Physiotherapie

Pascale Gränicher: Mit Prähabilitation besser durch die OP

Pascale Gränicher leitet als Physiotherapeutin an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich die Prähabilitation (Prähab) von therapeutischer Seite und organisiert evidenzbasierte Weiterbildungen. Nebenbei evaluiert sie Kinder im Zürcher Schulsport. Aktuell forscht sie zum Thema Prähabilitation an der Universität in Maastricht im Rahmen ihres PhD-Projekts.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Prähabilitation bezeichnet die Vorbereitung auf eine Operation.
  • Dazu zählen Maßnahmen wie die Verbesserung der globalen körperlichen Fitness, die mentale Vorbereitung, eine Ernährungsberatung oder die Aufklärung zum perioperativen Prozedere.
  • Nach einem Basis-Assessment und physiotherapeutischen Befund erhalten die Patienten ein personalisiertes Trainingsprogramm und werden zu den unterschiedlichen Themen rund um die OP aufgeklärt.
  • Patienten mit Ängsten oder Unsicherheiten können so abgeholt und Risikofaktoren angegangen werden.

BODYMEDIA: Pascale, du warst und bist vermutlich immer noch eine der schnellsten Frauen der Schweiz. Du weißt also, wovon du sprichst, wenn es um systematisches Training geht.

Pascale Gränicher: Nicht mehr ‒ seit 2018 bin ich nicht mehr über die 400 m im Einsatz, habe seither noch etwas Hoch- und Dreisprung gemacht, allerdings nur zum Spaß. Nun bin ich im Ruhestand (lacht).

Aber ja, systematisches Training ist mir definitiv in Fleisch und Blut übergegangen und die zugrunde liegenden physiologischen Prozesse haben mich sehr interessiert. Somit ist das eine schöne Verbindung von Hobby und Physio-Beruf. Und die Arbeit mit Sportlern hat mir dadurch auch besondere Freude bereitet. Wobei auch das individuelle Herunterbrechen der Trainingsprinzipien auf den gewöhnlichen Patienten eine sehr abwechslungsreiche Herausforderung im Alltag darstellt.

BODYMEDIA: Wie hoch sollte der Anteil von repetitivem Üben und körperlichem Training in der Physiotherapie sein?

Pascale Gränicher: Es sollten über 10.000 Wiederholungen sein, damit man eine Bewegung intus hat. Aus meiner Sicht ist es aber genauso wichtig, möglichst viele unterschiedliche Reize zu setzen. Klar steht zu Beginn das Erlernen der groben Bewegung im Vordergrund, aber schon in diesem Lernprozess hilft das Erleben von Variationen in der Ausführung, sich auf eine Bewegung zu kalibrieren und zu spüren, wie es sich natürlich anfühlt.

Als Beispiel: Beim Gleichgewichtstraining sollte die Person auch immer etwas aus dem Gleichgewicht gebracht werden und nicht innerhalb der Komfortzone üben. Eben wiederholen, ohne zu wiederholen.

BODYMEDIA: Du forschst im Bereich der Prähabilitation. Was genau ist das?

Pascale Gränicher: Prähabilitation bezeichnet die Vorbereitung zum Beispiel auf eine Operation. Diese ist, im wahrsten Sinne des Wortes, ein einschneidendes Erlebnis ‒ und die Vorbereitung darauf kann von der Verbesserung der globalen körperlichen Fitness, mentalen/psychologischen Vorbereitung, Ernährungsberatung, Aufklärung zum perioperativen Prozedere bis hin zur Optimierung der Medikation gehen.

Primär steht im Bereich der Orthopädie eine Reduktion der Risikofaktoren im Vordergrund, die das operative Resultat negativ beeinflussen oder das Risiko für Komplikationen erhöhen können. Es ist noch nicht umfassend untersucht, welche Interventionen es genau sind, die langfristige Veränderungen von mehr als einem Jahr oder andere Vorteile bewirken.

BODYMEDIA: Wie ist die Prähabilitation bei euch in der Universitätsklinik Balgrist organisiert? Wie läuft der Prozess ab?

Pascale Gränicher: Im Moment bieten wir Prähab nur für Patienten vor einer Kniegelenkersatz-Operation an, aber das Angebot vor Wirbelsäulen-OPs ist schon in Planung. Nach der Indikationsstellung für eine Knie-Totalendoprothese erhalten die Patienten eine Verordnung für die präoperative Physiotherapie ‒ vorausgesetzt, dass es bis zum Operationstermin noch mindestens 4 Wochen dauert.


Aktives Training als Teil der Pähabilitation: Pascale Gränicher mit Patientin (Bildquelle: © Universitätsklinik Balgrist)

Nach einem Basis-Assessment und physiotherapeutischen Befund erhalten die Patienten ein personalisiertes Trainingsprogramm und werden zu unterschiedlichen Themen rund um die OP aufgeklärt. Aktuell führen wir die Prähab nur in der Physiotherapie durch. Zukünftig sollen weitere Disziplinen einbezogen werden, wie beispielsweise Ernährung.

BODYMEDIA: Welche Vorteile ergeben sich dabei für die Patienten? Welche für eure Klinik?

Pascale Gränicher: Die Patienten werden nahtlos durch speziell geschulte Fachspezialisten begleitet und individuell auf den operativen Eingriff vorbereitet. Patienten mit Ängsten oder Unsicherheiten können abgeholt und Risikofaktoren, wie eine fehlende
Ansteuerung des Quadrizeps, angegangen werden. Mit einem frisch operierten Knie das erste Mal an Stöcken zu gehen, ist nicht einfach, da lohnt es sich, bereits davor gewisse Übungen und Transfers zu trainieren.

