Management

Fehler bei der Mitarbeiterführung vermeiden

Kaum ein anderes Thema wird in der Betriebswirtschaftslehre so stark mit Modell und Theorien unterlegt wie die Mitarbeiterführung. Dabei verliert man schnell den Blick für das Wesentliche, nämlich den Mitarbeiter, um den es hier eigentlich gehen sollte. Wer sich also nicht unbedingt mit viel Theorie herumschlagen möchte, für den haben wir ein paar hilfreiche Tipps zur Mitarbeiterführung.

Die Hierarchien in der Physiobranche sind flach und die Wahrscheinlichkeit, dass eine in der Mitarbeiterführung relativ unerfahrene Person in eine Position mit viel Personalverantwortung kommt, ist im Verhältnis zu anderen Branchen sehr hoch. Das wird durch eine hohe Personalfluktuation untermauert. Man kann es in relativ kurzer Zeit vom Tellerwäscher zum Millionär bzw. vom Therapeuten zur Leitung einer eigenen Praxis bringen, wenn man es richtig anstellt und das möchte. Aber genau hier ist das Problem in Bezug auf die Mitarbeiterführung. Es fehlt Zeit, die Kompetenzen zu entwickeln, die nötig wären, um sich auf diese herausfordernde Aufgabe vorzubereiten. Daher haben wir einige Tipps zusammengestellt, die das Leben mit Mitarbeitern einfacher machen. Trotzdem muss man sich darauf einstellen, jede Menge Fehler zu machen. Das mag kurzfristig schlimm sein, hilft in der langen Sicht allerdings enorm weiter. Zumindest dann, wenn man aus diesen Fehlern lernt.

Auf dem Boden bleiben
Der wichtigste Punkt, den man beachten sollte, ist, sich nicht für etwas Besseres als seine Mitarbeiter zu halten. Bleiben wir noch einmal bei dem Beispiel des jungen Mitarbeiters, der es innerhalb weniger Jahre zum Praxisinhaber gebracht hat. Wer schnell Erfolg hat, dem steigt dieser schnell mal zu Kopf, auch wenn wir hier von einem großen Erfolg in eher kleinerem Stil sprechen. Da kann es schnell mal gehen, dass man sich selbst überschätzt und über andere stellt bzw. sich Dinge herausnimmt, die man bei den eigenen Mitarbeitern nicht sehen möchte. Genau das sollte man allerdings vermeiden, denn solche Handlungen zeigen den Mitarbeitern, wie viel oder wenig man sie wertschätzt und für wie wichtig man sie hält. Um ein ganz einfaches Beispiel zu bemühen: Die Worte „Bitte“ und „Danke“ sind enorm wichtig bei der Wertschätzung des Mitarbeiters. Und wer sich wertgeschätzt fühlt, ist motivierter. Daher sollten sich Führungskräfte, gerade bei uns in der Branche, wo man weniger Zeit miteinander verbringt als bei einem normalen Bürojob, das zu Herzen nehmen und gegenüber ihren Mitarbeitern wertschätzend auftreten. Nur weil die Führungskraft mehr Verantwortung und mehr Stress hat, ist das noch lange kein Grund, bei der Wertschätzung der eigenen Mitarbeiter zu sparen, denn wenn sich keiner mehr wohlfühlt und alle gegangen sind – wen soll der Chef dann noch führen? Lange Rede, kurzer Sinn: Das, was man von anderen verlangt, muss man ebenfalls von sich selbst verlangen. Man erlangt auf der menschlichen Ebene nicht mehr Rechte, nur weil man Führungskraft ist.

 


Mitarbeiter, die sich weiterentwickeln möchten, sollten dabei unterstützt werden. Unser Beispiel: der Aufbau eines Social-Media-Kanals für den Fitness-Club

 

Fairness als oberstes Gebot
Da wir gerade beim Thema Mitarbeiter behandeln sind: Unser nächster Tipp passt hervorragend dazu. Man sollte sich gegenüber allen Mitarbeitern immer fair verhalten. Natürlich ist es einfacher, der jungen Therapeutin mit den langen Beinen und dem knackigen Po entgegenzukommen und sie gut zu behandeln, als dem älteren Kollegen, der vielleicht gerade einen Leistungsdurchhänger hat. Eine gute Führungskraft tut genau das aber nicht. Wer ein gutes Betriebsklima schaffen will, muss sich fair gegenüber allen verhalten und eventuell sogar für Kompensation sorgen, wenn das Verhältnis zu einseitig wird. Nehmen wir an, die Führungskraft lädt ihre fünf liebsten Therapeuten regelmäßig zu Grillpartys im eigenen Garten ein. Wie werden sich die anderen fühlen? Wertschätzung geht anders. Daher sollte der Führende schauen, dass er/sie die anderen auch mal einlädt oder eine größere Party schmeißt, auf die der Rest des Teams ebenfalls eingeladen wird o. Ä. Das Problem dabei ist nämlich, dass sich die nicht eingeladenen Mitarbeiter schnell verletzt fühlen und dadurch die Stimmung im Team rapide schlechter werden kann – genauso wie die Zusammenarbeit unter den Mitarbeitern. Ein weiteres Beispiel ist die Bezahlung. Nur weil man jemanden favorisiert, sollte man ihm, bei gleicher Arbeitsleistung, nicht mehr Gehalt auszahlen. 

