Management

Der Trainer als Verhaltensveränderer

Die Beziehung zwischen Mitgliedern und Trainern könnte so eine schöne sein. Leider existiert sie in vielen Fällen nicht oder nur oberflächlich. Dabei können Fitnesstrainer eine große Unterstützung bei der Verhaltensveränderung ihrer Mitglieder und damit deren Zielerreichung sein.

Bei der Bewerbung zum Fitnesstrainer dürften die meisten Anwärter nach dem Begriff Trainer (m/w/d) oder Fitnesstrainer (m/w/d) geschaut haben. Sie wollten etwas mit Menschen, ihr Hobby zum Beruf machen. Vielleicht wollten sie andere Menschen sogar gesünder und fitter machen, sie ihren persönlichen Zielen näherbringen. Nun fristen viele Fitnesstrainer ihr Dasein als Rezeptionisten und Geräteeinweiser. Das mag zum Teil an den Strukturen in den Fitnessanlagen liegen, die eine Interaktion mit den Mitgliedern in den seltensten Fällen in den Mittelpunkt stellen. Die betroffenen Fitnesstrainer sind jedoch an ihrer eigenen Lage nicht ganz unschuldig. Das Glänzen durch Abwesenheit auf der Trainingsfläche trägt sicherlich nicht zu einer Verbesserung der Situation bei. Dabei ist der Beruf des Fitnesstrainers so eine wichtige Position für Menschen, die aktiv werden und etwas in ihrem Leben verändern wollen. Sie treffen auf die Person in dem Moment, in dem der Wunsch nach Veränderung sehr stark ist, und bieten das Know-how, um diese Menschen bei der Erreichung ihrer Gesundheits- und Fitnessziele zu erreichen.

Denn die guten Vorsätze, endlich einmal Dinge im eigenen Leben zu verändern, sind es, die Menschen in die Fitnessanlagen treiben. Für viele ist es nicht der erste Versuch, fitter, gesünder oder auch schlanker zu werden. Ein großer Prozentsatz wird scheitern – erneut. Es ist eine traurige Wahrheit in der Fitnessbranche, dass die Mehrzahl der Mitglieder ihre Ziele nicht erreicht. Eine Wahrheit, die von allen hingenommen wird. Auch von den Mitgliedern selbst. Das ist dahingehend paradox, weil sie davon ausgehen können, dass sie für den Beitrag, den sie bezahlen, eine Betreuung erhalten – die sie dann zu ihren Zielen führt. 

Während junge und Menschen mittleren Alters das noch einfacher hinnehmen und es als Niederlage verbuchen, möglicherweise ein paarmal auf den Trainer schimpfen und dann wie gewohnt weitermachen, gibt es eine Zielgruppe, die auf das Know-how und die Betreuung der Trainer angewiesen ist. Es kommen verstärkt Menschen mit unterschiedlichen Krankheiten, seien es nun orthopädische oder metabolische, in die Fitnessstudios und hoffen auf eine Linderung ihrer Probleme. Selbst bei Krebspatienten weiß man heute, dass körperliches Training einen wichtigen Beitrag zum Überstehen der Krankheit beitragen kann. 

 

Häufig sind Ärzte die Überbringer schlechter gesundheitlicher Nachrichten – damit starten sie den Prozess zur Verhaltensveränderung 
 

An fachlichem Know-how fehlt es den meisten Trainern nicht. Das Wissen, eine Verhaltensveränderung beim Mitglied einzuleiten, hingegen schon. Als Grundlage dafür kann das transtheoretische Modell von James Prochaska und Carlo Di Clemente dienen, das auch als Stufenmodell der Verhaltensveränderung bekannt ist. Die letztgenannte Bezeichnung trifft es dann auch ganz gut. Bei der Verhaltensveränderung werden sechs Stufen durchlaufen. Am Ende soll dann die Termination des alten Verhaltens stehen. Folgende Stufen werden von dem Modell postuliert:

  • Stufe der Absichtslosigkeit
  • Stufe der Absichtsbildung
  • Stufe der Vorbereitung
  • Stufe des Handlungsstadiums
  • Stufe des Aufrechterhaltens
  • Stufe des Abschlusses bzw. Termination

Während der betroffene Mensch in der ersten Stufe keinerlei Absicht hegt, sein Verhalten anzupassen, kommt es in der Stufe der Absichtsbildung zum Wunsch, etwas zu verändern. In die Fitnessanlagen kommen sie dann meisten in Stufe 3, der Vorbereitungsstufe. Hier geht es nämlich um die konkrete Planung, das Verhalten zu verändern, z. B. in dem man sich in einem Fitnessstudio anmeldet. Leider endet die geplante Verhaltensveränderung für viele schon wieder. Denn wer in Stufe 4 ist, vollzieht die Verhaltensveränderung aktiv. Viele werden vom Schweinehund jedoch wieder in Richtung Couch gezogen. Wer den aktiven Wandel schafft, kommt in die Stufe der Aufrechterhaltung. Hier ist es gelungen, die Verhaltensveränderung über einen längeren Zeitraum hinweg zu leben. In der schon genannten Termination wurde das alte Verhalten vollständig abgelegt und das neue ist Bestandteil des Lebens. Der Vollständigkeit halber soll erwähnt sein, dass die Stufe 6 im ursprünglichen Modell von Prochaska und di Clemente nicht enthalten war. Sie wurde später hinzugefügt, als das Modell auf spezielle Verhaltensweisen übertragen wurde, wie z. B. das Thema Bewegung. Man sieht also schon, dass das Modell ganz gezielt auch auf die Themen Fitness, Bewegung, aber auch Ernährung angewendet wurde. 

