Aus- & Weiterbildung

„Online ist eine Lüge“

Online-Ausbildungen für Trainer haben sich mittlerweile im Markt etabliert und sind für viele eine Alternative zur Präsenzausbildung geworden. Auch die IFAA bietet mit ihrem Online-Campus Aus- und Weiterbildungen im Internet an. Trotzdem prägte der Geschäftsführer Alex Pfitzenmeier den Satz „Online ist eine Lüge“. Was sich dahinter verbirgt, warum er Praxisphasen in der Trainerausbildung für unverzichtbar hält und wie die Online-Lerner im Vergleich zu den Präsenz-Lernern abschneiden, berichtet er hier im Interview.

contrastwerkstattDie etablierten Bildungsanbieter der Branche sahen sich vor einigen Jahren einem Wettbewerb ausgesetzt, der Ausbildungen für Fitnesstrainer ausschließlich online anbietet, und dies häufig auch zu einem deutlich günstigeren Preis. Die Befürchtung in der Branche war, dass sich die Qualität der Trainer bei einer fehlenden Präsenzausbildung negativ entwickelt. Mittlerweile hat sich der Markt stark differenziert. Etablierte Anbieter sind ebenfalls den Weg der Online-Ausbildung gegangen, manche mit Präsenzphasen und manche ohne. Genauso sieht es auch bei denen aus, die als Online-Anbieter gestartet sind. 

Der Kritikpunkt an einer Trainerlizenz ohne Präsenzphase ist gerade in unserer Branche absolut nachvollziehbar, schließlich arbeiten die Menschen in den Fitnessanlagen selbst auch mit Menschen und das kann man nur bedingt vor dem Bildschirm erlernen. Trotzdem, und da scheinen sich alle Anbieter einig zu sein, sind viele der theoretischen Inhalte der Trainerausbildungen online erlernbar. Das hat natürlich den Vorteil, dass der Lernende sich sein Pensum selbst einteilen kann und in seinem Lerntempo vorankommt. Es erfordert aber ebenso Eigeninitiative vom zukünftigen Trainer, denn er muss sich alles selbst strukturieren und sich dann auch die Zeit für das Lernen nehmen. Aber eines ist klar: Das Thema Online-Ausbildungen hat die Branche verändert. Die IFAA gehörte zu den ersten etablierten Bildungsanbietern der Branche, die Online-Module anbieten. Auf der diesjährigen FIBO wurde deutlich, dass das Unternehmen damit zufrieden ist, wie die Online-Ausbildungen angenommen werden. Und keine zwei Monate später spricht Alex Pfitzenmeier, der Geschäftsführer der IFAA, auf der Solutions und konfrontiert sein Publikum mit dem Satz: „Online ist eine Lüge“. Um zu verstehen, wie diese Aussage mit dem Angebot der Online-Ausbildung zusammenhängt, führten wir mit ihm ein Interview, das auf den folgenden Seiten abgedruckt ist.

 


 
BODYMEDIA:
Auf der IFAA Solutions hast du in deiner Eröffnungsansprache in einem Nebensatz gesagt, „Online“ sei eine Lüge. Das hat mich etwas stutzig gemacht, denn ihr bietet mittlerweile ja auch Online-Education an. Heißt das, der Schritt ging in die falsche Richtung? 
Alex Pfitzenmeier: So, wie du sie schilderst, klingt sie natürlich komisch, zumindest dann, wenn man die Aussage so losgelöst betrachtet. Ich stehe aber nach wie vor dahinter. Was meinte ich also damit? Ich habe das gesagt, weil es sich immer wieder so anhört, als ob die Digitalisierung die Lösung für all unsere Probleme ist. Wir hatten diese Frage auch einmal im Rahmen des IFAA Forums gestellt und es kam heraus, dass digitale Medien und unterstützende digitale Maßnahmen in der Branche aktuell noch nicht angekommen sind, zumindest nicht so sehr wie es erwartet wurde. Und genau das zeigt sich nun auch bei unserer Online-Education. Alle finden das Thema toll, weil die Bullet Points so gut klingen: Man kann flexibel von zu Hause arbeiten, es ist günstiger, Übernachtungen bei Präsenzausbildungen fallen weg und der Lernende kann sich alles frei einteilen. Jetzt könnte man meinen, dass digitales Lernen für die jungen Menschen heutzutage selbstverständlich ist. Aber ganz so ist es dann doch nicht. Nehmen wir an, einer entscheidet sich dazu, Ernährungs-Coach zu werden. Dann fängt er mit dem Fernstudium an, wirft aber zwei Monate später alles wieder über den Haufen, weil er feststellt, dass er mit Ernährung eigentlich nicht viel anfangen kann. Dann schlummert er im System. Leider weiß ich keine konkreten Zahlen von anderen Anbietern und nur aus mündlichen Quellen, dass die Passiv-Quote bei der Online-Education sehr hoch ist. Und bei reinen Online-Ausbildungen ist die Qualität der Absolventen nicht immer gegeben. Lernen muss man eben immer noch selbst. Wie viele mit Online Fitness Programmen trainieren denn auch wirklich zuhause? Aus diesem Grund ist die Online-Education bei Trainerlizenzen und -zertifikaten für uns immer nur Ergänzung, nie aber Ersatz. 