In unserer Klinik steht die Zufriedenheit der Patienten an oberster Stelle. Wir sind davon überzeugt, dass wir durch die nahtlose Begleitung und die verbesserte Ausgangslage für die Rehabilitation die Zufriedenheit weiter steigern können.

BODYMEDIA: Wie ist Prähabilitation in der Schweiz für eine normale Physio-Praxis abrechenbar?

Pascale Gränicher: Über eine Verordnung, die durch den Orthopäden / die Orthopädin ausgestellt wird. Man braucht keine weitere Verordnung, nur das normale Physio-Rezept.

BODYMEDIA: Wie könnten ambulante Praxen von der Idee der Prähabilitation profitieren?

Pascale Gränicher: Indem sie ein Angebot für Patienten schaffen, die sie normalerweise konservativ begleiten und dann erst nach der OP in der Reha wiedersehen. Auch da ist die Schließung dieser Lücke zwischen den konservativen Maßnahmen und der OP sinnvoll.

BODYMEDIA: Inwieweit könnte dies ein Businessmodell für die ambulanten Physiopraxen werden?

Pascale Gränicher: Da wir uns in der Physiotherapie in der Schweiz grundsätzlich nicht über zu wenige Patienten beklagen können und der Tarif in der Schweiz für Prähab nicht höher liegt als eine reguläre konservative, rehabilitative Therapie, ist der direkte finanzielle Nutzen wahrscheinlich nicht riesig. Die Patientenbindung ist aber für ambulante Praxen sicher nicht zu unterschätzen.

Indem aber durch eine kürzere Aufenthaltsdauer im Spital, weniger stationäre Reha-Aufenthalte, weniger Komplikationen und Revisionsoperationen die Gesundheitskosten generell gesenkt werden könnten, könnte die Physiotherapie insgesamt sicher profitieren. Dies wissenschaftlich zu untersuchen, würde mich sehr reizen.


Interview im Rahmen der FIBO 2023 in Köln, Pascale Gränicher mit Jan Althoff (Bildquelle: © BODYMEDIA)

BODYMEDIA: Welche Vorteile siehst du für die Therapeuten in der Schweiz durch die seit 2006 vollständig akademisierte Ausbildung im Vergleich zu Deutschland?

Pascale Gränicher: Die Akademisierung soll das kritische Denken, das systematische und differenzierte Vorgehen durch evidenzbasiertes Arbeiten ermöglichen. Dazu gehören neben der Berücksichtigung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Interventionen, der strukturierten Differenzialdiagnostik, der Behandlungsplanung mit Verlaufskontrolle und personalisierter, kriterienbasierter Progression auch die individuelle Erfahrung und der Einbezug von Erleben und Erwartung der Patienten.

Von konzeptbasiertem Arbeiten „nach XY“ oder „weil wir das schon immer so gemacht haben“ und es „bei Frau X geholfen hat, dann tut‘s auch Herrn Y gut“ bis zum ausgelutschten „wer heilt, hat recht“ sollten wir uns verabschieden. “Clinical reasoning”, “Multidisziplinarität”, “MSK translational framework”, “Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung unserer Patienten fördern” sind nur einige Schlagwörter dazu. Ich denke, das Ziel ist, wegzukommen von einer rein helfenden zu einer begleitenden Funktion, wo Patienten eine aktive Rolle und somit Verantwortung in ihrem Prozess übernehmen.

Generell finde ich es aber erfrischend, wie viele Physios sich in Deutschland aktiv für eine evidenzbasierte Therapie interessieren und sich auch in diesem Bereich fortbilden, während in der Schweiz eine allgemeine Weiterbildungsmüdigkeit spürbar ist und auch frische Abgänger ‒ vielleicht auch systembedingt durch die enge Taktung ‒ in eher passivere Schienen rutschen. Qualitativ hochstehende Therapie fordert sehr viel mehr Energie und Ressourcen, die im Therapiealltag nicht regulär zur Verfügung stehen.

BODYMEDIA: Pascale, wenn gleich die gute Fee hier vorbeikäme und du hättest drei Wünsche frei für die Physiotherapie ‒ was würdest du dir wünschen?

Pascale Gränicher: Oh, schwierig ... und vielschichtig. Ich wünschte mir mehr Mut, Ausdauer und Engagement bei der Weiterentwicklung unseres Berufes, um mehr Möglichkeiten und Perspektiven zu eröffnen und eine höhere Behandlungsqualität zu gewährleisten. Und ich hätte gern mehr Daten zur Wirksamkeit der Physiotherapie: Das ermöglichte ein Arbeiten auf Augenhöhe mit anderen Fachspezialisten im Gesundheitswesen.

Als drittes: eine Gesundheitsökonomie, die uns erlaubt, eine evidenzbasierte, qualitativ hochstehende Therapie anzubieten, und so verhindert, dass so viele Therapeuten den Beruf verlassen. Und da sehe ich uns genauso in der Pflicht wie die Krankenkassen, die Verbände, die Spitäler, die Patienten, die Politiker und alle anderen Player im Gesundheitswesen.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview!

Bildquelle Header: © Universitätsklinik Balgrist

Der Autor

  • Jan Althoff

    Jan Althoff ist Physiotherapeut, hat einen M.Sc. in Neurorehabilitationsforschung und ist Auditor für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen. Er sammelte Erfahrung in internationalen Projekten im Bereich Rehabilitation, Entwicklung und Aufbau von Rehaeinrichtungen, Aus- und Weiterbildung von Therapeuten. Im April 2023 übernahm er die Redaktion des Magazins BODYMEDIA Physio.

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