Ermöglicht wird das Durchlaufen der Verhaltensveränderung durch Prozesse, die von Emotionen und Kognitionen beeinflusst werden. Das sorgt dafür, dass man nach der Veränderung häufig gar nicht mehr weiß, wieso man das alte Verhalten überhaupt so lange beibehalten hatte. Denn es verändern sich die Gefühle und das Denken gegenüber den alten Verhaltensweisen. Dafür wurden einige Veränderungsprozesse identifiziert, u. a. die Steigerung des Problembewusstseins oder aber die Neubewertung des eigenen Umfelds. 

Das alles trägt dazu bei, dass ein Mensch sein Verhalten verändern kann. Bevor das jedoch passieren kann, muss man von Stufe 1 in Stufe 2 gelangen. Dazu braucht es einen Startimpuls. Nicht selten sind Ärzte die Überbringer einer Nachricht zur Verhaltensveränderung. Geht es um Diabetes, starkes Übergewicht oder Gelenkbeschwerden, sucht man ihren Rat und immer mehr Ärzte empfehlen Bewegung und eine gesunde Ernährung zur Linderung der Beschwerden. Kommt der Veränderungswunsch nicht aus einem gesundheitlichen Grund heraus, sondern entsteht eher unter ästhetischen Gesichtspunkten, kommt der Impuls sicherlich aus einer anderen Richtung. Die eigene Wahrnehmung vor dem Spiegel, die Lieblingsjeans, die nicht mehr passt, Äußerungen vom Partner oder den Freunden sind mögliche Startpunkte zum Ergreifen verhaltensverändernder Maßnahmen. 

Unabhängig davon, ob der Auslöser medizinischen oder ästhetischen Ursprungs ist, ist den Betroffenen meist schon klar, dass sie irgendetwas tun müssen. Vielen fehlt allerdings das Wissen darüber, was in ihrer Situation gut wäre. Hier können natürlich Ärzte wichtige Aufklärungsarbeit bei ihren Patienten betreiben. So werden Diabetespatienten zu Ernährungsberatern geschickt und Menschen mit schmerzenden Gelenken sollen sich mehr bewegen. Wo Mediziner sicherlich noch stärkere Empfehlungen geben könnten, ist im Bereich der Früherkennung bzw. der Unterstützung durch Training und Ernährung bei der Behandlung manifestierter Erkrankungen. So weist Prof. Dr. Karin Meißner von der Hochschule Coburg darauf hin, dass nur etwa 50 % der Patienten über die mittlerweile gut erforschten Wirkungen von gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung auf unterschiedliche Krebsarten informiert werden. 
 

Die wichtigste Fähigkeit im Umgang mit den Mitgliedern ist Empathie – der Trainer muss ihnen zeigen, dass sie mit ihrem Anliegen genau am richtigen Ort sind - ©Mladen - stock.adobe.com
 

Aber auch Trainer sind hier als Fachpersonal gefragt. Auf der einen Seite sollte man nicht zu sehr in die medizinische Richtung beraten, da hier tiefergehendes medizinisches Fachwissen nötig ist. Andererseits ist es bei etwa 500.000 Krebsneuerkrankungen jedes Jahr nicht ungewöhnlich, dass man damit im Fitnessstudio konfrontiert wird. Dann gilt es als Trainer den richtigen Ton zu finden und das zu leisten, was man als Fitnessanlage eben tun kann: dosiertes Training für diese Personen anbieten sowie die richtigen Hinweise zur Ernährung geben. Durch die mögliche Nähe zu den Mitgliedern und die dadurch entstehenden Beziehungen können Trainer aber auf allen Ebenen von Krankheiten agieren und entsprechende Hinweise geben – Fachwissen vorausgesetzt. Und damit würden sie genau die Aufgabe erfüllen, die sie haben: Mitglieder bei der Zielerreichung zu unterstützen

Auch wenn Fitnesstrainer heute Zugriff auf immer mehr Fachwissen haben, ist die wichtigste Fähigkeit im Umgang mit den Mitgliedern, egal warum sie in die Fitnessanlage kommen, Empathie zu zeigen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie mit ihrem Anliegen genau am richtigen Ort sind. Das könnte tatsächlich die größte Hürde sein, denn Empathie zu lernen ist nicht so einfach, und selbst wenn, fällt es jungen Menschen schwer, sich in die Probleme der älteren Generation einzufinden. Daher macht es durchaus Sinn, nicht nur Studierende in der Fitnessanlage anzustellen, sondern auch auf erfahrene Mitarbeiter zu setzen, möglicherweise sogar ältere Trainer einzustellen. Bei komplexeren Krankheitsbildern oder -verläufen kann das Team sich gegenseitig unterstützen und in internen Teamsitzungen sogar einzelne Mitglieder „besprechen“, wie es in großen Kliniken unter Therapeuten bereits Alltag ist. Gerade bei Krankheitsbildern sollte man als Trainer nicht zu stolz sein, alles alleine bewältigen zu wollen oder andersherum, sein Spezialwissen für sich zu behalten. 

Fazit
Das Berufsbild des Fitnesstrainers ist tatsächlich so bunt, wie man es sich macht. Es wird immer wieder die Geräteeinweiser und Rezeptionisten geben. Wer sich auf seine Mitglieder einlässt, die Beziehung sucht, aktiv als Motivator und Geber von Fachwissen agiert, bekommt ein spannendes Arbeitsfeld, das bestätigend wirkt und Dankbarkeit erfahren lässt. Letztlich geht es darum, das Thema Bewegung und Ernährung und ihre positiven Wirkungen nach vorne zu bringen und ein Bewusstsein in der Gesellschaft zu schaffen.

 

Quelle:
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Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

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