Zoff im Fitnessclub

18 Mitarbeiter beschäftigungslos

Zoff in einem Friedberger Fitness-Studio. Ein Rollkommando sei am frühen Dienstagmorgen erschienen und habe damit begonnen, Teile der Einrichtung zu demolieren und herauszureißen. Es geht um das ehemalige Squashhaus im Dachspfad, das inzwischen im Inneren zu einer Baustelle geworden ist, und um einen schon seit Februar schwelenden Streit des neuen Eigentümers, Dursan Sancar, mit der Mieterin, der Feelgood Fitness GmbH.

Der gipfelte darin, dass Sancar - weil er, wie er sagte, die Dezember-Miete nicht erhalten habe -  zur Selbsthilfe griff und mit Familienmitgliedern und einigen Mitarbeitern anrückte, um das Gebäude in Beschlag zu nehmen und umgehend mit der Renovierung zu beginnen. Konsultationen von Polizei, Rechtsanwälten, Gerichten und einem Gerichtsvollzieher waren vorangegangen, eine - ziemlich ratlose - Polizei herbeigerufen und Gerichtsurteile erwirkt worden.

Gestern Morgen, 9 Uhr: Vor dem Gebäude stehen Mitarbeiter des Fitness-Treffs Feelgood Fitness, darunter auch Geschäftsführerin Olga Bischof. "Wir sind jetzt ohne Beschäftigung", sagt Fitness-Trainerin Natascha Pauckert. Olga Bischof ergänzt: "18 Mitarbeiter sind betroffen; sie können jetzt nicht mehr hier arbeiten." Im Gebäude selbst sind derweil Arbeiter damit beschäftigt, den Teppichboden im Foyer herauszureißen. Alle Spinde waren bereits am Montag aus den Umkleideräumen herausgeschafft und in den Duschräumen Wasserleitungen und Armaturen ausgebaut worden. "Der Boden ist undicht; wir müssen neu fliesen und werden die Duschräume neu gestalten", sagt Dursan Sancar, der in Nieder-Wöllstadt das Fitness-Studio San-Fit betreibt, dazu. In zwei Monaten solle die Sanierung abgeschlossen sein.

Sancar ist mit seiner Frau, den beiden Söhnen - auf deren Namen läuft das Studio in Nieder-Wöllstadt - und Mitarbeitern drinnen, die bisherigen Mieter und deren Angestellte draußen. Und trotzdem hat Olga Bischof die Hoffnung, wieder hineinzukönnen. Sie wartet zu diesem Zeitpunkt noch auf einen Gerichtsbeschluss aus Gießen, den sie angestrengt hat, weil, so sagt sie, eine Gerichtsentscheidung zugunsten Sancars auf falschen Voraussetzungen fuße.

Die Situation ist verworren. Bereits der Montag verlief kurios und mit tragikomischen Zügen. Bei der "Machtübernahme" Sancars am frühen Morgen nahm er einer Reinigungskraft "nach einem Gerangel", wie der Mann und Olga Bischof behaupten, den Schlüssel ab. Dann baute er neue Schlösser ein. Die Polizei war da schon verständigt und tauchte auch auf. Da nicht klar war, wer berechtigt ist, das Gebäude zu betreten, beschlagnahmte sie die Schlüssel, sodass nun beide Parteien draußen warteten. Allerdings, so Sancar, seien Leute der Gegenpartei durch ein Nebengebäude ins Haus gelangt und hätten Unterlagen herausgeholt. Er habe hinterher ein kaputtes Fenster entdeckt.

Sancars Anwalt stellte per Fax um 10.50 Uhr beim Landgericht Gießen einen Antrag auf einstweilige Verfügung, mit der das Vorgehen seines Mandanten für rechtens erklärt werden sollte. Gleichzeitig erhielt das Amtsgericht Friedberg eine sogenannte Schutzschrift mit dem Antrag, den Erlass einer einstweiligen Verfügung, sollte Olga Bischof eine solche beantragen, zurückzuweisen. Um 15.25 Uhr kam dann vom Gießener Gericht der Erlass der einstweiligen Verfügung, unterzeichnet von einem Urkundsbeamten. Damit wurde Bischof verboten, das Haus zu betreten.

