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Marketing

„Wir haben im Schnitt eine Initiativbewerbung pro Woche“

Keine Probleme, Mitarbeiter zu finden – das ist für viele Physiopraxeninhaber eine Wunschvorstellung, für Elisa und Kristian Kroth von der Physio Family Koblenz die Realität. Sie erhalten wöchentlich mindestens eine Initiativbewerbung und müssen viele Bewerber sogar ablehnen. Mehr dazu im Interview.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Für die Mitarbeitergewinnung sollte ein Mix aus Offline- und Online-Medien verwendet werden.
  • Eine ansprechende Website, ausführliche Bewertungen auf Arbeitgeberportalen und aktuelle Social-Media-Kanäle sind dabei sehr wichtig.
  • Als Arbeitgeber sollte man sich darüber bewusst werden, dass „Chef-sein“ weniger eine Machtposition als vielmehr die Aufgabe ist, die Unternehmensphilosophie vorzuleben.
  • Die Faktoren gelebte Unternehmensphilosophie, Branding und innovatives Recruiting sind der Schlüssel zu kontinuierlicher Mitarbeitergewinnung.

BODYMEDIA: Fachkräftemangel ist für euch ein Fremdwort. Wie schafft ihr das, woran viele andere Praxen schwer zu knabbern haben?

Kristian Kroth: DIE eine erfolgsversprechende Methode gibt es meiner Ansicht nach nicht. Aber ohne das Internet geht heute einfach nichts mehr. Wir wollen junge Menschen ansprechen, die in unserer Praxis arbeiten, und man muss dort präsent sein, wo sie es sind – und das ist nun mal das Internet. Das fängt für mich bei einer ansprechenden Website an, geht über eine mindestens 3-stellige Anzahl an positiven Bewertungen bei Google und Co., ausführliche Bewertungen auf Arbeitgeberportalen bis hin zum Befüllen der großen Social-Media-Kanäle.

Dabei sind Facebook und Instagram für mich der untere Standard, Spotify und YouTube das digitale Sahnehäubchen. So schaffen wir es, dass sich viele junge Therapeuten bei uns bewerben. Aktuell erhalten wir mindestens eine Initiativbewerbung pro Woche. Meiner Ansicht nach ist der Fachkräftemangel in 90 % der Fälle hausgemacht.


Regelmäßige Team-Events sorgen für eine familiäre Atmosphäre im Team. Diese wird dann über Social-Media nach außen getragen (Bildquelle: © Physio Family Koblenz)

BODYMEDIA: Solche professionellen Onlineauftritte sieht man in der Praxis selten. Hat die Physiobranche ein Problem, „mit der Zeit zu gehen“?

Elisa Kroth: Viele Praxen, die wir in unserer noch jungen Karriere als Inhaber kennenlernen durften, leben noch in absolut veralteten Strukturen. Ganz oft hört man die Aussage: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ In diesem Kontext aber ist das der Anfang vom Ende. Da geht vieles über das Telefon, so erreicht man aber keine Nachwuchskräfte für die Praxis. Da sind Maßnahmen über das Internet deutlich effizienter.

Kristian Kroth: Trotzdem sollte man sich bei der Mitarbeiterfindung nicht alleine auf die Online-Kanäle verlassen. Wir sind große Verfechter des Crossmedia-Marketingmix. Daher bespielen wir permanent diverse Kanäle, sei es eine Platzierung in der örtlichen Kirmeszeitung, unser Praxis-Magazin oder ein schön gestalteter Flyer. Ein Zuviel gibt es dabei in meinen Augen nicht wirklich, aber Authentizität und Professionalität sollten Hand in Hand gehen. Denn wenn ein Therapeut sich überlegt, den Arbeitgeber zu wechseln, sollte man vorher viele Berührungspunkte gehabt haben.

Andere Maßnahmen, die wir umsetzen, sind, dass jeder Patient bei uns eine Stofftasche beim ersten Termin bekommt und wir bei Ärzten Goodiebags hinterlegen.

Ein Faktor, der komplett unterschätzt wurde, sind Bewertungen in Onlineportalen. Man muss nicht jeden Kanal bespielen, auch nicht in der Breite, wie wir das machen. Aber man sollte es nicht vernachlässigen, sonst hat man keine Chance mehr, heute jemanden zu finden.

