Management

Dienen statt herrschen

Dass man als Führungskraft dienen statt herrschen soll, hört sich zunächst doch recht seltsam an. Man ist es ja gewohnt, das Heft in der Hand zu halten und zu zeigen, wo es langgeht, eben den Ton anzugeben. Welche Vorteile eine eher demütige Haltung für Führungskräfte hat, zeigen wir in diesem Artikel.

Um gleich das erste Missverständnis aus dem Weg zu räumen: Seinen Mitarbeitern zu dienen heißt nicht, dass man sich von ihnen rumkommandieren lässt und seine Stellung als Autoritätsperson aufgeben soll. Hinter der Forderung „Dienen statt herrschen“ steckt viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. 

Von Klöstern und modernen Unternehmen
Anderen zu dienen fiel den Menschen schon immer schwer. Dazu hatte man Sklaven, Kriegsgefangene und Leibeigene. Diesen begegnete man in den meisten Fällen als absoluter Herrscher, der über Leben und Tod zu entscheiden hat. Glücklicherweise haben sich diese Zeiten geändert und trotzdem ist das Dienen etwas, das wenigen Leuten gefällt. Dabei fordern wir es häufig von anderen, wie z. B. unseren Mitarbeitern, Menschen, die uns eine Dienstleistung erbringen, und manchmal auch vom Partner. Diese Verhältnisse sind sehr einseitig und wenig wertschätzend gegenüber den anderen. Dabei meinen wir es häufig nicht böse, sondern glauben, etwas erwarten zu können, das uns zusteht, weil wir z. B. den Mitarbeiter bezahlen. Und genau dieses Mindset ist es, das häufig in Unternehmen anzutreffen ist und grundlegend überdacht werden sollte.

Einer, der das schon vor langer Zeit, nämlich schon vor 1.500 Jahren getan hat, war ein Mönch, mit dem Namen Benedikt von Nursia, der Begründer des Benediktinerordens. Die Mönche verstanden es nicht nur, gutes Bier zu brauen, sondern hatten ebenfalls Ahnung von Führung. Um seine Brüder im Geiste anzuleiten, schrieb Benedikt ein Organisations- und Führungshandbuch, dem u. a. das bekannte Zitat „ora et labora“, also bete und arbeite, entstammt. Die Grundlagen, die hier hinsichtlich der Führung eines Klosters vorgegeben werden, sind aus der Sicht heutiger Führungspersonen sehr streng und haben eine Pointe, die nicht jedem gefallen wird. Eine der Haupttugenden für Äbte sei die Demut. Nun mag man aus heutiger Perspektive vielleicht denken, dass das für uns heute nicht mehr gelten mag und sowieso total gut zum veralteten Christentum passt. Aber wieso sollte diese Eigenschaft heute noch für Führungspersonen relevant sein?

Und genau hier überschneidet sich die moderne Unternehmensführung mit den klösterlichen Tugenden. Der Abt eines Klosters sollte wissen, dass er mehr helfen als herrschen soll. Nur wenn er seine Mönche in ihrem Tun unterstützt, kann er das Kloster erfolgreich führen. Und genau hier zeigt sich die Parallele zur heutigen Unternehmensführung. Mitarbeiter können dann effektiv arbeiten, wenn sie von oben oder, wenn wir vom Dienen sprechen, eher von unten Rückhalt und Unterstützung erfahren. Das bedeutet, dass eine Führungskraft auf jeden einzelnen Mitarbeiter eingehen sollte und sich dem Unternehmen verpflichten sollte. Nicht umgekehrt. In Zeiten des Darwiportunismus scheint es für viele junge Führungskräfte normal zu sein, dass sie das Beste für sich aus einem Unternehmen herausnehmen, dadurch sehr kurzfristig denken, ihren eigenen Profit suchen und häufig das Unternehmen wechseln. Das sind jedoch wirklich nur kurzfristige Lösungen und helfen beiden Parteien nicht auf eine lange Sicht. Führungskräfte sollten wieder dem Unternehmen dienen und nicht umgekehrt, getreu dem Motto: Frage nicht, was dein Unternehmen tun kann, sondern was du für dein Unternehmen tun kannst. Demut gegenüber der eigenen Person und Leistung kann hierfür der Schlüssel sein.

