessbranche gemacht. Sein Unternehmen zählt mittlerweile zu den führenden deutschen Medizinprodukteherstellern.

     

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