Was man aber machen kann und auch machen muss, um konkurrenzfähig zu sein, ist eine gewisse Flexibilität zu bieten, für Leute, die sich genau heute entscheiden, sich im Bereich Fitness oder Ernährung eine Fortbildung zu machen. Viele Menschen sind heute nicht mehr bereit, bis zur nächsten Ausbildung in ihrer Stadt, die in drei Monaten stattfindet, zu warten. Sie wollen sofort starten. Und wenn man sie da nicht abholt, dann macht es ein anderer, vielleicht auch jemand außerhalb der Branche wie Amazon, YouTube & Co. Aber immer wenn bei uns ein Trainer ausgebildet wird, muss er in die Präsenz. Warum ist „Online“ nun also eine Lüge? 

Für den Betreiber hören sich die genannten Bulletpoints ja auch gut an. Er erhofft sich mehr Flexibilität und freut sich über die Möglichkeit die von der Digitalisierung hier geboten werden. Aber weißt du, was passiert? Er lässt dann keine Taten folgen. Sie verstecken sich hinter der möglichen Flexibilität und buchen die Weiterbildung trotzdem nicht für ihre Mitarbeiter. Und die jungen Menschen wollen diese Flexibilität ebenso. Blended Learning ist die Zukunft. Aber warum wollen sie etwas, wenn sie gar nicht in der Lage sind, es durchzuführen? Dafür braucht man den Willen, es durchzuziehen. Man kann nicht alles wollen und dann nichts dafür tun. Nur mal ein Beispiel, um das etwas zu illustrieren: Im Rahmen unserer 3-jährigen Berufsausbildung gibt es die Möglichkeit, optional den Sauna- und Regenerationsmeister zu machen. Da wir mittlerweile einige Discounter drin haben, die das Thema oft nicht bespielen, haben wir gesagt, wir machen das Thema online, damit es für die Auszubildenden, die das nicht brauchen, nicht langweilig wird. Findet auch jeder gut. Wenn ich dir jetzt aber verraten würde, wie hoch die Quote derer ist, die das nutzen, würdest du nur mit dem Kopf schütteln. Ausschlaggebend hierfür ist die Quote der Arbeitgeber, die ihren Auszubildenden zwei Tage zum Lernen für diese optionale Leistung geben. 

BODYMEDIA: Das hört sich so an, als wärst du mit dem Online-Bereich nicht wirklich zufrieden.
Alex Pfitzenmeier: Doch, das bin ich sogar sehr. Wir werden das auch weiterhin anbieten, den Online-Bereich weiter ausbauen, weil wir natürlich auch mit der Zeit gehen müssen. Mich stört nur, dass sich so viele hinter dem Thema verstecken, anstatt was zu tun. Wir haben schon 4–5 neue Ausbildungen in der Pipeline. Wir werden so Themen wie Arbeitssicherheit oder Datenschutz aufnehmen, die vielen draußen im Markt Probleme bereiten. Gerade bei Anlagen mit vielen Mitarbeitern kann man diese Themen online abfangen und hat dann auch eine Dokumentation, wie viele Mitarbeiter das Thema schon durchlaufen haben. Es gibt genug gute Gründe für Online-Education. Unsere Fitness-Trainer-B-Lizenz geht nur noch über die Hälfte der Präsenztage, weil wir den ganzen Frontalunterricht herausgenommen haben. Wir werden allerdings eines niemals machen: Bei uns bekommt niemand seine Lizenz in 4 Stunden, denn wir stehen im Bereich „Online“ immer noch für Qualität. 