Steh zu deinem Wort!
Was einem Mitarbeiter ebenfalls übel nehmen, sind falsche Versprechungen oder nicht eingehaltene Zusagen. Menschen sind keine Maschinen, sie vertrauen ihren Führungskräften nicht länger, wenn sie schlecht behandelt werden. Und wer nicht zu seinem Wort steht, dem wird vielleicht noch über eine gewisse Zeit hinweg, aber irgendwann gar nicht mehr vertraut, und das ist im Falle einer Führungskraft ziemlich unpraktisch. Ein Beispiel: Ein neuer Kollege, der gerade frisch aus der Ausbildung kommt, hat für einen Patienten mit starken Beschwerden im LWS-Bereich ein Therapie- und Trainingskonzept entwickelt. Er ist sich allerdings nicht ganz sicher, ob er das genau so mit diesem Patienten auch durchführen kann. Bereits am folgenden Tag hat dieser Patient seinen nächsten Termin und möchte dann mit der Durchführung des Konzepts beginnen. Um sich voll abzusichern, fragt er den Praxisleiter, der selbst langjährige Erfahrung hat und noch regelmäßig Patienten behandelt, ob er sich das Konzept einmal anschauen kann und ihn bei Bedarf etwas optimiert. Die Worte seines Vorgesetzten sind: Ja, klar mache ich das. Am nächsten Tag ist allerdings nichts passiert. Passieren solche Situationen häufiger, kann das sehr stark an der Glaubwürdigkeit der Führungskraft knabbern. Daher sollte man auch nur das versprechen, was man auch halten kann. Verloren gegangenes Vertrauen wiederaufzubauen kostet jede Menge Zeit und Energie.

Aus Fehlern wird man klug
Wie gehen Sie mit den Fehlern Ihrer Mitarbeiter um? Wird Raum fürs Fehlermachen eingeräumt oder gibt es eher eine Null-Fehler-Strategie? Besser für das Unternehmen und die Mitarbeiter ist die erste Variante, denn Fehler schaffen Raum zum Lernen. Der gleiche Fehler sollte nur ein zweites Mal nicht passieren. Wer null Fehler fordert, dem kann es passieren, dass er auch keine mehr mitbekommt, einfach deshalb, weil sie ihm verschwiegen werden. Getreu dem Zitat von Peter Ustinov: „Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie dann zu machen, wenn keiner zuschaut.“ Dann nimmt man dem Mitarbeiter und sich selbst allerdings die Möglichkeit, aus dem Fehler zu lernen. Das führt zu der Frage, wie man mit eigenen Fehlern umgeht. Offen und ehrlich oder versucht man sie eher zu vertuschen? Das knüpft an den obersten Punkt in diesem Artikel an – nämlich sich nicht über seine Mitarbeiter zu stellen. 

Mitarbeiter bei der Weiterentwicklung unterstützen
Fehler zuzulassen hängt eng mit dem nächsten Punkt zusammen. Wie wir gesehen haben, ist das Fehlermachen unerlässlich dafür, sich oder die Mitarbeiter weiterzuentwickeln. Und die meisten Menschen haben den Drang in sich, besser zu werden und voranzukommen. Erlaubt man ihnen keine Fehler, können sie diesem Drang nicht nachgehen und werden über kurz oder lang unzufrieden. Daher sollte man sie nicht nur regelmäßig auf Schulungen und Weiterbildungen schicken – was in unserer Branche sowieso viel Sinn macht, sondern in ihnen den Reiz stärken, sich weiterentwickeln zu wollen. Das geht z. B. mit einer Zielvorgabe. Diese sollte erreichbar sein und den Stärken des Mitarbeiters entsprechen, sodass sie ihn nicht überfordern. Exerzieren wir das Ganze mal an einem Beispiel durch. Ein Mitarbeiter interessiert sich sehr für den Ausbau des Social-Media-Auftritts der Praxis, insbesondere Facebook, bringt einige Kenntnisse bereits mit, muss allerdings auch noch einiges lernen. Hier sollte ihm die Führungskraft die Möglichkeit geben, die eigenen Kompetenzen voranzubringen, und ihn nicht durch unrealistische Ziele (2.000 Likes der Seite in 2 Monaten) verunsichern. Was bei der Mitarbeiterentwicklung nicht fehlen darf, ist konstruktives Feedback. Nur so kann sich der Mitarbeiter tatsächlich weiterentwickeln und besser werden. Lob und konstruktive Kritik sind hier die Schlüssel zum Erfolg.