Der Fall hat eine lange Vorgeschichte. Sancar hatte das ehemalige und pleite gegangene Squashhaus am 23. Februar dieses Jahres bei einer Zwangsversteigerung erworben und der Mieterin Feelgood Fitness GmbH mit Geschäftsführerin Olga Bischof fristgerecht zum 30. Juni gekündigt. Wegen Zahlungsverzugs sprach Sancar dann zum 6. April eine fristlose Kündigung aus und strengte eine Räumungsklage an. Diese wurde am 30. Juli beim Amtsgericht Friedberg mit einem Vergleich beendet. Der sah so aus, dass sich Bischof verpflichtete, einen aufgelaufenen Betrag von 15 000 Euro zu bezahlen - »was geschah«, so Sancar - und das Gebäude bis zum 31. Oktober zu räumen. Allerdings wurde auch eine mögliche Fristverlängerung eingebaut: "Die Feelgood Fitness GmbH darf ... die Immobilie im November 2009 und Dezember 2009 weiter nutzen, wenn jeweils bis zum 3. 12. 2009 jeweils eine Zahlung in Höhe von 8000 Euro erfolgt", heißt es da. Und: Sancar könne »uneingeschränkt vollstrecken«, wenn sich die Firma Feelgood mit der Zahlung für eine Woche in Rückstand befinde.

In diesem Sinne handelte am Dienstag Sancar. "Dabei wollten wir alles nach Recht und Gesetz machen", sagt er. Er habe am Montag mehrfach seinen Anwalt konsultiert, ferner die Polizei, das Amtsgericht Friedberg und den Gerichtsvollzieher. Der Gerichtsvollzieher habe erklärt, dass er frühestens Mitte Januar tätig werden könne, und dies auch erst nach einer weiteren Räumungsklage. Den Grund sieht Sancar darin, dass die Mieterin den Namen ihres Unternehmens gewechselt beziehungsweise das Haus sogar untervermietet habe, an eine Easy Fitness GmbH nämlich aus Homberg. Gegen die richtete sich denn auch die einstweilige Verfügung. Dass er letztlich am Dienstagmorgen mit »sechs, sieben Mitarbeitern und Verwandten«, wie er sagt, anrückte und das Gebäude in Beschlag nahm, begründet Sancar so: "Ich hatte Angst, dass die Mieter das Inventar mitnehmen und ich geschäftlich kaputt gehe, denn immerhin fehlen die 8000 Euro Miete und außerdem rund 7000 Euro aus Umlagen für Strom, Wasser und Steuer."

Es scheint eine Geschichte fehlender Kommunikation und der Missverständnisse zu sein. Denn wie Olga Bischof erklärt, habe die Easy Fitness GmbH mit dem Gebäude als Mieter nichts zu tun. Es handele sich um eine große Kette, die Fitness-Konzepte verkauft, und sei nur ein Geschäftspartner der nach wie vor bestehenden Feelgood Fitness GmbH.

Und Sancar habe sein Geld für Dezember schon längst. Denn seit dem Vergleich Juli zahle der im Haus tätige Physiotherapeut seine monatliche Miete von 1300 Euro nicht mehr wie zuvor an die Feelgood Fitness, sondern direkt an Sancar. Daher habe sie die Dezember-Miete nicht mehr überwiesen, da sie ja ohnehin zum Monatsende hätte gehen müssen. Was die Umlagen anbelangt, habe sie Sancar aufgefordert, ihr abzugsfähige Rechnungen zu schicken. Sie habe aber von ihm lediglich eine Aufstellung der Kosten erhalten, die sie steuerlich nicht hätte absetzen können.

Olga Bischof wirft ihrerseits Sancar vor, ihre Kundendaten kopiert zu haben. Und schließlich sei die einstweilige Verfügung, die ihr das Betreten des Hauses verbietet, nicht wirksam, weil sich der Beschluss gegen die nicht als Mieterin fungierende Easy Fitness richte. Insofern fuhr die Feelgood-Geschäftsführerin gestern Nachmittag guter Hoffnung zum Landgericht Gießen, um ihrerseits per einstweiliger Verfügung zu erreichen, dass sie "wieder ins Gebäude darf und Sancar raus muss". Am Spätnachmittag teilte sie dann mit, dass das Gericht ihr Recht gegeben habe, sie ins Gebäude dürfe und Sancar dieses verlassen müsse. Sie habe den Gerichtsvollzieher dabei. Allerdings hätten Sancar und seine Leute mit Hämmern und Stöcken sie und ihre Angestellten am Betreten des Gebäudes gehindert; die Polizei sei daher erneut gerufen worden.

Ein neuerliches Verwirrspiel also, bei dem die wahren Verlierer schon feststehen: die seitherigen Kunden des Fitness-Studios, die nun erst einmal "heimatlos" geworden sind und dort nicht mehr trainieren können.


 

Schon entkernt: einer der Duschräume.