Für den Inhaber ist es in meinen Augen noch wichtiger, die passenden weichen Faktoren zu liefern. Die Anmeldung sollte durchgehend besetzt sein, die Dokumentation sollte digital durchgeführt werden, das Raumklima angenehm sein. Es sollten kostenlose Getränke für die Mitarbeiter und für Hausbesuche ein Firmen-Kfz zur Verfügung gestellt werden.

Kostenlose Trainingsmöglichkeiten sollten angeboten werden und Teamevents sollten durchgeführt werden. Eine ordentliche Bezahlung sowie das mittlerweile zum Standard gewordene Repertoire aus genug Urlaub, bezahlten Fortbildungen, Prämien, bezahlten Überstunden, VWL, BAV etc. ergänzen das Ganze. Aber selbst das nützt alles nichts, wenn man als Chef nicht versteht, dass man verständnisvoll, freundlich, humorvoll und immer für sein Team da sein muss. Man geht als positives Beispiel voran und sollte seinen Mitarbeitern immer mit Rat und Tat zur Seite stehen – beruflich wie privat.


Junge Mitarbeiter haben andere Bedürfnisse als noch vor einigen Jahren. Auf diese sollten Praxisinhaber eingehen, um sie für sich gewinnen zu können (Bildquelle: © Physio Family Koblenz)

BODYMEDIA: Brauchen wir eine Veränderung im Mindset von Praxisinhabern?

Kristian Kroth: Davon bin ich überzeugt. Aber nicht nur bei den Inhabern von Physiopraxen, sondern generell bei Geschäftsführern der „alten Garde“. Unser Weltbild wurde vor etwa drei Jahren durcheinandergebracht, als eine unserer dualen Studentinnen nach drei Wochen kündigte, um ihre Work-Life-Balance leben zu können. Daran hatten meine Frau und ich als Workaholics ein halbes Jahr zu knabbern. Unsere Erkenntnis war, dass wir uns nicht mit einer ganzen Generation anlegen können. Also mussten wir uns ändern. Letztlich leben wir in einem Arbeitnehmermarkt – die Zeiten, in denen Geld gegen Zeit getauscht wird, sind vorbei.

Arbeitgeber im Allgemeinen und Praxisinhaber im Speziellen sollten sich darüber bewusst werden, dass „Chef-sein“ weniger eine Machtposition als vielmehr die tägliche Aufgabe ist, die Unternehmensphilosophie aktiv und positiv vorzuleben. Spätestens, wenn man nach mehrmonatiger erfolgloser Mitarbeitersuche oder dem Versuch, einen Praxisnachfolger zu finden, keinen Erfolg hat, sollte man kritisch hinterfragen, woran das möglicherweise liegen könnte.

Elisa Kroth: Was mich immer wieder überrascht, ist, wie lange manche angestellten Therapeuten in Praxen mit nicht optimalen Bedingungen arbeiten. Manche machen Hausbesuche mit dem eigenen Auto und bekommen dafür nicht mal Spritgeld. Von vielen hören wir, dass sie regelmäßig Überstunden machen müssen. Man muss es mit dem Wohlfühlfaktor nicht übertreiben, aber solche Sachen sollten eigentlich nicht vorkommen, wenn man sich als moderne Praxis versteht. Ich verstehe mich auch nicht als Chefin im klassischen Sinne, sondern fühle mich eher in das Team integriert und arbeite mit.

Zwar stehe ich weniger an der Bank, habe aber mehr Zeit, mit Mitarbeitern zu sprechen und mir zu überlegen, was wir tun können, damit es unseren Therapeuten gut geht. Bei uns soll jeder Patient das Gefühl haben, wahrgenommen zu werden, und das geht nur, wenn es den Therapeuten gut geht und sie voll bei der Sache sind. So haben unsere Therapeuten jeden Tag eine halbe Stunde Dokumentationszeit. Der Leitsatz hier ist Qualität vor Quantität.

Vor Kurzem hatten wir ein sehr schönes Erlebnis: Wir wurden von einer Arztpraxis angerufen, die mehr Visitenkarten von uns wollten, weil eine Patientin so von der Behandlung geschwärmt hat. Wenn man das hört, weiß man, dass man etwas richtig gemacht hat.