 


Ob Benedikt von Nursia an heutige Führungspersonen dachte, als er sein Führungshandbuch schrieb? Sicherlich nicht, trotzdem können diese 1.500 Jahre später noch von seinen Ansichten profitieren

 

Intrigen und Machtspielchen
Was bedeutet Dienen im heutigen Unternehmenskontext? Wie bereits angedeutet, hat es nichts damit zu tun, dass man seinen Mitarbeitern während der Arbeit Trauben reichen sollte. Es bedeutet aber, dass man sich mehr als Teil des Teams sieht und nicht davon getrennt. Der über allem schwebende, mit Blitzen werfende, Chef ist kein Erfolgsmodell für das 21. Jahrhundert. Die Führungskraft muss einen Teil ihrer Macht abgeben, um Teil des Teams werden zu können, sie gibt also ihre Vormachtstellung und damit auch Privilegien auf und stellt sich in den Dienst des Teams wie jeder andere auch. In den skandinavischen Ländern funktioniert das schon hervorragend, wobei Kultur und Mentalität dort und bei uns nur schwer vergleichbar sind. In diesem Zusammenhang muss die Führungskraft zum Team-Player werden und vor allem eines tun: ihre Mitarbeiter befähigen, ihre Kompetenzen einzubringen. Hierzu ein Beispiel aus der Physiowelt. In einem jungen Team aus Therapeuten hat keiner so richtig Erfahrung in der Selbstorganisation, die jedoch im hektischen Physio-Alltag notwendig ist. Absprachen funktionieren nicht richtig, Termine fangen mit deutlicher Verspätung an, die Patienten fühlen sich schlecht behandelt usw. Nun hat der verantwortliche Praxisinhaber unterschiedliche Möglichkeiten. Entweder er versucht, als Herrscher aufzutreten und durch reine Autorität eine Organisationsstruktur zu schaffen, was, wenn wir ehrlich sind, gnadenlos in die Hose gehen wird. Oder aber er versetzt sich in seine Mitarbeiter hinein, hört ihnen zu, was sie brauchen, und schafft dann Strukturen, die eine Organisation ermöglichen. Er schafft also einen Rahmen, in dem jeder Mitarbeiter seine Kompetenzen, die eher im Therapeutensein liegen, einbringen kann. Also dient er dem Team und gleichzeitig dem Unternehmen. Und das Beste dabei: Er verliert seine Machtposition nicht. Um wieder in den Benediktinerjargon zu verfallen, sind Führungskräfte als Hirten zu sehen, die ihre Herde leiten. Sie sorgen dafür, dass alle in die dieselbe Richtung laufen bzw. dasselbe Ziel vor Augen haben, gehen dabei selbst mit gutem Beispiel voran, indem sie die Werte des Unternehmens leben und sich in den Dienst des Unternehmens stellen. Und bei drohenden Gefahren schützen sie die Herde. Was sie nicht tun sollten, ist, stur voranzugehen und zu hoffen, dass alle mit ihnen Schritt halten, und zu glauben, dass bei der Ankunft auf der Weide die Schafe noch vollzählig sind. 

Konflikte gibt es immer  
Trotzdem wird es irgendwann zwangsläufig zu einem Punkt kommen, an dem sich die Führungskraft durchsetzen muss oder eine klare Entscheidung von ihr verlangt wird, und das geht häufig nur in der Position des Herrschers, wenn auch in einer abgemilderten Form. Hans-Georg Huber und Hans Metzger beschreiben in ihrem Buch „Sinnvoll erfolgreich – sich selbst und andere führen“ diese Gegensätzlichkeit der Aufgaben des Dienens und des Herrschens. Ihrer Ansicht nach sollten beide Rollen gleichberechtigt sein, um als Führungskraft nicht unglaubwürdig zu werden. Das kommt sicherlich auf die Vorlieben der Person an, aber der Dienen-Weg ist wahrscheinlich in den meisten Situationen der erfolgreichere. Um das tun zu können, braucht die Führungskraft die ausgeprägte Fähigkeit, Situationen zu lesen und dann zu entscheiden, welches Verhalten erfolgsversprechender ist. 