 

 

BODYMEDIA: Ihr habt bestimmt auch Zahlen, wer die bessere Ausbildung abliefert, oder?
Alex Pfitzenmeier: Stichwort Qualität: Da gibt es erstaunliche Ergebnisse, wenn man die Präsenzler mit denen aus der Online-Education vergleicht. Die Fitnesstrainer-B-Lizenz hat online und in der Präsenz 1:1 die gleichen Inhalte und Ziele. Wir haben das so organisiert, dass beide Gruppen am Ende der Ausbildung zusammenkommen und gemeinsam einen Workshop absolvieren. Unsere Angst vor zwei Jahren war, dass die Onliner qualitativ alles kaputtmachen. Aber es ist genau andersherum. Die Teilnehmer aus der Online-Education sind meistens besser als die Präsenzler. Das hat sich mittlerweile bei vielen unserer Produkte herausgestellt. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mich hat es selbst überrascht, aber ich kann dir eine gute Erklärung dafür geben. Wer online lernt, hat eine gewisse Strukturvorgabe. Er muss Kapitel 1 abschließen, bevor er mit Kapitel 2 weitermachen darf, und zum Zeitpunkt x muss er bestimmte Inhalte gelernt haben. Die Präsenzler sehen das etwas entspannter, denn sie haben am Ende eine Prüfung, auf die sie lernen. Der Onliner ist gezwungen, am Anfang der Präsenztage alles drauf zu haben, und er ist damit besser vorbereitet. Das ist nicht nur eine Bestätigung für die Online-Education, sondern auch ehrlich gegenüber dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer, die sich nicht selbst anlügen. 

Mit dem Satz „Online ist eine Lüge“ habe ich natürlich Wellen geschlagen, aber es geht mir nicht darum zu sagen, dass die Online-Education nicht funktioniert. Mir geht es eher darum, ein Bewusstsein zu schaffen, sich zu überlegen, was man eigentlich möchte, und das dann auch umzusetzen. Wer sich selbst eher in der Präsenzausbildung sieht, soll das weiterhin machen. Wer für die Online-Education affin ist, kann sich dafür entscheiden. 

BODYMEDIA: Wo siehst du die Grenzen von Online-Education im Fitnessbereich? 
Alex Pfitzenmeier: Wir sollten die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, aber nicht als Ersatz, sondern zur Unterstützung. Inzwischen ist klar geworden, dass eine Online-Ausbildung im Group-Fitness-Bereich scheitern muss. Man kann Kurstrainer einfach nicht nach der Ausbildung zum ersten Mal auf andere Menschen loslassen. Im Markt da draußen gibt es auch Betreiber, die stellen solche Trainer an, am besten noch zum Mindestlohn. Und da appelliere ich an alle, hier ehrlich und sauber zu arbeiten, insbesondere im Hinblick auf die Mitglieder. Die Digitalisierung bietet uns viele gute Möglichkeiten, aber wir sollten versuchen, damit die Qualität zu steigern. Trainer und Betreiber sollten sich nicht hinter der Flexibilität verstecken, sondern die Möglichkeiten der Digitalisierung auch nutzen.

BODYMEDIA: Welchen Stellenwert hat Online-Education in Zukunft? 
Alex Pfitzenmeier: Ich würde schon sagen, dass wir uns da auf dem richtigen Weg befinden. Die Hardware-Schlacht ist nun schon etwas länger geschlagen und rein vom Equipment und dem Design her sind Discounter und Premium-Anlagen nur schwer voneinander unterscheidbar. Jetzt geht es wirklich ums Personal und damit verbunden um die Dienstleistung. In einem gesunden Maß sollten der Mitarbeiter und seine Weiterbildung im Vordergrund stehen, ansonsten können wir die Qualität, die unsere Kunden erwarten, nicht mehr bringen.

BODYMEDIA: Vielen Dank für das Interview.

Quellen
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Bild 2: contrastwerkstatt - stock.adobe.com
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Der Autor

  • Jonathan Schneidemesser

    Seit seinem Germanistik-und Philosophie-Studium in Mannheim arbeitet er für das Fachmagazin BODYMEDIA. 2015 übernahm er nach Abschluss seines BWL-Studiums die Chefredaktion für das Magazin. 2017 etablierte er die BODYMEDIA dann mit einem eigenen Magazin im Physio-Bereich. Seine sportliche Erfahrung sammelte vor allem in seiner aktiven Zeit als 800m-Läufer. In seiner Freizeit joggt er durch den Wald oder schwingt Kettlebells.

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