BODYMEDIA: Welche Rolle spielt dabei das Schlagwort „New Work“?

Elisa Kroth: New Work ist für mich die Bezeichnung für ein neues Verständnis von Arbeit in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung. Die zentralen Werte von New Work sind Freiheit, Selbstständigkeit und Teilhabe an der Gemeinschaft. Aber anders, als viele denken, reichen ein Kickertisch und das regelmäßige Auffüllen des Obstkorbs dabei definitiv nicht mehr aus.

Jedes Unternehmen muss für sich individuell herausfinden, wie New Work umgesetzt und gelebt werden soll. Das hängt natürlich auch ganz stark von den Mitarbeitern ab. Wir beharren zum Beispiel nicht stoisch auf 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche bei einer Vollzeitstelle. Im Gegenteil: Wir stellen inzwischen sogar fast lieber 2 Mitarbeiter mit 25– 30 Stunden ein als eine mit 40 Stunden. Aber auch individuelle Arbeitszeitmodelle sind nur ein kleines Puzzleteil im Gesamtkonzept.

Das sieht man auch beim Thema Mitarbeitergewinnung. Auch wenn aktuell alle Stellen bei uns besetzt sind, laden wir alle Bewerber ein, zeigen ihnen die Praxis und nehmen uns ausreichend Zeit, uns gegenseitig kennenzulernen. Anschließend bieten wir ihnen an, unser Fitnessstudio kostenfrei zu nutzen, bis sich gegebenenfalls eine neue offene Stelle ergibt.


Mit kreativen Ideen in den sozialen Medien erhält das Physio Family regelmäßig Initiativbewerbungen (Bildquelle: © Physio Family Koblenz)

Kristian Kroth: Die drei Faktoren gelebte Unternehmensphilosophie, Branding und innovatives Recruiting sind in meinen Augen der Schlüssel und funktionieren nur im Dreiklang. Bemerkt ein rekrutierter Mitarbeiter, dass die im Branding kommunizierte Philosophie nicht im Unternehmen gelebt wird, verliert man ihn schnell wieder. Passt sie hingegen, kann dieser als Markenbotschafter auftreten und die Praxis attraktiv für andere Mitarbeiter machen. Allerdings kenne ich wenige Praxen mit einer wirklich ausformulierten Philosophie.

Man sollte als Inhaber die Alleinstellungsmerkmale der eigenen Praxis identifizieren und diese nach außen kommunizieren. Ein guter Leitsatz ist, dass gute, nette, entscheidungsfreudige und authentische Mitarbeiter gerne für gute, nette, entscheidungsfreudige und authentische Unternehmen arbeiten. Wem es schwerfällt, sein Alleinstellungsmerkmal zu identifizieren, sollte jemanden engagieren, der einem hilft, das zu tun. Wir haben das große Glück, dass wir ein großes Netzwerk haben, auf das wir zugreifen können.

BODYMEDIA: Kommt ihr mit der jungen besseren Generation klar, weil ihr etwas jünger seid und damit vom Alter her näher dran?

Elisa Kroth: Ja, wir sind schon sehr nah dran, manchmal muss man sogar schauen, dass es nicht zu nahe wird. Aber ich habe im Angestelltenverhältnis vieles erfahren, was ich nun gerne bei meinen Mitarbeitern besser machen möchte. Ich bin auf jeden Fall immer ansprechbar, begegne allen mit Respekt und sehe jeden hier als Mitglied der Praxisfamilie. Hinzu kommen immer wieder neue Ideen, wie unser eigenes T-Shirt bei Amazon, ein Bitcoin-Automat im Foyer oder ein eigener Rap-Song. Wir versuchen aber auch, Potenzial zu fördern und nicht stur Aufgaben an Mitarbeiter zu verteilen, auf die sie vielleicht gar keine Lust haben oder die ihnen nicht liegen.

BODYMEDIA: Wie wichtig ist eine Corporate Identity (CI) für Physiopraxen?

Kristian Kroth: Zunächst einmal sollte jeder Praxisinhaber für sich, aber auch mit seinem Team klären, was die eigene Identität überhaupt ist. Meiner Ansicht nach machen sich hier zu wenige Inhaber wirklich viele Gedanken. Fragen, die man sich stellen könnte, wären z. B.: Wer sind wir, wie wollen wir uns nach außen darstellen und worin sind wir besonders gut? Dann weiß man auch, welche Mitarbeiter man für sich gewinnen möchte.