Führungskräfte müssen einen Teil ihrer Macht abgeben, um ein Teil des Teams zu werden und dieses nach besten Kräften unterstützen zu können

 

Um in den Augen der Mitarbeiter nicht unglaubwürdig zu werden, ist es durchaus sinnvoll, sich tendenziell für eine Richtung – dienen oder herrschen – zu entscheiden, da das Führungsverhalten andernfalls als nicht einheitlich wahrgenommen wird, und es gibt nicht viele Dinge, die für das Unternehmensklima schädlicher sind als das. Daher sollten die Ziele und Werte, an denen sich die Führungskraft orientiert, bekannt sein und es sollte eine Atmosphäre geschaffen werden, in der jeder Mitarbeiter seine Meinung vertreten kann. Allein das ist bereits ein Schritt mehr zum Dienen, denn ein Herrscher würde das unterbinden und seine Meinung durchsetzen. Trotzdem sollte das Team ein gewisses Maß an Konfliktfähigkeit mitbringen, um nicht an schwierigen Entscheidungen oder Momenten zu verzweifeln oder sogar zerbrechen. 

Den richtigen Ton treffen
Die im Dienen vorherrschende Sprache findet sich also nicht in Phrasen wie „Ich entscheide, dass“, „Das machen wir so, weil ich es will“ oder „Hinterfragen Sie das nicht, meine Entscheidung steht fest“ wieder, sondern vielmehr in „Wie kann ich Sie unterstützen, dass …“, „Ich vertraue Ihnen bei dieser Sache“ oder „Stimmt, da haben Sie recht, diese Situation habe ich falsch eingeschätzt“. Das zu schaffen fordert von einer Führungskraft viel. Für Dr. Johannes Eckert, selbst Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs, gibt es noch mehr Punkte für Führungskräfte zu beachten, wenn sie dienen statt herrschen wollen. Er nennt ihrer drei. Als Erstes die Selbstreflexion. Die Grundlage für jede Art von Führung ist eine Standortbestimmung und damit verbunden die Frage, was möchte ich erreichen und wie will ich es erreichen. Hat die Führungskraft hierauf eine Antwort gefunden, kann sie in den Dialog mit Mitarbeitern und in Führungssituationen treten. Wer nicht weiß, was er und wie er es erreichen will, kann es gleich bleiben lassen, denn er wird sich im Kreis drehen. Der zweite Punkt, den Eckert erwähnt, ist das Ratsuchen in der Gemeinschaft. Im Kloster sind das die Mitbrüder, im Unternehmen die Kollegen und Mitarbeiter. Dabei sollte insbesondere auf diejenigen gehört werden, die nahe am Problem dran sind. Wer eine Reinigungskraft nach den Bedürfnissen der Patienten fragt, wird zwar möglicherweise eine Antwort erhalten, aber vermutlich keine, die weiterhilft. Erst nach diesen beiden Schritten entscheidet sich die Führungsperson, was sie tun möchte, und tut das im Hinblick auf den Konsens in der Gemeinschaft und mit Blick auf das gemeinsame Ziel.  

Fazit
Sicherlich ist es nicht immer einfach, seinen Mitarbeitern und dem Unternehmen zu dienen, vor allem deshalb, weil unsere gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen das Dienen erschweren. Trotzdem profitieren alle von diesem Handeln, und nicht nur die Oberen. Die flachen Hierarchien und kleinen Teams in der Fitnessbranche machen einen Einstieg in dienendes Handeln verhältnismäßig einfach.
 

 

Quellen
Header: ronstik- stock.adobe.com
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Bild 3: Jacob Lund- stock.adobe.com

Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.