 


Ein guter Zusammenhalt des Teams ist in unserer Branche enorm wichtig, daher sollten alle gleich behandelt werden

 

Ohren auf
Eine der wichtigsten Eigenschaften, die eine gute Führungskraft ausmachen, ist die Fähigkeit, aktiv und gut zuzuhören. Das mag im hektischen Praxis-Betrieb immer mal wieder untergehen, ist für eine gute Führung aber unerlässlich. Zumindest ließen sich viele Missverständnisse vermeiden, wenn Führungskräfte immer mal wieder die Lauscher auf Empfang stellen würden. Aktiv zuzuhören bedeutet, sich wirklich Zeit zu nehmen, sich das Problem des Mitarbeiters anzuhören, ohne sofort Lösungsvorschläge zu entwickeln. Wenn Führungskräfte die Aussagen ihrer Mitarbeiter zu schnell beurteilen, spricht man von vorschneller Evaluation. Leider liegen Führungskräfte mit den schnell evaluierten Aussagen meistens ziemlich weit daneben. Was allerdings viel schlimmer ist: Wer vorzeitig evaluiert, kann sich nicht in den Mitarbeiter hineinversetzen und das Problem aus seiner Sicht sehen. Das führt dann häufig zu Missverständnissen und Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Der Tipp, den man als Führungskraft also beherzigen sollte, ist: Mund zu, Ohren auf und aktiv zuhören.

Die Zahlen können lügen
Wer seinen Mitarbeitern aktiv zuhört, kann einen weiteren Fehler direkt vermeiden – nämlich ausschließlich auf Zahlen und Daten zu vertrauen. Diese geben oft nicht wieder, was im Unternehmen tatsächlich passiert. Gerade in turbulenten Zeiten, wenn viele Emotionen, u. a. Frustration, bei den Mitarbeitern mit im Spiel sind. Zahlen sind wichtig und geben eine gute Auskunft über den derzeitigen Zustand des Unternehmens. Man sollte sich nur nicht ausschließlich auf sie verlassen, sondern den Faktor Mensch immer mit hinzurechnen. Wer Problemen im Unternehmen auf den Grund gehen möchte, kann guten Gewissens bei seinen Mitarbeitern anfangen, denn häufig liegt der Hund hier begraben.

Sich nicht raushalten können
Manchmal laufen Unternehmen runder, wenn die Führungskraft sich zu großen Teilen raushält. Sicherlich ist das nicht immer so, aber ein ständiges Kontrollieren und Nachfragen, wie es gerade läuft, kommt nur bei wenigen Mitarbeitern gut an. Vor allem aber hindert es sie daran, eigene Ideen zu entwickeln, weil sie glauben, dass sie sie sowieso nicht umsetzen können. Bei den Mitarbeitern kommt das so an, als würde man ihnen nichts zutrauen. Die Folge? Genau: Frustration, Demotivation und Fluktuation. Daher sollten sich Führungskräfte immer die Frage stellen, wie sehr sie wirklich gebraucht werden, damit alles läuft, und sich nur in diesem Rahmen einbringen. Das fällt vielen mit Sicherheit sehr schwer, ist aber leider notwendig. Kontrolle ist out – Delegation ist in.

Klare Worte finden
Als Führungskraft redet man gerne mal um den heißen Brei herum, man könnte ja später von den Mitarbeitern darauf festgenagelt werden. Daher wird lieber etwas schwammiger als zu genau formuliert. Gerade wenn es um Arbeitsanweisungen oder Zielgespräche geht, sollten unmissverständliche Worte gefunden werden, sodass beide Parteien wissen, woran sie sind. Leeres Geschwätz sollte unter allen Umständen vermieden werden. Es ist wie bei einer Hochzeit. Mit dem „Ja, ich will“ gibt man eine klare Aussage von sich, nimmt alle Konsequenzen, die mit dieser Entscheidung einhergehen, auf sich und hält sich keine weiteren Optionen offen.

Entscheidungen treffen wollen
Damit sind wir wieder beim Thema Fehler machen. Entscheidungen gehören zum Arbeitsalltag vieler Führungskräfte einfach dazu. Nun will ja jeder die richtige Entscheidung treffen. Jeder weiß, dass mehr Informationen bessere Entscheidungen ermöglichen. Manchmal dauert es sehr lange, an die richtigen Informationen zu kommen, die Entscheidung kann allerdings nicht mehr aufgeschoben werden. Dann sollten Führungskräfte möglichst schnell eine gute Entscheidung treffen. Jedoch drücken sich viele einfach davor und versuchen, die Entscheidungen hinauszuzögern. Das funktioniert im Arbeitsalltag allerdings auf Dauer nicht. Führungskräfte sollten daher Mut entwickeln, Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie sich hinterher als Fehlentscheidung herausstellen werden. Dieses Risiko schwingt immer mit. 

Fazit
Diese Tipps sind recht simpel gehalten und können so schnell im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Einfach mal ausprobieren und schauen, was sich ändert. Wenn etwas gut funktioniert, sollte man das natürlich ausbauen. Falls eine Maßnahme nicht anschlägt, sollte man aber nicht gleich den Kopf in den Sand stecken, sondern einfach etwas Neues probieren.

 

Quellen
Header: Tiko - stock.adobe.com
Bild 2: nd3000 - stock.adobe.com
Bild 3: vectorfusionart - stock.adobe.com

 

Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

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