Corporate Identity spiegelt sich in gelebter Unternehmenskultur und das wiederum u. a. im Aussehen der Räumlichkeiten oder dem Raumduft (Bildquelle: © Physio Family Koblenz)

Elisa Kroth: Für mich bedeutet CI ein Gefühl der Einigkeit untereinander und mit den Werten des Unternehmens. Das muss sich nach unserem Verständnis nicht unbedingt in uniformer Kleidung oder immer gleichem Auftreten widerspiegeln, sondern vielmehr in gelebter Unternehmenskultur – unsere inneren Strukturen. Das beginnt beim Aussehen der Räumlichkeiten, dem Raumduft und dem Design der Bänke bis hin zu unserem Verhalten als Führungspersonen, was auf den Wohlfühlfaktor der Mitarbeiter einzahlt.

Bei uns spiegelt sich das auch in kontinuierlichen Teamaktivitäten und -ausflügen sowie offenen Ohren für alle Belange der Mitarbeiter. So entsteht ein überwältigender Teamspirit. Dieses Feeling über die sozialen Medien in Wort, Bild und Video nach außen zu transportieren ist dann kein großes Problem mehr. Unser Team freut sich geradezu, wenn wir mal wieder einen Termin für Podcast, Video oder Fotoshooting ansetzen, und arbeitet als Markenbotschafter für unsere Praxis.

BODYMEDIA: Habt ihr zum Abschluss unseres Gesprächs noch praktische Tipps für die Umsetzung?

Kristian Kroth: Heutzutage sollte man diese Werbung nicht im Sinne von Kundengewinnung und Verkauf der eigenen Dienstleistung verstehen, sondern vielmehr als Eigenwerbung, um die eigene Marke in den Köpfen künftiger Arbeitnehmer positiv zu verankern. Um junge Menschen zu erreichen, sollten die Social-Media-Kanäle mit hochwertigem Content gefüllt sein. Um das zu schaffen, sollte man einfach loslegen. Man kann schauen, was andere machen, um daraus eigene Ideen zu entwickeln. Das kann man mit einer Stunde in der Woche schaffen oder auch einer Stunde am Tag – Hauptsache man fängt an.

Gerade wenn man ein junges Team hat, kann man diese Aufgabe einem Mitarbeiter übertragen, der sich darin sieht und Lust darauf hat. Das hat wieder was mit Wertschätzung zu tun, da er tiefer eingebunden wird. Man kann sich ja überlegen, ob es einem als Inhaber wert ist, dass diese Person mal eine halbe Stunde lang nicht an der Bank steht.

Elisa Kroth: Bei allen Aktionen geht es darum, ins Gespräch zu kommen und mit kreativen Ideen aufzufallen. Ganz wichtig ist die Mitarbeiterwertschätzung, das muss nicht unbedingt mit Events sein. Wir wollen Sachen machen, die in diesem Bereich bisher noch keiner gemacht hat. Die funktionieren aber nur, wenn das Innenleben des Unternehmens auch stabil ist. Dann kommen Mitarbeiter durch diese Innovationen zu uns, merken, dass es ihnen hier gut geht, und tragen das wieder nach außen.

Bildquelle Header: © Physio Family Koblenz

Die Autoren

  • Elisa Kroth

    Elisa Kroth ist seit 10 Jahren Physiotherapeutin und arbeitete in einer Reha-Klinik in Koblenz. 2020 eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Mann die Physio Family Koblenz, erst als reine Privatpraxis, seit einem Jahr nun auch mit Kassenzulassung. Dort beschäftigen sie aktuell 11 Therapeuten und 3 Team-Assistenten. Für Oktober 2022 und Januar 2023 haben sie aktuell schon zwei weitere Therapeuten zur Verstärkung eingestellt.

  • Kristian Kroth

    Kristian Kroth begann seine Karriere in der Fitnessbranche 2007 als leitender Angestellter in einer Fitnessstudiokette. 2009 machte er sich mit dem Family Fitness Koblenz selbstständig, das er mit dem Reha-Sport früh in Richtung Gesundheitsanbieter entwickelte.

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

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